Diesseits und Jenseits

Donnerstag, 220728

Vater kommt nicht an, in seinem neuen Zuhause. Tief traurig hängt er wie schon so oft längst vergangenen Zeiten nach. Ein Mensch, der immer schon nur seine Vitalität hatte und seinem Geist kaum Beachtung schenkte. Sterben möchte er, sagt er. Ich nicke stumm und begrenze meine Zeit mit ihm. Was soll ich ihm auch sagen? Damit er mich und andere auch nur ansatzweise versteht, muss man ganz dicht an sein Ohr und dann hinein brüllen, dann gehts. Was vom Gehörten dann wirklich bei ihm ankommt, ist wieder eine ander Sache. Außerem habe ich keine Lust, die Station mit meinen Vorstellungen vom Jenseits zu unterhalten.

Habe ich Vorstellungen vom Jenseits? Nein, habe ich nicht. Es ist so ein diffuses Gefühl, wieder heimgehen zu dürfen, bevor die nächst Runde beginnen muss. Dort, wo wir herkommen und wieder hin dürfen, das ist nur eine Art Ruheraum, zum resetten, zum Loslassen, so es denn nicht schon auf Erden stattfand und scheinbaren Vergessen der letzten Existenz. Scheinbar deshalb, weil ich an ein tieferes Wissen glaube, das losgelöst ist von Geschlecht, Rollen, die wir spielten, Verwandtschaftsgrade, sozialem Stand. Ein Vorgang, der unterschiedlich lang dauern kann, in meiner Vorstellung, je nachdem. wie sehr wir unserm letzten Dasein noch verhaftet sind. Wiederkommen müssen wir, weiter lernen, in so einem immer noch erbärmlichen Zustand kann die Menschheit nicht verbleiben. Aber zuvor dürfen wir ausruhen und irgendwie freue ich mich darauf.

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Buch zum Thema.

Gestern war ich bei ihm. Gut auschauen tat er, sie machen ihn so langsam zurecht, dort. Irgend jemand hat ihn ordentlich rasiert, das wollte ich übernehmen, hat sich erst mal erledigt. Vater wunderte sich, er wusste genau, dass ich Donnerstag gesagt habe. Hab ich vorgeschoben, sage ich, wegen deiner Medikamente. Was er dagegen nicht mehr wusste, war, dass ich verheiratet bin, sogar zum zweiten Mal. Ich muss grinsen und zeige ihm ein Bild seiner Schwiegertochter Nr 2. Nein, ich wohne nicht bei Mutter, sage ich lächelnd. Das fehlte noch. So langsam lerne ich das Wesen einer Demenz kennen …

Warum zog ich den Besuch bei Vater einen Tag vor? Verwaltungskram und deutsches Recht. Am Freitag wurde er aufgenommen, auf Wunsch der Einrichtung brachte ich alle alten noch vorhandenen Medikamente mit. Es gäbe einen potentiellen neuen Hausarzt, sagten sie. OK, dachte ich, läuft. Hoffentlich haben alle das Wochenende auf dem Schirm, weil jede Klinik nur für 3 Tage Medis mit gibt, so auch Vaters letzter Aufenthalt, die Psychiartrie.

Montag, halb vier am Nachmittag dann ein Anruf von Station, Vater hätte keine Medikamente mehr. Ich solle mich kümmern. ?!? Dazu hätte ich erst testen, dann nach Barmen fahren müssen, Versichertenkarte und aktuelle Verordnung abholen müssen, um dann schnellstmöglich den alten Hausarzt, oder besser dessen Urlaubsvertretung aufsuchen müssen, Rezept ausfertigen lassen, Apotheke fahren, Zeug abholen und wieder ins Heim zurück. Das alles hätte mich einen weiteren freien Tag gekostet, mindestens. Ich erinnere die Kollegin an die Verantwortung ihres Hauses und schreibe Dienstag früh ein Fax an die Geschäftsführung.

Gestern dann, bevor ich Vater sah, erst mal zur Pflegedienstleitung, nachfragen. Man entschuldigt sich wortreich, man hätte nun den vorgesehen neuen Arzt erreichen können, der nach einigem hin und her nun Vater aufgenommen hätte, Verordnung wäre da, samt aktueller Medikamente. Der Neue möchte schnellstmöglich herkommen. Gut, sage ich, hat Eile, das Wasser steigt. Etwas, was ich nicht verstehe, weil ausgerechnet von den Entwässerungspillen noch reichlich da ist. Auf Station dann zur diensthabenden Kollegin, dem Slang nach dieselbe, die mich Montag anrief. Warum Vater soviel Wasser hat, will ich wissen. Irgendwie wird drumherum geredet oder ich verstehe in meiner Aufgebrachtheit etwas nicht, jedenfalls biete ich der Dame an, sie persönlich haftbar zu machen, wenn der Alte absäuft. Originalton, so ist das, wenn man keine Zeit zum denken hat, bevor man spricht. Woraufhin mir die Kollegin die Verordnung der Psychiartrie zeigt, liest mir jedes einzelne Medikament vor und wofür es ist. Die Entwässerungspillen haben sie schlicht vergessen, das ist es, und ohne Verordnung dürfen sie nicht verabreichen, Wasserstand hin oder her. Mittlerweile wuselt Vater um uns herum, in seinem Rolli und meckert über den Stromausfall letzte Nacht. Mein Ton wird augenblicklich umgänglicher und nach einer Weile bringe ich sogar so etwas wie eine Entschuldigung zustande. Sobald der neue Arzt kommt, wird er schauen und verordnen, dann kann gegeben werden. Einfach reinwerfen ist nicht, auch wenn die alte Dosierung bekannt ist.

Irdische Probleme. Eine meiner Lernaufgaben ist offensichtlich, schneller denken als reden zu lernen. Das ist übrigens das Geile am schreiben. Hier hat es Zeit. Und eine Return-Taste für manchen wieder besseren Wissens geschriebenen Unfug.

Donnerstag, 220616

Eigentlich wollte ich über so Banalitäten schreiben. Meine Blutspende gestern. Die Schlägerei auf der Gathe auf dem Weg dorthin, die ich mit dem Rad umfahren habe. Die Erkenntnis, dass dieses alte Rad nicht mehr zu mir passt. Über komische Radiobeiträge der Katholen zum Feiertag heute.

Und dann schaue ich das Filmchen weiter unten und vergesse irgendwie alles andere. Berührt mich tief im innersten, geht es doch um nichts weniger als irgendwo dazugehören, zuhause sein, seinesgleichen finden. Trauer leben, Hoffnung finden, Allein sein, All-eins sein, fliegen lernen.

I can`t change?
Ein Film über einen komischen Vogel ❤
Danke dafür, liebe Springerin.

Freitag, 220325

Als junger Mann dachte ich, ich sei Pazifist. Hatte so nen Aufkleber auf meinem Schrott-Käfer: Ein Dinosaurier, daneben stand „Ausgestorben. Zu viel Panzer, zu wenig Hirn„. Mit sehr vielen anderen Menschen war ich Anfang der Achziger im Bonner Hofgarten, demonstrierte gegen die Stationierung neuer Waffensysteme im Westen. Hörte gebannt Heinrich Böll sprechen, den ich bis heute verehre.

Jetzt ist einiges anders. Ich weiß, ich bin kein Pazifist, heute kenne ich meine Wut, mein Aggressionspotential, das sich früher in der Hauptsache gegen mich selbst gerichtet hat. Wut, mit der ich heute in der Regel zurecht komme. Ein wildes Tier, nicht eingesperrt, aber an der Leine, mit Maulkorb, auf dem steht:

Du sollst nicht töten

So ist geblieben die Ablehnung von blinder, sinnfreier Zerstörung und unermesslichen Leid. Was Kriege anrichten, treibt mir das innerste nach außen, der ganze vererbte Scheißdreck ist wieder zu spüren. Und doch geht es mir ähnlich wie Croco, auch ich hätte nie gedacht, es mal zu begrüßen, wenn Armeen an den Grenzen der „westlichen“ Länder verstärkt werden.

*

Sonst so? Ein gewaltiges altes Lied, das mir verstohlene Tränen in die Augenwinkel treibt. Danke fürs teilen, Springerin.

Some day soon
the tide will turn
and I’ll be free



~

Samstag, 220122

Bei dem Datum gibt es wenigstens eine kleinen Eintrag, auch wenn es nichts großartiges zu berichten gibt. Früher, vielleicht vor 30, 40 Jahren, da wurde mir schnell langweilig und es fanden sich Wege in den nächsten Exzess, Ekstase, Drama. Hauptsache, die Leere und die Traurigkeit nicht spüren. Später ließen sie sich nicht mehr bescheißen, die beiden letztgenannten, und forderten einfach nur Sedierung.

Heute, 220122 – ❤ – da sieht das Gott sei Dank anders aus. Auf Großartigkeiten kann ich dankend verzichten, auf Dramen erst recht. Ekstase – wird ab einem gewissen Lebensalter so nicht mehr serviert, auch das älter werdende Herz mag das nicht mehr. Ruhiger und tiefer wird es allmählich und selbst scheinbar ereignislose Regentage können der Seele Balsam sein. Scheinbar, weil irgend etwas geschieht ja immer, wenn auch im stillen.

Ansprechbar bleibe ich dennoch, auch im leicht geläuterten Lebensalter, für die etwas lauteren Töne. Die hier mag ich sehr, ein Fundstück aus den Staaten beim graben nach dem heimlichen König aller (Blas-)Instrumente, dem Saxophon.

Tuten & blasen? Können sie!

Den Takt nehme ich jetzt mit …

So Tage

Grundgereiztheit – so ist die Stimmung an der Oberfläche. Weil mich wie viele andere dieses gesellschaftliche Beschnitten-Sein nervt. Weil ich Einkaufen schon immer ätzend fand und nun erst mal so richtig. Weil manche Menschen meine Lebenszeit als persönliche Verfügungsmasse ansehen. Weil sich die Winterräder am Auto nicht lösen ließen. Das erste Mal im vergangenen Herbst die Räder aus Bequemlichkeit wechseln lassen und promt haben die Akteure vergessen, Kupferpaste oder ähnliches zur Verhinderung von Kontaktkorrosion zu benutzen. Jetzt muss ich in die Werkstatt, die Dinger auf der Bühne loskloppen lassen.

Wenn man nicht alles selber macht. So ein alter Glaubensgrundsatz, den ich natürlich (?) immer wieder bestätigt bekomme. Offensichtlich gibt es da noch etwas zu tun, für mich. Wenn sich mein Ärger legt, sehe ich wieder die Wahrheit hinter meinen persönliche, Ego-Wahrheiten. Weil ich mich gerne über meine verkackten Winterräder aufrege, das ist besser zu ertragen als die Trauer über den Zustand meines Vaters.

So. Zeit, mir mal klar zu machen, wie gut ich es eigentlich habe. Ich fühle mich wohl, daheim. Das ist nicht selbstverständlich und Grund zur Dankbarkeit. Dann hat es hier ausgesprochen liebenswürdige Mitbewohner, also meistens jedenfalls. Mit und ohne Fell. Das Fell-Baby schaute sich heute morgen sehr interessiert den gesegneten Zweig an, den ich am Lampenkabel unter der Decke gehangen habe. Potentiell außerhalb ihrer Reichweite, aber man weiß ja nie. So nahm ich sie mir erst einmal auf dem Arm und setzte sie in die Wanne, in der ich gerade eben ein Prachtexemplar von Silberfisch entdeckt habe. Eiweiß-Spielzeug zum vernaschen für die Kleine, das liebt sie sehr.

Und wir sie …

 

Der frühe Vogel

Den höre ich gerade, mit Sommerzeit hat der nichts zu tun, im Gegensatz zu mir, mit meinem dumpfen Druck im Schädel, als Zeichen der Umgewöhnung.  Nur ab und an wird der gefiederte Sänger da draußen von einem Auto gestört, irgendwie ist jetzt jeden Tag mindestens Samstag auf der Straße.

Und so sitze ich, lasse Gedanken strömen. Eltern, Kind, Frau, Arbeit, Freunde – alles bunt gemischt und durcheinander. Beherrschend ist derzeit die tiefe Bewegtheit über den Zustand meines Vaters. Bei alledem geht das so genannte Tagesgeschäft weiter, wie lange man mich noch werkeln lässt, ist unsicher, wie so vieles in diesen Zeiten. Irgendwie gewöhne ich mich daran, „auf Sicht“ zu leben, zumal sich dieser Zustand, auch wenn er mir nicht sonderlich gefällt, doch mit meiner Grundüberzeugung deckt, dass die stete Veränderung die einzige Konstante im Leben ist. Zeit, all dies aus mir heraus fließen zu lassen, bei meinen morgendlichen Ritualen. Allein bin ich dabei auch nicht, der Große liegt da, wo er immer liegt und Baby liegt unter mir und kuschelt während den Übungen.  Na dann.

Alter Bekannter

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Da ist er wieder, ich habe ihn eine Weile nicht gesehen. Bei jedem Besuch hinterlässt er seine Spuren, verbunden mit dem Versprechen, bald wiederzukommen. Irgendwann kommt er nicht nur zu Besuch, sondern nimmt uns auch gleich mit, in sein Reich.

Der Tod.

Dieses Mal nahm er einen nahen Verwandten der Liebsten mit, auf diese unbekannte Reise. Auch er kann nun schauen und vielleicht mit all jenen reden, die ihm voraus gegangen sind. Uns, die wir noch ein Weilchen hier bleiben dürfen oder müssen, je nach Sichtweise, mahnt der ungebetene Besucher stets, unser Leben, oder besser, das, was davon übrig ist, zu füllen. Aus der täglichen Fristverlängerung das Beste zu machen.

Mit Menschlichkeit, Wärme, Achtsamkeit – und Liebe.

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