Freitag, 210122

Teams und so.

Seit einiger Zeit arbeiten wir mit Teams, Videotelefonie und sich-gegenseitig-auf-dem-Schirm-gucken-lassen. Da gibt es die Möglichkeit, ein Profilbild zu laden, welches dann auch im Outlook zu sehen ist. Die meisten Kollegen haben davon keinen Gebrauch gemacht, außer ein paar Exponierte. Schade eigentlich, denke ich, und beweise Mut zur Hässlichkeit, indem ich ein Bild von mir hochlade, schön mit Bandana um die Birne, wegen der Kühlwasserspritzer. Axl Rose für Arme. Aber immerhin ein Bild, sogar nicht gänzlich unsympathisch.

Mittagspause. Wir hocken zusammen, mein arabischer Kollege und ich. Guck mal, sage ich, Profilbild. Der guckt, grinst und sagt: Hier, isch geb`dir Profilbild! Sitzt mittig vor dem Schirm samt Cam, Füße auf dem Tisch. Man sieht erst mal nur die dreckigen Sicherheitsschuhe im Vordergrund, die Bildmitte wird dominiert von dem beeindruckend großen und in der engen Hose detailgetreu abgebildeten Gemächt und irgendwo am Horizont erscheint das frech grinsende, unrasierte Gesicht mit verschränken Armen hinter dem Kopf.

Alter, sage ich, während wir uns vor lachen kaum halten können, geh`Außendienst! Mit dem Bild stehen dir alle Türen offen…

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Donnerstag, 210121

Furchtbar

Das ist alles furchtbar, sagt ihr Nachbar am Döner-Stand, der seine Brottasche in Arbeit hat. Furchtbar … grantelt es Döner-mümmelnd, während er sich langsam auf dem Weg macht.

Was is` furchtbar, sagt leise der Döner-Mann zu ihr, ein Araber mittleren Alters. Dieses Volk kennt keine Krisen. Alle haben genug Essen, Wasser, Zuhause, warm, Internet…was ist furchtbar?? Er weiß nicht, was furchtbar ist… So ist es, sagt sie, die Frau mit den dunklen lockigen Haaren und den fast schwarzen Augen und nickt zustimmend, während sie zahlt und sich bedankt.

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Sonst so? Es war eine etwas unruhige Nacht mit sehr wenig Schlaf, der Wind spielte lautstark mit den Rolladen. Der Kopf ist schwer, aber es geht mir gut, siehe oben. Wenn etwas fehlt, dann sind es Umarmungen. Und Begegnungen mit der Familie. Die sind selten geworden. Das ist, sagen wir mal, bedauerlich, aber nicht furchtbar. Für mich. Danach kommt lange Zeit nichts mehr, was fehlt. Ganz weit dahinten – da fehlen Kino, Restaurants, Gruppen. Ab und zu mal unter Menschen ist sogar für mich angenehm. Manchmal. Was überhaupt mal gar nicht fehlt, ist shoppen und reisen.

Hinter bedauerlich kommt unangenehm. Das betrifft mich Gott sei Dank schon nicht mehr. Andere schon, so gesehen gestern in der „Lokalzeit“ des WDR. Familien im Lockdown, alle zuhause. Der gezeigte Fall hatte noch das Glück, zu fünft ein mehrgeschossiges Eigenheim zu bewohnen, wo Mensch sich zumindest ein wenig aus dem Weg gehen konnte. Können andere nicht, in ihren Mietwohnungen. Unangenehm und nervig, aber lange noch nicht furchtbar. Die Wahl der Worte …

Und – als Mensch, dessen erste Lebenshälfte aus einer Kette von privaten Krisen bestand, ist mir das Prinzip dahinter jedenfalls vertraut. Hätte ich auch nicht gedacht, dass mir das mal zum Vorteil gereicht.

 

 

 

 

Dienstag, 210119

Traumzeit

Er fährt eine ihm unbekannte Straße entlang, mit seinem Begleiter auf dem Beifahrersitz. Linker Hand erblickt er etwas, was er nicht glauben kann. Auf einer riesigen Fläche liegt ein umgestürzter Dom, eine geschliffene Kathedrale, 90 Grad gedreht auf ihrem Seitenschiff. Alter, verwitterter Sandstein, zugemauerte Fensternischen. Während er seinen Augen nicht traut, denkt er, dass selbst die Herren der 12 Jahre so etwas nicht fertig bekommen haben. Oder doch? 

Er hält an, steigt aus, gefolgt von seinem Begleiter, der sich diskret im Hintergrund hält. Es gibt keinen ursprünglichen Eingang mehr, nach einigen Suchen entdeckt er so eine Art Baustellen-Tür, ein Provisorium, das irgendwer angelegt haben könnte, der was auch immer darin zu tun hatte. Die Tür lässt sich öffnen, die beiden betreten eine Art Keller-Verschlag. Finster ist es, vom diffusen Licht der Straße mal abgesehen. Plötzlich hört er ein Geräusch, das ihm das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ein wildes Tier, nicht weit entfernt, irgendwo nebenan, wo immer das auch ist. Von seinem Begleiter ist nichts mehr zu sehen. 

In einer Nische findet sich ein loses Brett, das sich leicht entfernen lässt. Wie aus dem Nichts hält er ein scharf geschliffenes Hackmesser in der Hand, kriecht durch die entstandene Lücke, findet sich in dem ehemaligen Kirchenschiff wieder. Bänke, merkwürdiger Weise aus Stein, ebenso verwittert wie das ganze Gemäuer, stehen rechtwinklig zu ihrer ursprünglichen Lage, ein bizarres Bild. Auf einem Mauervorsprung liegt ein altes Buch, er schlägt es auf. Alle Seiten sind fast vollständig geschwärzt, die wenigen erhaltenen Zeilen in Frakturschrift sind unleserlich verwittert. Ungläubig fährt er mit den Fingern über die geschwärzten Bereiche, spürt den Kohle-artigen Farbabrieb auf seiner Haut, während in der Finsternis, diesmal aber bedrohlich nahe, der Hüter der Stätte zu vernehmen ist, mit einem Schrei, nicht von dieser Welt. 

Ihm bleibt nur die schnelle Flucht, zusammen mit dem Vertrauen in das scharfe Messer, welches er Gott sei Dank nicht braucht. 

3.15 Uhr. Selten war die Freude über diese frühe Stunde vergleichbar groß …

Sonntag, 210117

Schnee im Tal der Wupper, das ist seltener Besuch hier. Auf den Höhenzügen rundherum ist er schon mal eher zu sehen, die gehen bis 350 Meter hinauf. Der Schneepflug allerdings hat die Idylle schon früh am Morgen beiseite geschoben. So gibt es kein Bild, sei`s drum.

Sonst so? Über das Wetter zu schreiben, ist ein Zeichen von geistiger Leere. Das ist gut für`s Gemüt, wenn mal keiner zuhause ist, da oben, aber eher weniger gut für`s schreiben. Obwohl – wie man sieht, schafft es auch das beinahe-Nichts, Zeilen zu füllen. Ich sollte das perfektionieren und Redenschreiber werden, für sonst wen Hochgestellten. (Was für ein Wort…) Gott sei Dank sind sie nicht alle so, die Menschen öffentlicher Wahrnehmung, Politiker vorneweg. Den meisten unterstelle ich schon eine gewisse Ernsthaftigkeit, zumindest, wenn sie nicht gerade mit Macht-Politik beschäftigt sind.

So, wenn schon mit leerem Kopf, dann wenigstens nicht mit leerem Magen. Auch nicht so ganz ohne Musik …

I serve my head up on a plate…

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Samstag, 210116

Keine besonderen Erkenntnisse diese Woche, von den üblichen Herausforderungen mal abgesehen.

  • Jeder Tag hat nur 24 Stunden.
  • Die Nacht hat grundsätzlich zu wenig Stunden
  • Muskeln und Sehnen mögen keine Kälte und im fortgeschrittenem Alter auch keine größere Mengen Stahl.
  • Die drei Löcher in meinem Unterarm haben fast identischen Abstand, sie zeugen vom ausgelassenen Spiel mit einer jugendlichen Katzendame.
  • Es ist für mich jedes Mal ein Wunder, zu sehen, wie schnell kleine Wunden sich schließen, Blut gerinnen kann und Wunden heilen können.

Sonst so? Abstand halten ist Kacke, jedenfalls, was das große Kind angeht, das ob zahlreicher beruflicher Kontakte Skrupel zeigt, seinen Geburtstag familiär zu begehen. Ehrt ihn und betrübt mich. Ihn vermutlich auch. Es sind Scheiß-Zeiten, und um so mehr möchte ich diejenigen Köln sehen lassen, die immer noch so tun, als ginge sie das alles nichts an, die fröhlich ihr Ding wie gewohnt durchziehen, sich natürlich auch nicht impfen lassen wollen und ihren geistigen Dünnschiss ihre Realitäts- und Wissenschafts-feindliche Haltung auch noch lauthals verbreiten (dürfen).

Stichwort verbreiten – Twitter zieht Trump den Stecker, ein echter Beitrag zum Weltfrieden, wie ich finde. Ob hinter diesem längst überfälligen Entschluss Einsicht steckt oder die schiere Angst vor massiven Eingriffen von außen – schwer zu sagen. Bleibt jedenfalls spannend, was gerade in den Staaten geschieht.

In dem Sinne:

We look hard to see for real …

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Mittwoch, 210106

Das Ende der so genannten Rauh-Nächte – sie schenkten mir eine Menge Träume, die mir wieder einmal zeigten, wo es noch etwas zu tun gibt, in mir. Und – beschenkten mich mit dem heutigen ersten Arbeitstag im neuen Jahr. Wie das so schmeckt, mag sich ein jeder selbst vorstellen – jedenfalls läuft alles noch, in alter Frische. Kein Grund zur Klage, ich habe trocken, warm und prinzipiell auch die Zeit, die ich brauche. Wären nicht die 85 Dezibel Dauerbeschallung, ich wäre stumm vor Glück und nicht, weil mich eh keiner hören kann.

Sonst so? Es gibt ein neues Wort in meinem Leben: Aplomb, im Sinne von aufrecht, gerade oder auch mit Nachdruck. Gefunden in dem Roman von Hellmut Krausser, Einsamkeit und Sex und Mitleid, den ich mir besorgt habe, nachdem ich neulich auf einen alten Blogeintrag von mir gestoßen bin (die Klickzahlen machten mich stutzig, offenbar ein ansprechender Titel). Das Buch ist wesentlich umfangreicher als der Film, feinste, kräftige, das Herz berührende Prosa. Sehr zu empfehlen!

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Man muss ja mal was anderes sehen… — von John-Boy und Elisabeth

Genau dieser Satz kommt immer in den Nachrichten, wenn es mal wieder 25 km Stau gibt, damit man im Harz rodeln kann. Man lässt die Kinder nicht oberhalb einer Landstraße rodeln. So was bescheuertes habe ich mein Lebtag nicht gesehen. Erst in diesem Jahr zwischen Auerhahn und Clausthal-Zellerfeld. Wie doof sind denn die Eltern? Mögen […]

Man muss ja mal was anderes sehen… — von John-Boy und Elisabeth

Ganz meiner Meinung…

Sonntag, 210103

Ein paar Stunden Licht, Luft und gute Gespräche. Die Wupper-Berge, eine Gegend, in der ich zumindest teilweise aufgewachsen bin. Erinnerungen werden wach, an Tage vor langer Zeit. Wir waren 12,13, oder 14, sind mit dem frühen Licht hinaus, Brotbeutel und Hund dabei. Mit dem ersten Dämmerlicht ging es zurück, den Kopf voll mit Magie und Geschichten, beides wartet dort hinter jeden Fels im Wald, in jedem Wasser, das sich seinen Weg den Hang hinunter sucht, ebenso in den Fluten der Wupper, die hier noch ihre beinahe ursprüngliche Form hat, an ihrem Oberlauf. Die Jahreszeit gibt nicht viel Farbe her, aber ich mag auch die Farben des Januar.

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