Freitag, der 13te – 220513

Sehr müde, aber guter Dinge, wenn auch nicht weil, sondern eher trotzdem. Guter Dinge ist gute Laune light, also die altersgemäß gesetzte Form der guten Laune. Soweit die Definition – gesetzt beinhaltet aber durchaus Augenfalten-gekränzte Lachanfälle, irgendwo müssen die gewaltigen Krähenfüße ja herkommen, als stilistische Ergänzung zu den Tränensäcken.

Wohlan, Millieu-Studie.

Wir müssen aufräumen, irgend ein wichtiges Audit steht an. Wir – das sind mein arabischer Lieblings-Kollege und ich – Last Man standing sozusagen. Und so werden Schränke abgerückt, Fensterbänke, die seit langen Jahren keines Blickes mehr gewürdigt wurden, von komischen Sachen befreit und via Druckluft entstaubt (ich weiß, das geht auch feiner, aber nicht unbedingt schneller). Ecken werden sichtbar, von denen wir nicht mehr wussten, dass es sie gibt und Dinge tauchen auf, die mindesten, wenn nicht noch länger keiner mehr vermisst hat

So etwas hier zum Beispiel.

Wir stehen staunend umher ob der gesegneten Qualität des Objektes, im Vergleich mit dem Alu – und Plastikgelumpe der Gegenwart. Das Ding taugt sogar zum Eis hacken, meine ich. Der Kollege ergänzt, Scheitel ziehen ginge auch gut, wenn nur erst einmal ein Besenstil in dem passenden Format gefunden sei. Ein MUFU-Werkzeug gewissermaßen, Multi-funktionell eben.

Dann stehen weitere Veränderungen an, wir sollen geheim werden, falls mal die Russen kommen. Oder sonst wer. Zugangsberechtigungen sollen verteilt werden, damit Kleti und Pleti sich gefälligst demnächst anmeldet und nicht mehr einfach so herein schneit. Wir wären zwar nicht machtlos, siehe frisch entdecktes MUFU-Werkzeug, aber es soll ja alles seine Ordnung haben. Und so überlegen wir passende Beschilderung der Türen (es hat historisch gewachsen mehrere) Vor meiner Tür soll „Hier kein Zutritt„. Aha, sage ich, dann kommt bei dir „Hier auch nicht“ hin und Ruhe ist. Ideal wären gechipte Türen, jede Freigänger-Katze hat so etwas, aber was das wieder kostet. Wir werden sehen, vorerst ist Wochenende und die Scheiß-Pause ist auch wieder vorbei. Letze Runde mit beiden Händen …

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Donnerstag, 220407

Das Leben ist ernst genug und das allermeiste, was derzeit so geschieht, unterliegt eh nicht meinem Einfluss. Also mal kurz zurücklehnen …

Milieu-Studie

Unsere Werkstatt hat eine Gemeinschaftstoilette. Eher spartanisch ausgestattet und immer noch Erstinstallation, bis auf Sitze und Schüsseln. Proleten brauchen kein ansprechendes Ambiente, und auch sonst – es ist eng zwischen den oben wie unten offenen Stahlwänden, verziert mit zahllosen größeren und kleineren Kunstwerken. Müßig zu erwähnen, dass ich diesen Ort nicht sonderlich schätze und meine Verweildauer auf das erforderliche Minimum beschränke, was ja auch in der tiefen Absicht des Arbeitgebers liegt.

Ich erledige also unvermeidlich meine großen und kleinen Geschäfte, als ein Kollege oder wer auch immer die Lokalität betritt. Hektisch werden Türen geknallt, ebenso gnadenlos wird an einem Reiß(!)verschluss gerissen – rikk-rikk-rakk – Stoffgeraschel, mutmaßlich zwischen Hemd und Hose, all dies spricht von großer Nervösität, verbunden mit extremsten Wasserstand, wer kennt das nicht. Neu allerdings ist mir die leise, gepresste Stimme, begleitend zur Geräuschkulisse: Komm-raus-du-musst-bloß-pissen – bevor endlich der erlösende Wasserstrahl zu hören ist.

Das sind die wahren Menschheitsnöte, denkt es in mir. Und dass mein Schöpfer sich etwas dabei gedacht haben muss, mich tagtäglich hierher zu schicken. Sinn für Humor hat er offensichtlich, soviel ist sicher.

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Freitag, 220218

Fast Wochenende, die letzten Stunden mit Vorfreude auf das nachmittägliche Sofa, die milchtrittige, Füße massierende Jung-Katze inbegriffen. Apropo Katze – wir unterhalten uns, der arabische Lieblingskollege und ich. Die Menschen in seinem Dorf, irgendwo im Westjordanland, leben unter Willkür- und Gewaltherrschaft – darf man hierzulande historisch bedingt nicht laut sagen, darum tiefer gestellt. Hätte ich auch nicht erwähnt, aber dieser Fakt ist unerlässlich, um den folgenden Kontext zu verstehen. Ok, zurück zum Thema – es treibt seltsame Blüten, wie mir berichtet wurde. So hat ein Nachbar einen Kater, der kommt zum Futter und macht ansonsten, was er will, wie seinesgleichen eben so sind. Einen Namen hat er auch, der Nachbar ruft ihn am Morgen laut, während die Machthaber in gepanzerten Fahrzeugen vorbei fahren:

Hitler, Frühstück!

Ja, und während ich das hier schreibe, überlege ich, ob man über so etwas herzhaft lachen darf, so wie wir beide heute Morgen. Ob man überhaupt über den mutmaßlich größten Menschheitsverbrecher Witze reißen darf. Da ich kein Moralist bin, überlasse ich die Beantwortung lieber anderen. Eher bin ich Fatalist, das ist so eine Art Erbgut mütterlicherseits. Da wurde schierer Horror in lustige Lieder vertont und fröhlich 20 Jahre später noch in der Küche gesummt. Und so denke ich, lieber schräger Humor als Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten – und/oder daran zu zerbrechen.

Er zog von Stadt zu Stadt, mit seinem weißen Pferd ….

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Dienstag, 211116

Achtung, Polarisierung & Satire.

Ich werde mich bessern, versprochen. Spätestens ab morgen bin ich tolerant und werde ausnahmlos jedes Recht meiner Mitmenschen, selbstverständlich auch das Recht auf Dummheit, tolerien. Nie wieder Diskurse, nie wieder konträre Diskussionen, nie wieder fruchtlose Versuche, irgend jemanden von irgend etwas überzeugen zu wollen. Ich lasse alle Menschen genau so, wie sie sind und gebe ihnen recht, auch wenn sie nicht die hellsten, so doch wenigsten die lustigsten sind.

Ab morgen, versprochen.

Freitag, 210903

Mensch hat mal kluge Gedanken, siehe heute Morgen, mal weniger kluge, wie heute am Nachmittag. Mal sehen, ob sich geballter Unfug in Textform bringen lässt.

Kollegiale Verabschiedung

Es ist eine Art Sitte, für die einen eine schöne, für andere, mich selbst eingeschlossen, eher eine Unsitte, Kollegen, die das Haus verlassen, irgend etwas mitzugeben. Das reicht von schnöden Geldgeschenken (echt super für Menschen, die damit eh schon reich gesegnet sind) hin zu personalisierten Erinnerungsstücken, also irgend etwas Metallisches, an dessen Entwicklung und/oder Fertigung der oder die Betroffene in einer unnachahmlichen Weise beteiligt war. Zu dem Zweck wird das Objekt des Schaffens auf eine Art Sockel aus Bunt- oder Leichtmetall befestigt und via Gravur mit mehr oder weniger geistreichen Text versehen. Zu den herausragenden Geschmacklosigkeiten in dem Kontext gehört eine goldfarbene Lackierung des Objektes, soll das doch die Wertschöpfung signalisieren. Oder so. Am Ende entsteht so vergoldeter Kernschrott, der nach einer kurzen Weile des allgemeinen Bestaunens auf dem heimischen Schreibtisch mutmaßlich schnell den Weg in die Abstellkammer oder in den Keller findet.

Warum also ist dies für mich also eher eine Unsitte? Nun ja, die mehr oder weniger geistreichen Gravuren landen dann bei mir, zur gefälligen Abarbeitung. Was oft genug meinen „Flow“ stört, aber doch angegangen wird, man möchte niemanden zumuten, sich mit schnöden Schlagzahlen und -Buchstaben austoben zu müssen, mit optisch zweifelhaften Arbeitsergebnis. Zum anderen lässt die Ausgestaltung der Gravuren Spielraum für mehr oder weniger geistreiche Editionen, das Leben ist schließlich ernst genug.

Rückblick: Vor ein paar Tagen gab es ein „Vorgespräch“ mit dem Kollegen des Kollegen, also dem Zurückgelassenen, wenn man so möchte. Der mokierte sich über den unpersönlichen Kernschrott, könnte doch irgendwie mehr eine zwischenmenschliche Note bekommen. Natürlich fängt es bei mir dann an zu arbeiten, im Kopf. Das wurde heute mit meinem arabischen Kollegen besprochen, der die Vorarbeit geleistet hatte, der Abschieds-Metallklumpen wartete also nur noch auf eben eine Gravur. Tja, was könnte man da schreiben? In Liebe und in Dankbarkeit klingt ein wenig arg nach letztem Geleit, wurde also verworfen. Auch ein anderer hübscher Vorschlag fand am Ende keine Gnade, der Kollege meinte, die fehlende persönliche Note könne man durchaus noch hinzufügen, in Form seiner Vorhaut, die er neulich in irgend einer Schublade beim aufräumen gefunden zu haben glaubte. Ja toll, sage ich, wir haben noch Plexiglas, lass uns eine Monstranz mit deiner Pelle bauen, persönlicher geht es kaum. Was den Heiligen recht ist, kann uns nur billig sein. Ein Vorschlag kreativer Heiterkeit, der aber aus Pietätsgründen wieder verworfen wurde. Veganismus und so, man weiß ja nie.

Was bleibt, ist der übliche Schmuh mit Namensnennung und korrekter Datierung, versehen mit dem Minimal-Zusatz „In tiefer Dankbarkeit“. Und einer Grinsekatze, diskret, aber deutlich sichtbar mit eingebracht, zum Zeichen, dass ich ihm gedacht. Wem also in absehbarer Zeit mal ein Metallklotz mit Grinsekatz vor die Füße fällt, kennt nun schonmal die Legende dazu.

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Donnerstag, 210708

Gendern.

Es wird sich gestritten und empört, auf Seiten derer, die auf den verbalen Unterscheidungen bestehen und jene, die alles so lassen wollen, wie es ist. So einer bin ich übrigens auch, nicht, weil ich etwas gegen Gleichberechtigung habe, sondern weil mich der verhunzte Lesefluss stört.

Nun bin ich ein eher Lösungs-orientierter Mensch und habe nachgedacht. Im Tal der Wupper gibt es eine wunderbare Regelung, was den alljährlichen Karnevalszug angeht. Ja genau, der Rosensonntagszug, der, bei dem, wenn man vorne das erste Funkenmariechen bestaunt, hinten schon die Jungs von der Müllabfuhr sehen kann. Unser sehr überschaubarer Karnevalszug also, der alljährlich, sofern gerade kein Krieg oder Corona, zu sehen ist.

Bevor ich jetzt komplett vom Thema abkomme – was hat der Wuppertaler Karnevalszug mit dem Gendern der 20er Jahre unseres Jahrhunderts zu tun? Er bietet einen famosen Lösungsansatz. Dazu muss man sich die Entstehungsgeschichte der Stadt Wuppertal etwas genauer anschauen. Einst bestand das heutige Stadtgebiet aus den beiden ehemals selbstständigen Städten Elberfeld und Barmen sowie das Drumherum auf den Höhenzügen und so, Details würden Auswärtige nur langweilen. Nach der Gründung der Stadt Wuppertal anno 1929 gab es Streit. So ziemlich über alles, selbst der Name der Stadt war umstritten. Und natürlich der Karnevalszug der nun vereinten Stadt. Sollte er von Barmen nach Elberfeld ziehen oder andersherum und wie wäre die jeweilige Botschaft dann zu deuten? Irgendwer ist immer angepisst, also fand man die salomonische Regelung, in dem einen Jahr den Zug von Barmen nach Elberfeld ziehen zu lassen und im nächsten Jahr dann genau andersherum. Das funktioniert seit fast einhundert Jahren tadellos, zu allgemeiner Zufriedenheit, und das heißt etwas, im Tal der Wupper, das sonst eher dem bekannten kleinen gallischen Dorf ähnelt.

Also? Ein Jahr wird gemännert, dann dürfen sich in alter Frische die Frauen mit gemeint fühlen und im Jahr darauf wird gefraut, dann dürfen sich auch die Männer mitgenommen fühlen. So kommt keiner zu kurz und unsere Sprache hört sowie liest sich etwas weniger Scheiße, alles in allem.

Un nu – Unterschriftenliste, Petition, wer macht mit?

Mittwoch, 210623

85 db Dauerbeschallung, das ist irgendwo zwischen Hauptverkehrsstraße und Preßlufthammer, dank Hohlraumversiegelung via Otoplastik auf ein erträgliches Maß reduziert. Mensch ist dann für sich, mit gestopften Ohren. Bleiben noch die unvermeidlichen optischen und olfaktorischen Reize, bei den erfreulicherweise seltenen Begegnungen. Hohlraumversiegelt Scherze treiben geht auch: Freundliche Miene, den Besucher ein paar Sätze reden lassen, zustimmend nickend gestenreich die Hohlraumversiegelung entfernen und interessiert nachfragen, was des Gegenüber Begehr denn nun sei. War es von Belang, wird es wiederholt. Königsklasse: Disziplinarische Gespräche mit dem Vorgesetzten. Nein, ernsthaft, das würde ich natürlich nicht tun. Dann bleiben die Dinger drin …

Sonst so: Still ruht der See. Also abseits der Dauerbeschallung. Nachdenklichkeit angesichts der elterlichen Lebensumstände. Es macht etwas mit mir, der Situations-bedingt verstärkte Kontakt. Wer sagt eigentlich, dass am Ende alles gut wird? Überhaupt, definiere „gut“. Jemand meinte mal, gut sei nicht unbedingt schön, und vermeintlich schönes nicht zwangsläufig auch gut. Manchmal habe ich Lust, so Sprüche in irgend eine Kiste zu versenken, zunageln, ab in die Wupper. Gute Reise, klug geschissene Lebensweisheiten. Leben geht auch ganz gut (!) ohne Kalendersprüche, zumindest vorüber, der Zeit ist es wurscht, was ich von ihr halte. Kann ich auch gleich das werten, das urteilen einstellen, bei so viel Gleichgültigkeit. Hat auch für mich enorme Vorteile, die Dinge so zu nehmen, wie sie nun mal sind.

Konsequent dazu passend mein neues Gewand:

Mal sehen, ob der Alte recht behalten soll.

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Mittwoch, 210609

Frohe Kunde: ER ist wieder da, der Werkstatt-Kater. Zwei Wochen ward er nicht gesehen, wir haben uns um den Streuner schon Sorgen gemacht. Und dann stand er neulich am frühen Morgen wieder vor der Tür und forderte Futter, in alter Frische. Also beinahe in alter Frische, sein Schwanz hatte Länge und Haare gelassen. Prompt wurde der arme Chinese wieder verdächtigt, er hätte mal genascht. Allerdings wurde der Gedanke allgemein für absurd befunden, hätte der den bedauernswerten Kater, hungerleidend, wie er ausschaut, nach einhelliger Meinung doch eher am Stück zubereitet.

Wie auch immer, der Kater ist wieder da, wenn auch leicht lädiert und der Chinese verdient mehr Respekt, nicht nur mit Blick auf seine Ernährungsgewohnheiten. So sagen wir SIE zu ihm, weil das ist er net gwohnt.

Unsere Diva dagegen kommt so schnell nicht in Verlegenheit, größeres Unglück zu erleiden, so sie denn beim umherfläzen auf dem Boden gesehen wird. Allenfalls ist die Verlegenheit an mir, beizeiten nicht aufstehen zu können, wenn gnädige Frau anderer Meinung ist…

Aufstehen – ein gutes Stichwort und Übergang zum nächsten Thema. Haben doch einige mir mehr oder weniger gut bekannte Menschen derzeit gesundheitliche Herausforderungen zu meistern. Neben allen erdenklich guten Wünschen fällt mir dazu ein Liedchen ein, das mich neulich gefunden hat.

Speziell für S. —

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Donnerstag, 210415

Neues aus der losen Folge „35 Jahre Halle 1″

Früher war nicht nur mehr Lametta, früher war auch vieles lustiger. Gefühlt zumindest, das mag mit manch jugendlicher Unbeschwertheit zu tun gehabt haben. Oder mit der dem Lebensalter eigenen Respektlosigkeit. So hatte es hier früher einen richtigen Meister, wie das früher halt so war. Nur ohne grauen Kittel, aber sonst ganz und gar in Ordnung. Wir Youngsters staunten allerdings nicht schlecht über seinen exorbitanten Kaffee- und Kippenkonsum. Quell der braunen Brühe, die auf seinem Schreibtisch regelmäßig in den Automaten-Plastikbechern kalt wurde, war die Firma KLUX, ich glaube, die gibt es immer noch. Wir mutmaßten damals über die potentiellen Folgen des Meisters späteren Ablebens. So würde einst in 100 Jahren, nach Freigabe der Grabstätte, wenn alte Knochen gewissen Bauvorhaben weichen sollten, ein KLUX-Becher ausgegraben, Teil der damaligen Grabbeigabe. Gleich daneben würde sich finden ein kleiner verschrumpelter brauner Lederbeutel – der unverrottbare Magen des Meisters. Übertrieben? In gut 100 Jahren sind wir möglicherweise klüger.

Gegenwart: Draußen an der Presse arbeitet seit ein paar Tagen ein kleiner Chinese. Eigentlich nichts besonderes, aber wie das oft so ist, wenn zwei Ereignisse zusammen fallen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, macht man sich hier Gedanken über den Verbleib unseres geliebten Werkstattkaters, der zeitgleich seitdem nicht mehr gesehen wurde. Dualität der Ereignisse? Vorsichtsmaßnahme des Katers? Oder … ?! Wer weiß…

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