Mittwoch, 220309

Umkleideraum, vor gut einer Stunde. Es hat ein kleines Radio. in meinem Spind. Ich höre DLF, man fragt sich besorgt, welche Sicherheit es in Zeiten wie diesen noch so gibt. Mein Gott, denke ich, dermaßen deutsch, das. Der Tod gilt als sicher. Pläne kann man machen, bis dahin, weil, irgend eine Ausrichtung braucht es ja in der täglichen Fristverlängerung. Dagegen gilt es als nicht gesichertes Wissen, dass unsere Seelen unsterblich sind. Aber – wer schon nicht glauben kann, ist vielleicht argumentativ zu überzeugen. So ist m.E. ein Menschenleben definitiv viel zu kurz, um alle Blödheiten, derer ein Mensch fähig ist, nicht nur zu begehen, sondern sie auch als solche zu erkennen und gegebenenfalls sogar korrigierten zu können.

Sonst so?

Auf Facebook lese ich, die Schwebebahn stand mal wieder. Das kommt vor, zumal, wenn man versucht, aus einer eigentlich alltagstauglichen Museumsbahn ein digitales Wunderwerk zu zaubern. Beliebte Meldungen sind Weichenstörungen in den Endhaltepunkten, wo gewendet wird. So werden regelmäßig irgendwelche Sensoren von in der Halle nistenden Tauben tot geschissen. Den Tieren isses wurscht, den Fahrgästen nicht ganz so, verständlicherweise. Mich dauen die armen Menschen und ich haue einen launigen Vierzeiler raus, um sie zu erheitern. Mit Erfolg, es wird sich gefreut, was mich auch freut.

So, der Tag ruft mittlerweile so laut, da gilt auch schlechtes hören nicht mehr als Ausrede…

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Samstag, 220219

Das Radio plärrt, während ich im Bad Fassadenputz betreibe. Wenn mal gerade nicht vom drohenden Krieg die Rede ist – der US-Präsident redet ihn, so scheint es, mangels ernsthafter Verhandlungsbereitschaft gerade so lange herbei, bis er auch wirklich da ist – dagegen treten selbst Corona und die diesbezüglich Räder drehenden Mitbürger derzeit ein wenig zurück, wenn also mal von alledem gerade nichts durch den Äther tönt, dann finden die wirklich wichtigen Dinge Erwähnung.

So hat Falco heute Geburtstag, der für mich größte Sohn der Alpenrepublik. Er hätte nicht, und er würde auch nicht 65 Jahre alt, heute, er wird es, unvergessen, wie er ist. Ein kurzes und heftiges Leben, für mich unglaublich beeindruckend. Exzentrik, sagt man. Also wortwörtlich genommen außermittig laufend, das Gegenteil von konzentrisch eben – Kreise mit demselben Mittelpunkt. Ich denke an die Texte von Heinz Kappes, mit denen ich mich gerade beschäftige und interpretiere den einen Kreis mit dem des Egos, der Emotionen, den anderen mit dem wahren Wesenskern der Seele. Mit nicht-rund-laufen kenne ich mich aus, wenn auch nicht so bunt schillernd und prätentiös. Für mich eine Lebensaufgabe, die Kreise halbwegs übereinander zu bekommen.

Einmal mehr erinnert mich das eben gehörte an unsere Endlichkeit, so wie Stefans Beitrag neulich. Memento mori – Bedenke, du wirst sterben. Und bis dahin tue das richtige. Das für mich richtige. Rein praktisch sind das zunächst einmal die samstäglichen Aktivitäten wie Schränke füllen und Herkunftsfamilie besuchen. Gelegenheit zum üben, gelebter Abgleich, wo ich stehe, zwischen soll und haben.

Sonst so, @ unrund? Sag s mit Musik – vielleicht nicht das bekannteste, aber für mich beste Stück von Falco, nicht nur wegen der zerschossenen Gartenzwerge, als das Symbol aller Enge dieses Landes:

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Sonntag, 210221

Ein feiner Tag, mit Blick aus dem Fenster. Da werde ich mal schauen, wo zu gehen sein könnte, ohne all zu vielen Artgenossen zu begegnen. Das ist schwierig, in dieser Zeit, wo alle heraus wollen, was nur zu verständlich ist. Und analog zu den momentan wieder steigenden Fallzahlen passt, leider.

Sonst so?

Die Liebste hat die gestrige Erstimpfung mit Astra-Zeneca sehr gut vertragen. Mittlerweile ist eine Drittimpfung mit diesem Serum im Gespräch, welches an die Mutanten angepasst werden soll.

Was mich schon lange beschäftigt – was bleibt, wenn der Verstand Pause macht?

Die liebe Luxus hat das gut formuliert, gefällt mir sehr. Ein für mich teils elektrisierendes Thema, als Mensch, der ich mit der Maxime aufgewachsen bin, der Verstand sei das höchste menschliche Gut. Der Schul-Scheiterer, weil Angst-besetzt und völlig blockiert. Erste berufliche Erfolge – da sollte doch noch mehr sein als die vermeintlich angeborene Dummheit oder ängstliche Hilflosigkeit. Tatsächlich, so war es auch, das Unkind fand einen ausgeprägten Hang zu den Naturwissenschaften, zog Selbstbewusstsein aus seiner Fähigkeit, zu lernen. Irgendwo war immer diese leise Stimme – übertreib es nicht – während nebenan das Ego leise kicherte. Der Teil in mir, der keinen Raum bekam, forderte ihn im Rausch ein und fand ihn auch, Nebenkosten inbegriffen. Die wurden erst nach langer Zeit präsentiert.

Heute lerne ich, mir als ganzer Mensch den Raum zu geben, den ich brauche. Ohne großes Ritual. Die können hilfreich und wohltuend sein, sind aber nicht sehr Praxis-tauglich, im Alltag. So kann ich schlecht in der Werkstatt eine Yogamatte ausrollen, Stille von allem und jeden einfordern und Räucherstäbchen anzünden, um mich mal der gängigen Klischees zu bedienen. Es soll also anders gehen, mitten im Geschehen nur atmen, sonst nichts. Das fühlt sich immer noch teils sehr befremdlich an, der Teil in mir, der gerne wertet und urteilt, ist zwar leiser geworden, aber immer noch gelegentlich aktiv.

He, komm` mal wieder bei dir an, keiner zuhause da oben, oder wie? Gleich hält dir der erstbeste Kollege ne Taschenlampe an`s Ohr und freut sich, wenn deine Augen so schön leuchten. Wirst hier nicht für`s dösen bezahlt …

So tönt es kurz, der innere König lächelt derweil milde, weiß er doch einerseits um das Überkommene dieser Stimme, andererseits um die heilende Wirkung einer Minute nur. Und .- ganz wichtig – der Rückweg ist jederzeit offen, anders als bei den zahllosen Substanz-gebundenen Erfahrungen, die erst „verstoffwechselt“ werden wollten.

So. Musik sollte nicht fehlen, aber was passt denn nur zum Thema? Wer sucht, der findet. 1988 – endete eine vierjährige Zeit der weltlichen Abwesenheit des Geistes, der mit einem 8-Stunden-Job und fordernder Abendschule, man erinnert sich, der Kreuzzug gegen die Dummheit, beschäftigt war und mündete in rauschende Ballnächte, in einer zwei Jahre andauernden Belohnungs-Orgie. Gehört auch zur Geschichte…

Sonntag, 201025

Wieder Winterzeit, inklusive Rückgabe der im Frühjahr gestohlenen Stunde. Wie wäre es eigentlich mit Zinsen, verehrte graue Herren? Sei`s drum, ehrliche Kaufleute seid ihr eh nicht. Mal davon abgesehen, dass diese eh schon nicht ganz so zahlreich sind, maßt ihr euch den Handel nur an. Mal sehen, ob sich eure Erschaffer doch noch einigen, diesen Unsinn zu beseitigen.

Sonst so? Wir haben Freunde besucht, gestern Abend. Das soll man sein lassen, lassen wir aber nicht. Die guten gemeinsamen Stunden sind Labsal für die Seele, was wiederum das Immunsystem kräftigt. Das gilt im weitesten Sinne auch für den Umgang mit meinen greisen Eltern, bzw. deren Seelen. Ok, auch für die Meinige, gibt es mir doch das gute Gefühl, alles mir mögliche zu tun. Selbstlosigkeit geht, wenn überhaupt, dann nur im Affekt. Plane ich einen Besuch, bin ich schon darüber hinaus, irgendwie. Sei`s drum. Meine Seele ist schon etwas älter und alles andere als unbefleckt. Aber auf einem guten Weg, glaube ich. Sollte reichen, weil vom strengen Richten wird sie auch nicht Reiner. Nomen est Omen wäre nett, erscheint mir allerdings illusorisch. Besser, wir sind gute Freunde, meine Seele und ich.

Und – weil`s irgendwie passt:

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Sonntag, 200927

Herbst-Melancholie. Allein mit zwei opportunistischen Fellnasen, die Heizung läuft bereits wieder. Aber – ein werkfreier Tag, an dem ich mir mangels Gesellschaft die Zeit frei einteilen darf. Die scheinbar endlosen inneren Dialoge werden allmählich leiser. Allein gelassen bekommt eine neue Bedeutung. Allein und gelassen – das klingt schon gleich anders. So spielt der Verstand mit den Worten und in den Spielpausen rutscht ihr Sinn weiter hinunter, versucht die Seele zu erreichen. Wenn diese schon ständig dem Verstand ihre Impulse gibt, dann sollte es auch anders herum gehen. Wechselwirkungen, die in beiden Richtungen funktionieren.

Sonst so? Ein Besuch bei einem lieben Freund, verbunden mit einem ausgedehnten Spaziergang im Muttental bei Witten, die Wiege des Bergbaus, hat mich viele Bilder mitnehmen lassen. Kohle, Feuer und Stahl, die mir beruflich vorgelagerten Elemente und Gewerke, haben für mich immer noch etwas faszinierendes, archaisches, auch wenn das alles mittlerweile im Ruhrgebiet Geschichte ist. Die Bilder sprechen für sich…

Bisken Gänsehautmusik zum Ende …

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