Samstag, 200829

Wenn mir jemand zur seinen oder zur allgemeinen Belustigung ein Ei auf die Wange malt, dann kann er an guten Tagen damit durchkommen und Gnade finden. Versucht er es jedoch ein zweites Mal, bitte ich ihn, die andere Seite zu bemalen, schön in Symmetrie, dann wird daraus eine Kriegsbemalung.

Ähnlich reagiert auch die Staatsmacht, muss sie reagieren, um ihre Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren. Regel-konforme Auflagen und Zusagen von Seiten der Veranstalter gibt es. Ebenso wie die Absicht derer, die in jedem Fall dazu aufgerufen haben, nach Berlin zu kommen, auch bei abschlägigen Rechts-Entscheid, Bewaffnung inklusive. Aber das sind natürlich nur die so genannten linientreuen Medien, die so etwas verbreiten, und die lügen bekanntlich so gut wie immer. Wer es also genau wissen möchte, der muss sich schon zum Ort des Geschehens begeben und selbst schauen, was die Wahrheit sein könnte. Sofern er seinen Augen trauen kann, man weiß ja nie. Wir werden es heute erleben, was geschieht, in Berlin. Dazu wünsche ich mir, dass es friedlich bleibt – oder- das die Knüppel wenigstens die richtigen treffen. Was allerdings in der Hitze des Geschehens nicht häufig der Fall ist. Bleibt das Beste zu hoffen.

Sonst so? Mir geht es derzeit im Halbdunkel unserer Wohnung am besten. Katzen, die friedlich dösen oder kuscheln und die Welt da draußen ist, wenn überhaupt, nur zu hören. Leider geht Leben nicht immer so, gleich darf ich wieder meine Bahnen ziehen. Die übliche Samstags-Runde zwischen Kaufmannsläden und Eltern. Menschen gehen mir derzeit auf die Nerven, das ist nicht sehr gesund. Und da der Verstand so klug ist und das alles „weiß“, wird er sich mit dem „Rest“ verbünden und den da oben um Führung bitten.

I’ve worn out always being afraid

(Ich habe es satt, immer Angst zu haben)

Metallica/Frantic

Oder vielleicht doch demonstrieren?

I play Russian roulette everyday, a man’s sport
With a bullet called life, yeah, mama, called life(sugar)

System of a Down / Sugar

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Donnerstag, 200723

Wieder daheim, nach einer Woche Berlin, in Sachen Familie. Besondere Erkenntnisse:

  • Alternde Kater nehmen längere Abwesenheit persönlich und können trotz Grundversorgung tief beleidigt sein.
  • Jung-Katzen dagegen verwildern im Laufe eine Woche innerlich und äußerlich, ohne Kontakt mit einer Bürste und den Lieblingsmenschen.
  • Wohnungen verwildern in 7 Tagen ebenso erheblich, was erwartbar und alles in allem schnell behoben ist.
  • Aus gegebenen Anlass in der Familie – Wohnungssuche in Berlin ist ein Irrsinn. Ein teurer Irrsinn. Genau genommen ist der Preis mindestens der doppelte als im Tal der Wupper. Und die Nachfrage gefühlt die zehnfache … was desillusionierend wirkt, auf manche Pläne für das Alter.

Beobachtung am Rande: Banken achten die Kunst, fast ein jedes größere Haus hat irgend eine Plastik von meist zweifelhaftem Wert vor der Tür stehen. Den Vogel abgeschossen hat in meiner Sammlung allerdings die altehrwürdige (?) Investitionsbank zu Berlin. Ich meine, nix gegen Fülle, gerade weibliche, aber im Kontext mit Geld zu Geld machen, also eine Fruchtbarkeit und Vermehrung der besonderen Art, widert mich die gezeigte Kunst doch etwas an. Spricht sie doch für die eigentliche Absicht einer jeden Bank, lässt man alles schmückende Beiwerk mal weg: Fett werden, sonst nichts.

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Update: Die gezeigte Plastik nennt sich Yolanda, die Künstlerin war ihrer Zeit Miriam Lenk. Mehr von ihr gibt es hier zu sehen.

„Das Zentrum ihres Werkes bildet ein weiblicher Archetyp: groß und prächtig, raumgreifend und dominant. Dies soll eine Galionsfigur für alle Frauen sein, die sich in der Gesellschaft zu dick, zu laut oder zu anders fühlen.“

Quelle: Wikipedia

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Manche Wortgebilde …

…sind es wert, mal hervorgehoben und schriftlich gewürdigt zu werden. So etwas hier zum Beispiel:

„Normverdeutlichende Ansprache“

(Falko Liecke, Bezirksstadtrat Berlin/Neukölln, im Zusammenhang mit der manchmal etwas schwierigen Überwachung von Quarantäne-Maßnahmen)

Boah, denke ich, mit leichter Begeisterung. Das macht ja was mit mir. Klingt wichtig, würdig, ernst und bei entsprechender Missachtung Maßnahmen provozierend, Waldpredigt light, Marsch blasen 2.0, sehr deutsch irgendwie. Der Traditionalist in mir jubelt – ja genau, jetzt mal laut und deutlich, wie das hier so zu laufen hat – der Anarchist mit seinem ausgeprägten Autoritätsproblem hingegen denkt genau in die andere Richtung – welche Norm, was glaubt der, wer er ist – jedenfalls freuen sich beide Persönlichkeitsanteile meiner gespaltenen Seele über die gute Wortwahl des Herrn Liecke.

Eine andere Wortschöpfung, nicht erst seit der Finanzkrise bekannt:

„Systemrelevanz“

Das hat sogar Nachwuchs bekommen, in Form der

„System-relevanten Berufe“

Das klingt für mich nach Selektion, nach wertem und weniger wertem Leben Tagewerk. Wer macht Sinn und wer eher nicht. Eine Betrachtung, die völlig außer acht lässt, dass alle demzufolge nicht-System-relevanten Tätigkeiten es durch ihre Steuer- und Sozialabgaben erst ermöglichen, dass die so genannten System-relevanten ihren Job machen können. Von der Gleichheit vor dem Herrn mal ganz abgesehen. Eine Begrifflichkeit, die ein flaues Gefühl im Magen weckt…

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2019

Nach einem Magen-Darm-verseuchten Neujahrstag blieb gestern zumindest ein großer Kakao und einiges Essen dort, wo es hingehört. So langsam finde ich wieder Kraft. Gestern reichte es immerhin für eine kurze Visite im Kultcafe…gleich geht es wieder westwärts.

Alles Gute euch für das neue Jahr 🖐

Eine gute Mischung

Das Haus hier ist wirklich gut belegt:

Berücksichtigt man die Tatsache, das das Haus fest in russischer Hand ist, hat man schon beinahe alle Fakten zusammen. Hinzu kommt an dieser Stelle noch die Phantasie des Erzählers, in dessen Vorstellungswelt sich die einzelnen Mietparteien hervorragend ergänzen.

So können sich die Zahnärzte unter anderen um die bedauernswerten Gäste des Edel-Puffs kümmern, die möglicherweise mit irgend einer Leistung oder Preis nicht ganz einverstanden waren oder gerade nicht die passenden Worte fanden. Auch die Rechtsanwälte werden solcherart vielleicht ein schönes Zubrot verdienen. Ebenso die Kneipen-Gäste zählen zu den potentiellen Kunden, ja sicher. Einen Türsteher gibt es dort natürlich auch.

Die Senioren wiederum haben an fast allem ihre Freude. Zahnärzte in der Nähe sind im fortgeschrittenem Alter immer hilfreich und der Edel-Puff ist auch ein netter Zeitvertreib für die meist etwas begüterten WG-Bewohner, die vielleicht sonst nicht mehr ganz so viel vom Leben haben.

Familien mit Kindern mögen jetzt vielleicht skeptisch werden, ob sie in diesem Umfeld wirklich gut aufgehoben sind. Dennoch ist die Belegung dieses schönen, alten Hauses alles in allem schon eine gelungene Mischung.

Vielleicht fällt dem geneigtem Leser ja noch das eine oder andere dazu ein?

leipniz

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