Sonntag 200524

Während meinen morgendlichen Übungen halte ich teils die Augen geschlossen, um ein besseres Gefühl für die Dehnungen in meinem Körper zu bekommen. Hören und fühlen also. Das Fenster ist auf und so dringen die Straßengeräusche des Kiezes an meine Ohren. Kinder lachen, Hunde bellen, hier und da ein Auto, das vorüber fährt. Jemand lacht wiederholt unglaublich dreckig und schadenfroh. Ich lasse die Geräusche vorüber ziehen, ebenso den kurzen Anflug einer Wertung (…möge der Lacher seine Medikation doch ändern). Sonntag auf dem Ölberg.

Sonst so? Zustände, die wir als „normal“ werten, also vor Corona, wird es m.E. frühestens Anfang übernächsten Jahres wieder geben. Und ja, es ist nur ein Virus und sonst nichts. Ja, es wird Versuche geben, unsere bürgerlichen Freiheiten dauerhaft zu beschneiden. Das ist machtpolitisch verständlich, aber nicht gut zu heißen. Ja, ich vertraue auf die Macht unseres obersten Gerichtes, genau dies zu verhindern. Ja, ich vertraue darauf, das die politischen Verhältnisse nicht wie in Amerika ausufern.

So, fünf nach Zwölf …

Eine gute halbe Stunde

So 30-40 Minuten dauern sie, meine morgendlichen Übungen. Die liebe Anna, die ähnliches für sich selbst übt, hatte die Idee, das gemeinsam mit mir aufzuschreiben und zeitgleich zu veröffentlichen.

Meine Übungen bestehen aus einem Mix von so genannter HWS-Gymnastik sowie teilweise in`s Dynamische geführte, altbekannte Yoga-Übungen wie zum Beispiel das Dreieck, dynamisch durchgeführt (manche nennen sowas auch „Power-Yoga“). Der bekannte „Baum“ lässt sich auch dynamisieren, immer im Kontext mit der Atmung, wie bei allen anderen Übungen auch. Vieles geht aus dem Stand heraus, manches auf dem Boden wie die guten alten Planks oder der Vierfüßler-Stand, als Variante auch dynamisiert. Ferner finden sich Vorbeugen aus der Rückenlage, dynamisch mit angewinkelten Beinen oder klassisch statisch aus dem Langsitz heraus als reine Yoga-Übung (An alle „echten“ Yogis: Ich kann mir keine wohlklingende indische Bezeichnungen merken…). Das „Maß“ der Dinge sind meine Atemzüge, sie dienen als Einheit bei allen Übungen. In der Ruhe atme ich vielleicht 6 Mal in der Minute ein und aus, in der Dynamik natürlich mehr. Die Reihenfolge der einzelnen Übungen variiert von Tag zu Tag, das hat seinen zusätzlichen Reiz und verhindert zuviel Wiederholung. Was ist bei alledem sonst noch wichtig – auf der rein körperlichen Ebene? Bei Übungen aus dem Stand zur Vermeidung eines Hohlkreuzes Becken nach vorne und Bauchnabel zu den Wirbeln ziehen und – ganz allgemein – Respekt vor Dehnungs- und Schmerzgrenzen. Die HWS-basierten Übungen sind dem Verschleiß der Nackenwirbel mit seinen Auswirkungen (Rippenblockaden ect.) geschuldet und halten mich auf ihre Weise beweglich und Beschwerde-frei.

Was macht das mit mir?

Vielschichtig – zum einen habe ich einen leichten Schlaf, bin des Nachts oft heftig in Traumwelten unterwegs, so dass ich am Morgen zwar aufstehe, aber weder im hier und jetzt noch wirklich bei mir bin. Die Übungen helfen mir, mich wieder im so genannten Tagesbewusstsein einzufinden, mich neu zu erden. Auch helfen sie mir, mit meinem so langsam älter werdenden Körper Freundschaft zu schließen, ein Prozess, der wie so vieles andere täglich wiederholt werden möchte, wichtig, weil mir die Jahrzehnte der gelebten Autoaggression (nichts anderes sind Süchte) noch gut in Erinnerung sind.

Dann hat diese Zeit am Morgen auch meditativen Charakter, ich bin jedes Mal erstaunt, in welchem Maße sich zu so früher Stunde schon die Herausforderungen des Tages in mir breit machen möchten. Die Zentrierung auf den Atem und auf die Übungen schaffen Ruhe im Geist, ähnlich wie bei der zwar nicht so regelmäßig praktizierten, aber immer sehr hilfreichen, nicht Objekt-gebundenen kontemplativen Sitzmeditation. Dazu kommt das Üben des Gleichgewichtes, Balance halten – was sich durch die Wechselwirkung auch auf das seelische Gleichgewicht überträgt.

Ein anderer, für mich nicht zu unterschätzender Aspekt ist die mit den Übungen verbundene Disziplin und Konzentration. Von Haus aus halte ich mich zumindest in Teilen für träge, faul und disziplinlos. So kann ich hervorragend ganze Tage vertrödeln, wenn ich mir selbst nicht eine Form von Struktur schaffe, mich selbst nicht bewusst in Disziplin übe. Boheme stand mir immer nahe, mit und ohne Stoff und trotz ununterbrochener Erwerbstätigkeit.

Schlussendlich bietet diese gute halbe Stunde mir die Gelegenheit, mich bei meinem Schöpfer zu bedanken, mich mit SEINEM Willen anzufreunden und um Führung zu bitten.

 

Der frühe Vogel

Den höre ich gerade, mit Sommerzeit hat der nichts zu tun, im Gegensatz zu mir, mit meinem dumpfen Druck im Schädel, als Zeichen der Umgewöhnung.  Nur ab und an wird der gefiederte Sänger da draußen von einem Auto gestört, irgendwie ist jetzt jeden Tag mindestens Samstag auf der Straße.

Und so sitze ich, lasse Gedanken strömen. Eltern, Kind, Frau, Arbeit, Freunde – alles bunt gemischt und durcheinander. Beherrschend ist derzeit die tiefe Bewegtheit über den Zustand meines Vaters. Bei alledem geht das so genannte Tagesgeschäft weiter, wie lange man mich noch werkeln lässt, ist unsicher, wie so vieles in diesen Zeiten. Irgendwie gewöhne ich mich daran, „auf Sicht“ zu leben, zumal sich dieser Zustand, auch wenn er mir nicht sonderlich gefällt, doch mit meiner Grundüberzeugung deckt, dass die stete Veränderung die einzige Konstante im Leben ist. Zeit, all dies aus mir heraus fließen zu lassen, bei meinen morgendlichen Ritualen. Allein bin ich dabei auch nicht, der Große liegt da, wo er immer liegt und Baby liegt unter mir und kuschelt während den Übungen.  Na dann.

Sonntag, wieder mal.

Ein Frühaufsteher-Sonntag sogar, ich genieße die kleine Atempause, derzeit bin ich familiär nicht sonderlich gefordert. Gott sei Dank. Und so dehne ich meine morgendlichen Übungen aus, diese Mischung aus Qui Gong, Yoga und funktioneller Gymnastik. Meditative Bewegungsabfolgen,eng verbunden mit der Atmung, alt und doch täglich neu gemischt, die mich am frühen Tag erden, die Disziplin und Achtsamkeit vor den eigenen Grenzen einfordern.

Disziplin … saturnisches Prinzip, fällt mir dazu ein. Am Anfang steht die Beschränkung, die Einschränkung, die Hemmung, Blockaden und dergleichen. Mit der Zeit ändert sich das, mit Geduld, Beharrlichkeit, und eben auch mit Disziplin.

Dazu passen folgende Zeilen gut:

Sonne Konjunktion Saturn

Saturn, das Prinzip der Einschränkung, wirkt sich hemmend auf den persönlichen Ausdruck und Ehrgeiz aus. Die Geborenen können sich erst dann frei ausdrücken, wenn sie den Bereich der Einschränkung, dem sie unterstellt sind, voll und ganz in den Griff bekommen haben. Alles, was sie zustande bringen, erreichen sie durch äußerst harte Arbeit. Oft genug sind sie wegen der vielen Frustrationen, die ihnen ständig widerfahren, traurig und voller Minderwertigkeitskomplexe. Sie sollten alle sich bietenden Gelegenheiten beim Schopf packen. Da Saturn auch das Prinzip der Erfüllung ist, können die Geborenen jedoch dank ihrer organisatorischen Fähigkeiten zu bedeutendem Einfluss gelangen. Letzten Endes wird ihnen ihre Selbstdisziplin zu persönlicher Erfüllung verhelfen.

Quelle: Das große Lehrbuch der Astrologie – Frances Sakoian / Louis S. Acker, ISBN 3-426-87087-8 – nur noch als Antiquariat erhältlich.

Sonst so? Gut, dass Leben aus so viel mehr als Disziplin und Überwindung von Grenzen besteht. In dem Sinne – einen guten Sonntag uns allen.