Sonntag, 210912

Der 11te 9te ist vorüber und Amerika erinnert sich, trauert mit Recht beim Gedenken an die Ereignisse vor 20 Jahren. Wessen nicht derart gedacht wird, sind die Folgen der globalen Raserei, zu der der verwundete Goliath global nach den Anschlägen fähig war, letztendlich mit nur minimalen Erfolg, aber zahllosen Toten und Traumatisierten auf allen Seiten in den von den USA initiierten Kriegen. Sie sagen nun sinngemäß, das passiert uns nicht noch einmal, wir haben verstanden, kein Land via Besatzung umerziehen zu können. Man hätte die Mittel und die Fähigkeit, auch anderweitig auf potentielle Bedrohungen reagieren zu können, ohne das näher auszuführen. Wenn ich dem in meinem Kopf nachgehe, bekomme ich Gänsehaut, da ich mit reichlich Phantasie gesegnet bin.

Es ist, wie es ist.

Sonst so? Neulich, vor 8 Tagen, wir stehen am Straßenrand vor unserer Haustür und warten. Kommt ein Nachbar und belädt seinen Kombi, keine Ahnung, irgend etwas stand wohl an, Kunst, Happening oder eine religiös-kulturelle Veranstaltung, ich wollte nicht noch neugieriger scheinen, als ich eh schon bin. Immerhin habe ich mich getraut, zu fragen, ob ich diese merkwürdige Figur bildlich einfangen dürfe, die da gerade reisefertig verladen werden sollte. Die Antwort wurde mir nur zögerlich positiv beschieden, vermutlich war man sich nicht sicher, ob es ihr recht sei, derart verewigt zu werden, der Wasserfee-Göttin, so wurde sie mir vorgestellt. Ok, dachte ich, die hat ja dann auch einiges zu tun, derzeit, und wenn sie ärgerlich wird, dann schüttet es oder es kommt gar nichts, kennt man ja. Darum bemühe ich mich um gebührenden Respekt, der im übrigen nie schaden kann, Glaube hin oder her, Ärger mit Wasser haben und hatten wir bereits genug.

Und noch ein paar Bilder von nebenan …

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Freitag, 210806

Zu Fuß durch Berlin, laufen hat etwas. Lässt mich besser schlafen und den Geist zur Ruhe kommen. Die Familie lebt teils in Wilmersdorf, teils in Wedding, wenn ich mit der U-Bahn von Wilmersdorf nach Wedding fahre, sind es nur ein paar Minuten. Was dann bleibt, ist der fehlende Übergang sowie das Gefühl, abrupt von einer Welt in eine andere geschleudert zu werden. Zu Fuß ist das anders, die Straßen ändern sich allmählich. Über Bahnhof Zoo, dem Landwehrkanal, Hansaviertel, die Spree, Moabit, dem Westhafen zum Wedding. Wer will, kann mitlaufen.

Der vereinbarte Treff ist ein Imbiss an der Müllerstraße, gleich neben dem Leo. Die Szene hat etwas surreales. Die Familie, der volle Tisch einerseits, draußen das Laufpublikum. Bärte, Kopftücher, Tattoos, alte Menschen gebückt an Rollatoren, babylonisches Sprachengewirr. Gesichter wie mit Messern geschnitzt, Landkarten des Lebens in Relief-Form. Geballter Kiez halt. Dem entgegen die Beschallung mit feinster Musik, die mich für einen Moment nicht nur vergessen lässt, wo ich mich befinde, sondern auch alles andere, was mir gerade noch durch den Kopf geht. Jemand am Tisch weiß, wie man per Smartphon den Titel heraus bekommt, so dass mir das Stück erhalten bleibt

Schon schräg …

Zurück geht es gemeinschaftlich wieder zu Fuß, und so komme ich auf knapp 20000 Schritte, mein persönlicher Highscore für einen Tag, wenn auch im flachen Land nicht sehr fordernd, so spüre ich doch am Ende des Tages meine Füße.

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PS: Wann lernt der Mensch? Wenn es nötig ist. So weiß ich nun, wie man aufgezeichnete GPX-Tracks auch mit Linux recht komfortabel bearbeiten kann. Das Programm trägt den etwas seltsamen, aber einprägsamen Namen PFLAUME

Sonntag, 210627

Die zweite Impfung ist seit gestern dito drin, nach einer bescheidenen Nacht geht es mir nun recht gut. Der Arm schmerzt ein wenig, wie Muskelkater, nicht der Rede wert. Und in zwei Wochen geht dank digitalen Impfausweis auch wieder Öffentlichkeit etwas einfacher. Falls von mir gewünscht, woran ja begründete Zweifel bestehen. Aber zu können, wenn man möchte, hat auch seinen Wert. Hauptsache erst mal Impfschutz.

Die Nacht – es war ungewohnt laut, bis 4 Uhr in der Frühe. Besoffene Kiddies, teils die alten Lieder plärrend, super, denke ich dann, während ich mir meine Hohlraumversiegelung wieder in die Ohren schiebe. Wenn ich den Kiez nicht so lieben täte.

Sonst so? Wir haben gern gesehenen Besuch, das zweite Wochenende in Folge. Interessant, wie das Gekatze damit umgeht. Während Jungkatze ausnahmslos jeden freudig begrüßt und immer mit dabei ist, gibt Altkater den angepissten Vollasi ab, mault, jammert und randaliert in der Nacht. Alter Mann eben. Wobei leichte Gewöhnungstendenzen erkennbar waren, dieses Wochenende. Auch da ist also Hoffnung.

Kinder dagegen – aus gegebenen Anlass:

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Sonntag, 201129

Gestern Morgen, ich komme gerade von meinen Eltern zurück. Diverse Diskussionen mit meinem Vater sowie der Verkehr in dieser Stadt haben meine Laune recht tief sinken lassen. Und so biege ich in die schmale, zugeparkte Kiez-Straße ein, in der wir zuhause sind, hinten drin eine randvolle Klappkiste mit Zeug aus dem Laden. Da ich keine Lust habe, das Teil weiter als nötig zu tragen, meinem kaputten Arm sei Dank, halte ich vor der Haustür zum entladen. Warnblinke an und los. Hinter mir steht eine Frau und gestikuliert wird. Dafür schenke ich ihr einen passenden Blick und lade erst mal aus, in Ruhe, um im Anschluss weiter zu fahren, in der Hoffnung auf irgend eine Nische für den Bobbycar. Das Weib folgt mir dicht auf. Vor der nächsten Lücke halte ich und blinke. Sie steht gleich hinter mit und fährt keinen Millimeter zurück, worauf ich sofort aussteige und sie nicht bitte, sondern auffordere, doch ein paar Meter zurück zu rollen, damit ich einparken könne. Lautstark beschwert sie sich über meinen Ton, was wäre, wenn sie nicht – ob ich ihr dann „auf die Fresse hauen“ würde – Originalton – man hätte ja schließlich schon so lange auf mich gewartet … Ich steige wieder ein und tue nichts, bis sie endlich zurück rollt. Sie parkt anschließend ebenfalls ihre Karre auf einem privaten Stellplatz, keift mich an, dass die Welt solche Menschen wie mich nicht braucht und haut ab, bevor ich in Versuchung komme, ihr gepflegt zu antworten.

Recht hat sie ja, so etwas wie mich braucht die Welt nicht wirklich, umgekehrt wird aber auch ein Schuh draus. Natürlich wäre die Lage nicht so eskaliert, wäre mein Vormittag etwas harmonischer verlaufen. Gereizte Stimmung ist weit verbreitet, offensichtlich nicht nur bei mir. Der weise Mönch in mir stellt mal wieder die eine Frage, ob das denn nun nötig gewesen sei. Natürlich nicht, und richtig lustig war`s auch nicht. Vielleicht gefiel ihr auch mein Äußeres nicht, die Armee-Jacke, die DTH-Wollmütze mit dem skelettierten Adler und natürlich die Sonnenbrille dabei. Können diese Augen lügen? Ja, mittlerweile geht es, mit nur wenig schlechtem Gewissen. So what.

Sonst so? Eine gute Freundin ist an C. erkrankt. Somit wird meine samstägliche Runde noch ein wenig weiter, Zeug vorbei bringen und so. Das Gefühl weitergeben, nicht allein auf diesem Planeten zu sein. Gutes Karma schaffen und die Gewalt-Phantasien verscheuchen, in Sachen blondierter Kiez-Punzen. So ist das, irgendwo zwischen dem goldenen Herzen und der schwarzen Seite der Seele.

So, schön passend zum ersten Advent.

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Sonntag 200524

Während meinen morgendlichen Übungen halte ich teils die Augen geschlossen, um ein besseres Gefühl für die Dehnungen in meinem Körper zu bekommen. Hören und fühlen also. Das Fenster ist auf und so dringen die Straßengeräusche des Kiezes an meine Ohren. Kinder lachen, Hunde bellen, hier und da ein Auto, das vorüber fährt. Jemand lacht wiederholt unglaublich dreckig und schadenfroh. Ich lasse die Geräusche vorüber ziehen, ebenso den kurzen Anflug einer Wertung (…möge der Lacher seine Medikation doch ändern). Sonntag auf dem Ölberg.

Sonst so? Zustände, die wir als „normal“ werten, also vor Corona, wird es m.E. frühestens Anfang übernächsten Jahres wieder geben. Und ja, es ist nur ein Virus und sonst nichts. Ja, es wird Versuche geben, unsere bürgerlichen Freiheiten dauerhaft zu beschneiden. Das ist machtpolitisch verständlich, aber nicht gut zu heißen. Ja, ich vertraue auf die Macht unseres obersten Gerichtes, genau dies zu verhindern. Ja, ich vertraue darauf, das die politischen Verhältnisse nicht wie in Amerika ausufern.

So, fünf nach Zwölf …

Der Berg ruft

Weich gekochte Hirne – das meine inbegriffen. Die Temperaturen machen die Menschen aggressiv – ein guter Indikator ist der Lärmpegel hier vor unserer Haustür, an der Kreuzung. Da brauche ich nicht sehen, hören reicht völlig. Hupkonzerte.Oder charmante Wortwechsel bei herunter gelassenen Fenstern.

Eh, wat sollat, Du Aasch…
Ohne „R“, aber mit mindestens zwei „A“.
Frauenstimme, offensichtlich hier zuhause 🙂

Ich liebe den Kiez.

Sommer-Intermezzo im April

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Heute Abend wird es wieder nach gegrilltem Hammelfleisch duften, hier in den Hinterhöfen unseres Kiezes. So sehr mir die Enge hier in den Straßen und das Benehmen mancher Jung-Osmanen manchmal auf dem Nerv geht, (Ok, es gibt auch ebensolche Jung-Germanen, das muss fairerweise betont werden), so sehr liebe ich die Stimmung an solchen warmen Abenden. Stimmen-Geschnatter, Kinderlärm auf manchem Trampolin bis spät in die Nacht, unzählige Grillfeuer, die dazu anhalten, die Fenster besser geschlossen zu halten. Allem Chaos und aller Anarchie hier zum Trotze ist das immer noch die Heimstatt der Wahl hier, für uns.

Bürgerlich kann jeder 🙂

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