Sonntag, 211114

Der Tag beginnt typisch November grau in grau, dazu noch Volkstrauertag. Der Tag der Erinnerung an die Kriegstoten und die Opfer von Gewaltherrschaft aller Art. So ein Gedenken ist wichtig und richtig, ohne Zweifel. Für mich ist es allerdings genauso wichtig, zu verstehen, wie es in jedem Einzelfall so weit kommen konnte. Jeder Krieg, jedes Pogrom hat seine Geschichte. Geschichten, die immer verbal begannen, über Sanktionen und Ausgrenzung dann letztendlich zur Gewalt führten.

Heute sind die Methoden perfider, ausgefeilter und weitaus gefährlicher, weil nicht mehr klar erkennbar. Was ist schon daran gefährlich, den mündigen Bürger zum selber-denken aufzufordern? Der Kontext macht es, der Ton, die Art der Fragestellungen, im Hintergrund das Dauer-Rauschen des stets und ständig manipulierenden Staates, dem jedes Mittel recht ist, die Interessen bestimmter Gruppen durchzusetzen, korrupt, wie er sein soll. Und so werden Einzelfälle zur Norm stilisiert, Stimmung gemacht, zum zehnten Mal wiederholt, wird es dann gefallen. Was anstelle dessen treten mag, wird im Ungefähren gelassen, man arbeitet im Hintergrund an den Möglichkeiten. So gesehen steht die kommende Regierung unter einem enormen Erfolgsdruck. Scheitert sie, sind die Grünen in der nächsten, stramm konservativen Regierung nicht mehr vertreten. Mir bleibt zu hoffen, dass auch der letzte Dogmatiker dies erfassen kann.

Zurück zum heutigen Tag. Erinnerungen an meine Blutsverwandtschaft kommt auf. Wer mich länger kennt, weiß, dass ich zwischen geistiger und leiblicher Verwandtschaft unterscheide, Gold ist, wenn beide Hand in Hand gehen. Die Familie meiner Kindheit bestand in erster Linie aus Frauen, die den Horror des so genannten dritten Reiches irgendwie überlebt hatten. Männer gab es kaum noch, mein Opa mütterlicherseits hat den Krieg überlebt, vermutlich dank seines Unteroffiziers-Grades. Ich habe mich nie bemüht, herauszufinden, was genau er tat, es ist zu ahnen, das reicht mir schon. Also bestimmten Frauen das Geschehen, Tanten ohne Ende, die größtenteils auch gemeinsam in einem ärmlichen Hinterhofhaus lebten. Winzige Zimmer hinter engen Stiegen, mit Klo für je zwei auf halber Treppe. Jede war auf ihre Weise traumatisiert, sie waren füreinander da, alt wurden die meisten nicht. Familien-Fragmente, geprägt von Siechtum und frühen Toden einerseits und von Verdrängung, von Kompensation andererseits. Jeder, so gut er konnte, meine eigenen Eltern inbegriffen. Da ich nicht in ihren Schuhen gelaufen bin, fällt mir Vergebung immer noch nicht leicht, ist aber möglich. Ein steter, dynamischer Prozess, der immer wieder von Wut unterbrochen wird, aber dennoch in eine ganz bestimmte Richtung geht: Frieden mit mir, mit meiner Geschichte. Die Protagonisten werden in Kürze diese Welt verlassen müssen, ihr emotionales, geistiges Erbe wird mir zur weiteren Verarbeitung erhalten bleiben. Kann also nur von Nutzen sein, dieses kleine, noch verbleibende Zeitfenster bestmöglich zu nutzen, wohl wissend, dass dieser Prozess nicht mit dem Tod endet. Was bleibt, ist, um Führung zu bitten und tun, was ich kann.

Zum Ende ein wenig Farbe aus der Konserve, Bilder aus dem Kiez vor zwei Tagen.

Und – immer fein achtgeben, wir werden beobachtet.

Ölberg, Wuppertal

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Sonntag, 211031

Es heißt, in der Stille findet sich Frieden. Das kann sein, muss aber nicht. Heute früh zum Beispiel war ich um halb Sechs hellwach, konditioniert auf frühe Leistung und durcheinander von der unsäglichen Zeitumstellung. Keiner will sie, aber alle machen mit, weil man sich nicht einigen kann, ob denn nun das ganze Jahr Sommerzeit oder Winterzeit sein soll. So langsam isses mir scheißegal, Hauptsache ihr macht etwas. EU – ist ja berüchtigt für ihre grandiosen Kompromisse, darf es vielleicht eine halbe Stunde vor sein, im Frühjahr? Dann ist einmal so richtig Punk, bis auch der Letze geschnallt hat, wie spät es ist, und dann ruht still der See, stumm vor Glück. Boah … und ja, ich bin überzeugter Europäer und Weltenbürger. Wer fair und mit möglichst wenig Protektion Handel betreibt, bringt sich zumindest nicht so schnell gegenseitig um. Hat sich ja irgendwie bewährt, zumindest, was den Handel und das umbringen angeht. Von Moral und gemeinsamen Werten sollten sie allerdings angesichts der zahllosen unmenschlichen Zustände an den Rändern aufhören zu reden.

Eine „bessere Welt“ – ich glaube daran, dass sie möglich ist. Graswurzelarbeit, damit fängt es an. Hier vor Ort, mit der eigenen Sippe, den Nebenanskies, dem Scheff, dem Vermieter. Und vorneweg mit dem eigenen Selbstverständnis, „wie dich selbst“ und so weiter. Nur heute, da darf man eine kleine Ausnahme machen, ist ja Halloween. Danke für den genialen Netzfund, Marion.

Und noch etwas zur Feier des Tages, ein gekonnter Mix aus Allmachtsphantasien vom Feinsten, Macho-Gehabe sowie spezieller Ausgeh-Kultur. Wenn schon, denn schon.

Montag, 210201

1234, das war immer gut zu merken. Die Geburtsdaten meines Vaters, der heute 87 wird. Ein unvorstellbares Alter – für mich. Er, meine Mutter und alle aus dieser Generation haben als Kinder in Bombenkellern gesessen und sich beschissen vor Angst. Sie hatten mehr als dysfunktionale Familien, sie lebten größtenteils im puren Beziehungschaos. Sie haben gehungert und in zugigen Löchern zu sechst in winzigen Zimmern gehaust. Umgedrehte Tische dienten den Kindern als Bett, für die Nacht. Sie lebten tagtäglich mit der Angst. Zunächst die Angst, aufzufallen und irgendwann zu „verschwinden“, wie die Nachbarn, letztens. Dann die Angst vor dem Feuer, vor den Bomben, vor den Tieffliegern in den Straßen, die so tief flogen, dass die Gesichter ihrer Piloten zu erkennen waren, die auf alles schossen, was sich bewegte. Die Angst vor dem blanken Tod. Später dann die Angst, verhungern zu müssen.

Sie entwickelten ihre Strategien, mit alledem klar zu kommen, nachdem die Schränke wieder gefüllt waren. Verdrängung und Konsum, anders ging es nicht. Sie haben überlebt und ihre Art von Erfüllung gefunden, ganz gleich, was ich davon halte. Ein Urteil steht mir nicht zu. Wie anders dagegen das Gejammer heute. Kneift einfach mal eure Ärsche zusammen, möchte ich manchmal rufen, und wartet ab, bis es besser wird. Tut oder besser lasst alles, was dieses besser-werden sinnlos in die Länge zieht.

Selbst hatte ich meine persönlichen Krisen, Versoffen und Nüchtern. Alles hat sich gelöst oder zumindest auf ein lebbares Maß reduziert. Alpha und Omega – Geduld ist gefordert. Es findet sich.

Bilder von der Runde gestern, aus`m Kiez…

Wuppertal, Nordstadt Elberfeld

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Von leeren Straßen

Er steht im Wohnzimmer, hat die Winterjacke schon an und so allmählich wird ihm warm. Die gerade besorgten Blumen stehen auf dem Balkon, er will sich vom Vater verabschieden, bleibt aber, weil Abstand geboten ist, ein gutes Stück von ihm entfernt. Schaut diesen Mann, der gerade nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aus dem Keller in die Wohnung gekommen ist und nun erschöpft auf dem Sofa liegt. Schaut diesen Menschen, dem nicht nur wegen der Augencreme die Augen feucht zu sein scheinen. Am Morgen war Vater beim Arzt und staunte über die leeren Straßen, angesichts der Infektionsschutz-Verordnungen.

Früher waren auch leere Straßen, sagt der Vater langsam und mit erstickter Stimme. Im Krieg, die Tiefflieger. Wer schon dieses Brummen hörte, sprang um sein Leben. Sie schossen auf alles, was sich bewegte, Männer, Frauen, Kinder, alle… ich hätte nicht gedacht – der Vater bringt den Satz nicht sofort zu Ende – dass ihr jetzt … nach so langer Zeit … wegen sowas …

Es berührt sein Herz, den alten Mann so zu sehen und zu hören, obwohl er die Geschichten kennt, die von früher. Als der Vater Schulkind war und regelmäßig nicht nur um sein eigens Leben, sondern auch um das seiner kranken Mutter laufen musste. In solchen Momenten wie jetzt sind all vielen Jahre, all der Streit, all die Verletzungen wie weggeblasen, er sieht nur noch diese Augen und verabschiedet sich tief bewegt.

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Bigotterie

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Ohne wenn und aber.

Es fliehen immer mehr Menschen in ein Land wie Deutschland, das einst mit seiner politischen und militärischen Unterstützung, getrieben von einer gierigen Waffenlobby, zumindest mit dafür gesorgt hat, das die Heimat dieser Menschen nun so ist, wie sie ist.

Nicht jeder heißt diese Menschen willkommen, es werden immer mehr. Sie gründen eine politische Interessenvertretung, rechts außen, nationalistisch geprägt. Die Herrschenden sehen ihre Mehrheiten sowie die politische Stabilität auf Dauer in Gefahr und wollen den Strom der Heimatlosen eindämmen.

Wer das möchte, also sagt, „Grenzen dicht“, der muss natürlich auch sagen:

Stacheldraht, Lager, Internierung, Zwangsrückführung unter Anwendung von Gewalt, Tränengas, Gummigeschosse, scharfe Munition.

Dafür möchte hierzulande niemand die Verantwortung übernehmen, bis auf besagte Rechts-außen-Fraktion. Also besinnt man sich auf seine beste Tugend als Nation der Krämer-Seelen und beschließt einen Pakt mit der Türkei, das heißt, man überweist sehr viel Geld, damit eben jene Türkei dafür sorgt, das der Strom der Elenden versiegt. Wie diese das anstellt, ist nicht unsere Sache. Man bezahlt also jemanden für die Drecksarbeit, die man selbst nicht erledigen möchte und wundert sich anschließend über politische Abhängigkeiten von einem despotischem Regime.

Die Würde des Menschen ist unantastbar?

Vielleicht sollte man das Grundgesetz mehrheitlich ändern, um zumindest die Glaubwürdigkeit wieder zurück zu erlangen. Solch ein Land wäre dann allerdings nicht mehr das meine.