Von leeren Straßen

Er steht im Wohnzimmer, hat die Winterjacke schon an und so allmählich wird ihm warm. Die gerade besorgten Blumen stehen auf dem Balkon, er will sich vom Vater verabschieden, bleibt aber, weil Abstand geboten ist, ein gutes Stück von ihm entfernt. Schaut diesen Mann, der gerade nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aus dem Keller in die Wohnung gekommen ist und nun erschöpft auf dem Sofa liegt. Schaut diesen Menschen, dem nicht nur wegen der Augencreme die Augen feucht zu sein scheinen. Am Morgen war Vater beim Arzt und staunte über die leeren Straßen, angesichts der Infektionsschutz-Verordnungen.

Früher waren auch leere Straßen, sagt der Vater langsam und mit erstickter Stimme. Im Krieg, die Tiefflieger. Wer schon dieses Brummen hörte, sprang um sein Leben. Sie schossen auf alles, was sich bewegte, Männer, Frauen, Kinder, alle… ich hätte nicht gedacht – der Vater bringt den Satz nicht sofort zu Ende – dass ihr jetzt … nach so langer Zeit … wegen sowas …

Es berührt sein Herz, den alten Mann so zu sehen und zu hören, obwohl er die Geschichten kennt, die von früher. Als der Vater Schulkind war und regelmäßig nicht nur um sein eigens Leben, sondern auch um das seiner kranken Mutter laufen musste. In solchen Momenten wie jetzt sind all vielen Jahre, all der Streit, all die Verletzungen wie weggeblasen, er sieht nur noch diese Augen und verabschiedet sich tief bewegt.

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Bigotterie

Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Ohne wenn und aber.

Es fliehen immer mehr Menschen in ein Land wie Deutschland, das einst mit seiner politischen und militärischen Unterstützung, getrieben von einer gierigen Waffenlobby, zumindest mit dafür gesorgt hat, das die Heimat dieser Menschen nun so ist, wie sie ist.

Nicht jeder heißt diese Menschen willkommen, es werden immer mehr. Sie gründen eine politische Interessenvertretung, rechts außen, nationalistisch geprägt. Die Herrschenden sehen ihre Mehrheiten sowie die politische Stabilität auf Dauer in Gefahr und wollen den Strom der Heimatlosen eindämmen.

Wer das möchte, also sagt, „Grenzen dicht“, der muss natürlich auch sagen:

Stacheldraht, Lager, Internierung, Zwangsrückführung unter Anwendung von Gewalt, Tränengas, Gummigeschosse, scharfe Munition.

Dafür möchte hierzulande niemand die Verantwortung übernehmen, bis auf besagte Rechts-außen-Fraktion. Also besinnt man sich auf seine beste Tugend als Nation der Krämer-Seelen und beschließt einen Pakt mit der Türkei, das heißt, man überweist sehr viel Geld, damit eben jene Türkei dafür sorgt, das der Strom der Elenden versiegt. Wie diese das anstellt, ist nicht unsere Sache. Man bezahlt also jemanden für die Drecksarbeit, die man selbst nicht erledigen möchte und wundert sich anschließend über politische Abhängigkeiten von einem despotischem Regime.

Die Würde des Menschen ist unantastbar?

Vielleicht sollte man das Grundgesetz mehrheitlich ändern, um zumindest die Glaubwürdigkeit wieder zurück zu erlangen. Solch ein Land wäre dann allerdings nicht mehr das meine.