Sonntag, 210912

Der 11te 9te ist vorüber und Amerika erinnert sich, trauert mit Recht beim Gedenken an die Ereignisse vor 20 Jahren. Wessen nicht derart gedacht wird, sind die Folgen der globalen Raserei, zu der der verwundete Goliath global nach den Anschlägen fähig war, letztendlich mit nur minimalen Erfolg, aber zahllosen Toten und Traumatisierten auf allen Seiten in den von den USA initiierten Kriegen. Sie sagen nun sinngemäß, das passiert uns nicht noch einmal, wir haben verstanden, kein Land via Besatzung umerziehen zu können. Man hätte die Mittel und die Fähigkeit, auch anderweitig auf potentielle Bedrohungen reagieren zu können, ohne das näher auszuführen. Wenn ich dem in meinem Kopf nachgehe, bekomme ich Gänsehaut, da ich mit reichlich Phantasie gesegnet bin.

Es ist, wie es ist.

Sonst so? Neulich, vor 8 Tagen, wir stehen am Straßenrand vor unserer Haustür und warten. Kommt ein Nachbar und belädt seinen Kombi, keine Ahnung, irgend etwas stand wohl an, Kunst, Happening oder eine religiös-kulturelle Veranstaltung, ich wollte nicht noch neugieriger scheinen, als ich eh schon bin. Immerhin habe ich mich getraut, zu fragen, ob ich diese merkwürdige Figur bildlich einfangen dürfe, die da gerade reisefertig verladen werden sollte. Die Antwort wurde mir nur zögerlich positiv beschieden, vermutlich war man sich nicht sicher, ob es ihr recht sei, derart verewigt zu werden, der Wasserfee-Göttin, so wurde sie mir vorgestellt. Ok, dachte ich, die hat ja dann auch einiges zu tun, derzeit, und wenn sie ärgerlich wird, dann schüttet es oder es kommt gar nichts, kennt man ja. Darum bemühe ich mich um gebührenden Respekt, der im übrigen nie schaden kann, Glaube hin oder her, Ärger mit Wasser haben und hatten wir bereits genug.

Und noch ein paar Bilder von nebenan …

*

Samstag, 210814

Gestern, am Freitag, den 13ten. Ein gutes Datum, einen Tagesausflug zu machen und außerdem unser letzter Urlaubstag. Mich zieht es bei solcher Gelegenheit gerne zum Niederrhein. das flache Land und das Wasser wirken ausnehmend beruhigend auf mich, auch die Entfernung ist passend. Unser Ziel ist zunächst die Kleinstadt Rees. Das Städtchen ist sehr beschaulich, liebevoll wieder aufgebaut, nachdem hier wie andernorts am Niederrhein 1945 kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand.

Sehenswert ist die Uferpromenade, Reste eines alten jüdischen Friedhofes, ein Altrheinarm, der größtenteils schon verlandet ist, steinerne Zeitzeugen, Gedenktafeln, einige Skulpturen und jede Menge Kleinigkeiten für den, der danach sucht.

Es ist noch Zeit, nach unserem Stadtrundgang, und so beschießen wir, nach Emmerich zu fahren, 17 Km weiter an der niederländischen Grenze. Hier, wo der Rhein seine maximale Ausdehnung hat, bevor er sich auf niederländischer Seite teilt. Die Stadt ist unspektakulär, eine Fußgängerzone, fast alles Nachkriegsbauten oder rekonstruiert. Es gibt ein Rheinmuseum, das leider geschlossen hat, ansonsten wenig für das Auge, vom Strom mal abgesehen. Die Brücke vielleicht noch, wohl immer noch die längste Hängebrücke der Republik.

Aber – unser Besuch sollte sich dennoch lohnen. DAS Highlight des Tages war unsere Einkehr in eine beinahe unscheinbare Kneipe mit Speisegelegenheit und ein paar Tischen draußen. Beinahe heißt, zur Straßenseite hin sitzt ein großer Trupp Niederländer und lässt es sich gut gehen, sie trinken stramm durch und singen lautstark schmutzige Lieder, deutsche wie niederländische. Wir zögern zunächst, nehmen dann weiter hinten umme Ecke einen kleinen Tisch, hier hört man zwar noch etwas, sieht aber von den Besuchern aus dem gelobten Land nichts mehr. Ich freue mich ob des kräftigen Umsatzes für die Wirte, ein schräges Paar, beide vermutet Mitte bis Ende 60, wirken ein wenig aus der Zeit gefallen, aber ausgesprochen sympathisch und freundlich. Schräg ist im übrigen auch die ganze Kneipe, angesichts des schönen Wetters heute verwaist, was mich das Interieur festhalten lässt.

Das Essen wird erst einmal jeweils dem falschen serviert, wir kennen das schon. Ich bekomme das Schnitzel plus Bier, die Liebste die vegetarischen Tortillas. Nee, andersrum, sage ich grinsend und in meinem Kopf legt sich blitzschnell eine Erklärung für den verständnisvoll lächelnden Wirt bereit:

Kennen Sie die Sonnenanbeter? Bestimmt, das sind diese interessanten Insekten mit den etwas speziellen Sexualpraktiken. Nach vollbrachtem Akt gibt es Nachtisch, ja genau. Aber nur für das Weibchen, das Männchen IST der Nachtisch, für das Weibchen. Mir soll es so nicht ergehen, darum bekommt sie ein Schnitzel, vorneweg, wie Sie sehen, funktioniert es, ich lebe noch …

Ein warnender Blick der Liebsten (man kennt sich) sowie die Vorstellung, von dem Blond-bezopften Alt-68er frech grinsend noch einen schönen Tag gewünscht zu bekommen, lässt mich von solcher Art Gedanken Abstand nehmen. Gibt ja noch den Blog für solcher Art Unausgesprochenes.

Voila ..

*

Montag, 210809

Seit gestern wieder im Tal der Wupper, nach 8 Tagen Berlin. Es ist kalt im Westen, locker 4, 5 Grad kälter, Sockensommer halt. Fazit dieser Tage:

  • Es tut gut, am Leben der Familie teilhaben zu dürfen.
  • Der dicke Klecks in der Sandkiste Brandenburgs tickt in so vielen Dingen deutlich anders als West-Germanien. Vor allem im Bereich Wohnen.
  • Geschichte allerorten, ich staune oft, wie viel alte Bau-Substanz noch erhalten ist. Das ließen Aufnahmen unmittelbar nach Kriegsende nie vermuten. Während hier im Westen so viel seinerzeit noch rettbare Bausubstanz abgerissen wurde, scheint in Berlin vieles so gut es ging original wieder aufgebaut worden zu sein.
  • Die verschiedenen Kieze und Quartiere faszinieren mich immer wieder aufs Neue.
  • Auto fahren gehört definitiv nicht (mehr) zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Jede längere Strecke (hier 6 Stunden hin, 6 zurück) hat Kopfweh und Tinnitus zur Folge. Liegt gewiss zum Teil an dem rappeligen Gefährt, aber auch am älter-werden.
  • Jedes Mal Herz-erwärmend, wie die beiden Fellnasen auf unsere Heimkehr trotz liebevoller Versorgung nach ein paar Tagen Abwesenheit reagieren: Völlig unterkuschelt und unterspielt. Sichtbare echte Freude.

***

Ambivalenz. Innere Konflikte und Zwiespalt scheinen unauslöschlich zu mir zu gehören. Einerseits und andererseits. Wer schon länger hier liest, kennt diese beiden Worte sicher schon gut 😉 Zweierlei Themen möchte ich anreißen, die mich schon eine Weile beschäftigen:

Industrie vs. Naturschutz.

Als ein Kind der „alten Zeit“ weiß ich um die Bedeutung des Industrie-Standortes Deutschland. Verdiene ich doch seit Jahrzehnten mein Geld in Sachen „irgendwas mit Autos„. Und mit mir viele Millionen Mitmenschen hierzulande. Fahrzeug- Anlagen- und Maschinenbau, Automatisierungstechnik, tragende Säulen unser aller Auskommen neben dem Handel, der für mich ähnlichen Stellenwert hat. Der beste Garant für den inneren Frieden eines Landes ist allgemeines Auskommen, siehe oben, davon bin ich überzeugt. Das funktioniert nicht ohne Wettbewerb und Kommerz, alles und jedes muss sich rechnen, für den, der die Idee und das Risiko trägt, ebenso wie für alle anderen, die tatkräftig daran mitarbeiten. Über die Höhe dessen lässt sich streiten, ich rede hier sicher nicht von den nahezu perversen Gewinnen mancher Wirtschaftsfunktionäre und Börsenmakler.

Manchmal erschreckt mich die Losgelöstheit von diesen politisch-wirtschaftlichen Zusammenhängen mancher Zeitgenossen, die irgendwie vergessen haben, woher all die Segnungen wie Transferleistungen an jene, die nicht für sich selbst sorgen können, die medizinische Versorgung, die vielfältigen helfenden Berufen, dem Bildungswesen, um nur ein paar Stichworte zu nennen, eigentlich kommen? Sie werden erwirtschaftet, das ist Fakt, auch wenn das nicht allen gefällt. Mir gefallen lediglich die Auswüchse nicht, das Prinzip als solches schon. Gott sei Dank besteht die Welt ja nicht nur aus Mammon, es gibt so viel „unbezahlte“ Arbeit, Dienst am Nächsten mit unzähligen Gesichtern aus ebenso zahllosen Motiven jedes Einzelnen. Nur – so genannte Selbstlosigkeit (über den Begriff lässt sich auch streiten) muss Mensch sich auch leisten können, d.h., sein Auskommen muss gesichert sein. Das betrifft jene, die aktiv am Wirtschaftskreislauf teilnehmen ebenso, wie andere, die das aus vielerlei Gründen eben nicht können.

Die andere Seite: Die Gewissheit, es geht so nicht weiter, auch wenn die dramatischen Folgen von Wasser und Feuer in Sachen Klimawandel ein Produkt von weit über 100 Jahren Industriezeitalter sind, teils irreversibel und in der Korrektur sicher ebenso lange brauchen wie in ihrer Entstehung. Das, was heute unternommen wird, um dagegen zu steuern, wirkt sich erst nach sehr langer Zeit aus und leider denken immer noch viel zu Viele „nach mir die Sintflut“. Warum soll ich verzichten, wenn ich nichts davon habe.

Wie passt all dies am Ende zusammen? Ich habe die Hoffnung, dass sich gerade hierzulande die verschiedenen Kräfte zusammenfinden. Naturschutz, Kommerz und unser Standort als Industrienation mit einem fundamental guten naturwissenschaftlichen Bildungssystem, um das uns andere beneiden. Es geht um nichts weniger als unser aller Überleben, ökologisch und ökonomisch. Ansätze gibt es viele, ich beobachte das gespannt. Wenn ich wüsste, welche die richtigen sind, säße ich jetzt nicht hier, sondern würde mich sicher anderweitig beschäftigen 🙂 Beruflich bin ich für meinen Teil ein „Auslaufmodell“ mit einer sehr begrenzten „Restlaufzeit“, aber als Mensch mache ich schon so meine Gedanken, wie es wohl mit unseren Kindern und Kindeskindern weiter gehen könnte. Dabei ergehe ich mich sicher nicht in dystopische Szenarien, sondern schaue eher hoffnungsvoll auf die Möglichkeiten, die sich auftuen, für jene, die noch so viel vor sich haben. Weil – selbst erfüllende Prophezeiungen nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene funktionieren, da bin ich mir sicher. Alles ist Energie – auch schreibend und lesend.

Zum Ende – Mein Herz und mein Gefühl haben auch solche Menschen wie sie in dem Film Wild Plants vorgestellt wurden. Ein stiller, beinahe meditativer Streifen, den ich mir immer wieder mal gerne anschaue.

~

Sonntag, 210620

Morgen ist Sommersonnenwende, eine von für mich vier wichtigen Jahres-Zeitmarken, neben der Wintersonnenwende und den so genannten Tag-Nacht-Gleichen, Pari zwischen Licht und Dunkelheit, die sich dann den Tag hälftig teilen und Beginn von Frühling wie Herbst markieren. Derzeit ist jedenfalls das Licht dominierend, fordert zu Aktivität aller Art auf und vertreibt zumindest teilweise auch innere Schatten. Gut so.

Sonst so? Gisela schreibt über tiefe Brunnen, mir gefallen Gleichnisse mit Wasser sehr. So wie Wasser an sich faszinierend auf mich wirkt, auf physikalischer Ebene als der Lebensspender überhaupt sowie in seinem Fließverhalten in der Natur, gelenkt von den geologischen Beschaffenheiten der Landschaften, ober- und unterirdisch. Aber auch auf der Meta-Ebene unserer Seelenleben mag ich das Bild des Wassers, das so oft Zusammenhänge sichtbar machen kann, wo andere Sprachen entweder zu abstrakt, zu verkopft wirken, wie die Psychologie zumindest teilweise, oder wie die Astrologie zu sehr esoterisch verbrämt daherkommt (zu Unrecht, finde ich, ist sie doch das Resultat sehr langer Zeit der Beobachtung).

Wasser auf der Meta-Ebene also. Der Fluss als Sinnbild des Lebensstromes gefällt mir, in seinem Lauf von Quelle bis zu seiner Mündung in einen See, in einem Meer. Mit seiner allmählich wachsenden Größe, seiner sich mit der Landschaft verändernden Fließgeschwindigkeit, seine ruhigen Zonen, seinen Stromschnellen und Untiefen. Auch das Bild des Wassers, bezogen auf seine Reinheit, seine Klarheit oder eben auch als trübes Gewässer, gefällt mir. So wie sich manches „klärt“, wenn es nur lange genug in Ruhe gestanden hat, mal eine Weile nicht bewegt wird.

Es fiele mir noch mehr dazu ein, würde hier nicht mit Recht nach Frühstück gequengelt. Prioritäten setzen also, wie so oft. Musik vielleicht geht noch …

Satz des Tages:

Hier ist ja alles schief!

Levon, 5, aus Berlin, schwitzend den Wuppertaler Nordhang erklimmend.

*

Samstag, 201128

Zeitig aufzustehen, hat echte Vorteile. Jetzt sitze ich hier mit Frühstück im Bauch, verdaue vor mich hin, harre dem großen, freudigen Ereignis, bevor es raus geht, den Kühlschrank füllen. Kann ich auch gleich noch einen Blog-Eintrag schreiben… Nach dem Einkauf die Eltern besuchen, anschließend unsere besten, langjährigen Freunde. Sie hat Corona, er Quarantäne – es rückt immer näher. Werde ihnen das Gewünschte vor die Tür legen, rein traue ich mich nicht.

Sonst so? Irgendwo zwischen dem hier…

…und dem hier, weiter unten. Da bin ich noch nicht, könnte ich aber hinkommen. Oder auch nicht. Die Reise geht jedenfalls weiter. Nebel-Land, Fahrt auf Sicht. Aus der schnellen Fahrt auf dem bewegten Fluss ist ein langsames, eher bedächtiges Gleiten durch die zahllos verästelten Arme des Deltas geworden. Alles fließende Wasser mündet im Meer, da kann man nicht viel falsch machen. In Totarmen geraten, lässt sich wenden, stehendes Wasser ist was für Schlammbewohner.

Die Grinsekatz hat mal wieder die besten Antworten:

Mein Avatar kommt nicht von ungefähr.

Samstag, 201114

Die Eschbachtalsperre, früher auch Remscheider Talsperre genannt, liegt direkt an der A1, Raststätte Remscheid. Wer beim Motel des Rastplatzes parkt, ist schon da, der Rundweg (3 Km) um die kleine Sperre beginnt genau dort. Sie ist die älteste Trinkwassersperre Deutschland und feiert nächstes Jahr ihren 130sten Geburtstag. Mich fasziniert die Bautechnik der damaligen Zeit, nach ihrem Erbauer wurde in Remscheid auch eine Straße genannt. Die gute Erreichbarkeit in Kombination mit dem frühlingshaften Wetter war heute Anlass, mit meinem Vater dort hin zu fahren. Tatsächlich schaffte er den ganzen Rundweg.

Sonst so? Wasser – gestautes Wasser. Zurückgehaltenes Wasser. Nicht immer ist es von Nutzen, wer nah am selbigen gebaut ist, weiß, wie ich das meine. Im metaphorischem Sinn wird es nicht kontrolliert genutzt wie in einer Talsperre, sondern bahnt sich allmählich seinen Weg, umgeht sämtliche Sperren, um dann, meist zur Unzeit, an irgend einer Stelle zu Tage zu treten. Wasser eben. Eines ist ihm jedenfalls im tatsächlichen wie im metaphorischen Sinn gemein: Es reinigt.

PS: Es lässt sich lernen, unter Wasser zu atmen.

*

Höhlenbewohner

Gerade gesehen: Friendship – ein Beinahe-Roadmovie mit ernsten Hintergrund von 2010. Viel gelacht und am Ende tief bewegt … ein Stück deutsch/deutsche Realität.

Sonst so? Früher kannte ich Jungs, die auch so drauf waren. Selbst habe ich mich nicht getraut. Klar konnte ich verreisen, als einer, der durch Fügung auf dieser Seite Deutschlands geboren wurde. Was ich nur selten tat – von einigen verrückten Touren mal abgesehen. Zudem waren mir bis 1990 die Niederlande als gelobtes Land näher als der Osten Deutschlands, nicht nur geographisch, bis ich sozusagen über Nacht ostzonale Anverwandtschaft bekam, was eine Geschichte für sich war. Und heute? Bin ich dankbar, gerne zuhause sein zu dürfen. Wenn ich Bewegung brauche, bin ich mal `ne Weile unterwegs. Ansonsten viel Familie, die teils weit weg wohnt. Was mir echt fehlt, ist das Meer. Wobei das Wasser schneller kommt, als meist gedacht. Wenn auch nicht plötzlich und unerwartet.

Gut zu Fuß

Seit einigen Tagen habe ich so eine Schrittzähler-App auf meinem Phon. Eigentlich überflüssig, aber schon interessant, was da so am Tag zusammen kommt. Meist habe ich das Ding ja bei mir. Nebenan die Jane hat das mit einem Tamagotchi verglichen, dieses imaginäre Wesen aus den unseligen 90ern, welches ständig versorgt werden wollte. Hat etwas, der Vergleich …

Und so drehe ich digital kontrolliert meine Runden, gestern Abend kamen gut 7000 Schritte zusammen, heute nur knapp weniger. Na toll. Aber immerhin – so komme ich an die Luft – hier gestern Abend über die menschenleere Nordbahntrasse – schon ein merkwürdiges Gefühl.

rps20200216_171910

Beim gehen lasse ich Gedanken und Gefühle kommen und wieder ziehen, bin allein, ohne mich einsam zu fühlen. Nur wenige Geräusche sind schwach zu vernehmen, irgendwo leise Stimmen, entfernt Autos, hier und da irritierte Vögel, die angesichts der milden Temperaturen ihren Kalender vorgestellt haben. Es ist anders als beim radfahren, kein Fahrtwind in den Ohren und alles geht bedeutend langsamer.

Heute Nachmittag dann folgt eine weitere Runde, herunter vom Berg in die Stadt. Eine Weile sitze ich still in St. Laurentius, die Welt ist zumindest akustisch komplett ausgesperrt.

rps20200216_171938

Beim verlassen der Kirche fällt mir eine Doku aus der Mediathek ein, Thema die steigenden Meeresspiegel. Und da sonst gerade in meinem Kopf nichts weiter los ist, stelle ich mir vor, wie das wohl hier ausschaut, wenn das Tal der Wupper einst zum Fjord wird, Venedig light irgendwie. An den Türmen von St. Laurenz können dann Schiffe festgemacht werden, der Ölberg wird zur Landzunge mit Seeblick, anstelle der Tauben scheißen dann Heerscharen von Möwen alles voll. Überall werden geführte Tauchgänge in das versunkene Beinahe-Atlantis angeboten, Kinder sammeln Seesterne am Ufer, weiße Segelboote werden von Frachtkähnen angetutet, ich könnte Sonntags fein Kahn fahren gehen und unsere alte Burg wäre vermutlich auch wieder voll vermietet, angesichts der abgesoffenen Niederungen. Wie schon gesagt, sonst gerade keiner zuhause, in meinem Kopf. Vorerst jedenfalls lassen zumindest hier die Fluten noch auf sich warten, was sich da anderenorts tut, ist schon schlimm genug

Die nächste Station ist die Hardt – erste Frühlingsboten sind zu sehen, es sind lauschige 15 Grad, bei kräftigen Windböen, die mich auf andere Gedanken bringen. Verkehrte Welt im Februar …