Sonntag, 220306

Alte Bekannte

In meinem Bauch, da wohnt ein Tier. Wenn es sich meldet, zieht sich nicht nur der Magen zusammen, alles andere reagiert ebenso, auf ungesunde Weise. Es hat spezielle Ernährungsgewohnheiten, das Tier. Seine Leib- und Magenspeise (ich höre es gerade leise kichern) sind lose Nervenenden. Es knabbert daran wie an Salzstangen. Der restliche Ernährungsplan ist auch nicht ohne. Vor allem nimmt es zu viel, von allem. Unmaß heißt das, glaube ich. Zu viel Ratio, zu viel Information, zu viel Bilder, zu viel Analyse, zu viel vermeintliche Logik, zu viele natürlich vergebliche Versuche, in anderer Menschen Köpfe zu stecken.

Wir sind alte Bekannte, das Tier und ich. Es wurde zeitgleich mit mir in diese Welt gesetzt. Es ließ sich eine Weile milde stimmen mit einer Menge Alkohol und anderer Sachen. Bis es sich daran gewöhnte, immer mehr Toleranz entwickelte, sozusagen. Es war kein Weg für ein gutes Miteinander und bald lief das Tier zur Höchstform auf, entwickelte sich vom heimlichen zum unheimlichen Machthaber meiner unsterblichen Seele, mit allen gruseligen Begleiterscheinungen. Später dann, viel später fand ich heraus, wie wir miteinander klar kommen. Es ist ein einfacher Satz nur, wenige Worte, die nicht aus meinem Mund kommen, Worte, die gefühlt und nicht gesprochen werden. Worte, die der Stille bedürfen, die aus dem unterlassen aller Aktivitäten wachsen, aus dem zur-Ruhe-kommen alles mehr oder weniger sinnvollen Tuns entstehen.

Ich bin bei Dir, fürchte Dich doch nicht, ich bin immer bei Dir.

~ ~ ~

Sonst so?

Ich bin der Kümmerling. Kümmere mich um alles, das macht gutes Karma, glaube ich, keine Ahnung. Hat mit der ersehnten Ruhe nicht viel zu schaffen, ist aber schlicht von Nöten. Bei den Eltern zum Beispiel. Speicher saugen, Keller fegen, Flusensieb säubern, Müll herunter und Wäsche herauf bringen, lästige Korrespondenz in Vollmacht erledigen, so Sachen eben. Zuhause geht es dann weiter, und manchmal bekommt das bizarre Züge.

So geschehen dieser Tage. Die Waschmaschine nimmt kein Wasser mehr. Das war kein böser Wille von ihr, es ging schlicht nichts mehr durch den Hahn hindurch, dauerhaft geschlossen, Dank Kalk und viel Zeit. Also bewaffne ich mich mit einer Schieblehre und versuche, das gülden schimmernde Innenleben zu definieren, soweit man das kann, ohne es zu demontieren. Es gibt bekanntlich eine Menge davon, so können ein paar Zahlen nicht schaden. Damit versehen führe ich Telefonate, mit Handwerksbetrieben auf dem Weg. Nö, sagen die verkaufen tun wir nix, kommen aber gerne gucken. Vielen Dank, kann ich selbst, sage ich und freunde mich mit einem Baumarktbesuch an. Ich mag die Märkte nicht, aber was nützt es. Also hin und suchen und messen, gucken, das rechte finden und wieder heraus, nach Hause. Wasser abgedreht, altes Zeug heraus gedreht, Neues herein, zuvor noch geguckt, ob eine Dichtung dabei ist, Wasser wieder an, nochmal gucken, alles schön dicht. Freude und Danksagung nach oben, ab auf das Sofa, Belohnungsschläfchen.

Derweil irgendwann kommt die Liebste heim. Wach, wie ich mittlerweile bin, höre sie im Bad rumoren, die Wäsche ist ihr Ding. Dann höre ich sie meinen Namen rufen und irgend etwas gefällt mir an ihrer Stimme nicht, also stehe ich zeitnah auf. Gehe ins Bad und sehe sie in einer riesigen Pfütze stehen. Mir rutscht das Herz in die Hose, das Tier freut sich über den Besuch auf der Durchreise nach weiter unten und kichert wieder. Scheiße – Kran gerissen oder was, bist zu blöd zum schrauben? Setze mich, nachdem die Sauerei beseitigt und alles abgetrocknet ist, aufm Klodeckel und beäuge mit Hilfe eines Hand-Flakscheinwerfers den Kran, derweil die Maschine noch einmal das gleiche tut wie gerade eben. Nichts geschieht, alles trocken, der Kran unversehrt.

So langsam zweifele ich an meinem Verstand. Wo kam das verdammte Wasser her? Die Maschine ist relativ neu und kein Billigprodukt, eher unwahrscheinlich, dass da schon was ist. Frage mal nach einem detaillierten Tätigkeitsbericht und höre heraus, dass nach erfolgter Wäsche die Schublade für Waschpulver und so herausgezogen wurde, zwecks einer Säuberung. Ein Riesenteil, das nicht so recht in das Waschbecken passt. Na, schon jemand eine Ahnung? Richtig. Das Wasser muss zum einen Ende hinein gelaufen sein und unbemerkt aus dem anderen wieder hinaus, das außenbords hing. Erinnert irgendwie an dem kaputten Duschvorhang, der alles unter Wasser setzt, nur weil er außen umher hängt…

Toll, Toll, sage ich. Machst hier Gaslighting mit mir, kippst n Eimer Wasser aus und suggerierst mir, zu blöd zu allem zu sein. Wir lachen und selbst das Tier hat Spaß. Immerhin.

*

18 Gedanken zu “Sonntag, 220306

  1. Ich mag tatsächlich Baumärkte, geh immer mit vollen Körben und leerem Portemonnaie wieder raus. Selber können finde ich cool (mein Tier übrigens auch, das mit deinem verwandt oder bekannt zu sein scheint). Bei der Schieblehre musste ich grinsen. Hieß so, als ich in der Lehre war. Heute muss ich es Schülern abgewöhnen, die Meister aus meiner Generation oder älter haben.
    „Ich bin bei dir, fürchte dich doch nicht“
    Das juckt und ich kann mich nicht erinnern, wann das ein Mensch zu mir gesagt hat. ich – die Mutige – schien das nie nötig zu haben. Mit 14 wählte ich Psalm 23 als Konfirmationsspruch. Nicht ohne Grund offenbar. Wenigstens einer, dachte ich wohl. Es hilft, sich in eine große Hand zu kuscheln, egal, wie man sie nennt. Am Ende hoffen wir alle, dass sie uns auffängt.
    Lieben Gruß dir
    Alice

    Gefällt 3 Personen

    1. So, jetzt habe ich etwas mehr Zeit, Frühstück hat fertig 🙂

      Baumärkte – es ist schon besser geworden, wenn man das rechte Suchwort weiß, also den sachlich richtigen Namen für das verreckte Gelumpe, dann sagt das Netz die Verfügbarkeit im nächsten Markt der Wahl an und sogar den richtigen Gang, so dass es etwas flotter geht. Aber erst einmal finden, den richtigen Begriff. Ventileinsatz oder Ventiloberteil, das kennt die Suche.

      Ich bin Jahrgang 62 und sage Schieblehre 🙂
      Mögen die Messdiener Messschieber sagen.
      Und die Russen Stangenzirkel (kein Witz, lt. Wikipedia

      Und ja, wenigstens einer.
      So isses.

      Gefällt 1 Person

      1. De Schieblehre sei dir gegönnt, mir ist es eigentlich schnuppe, wie man das Ding nennt. Es ist praktisch, wenn man was messen möchte, kann man aber auch schieben. Jaja, Worte sind magisch und Begriffe unterliegen mancher Norm. Muss nicht, ist aber so. Wie vieles andere auch gerade
        Mach dir nen schönen Abend, so kurz nach dem Frühstück 😉

        Gefällt 2 Personen

  2. Ich bin jedes mal dankbar, wenn die Waschmaschine wäscht, der Kühlschrank noch kühlt und der Herd herdet …
    herdet 🤔 … öööh … kann mir mal einer erklären, warum der Herd Herd heißt ???
    Zuviel geht für mich gar nicht.
    Bei zuviel dreh ich leicht durch, relativ egal, zuviel von was …

    Gefällt 1 Person

  3. Ja suuper!
    🙂 😉

    Aber tröste dich, ich habe den dreimaligen Besuch des werkseigenen Kundendienstreparateurs für ein Haushalts“klein“gerät im Verlauf von ca. 9 Wochen hinter mir, bis er, der Kundendienstler, mir bestätigten konnte, dass das Gerät nicht repariert werden kann. Als einziger Trost blieb mir, dass er, der Kundendienstler, schlussendlich nur eine einmalige Anfahrt à 99 € mir in Rechnung stellte.
    So kann’s kommen.
    Aber unsere Ampelregierung will uns zwecks Motivierung zu Reparatur statt Neukauf einen Reparaturzuschuss von 100 € im Jahr gewähren. Wie das?

    Nimm’s leicht, ich tue bzw. tat es auch. Und … Lachen ist die beste Reaktion, wir, die frustrierte Kundin, und er, der noch frustriertere Kundendienstler, taten es nämlich auch.
    Na denn.

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