Donnerstag, 201224

Heiligabend 2020 – und alles ist anders als in den vergangenen Jahren. So sehr mir Berührung und Begegnung auch fehlen, sehe ich doch die positive Seite dieser Tage. Es ist deutlich ruhiger da draußen, irgendwie überträgt sich das auch auf mein Befinden. Besinnung auf das Wesentliche – für mich bedeutet das in erster Linie Dankbarkeit. Für die Menschen, die es nicht nur mit mir aushalten, sondern mir auch spürbar zugetan sind. Für die Chancen, auf meine fortgeschrittenen Tage noch etwas lernen zu dürfen, mit Blick auf die angespannte Vorweihnachtszeit. Danke dafür!

Sonst so? Der Tag begann früh, mit einem dunklen, grollenden Schnurren. Madam kommt nicht gleich zu mir in`s Bett, nein. Sie legt sich erst mal auf die Lehne des Schlafsofas und wartet, vor sich hin schnurrend. Sie möchte geladen werden, mit leiser Ansprache, einer frei geräumten Ecke und freundlichen Gesten. Dann gibt sie sich die Ehre, vielleicht, und kommt kuscheln. So wie heute früh…

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Sonst so, Teil 2 ?

Nicht allen geht es gut, dieser Tage. Wenn jemand einen kennt, der einen kennt, oder falls jemand sogar selbst erkennt … es gibt Gesellschaft. Anbei frisch aktualisierte Listen der derzeitigen Online-Meetings für Menschen, die den Wunsch haben, mit dem Trinken, mit dem Konsumieren aufzuhören:

Online-Meetings der Narcotics Anonymus – Alkohol wird hier übrigens als eine Droge von vielen anderen angesehen. Ideal für Mehrfach-Abhängige.

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Samstag, 201017

Es will nicht wirklich hell werden, da draußen. Sei `s drum, es ist halt spät im Jahr. Die Zeit am Schirm nutze ich, einen älteren Artikel beim Wassertiger , die Selbsthilfe betreffend, mit einem Update zu versehen. Stelle ich der Einfachheit halber hier mit hinein:

Mit der Zeit komme ich zu einigen, für mich sehr interessanten Erkenntnissen:

  • Es geht mir auch ohne Gruppe gut, meinem Glauben sei Dank. Die üblichen Schwankungen, denen alle Menschen ausgesetzt sind, inbegriffen. Teilen und weitergeben ist mir immer noch wichtig, aber weniger aus einem persönlichen Bedürfnis, aus eigener Not heraus, mehr mit der Hoffnung verbunden, anderen Mut zu machen, ihren Weg weiter zu gehen.
  • Ich bin und bleibe ein süchtiger Mensch, der nur durch Gottes Gnade im Leben so etwas wie Halt gefunden hat.
  • Es fühlt sich so an, als ob nun das Gelernte der letzten 20 Jahre auf seine Ernsthaftigkeit, seine Tragfähigkeit hin geprüft wird.
  • Konspirative Freundschaftstreffen (inoffizielle Meetings) in ominösen Hinterhöfen, ohne Bekanntgabe meiner persönlichen Daten, haben auch ihren gelegentlichen Reiz. Natürlich immer unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen wie Abstand und Maske. Und – was in den oft sehr vertrauensvollen Runden echt schwer fällt – niemanden drücken oder herzen. Auch interessant – früher konnte ich das nicht, heute fehlt es mir.
  • AA ist in erster Linie eine Zweckgemeinschaft, wer sich abwendet, existiert für die meisten anderen nicht mehr wirklich. Oder aber mein persönlicher Zuschnitt, meine gelegentliche Impulsivität, Arroganz, Distanz, verhinderte tiefere Bindungen über die Jahre. Wahrscheinlich ein Mix aus beiden.
  • Die gewonnene “freie” Zeit kommt mir sehr gelegen, mit Blick auf familiäre Verpflichtungen.

Sonst so? Auch ich spüre dieses Grummeln im Bauch, angesichts der Pandemie-Entwicklung. Das Tal der Wupper ist mit knapp 100 Neuinfektionen/100 000 Einwohner in den letzten 7 Tagen der Favorit in NRW, kurz vor dunkelrot in den einschlägigen Karten. Ein Promille also, ab 0.5 wird`s rot. Fast wie im Straßenverkehr…stärkt mich in den Entschlüssen, weiter auf meinen Schöpfer zu vertrauen, mich von Zahlenwerken nicht über Gebühr beeindrucken zu lassen und meinesgleichen so gut als möglich/unausweichlich zu meiden. Inner Circle von Familie und Freunden ausgenommen.

Sonntag, 200816

Die erste Kanne Tee ist drin und auf dem besten Weg, wieder zu verdunsten, obwohl es im Vergleich zu gestern 2 Grad „kühler“ ist, hier im Zimmer. Also 27 statt 29 – zum vor-mich-hin-perlen reicht es allemal noch.

Zwar besuche ich (derzeit) aus gegebenen Anlass keine Selbsthilfegruppen, gebe aber dem suchenden Teil in mir regelmäßig Futter, zum hinterfragen, zum nachspüren. Wo stehe ich, jetzt und hier? Der unten stehende Text fand mich heute früh, als Teil der Tagesmeditation der Narcotics. Diese stehen inhaltlich ebenso nahe wie die anonymen Alkoholiker, wobei für die Narcotics natürlich die gleichen bekannten Regeln gelten, darum meide ich hier wie dort die so genannten offiziellen Präsenz-Meetings.

Quelle: Narcotics Anonymous, Nur für Heute

Genau so fühlt es sich für mich an, auch wenn das ein wenig nach dem evangelikalen „Bete und arbeite“ klingt, das gerne von den Mächtigen zum Herrschen und Knechten missbraucht wurde. Neben der steten Veränderung bleibt allerdings auch etwas konstant – die Macht, größer als ich selbst, mein Schöpfer. Was sich in Bewegung befindet, ist mein Verhältnis zu meinem Gott. Mal ist er mir nahe, mal weniger nah. Meine Wege zu ihm sind in Bewegung, fühle ich mich fern von Gott, bin ich es, der sich entfernt hat, nicht umgekehrt.

Sonst so? Das Gute an so einem Sonntag sind die morgendlichen, geschenkten freien Stunden, das nutzt Madam gerne auf ihre Weise. Sinnlichkeit pur, auch etwas, was stetem Wandel unterliegt. Wir genießen ihn jedenfalls beide, den flüchtigen Moment der Nähe. Jedes kleine Geräusch kann sie jederzeit beenden, wohl dem, der in solchen Momenten in der Gegenwart verbleiben kann.

Und…

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Selbsthilfe & Corona – Update

Neue Regeln für “offizielle” Präsenz-Meetings (NRW): Teilnahme nur nach Anmeldung (?). Bekanntgebe des vollständigen Namens und der Adresse. Vermutlich, um dem Gesundheitsämtern die verwaltungstechnisch umständliche “Entschlüsselung” der Metadaten jedes Teilnehmers über die Mobilnummer zu ersparen. Wer unter diesen Bedingungen ein Präsenz-Meeting aufsucht, muss wissen was er tut. Nachzulesen HIER.  Mich bestärkt das in meiner Entscheidung, den offiziellen Präsenz-Meetings bis auf weiteres fernzubleiben.

Wieder Sonntag

Tagesmeditationen gefallen mir, wenn sie nicht zu lang sind. Bücher habe ich, allerdings reicht mir das tägliche Zeug schon, welches ich mit mir umher trage. Manches ist auch nicht mehr verfügbar, wie das alte grüne Buch der anonymen Alkoholiker, „24 Stunden am Tag“. Allerdings gibt es noch eine Website, wo sich die Texte nachlesen lassen.

Ein Auszug zum Tag heute …

„Ich will Gott für alles danken – selbst für scheinbare Prüfungen und Qualen. Ich will danach streben, dankbar und demütig zu werden. Mein ganzes Verhalten der Höheren Macht gegenüber soll voller Dankbarkeit sein. Ich will mich über alles freuen, was ich erhalten habe. Was Gott mir offenbart, will ich weitergeben. Ich glaube, dass ich die Wahrheit immer deutlicher erkennen werde, je weiter ich auf dem neuen Lebensweg vorankomme. Ich bete, dass ich dankbar sein möge für alles, was ich so unverdient erhalten habe. Ich bitte, dass diese Dankbarkeit mich wahrhaftig demütig macht.“

Genau mein Thema, derzeit. Zu schauen, wie ein nahe stehender Mensch sich Stück für Stück von dieser Welt zurück zieht, zurück gezogen wird, um uns voran zu gehen. Die Tiefe dessen, das, was in mir berührt wird, schaudert mich – und doch bin ich dankbar für diese Erfahrungen, die mir wohl so zugedacht sind. Stellen darf, soll ich mich dem, kann ich dank meiner Trockenheit und zumindest zeitweiser Nüchternheit (Ja, das sind zwei verschiedene Themen…) Die Wahrheit deutlicher erkennen lassen – stark reduziert bewegen mich der Tod und die Liebe, schon länger und auch weiterhin.

Und – das Lied zum Tag darf auch nicht fehlen.

Sonst so? Mut zur Hässlichkeit, habe ich irgendwo gelesen. Zeit fordert Tribut, Gesichter wollen sich erarbeitet werden. Wohlan, vom Nett-ausschauen ist noch aus keinem was geworden. Einen guten Sonntag uns allen.

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Drei Tage

Drei Meetings, hintereinander, was für mich ein ungewöhnliche Dichte darstellt. Angefangen am Feiertag mit dem diesjährigen Herbsttreffen der anonymen Alkoholiker, über unser reguläres Meeting am Freitag Abend hin zu unserem so genannten spirituellem Meeting, was eigentlich eine unpassende Bezeichnung ist, wie ich finde, derweil die meisten Meetings ausgesprochen spirituell verlaufen. Der Unterschied besteht im ersten Teil des Meetings, in dem ein etwas längerer Text gemeinsam gelesen wird, die darauf folgenden Wortmeldungen lehnen sich am Gelesenen an.

Was macht das mit mir? Ich fühle mich zum einen gekräftigt, geerdet, mir selbst und meinem Schöpfer etwas näher. Und – als Mitglied so einer immer noch großen, hilfreichen und weltweiten Gemeinschaft bin ich nicht allein mit meinen Lebensschwierigkeiten, mit meiner unheilbaren Suchterkrankung die sich daraus entwickelt hat. Zuzüglich der Lebensschwierigkeiten, die sich aus der Suchterkrankung entwickelt haben. Und – es wird bei aller Ernsthaftigkeit auch gelacht.

Wärme, Nähe, Geborgenheit, Gemeinschaft.

Es geht mir gut, heute. Jetzt. Ich halte den Zeitraum kurz, was mein Befinden angeht, dafür ändert sich das zu schnell. Überhaupt, die Zeit. Heute gibt es schmerzhafte Stunden und manchmal auch Tage. Früher waren es Jahre.

Sonst so? Heute ist Erntedankfest. Zeit, das zu tun, was gerne zu kurz kommt, bei mir. Dankbar sein, für das, was ich habe. Nicht nur auf dem Teller, sondern überhaupt in meinem Leben. Was Feldpflege bedingt, pflügen, sähen, ernten eben. Manchmal auch harte Arbeit.

Und – Sonntag ist auch noch, und früh genug für das alte Lied…

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