Samstag, 221001

Trübes Wetter mit trüber Stimmung. Vater seit Donnerstag gesichert mit Corona infiziert, die Mutter, die ihn am Mittwoch noch besucht hat, natürlich auch. Was eine heutige Treppenhaus-Visite nach sich zieht, was raus soll, wird bereits dort stehen, was rein soll, wird dort abgelegt sein.

Entscheidungen stehen an, früher oder später. So stehe ich in täglichen Kontakt mit Vaters Station, hatte gestern ein sehr offenes Gespräch mit einer Schwester dort. Vater ist derzeit ansprechbar, aber sehr schwach, isst kaum noch. Was tun, wenn Vater Atemnot und/oder Fieber bekommt, also einen Zustand erreicht, dessen Bewältigung das Altenheim nicht mehr gewährleisten kann? Es gibt dann genau zwei Möglichkeiten, Krankenhaus oder das Palliativ-Zimmer im Heim unter Gabe von Morphinen und Betreuung eines Palliativ-Mediziners.

Mein Vater ist in seinem 89sten Lebensjahr und hat zahllose Krankenhausaufenthalte hinter sich. Bei meinem letzten Besuch Donnerstag vor einer Woche wirkte er auf mich relativ klar, mit seinem Wunsch, gehen zu dürfen. Ich weiß nur nicht, wie, sagte er. Du wirst abgeholt, antwortete ich ihm. Es ist nur ein Übergang, der Tod ist nicht das Ende. Du wirst auch erwartet werden, von denen, die dir voraus gegangen sind, und wirst Ruhe finden dürfen.Du spricht wie ein alter, weiser Mann, meint Vater grinsend.

Mit Mutter bin ich mir einig, dass Vater ein weiterer Krankenhaus-Aufenthalt erspart bleiben soll.

Trauer schleicht sich an, so durch die Hintertür.
Ich lasse sie gewähren.

*

Ablenkung darf auch sein.

Ich mag solche Darstellungen. Illusionäre Vortäuschung von NICHTS nur durch seine Umgrenzungsgeometrie. Mir fallen zahllose gesellschaftliche Parallelen im Alltag dazu ein. Die Politik kann sich dessen meisterlich bedienen, wenn sie nicht gerade mit handfester Krisenbewältigung beschäftigt ist, sein muss. Religionen sind auch gut darin.

Für mich – ein Sinnbild sämtlicher Konstrukte menschlicher Vorstellungskraft, gerade dort, wo der Verstand an massive Grenzen stößt. Die Umgrenzungsgeometrien versinnbildlichen unsere äußeren Lebensumstände, den sichtbaren Teil unserer Existenz. Also den Teil, mit dem wir uns so gerne identifizieren und uns aneinander messen. So wird ein Scheinbild aufgebaut, das zugleich den Ausweg oder die Lösung in sich trägt – wenn man bedenkt, dass das Scheinbild und der Hintergrund dieselbe Farbe haben, verschmelzen Schein und Sein wieder zu einem Ganzen, allen Begrenzungen zum Trotz.

*

Diesseits und Jenseits

Donnerstag, 220728

Vater kommt nicht an, in seinem neuen Zuhause. Tief traurig hängt er wie schon so oft längst vergangenen Zeiten nach. Ein Mensch, der immer schon nur seine Vitalität hatte und seinem Geist kaum Beachtung schenkte. Sterben möchte er, sagt er. Ich nicke stumm und begrenze meine Zeit mit ihm. Was soll ich ihm auch sagen? Damit er mich und andere auch nur ansatzweise versteht, muss man ganz dicht an sein Ohr und dann hinein brüllen, dann gehts. Was vom Gehörten dann wirklich bei ihm ankommt, ist wieder eine ander Sache. Außerem habe ich keine Lust, die Station mit meinen Vorstellungen vom Jenseits zu unterhalten.

Habe ich Vorstellungen vom Jenseits? Nein, habe ich nicht. Es ist so ein diffuses Gefühl, wieder heimgehen zu dürfen, bevor die nächst Runde beginnen muss. Dort, wo wir herkommen und wieder hin dürfen, das ist nur eine Art Ruheraum, zum resetten, zum Loslassen, so es denn nicht schon auf Erden stattfand und scheinbaren Vergessen der letzten Existenz. Scheinbar deshalb, weil ich an ein tieferes Wissen glaube, das losgelöst ist von Geschlecht, Rollen, die wir spielten, Verwandtschaftsgrade, sozialem Stand. Ein Vorgang, der unterschiedlich lang dauern kann, in meiner Vorstellung, je nachdem. wie sehr wir unserm letzten Dasein noch verhaftet sind. Wiederkommen müssen wir, weiter lernen, in so einem immer noch erbärmlichen Zustand kann die Menschheit nicht verbleiben. Aber zuvor dürfen wir ausruhen und irgendwie freue ich mich darauf.

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Gestern war ich bei ihm. Gut auschauen tat er, sie machen ihn so langsam zurecht, dort. Irgend jemand hat ihn ordentlich rasiert, das wollte ich übernehmen, hat sich erst mal erledigt. Vater wunderte sich, er wusste genau, dass ich Donnerstag gesagt habe. Hab ich vorgeschoben, sage ich, wegen deiner Medikamente. Was er dagegen nicht mehr wusste, war, dass ich verheiratet bin, sogar zum zweiten Mal. Ich muss grinsen und zeige ihm ein Bild seiner Schwiegertochter Nr 2. Nein, ich wohne nicht bei Mutter, sage ich lächelnd. Das fehlte noch. So langsam lerne ich das Wesen einer Demenz kennen …

Warum zog ich den Besuch bei Vater einen Tag vor? Verwaltungskram und deutsches Recht. Am Freitag wurde er aufgenommen, auf Wunsch der Einrichtung brachte ich alle alten noch vorhandenen Medikamente mit. Es gäbe einen potentiellen neuen Hausarzt, sagten sie. OK, dachte ich, läuft. Hoffentlich haben alle das Wochenende auf dem Schirm, weil jede Klinik nur für 3 Tage Medis mit gibt, so auch Vaters letzter Aufenthalt, die Psychiartrie.

Montag, halb vier am Nachmittag dann ein Anruf von Station, Vater hätte keine Medikamente mehr. Ich solle mich kümmern. ?!? Dazu hätte ich erst testen, dann nach Barmen fahren müssen, Versichertenkarte und aktuelle Verordnung abholen müssen, um dann schnellstmöglich den alten Hausarzt, oder besser dessen Urlaubsvertretung aufsuchen müssen, Rezept ausfertigen lassen, Apotheke fahren, Zeug abholen und wieder ins Heim zurück. Das alles hätte mich einen weiteren freien Tag gekostet, mindestens. Ich erinnere die Kollegin an die Verantwortung ihres Hauses und schreibe Dienstag früh ein Fax an die Geschäftsführung.

Gestern dann, bevor ich Vater sah, erst mal zur Pflegedienstleitung, nachfragen. Man entschuldigt sich wortreich, man hätte nun den vorgesehen neuen Arzt erreichen können, der nach einigem hin und her nun Vater aufgenommen hätte, Verordnung wäre da, samt aktueller Medikamente. Der Neue möchte schnellstmöglich herkommen. Gut, sage ich, hat Eile, das Wasser steigt. Etwas, was ich nicht verstehe, weil ausgerechnet von den Entwässerungspillen noch reichlich da ist. Auf Station dann zur diensthabenden Kollegin, dem Slang nach dieselbe, die mich Montag anrief. Warum Vater soviel Wasser hat, will ich wissen. Irgendwie wird drumherum geredet oder ich verstehe in meiner Aufgebrachtheit etwas nicht, jedenfalls biete ich der Dame an, sie persönlich haftbar zu machen, wenn der Alte absäuft. Originalton, so ist das, wenn man keine Zeit zum denken hat, bevor man spricht. Woraufhin mir die Kollegin die Verordnung der Psychiartrie zeigt, liest mir jedes einzelne Medikament vor und wofür es ist. Die Entwässerungspillen haben sie schlicht vergessen, das ist es, und ohne Verordnung dürfen sie nicht verabreichen, Wasserstand hin oder her. Mittlerweile wuselt Vater um uns herum, in seinem Rolli und meckert über den Stromausfall letzte Nacht. Mein Ton wird augenblicklich umgänglicher und nach einer Weile bringe ich sogar so etwas wie eine Entschuldigung zustande. Sobald der neue Arzt kommt, wird er schauen und verordnen, dann kann gegeben werden. Einfach reinwerfen ist nicht, auch wenn die alte Dosierung bekannt ist.

Irdische Probleme. Eine meiner Lernaufgaben ist offensichtlich, schneller denken als reden zu lernen. Das ist übrigens das Geile am schreiben. Hier hat es Zeit. Und eine Return-Taste für manchen wieder besseren Wissens geschriebenen Unfug.

Samsung, 220723 (fuck T9)

MEDITATION 23.7.
Der innere Friede, der auf Gottvertrauen beruht, ist in der Tat „höher als alle Vernunft“. Diesen Frieden kann kein Mensch dir rauben. Ja, niemand hat Einfluss genug, ihn auch nur zu stören. Doch lass dich nicht von Sorgen oder Zerstreuungen deiner Umwelt ablenken, oder gar von Furcht und Mutlosigkeit überwältigen. Verschließe dich gegen alle Verwirrungen, die dir deinen inneren Frieden rauben könnten. Nimm dir fest vor, dir den heutigen Tag über durch nichts deine innere Ruhe, deinen Seelenfrieden stören zu lassen.


GEBET
Ich bete, dass ich niemandem erlauben möge, mir meinen Seelenfrieden zu rauben. Ich bitte, dass ich mir den ganzen Tag über meine innere Ruhe bewahren kann.

(24 Stunden am Tag / Hazelden)

Seelenfrieden – der eigene und der der anderen.

Vater ist in seinem neuen Zuhause , aber längst nicht angekommen. Heulendes Elend, das sterben möchte. Die Antwort meiner Mutter ist Pudding. Iss mal schön, damitte wieder aufstehst. Hat schon Logik, ist aber doch irgendwie am Thema vorbei.

Pläne wurden gemacht, Besuchspläne. Eine Stunde gestern gemeinsam mit den beiden in dem engen Zimmer haben gereicht, das alles nochmal zu überdenken. Ich werde meinen Vater einmal die Woche besuchen. Samstags dann die Mutter, wie gehabt, verbunden mit dem Angebot, sie herunter mit ins Tal zu nehmen, nach vorherigen testen. Für die Rückfahrt gibt es Taxi. Sie wird entscheiden, was ihr ihr Mann noch wert ist.

Auch Vater kann sich entscheiden. Heulend, tiefunglücklich und mit der Welt hadernd zu sterben oder sein Schicksal anzunehmen, wie es ist, verbunden mit den Möglichkeiten, die ihm noch bleiben.

Ich entscheide mich erst mal für mich, und das finde ich durchaus nicht egoistisch.

Gute Neuigkeiten, viel Arbeit und Dankbarkeit

Donnerstag, 220721

Wir haben einen Heimplatz für Vater, Dank der tatkräftigen Vermittlung des Sozialdienstes der Psychiatrie. Von dort wurden drei Patienten in der Einrichtung angemeldet, man war vor Ort und hat sich für Vater entschieden, warum auch immer, Gott sei Dank. Am Dienstag Mittag kam die Nachricht aus dem Heim, nicht allzu weit von hier, zumindest mit dem Auto. Alles muss auf einmal sehr schnell gehen, diskutieren will ich nicht, angesichts der Lage mit Heimplätzen. Und so nehme ich mir spontan am gestrigen Mittwoch frei, fahre am Morgen zu Mutter, mit Laptop und Scanner bewaffnet. Seit einer Weile schon habe ich mich mit solchen Begrifflichkeiten wie Schonvermögen, Pflegewohngeld und dem Einsatz von Sozialhilfe auseinandergesetzt, kenne mittlerweile die Regeln und Pauschalen. Am Vormittag waren Mutter und ich bei der Bank und am Nachmittag im zukünftigen Zuhause meines Vaters, die ganzen Formalien erledigen. Es ist unglaublich viel und am Abend bin ich platt wie selten, aber dankbar für die Fügung.

Am späten Nachmittag dann noch ein Anruf der Stationsärztin der Psychiatrie. Man hat sich mit dem Heim geeinigt, derweil am Freitag Morgen noch ein CT-Termin mit Vater ansteht, im Anschluss daran kommt er in die Einrichtung. Wenn sie eine weiter OP anraten, werde ich sehr wahrscheinlich nicht zustimmen. Mit der ersten OP vor 2.5 Jahren fing alles an. Weiter sagt die Ärztin, Vater sei leider immer noch delirant, eigentlich sei es zu früh, man habe mit der Einrichtung die Möglichkeit einer temporären Rückverlegung vereinbart, falls nötig. Hoffentlich nicht.

Wir machen uns erste Gedanken über die Einrichtung seines Zimmers, Gott sei Dank ein Einzelzimmer. Was hat mein Vater eigentlich für persönliche Gegenstände? Uns fällt erschreckend wenig dazu ein. Im Grunde hat er sich von allem, was ihm lieb war, schon lange getrennt. Wohnwagen, Garten, Auto, Werkzeuge, und mit seiner Gebrechlichkeit fallen auch die letzten kleinen Rundgänge draußen fort … die Wohnung hat ihn nie interessiert. Hauptsache, warm und trocken.
Einen Fernseher werden wir besorgen.

Heute habe ich erstmalig in Vollmacht meines Vaters Vereinbarungen gegengezeichnet. Ich kann dieses Gefühl nicht wirklich gut beschreiben – geschäftliche Dinge für diesen Mann regeln zu müssen, der zeitlebens das Misstrauen in Person war, auch mir gegenüber. Stark vereinfacht fühlt es sich so an, als stünde er hinter mir und macht mir Vorwürfe. Wie kannst du nur? Eines Tages wird er verstehen. Vielleicht in diesem Leben in einem der letzten klaren Momente, die ihm vielleicht noch bleiben oder erst im nächsten Dasein.

Nach der Arbeit fahre ich Vater letztmalig in der Psychiatrie besuchen, bin auf alles gefasst, nach dem Anruf der Stationsärztin gestern. Die Zustände sind wie gehabt, die anderen Patienten sind wirr, chaotisch, unruhig und teilweise sehr aufdringlich, aber harmloser Natur. Das gewalttätige Klientel ist hinter verschlossenen Türen.

Vater ist zu meiner großen Freude nicht delirant, er erkennt mich und ist froh. Ich schiebe ihn unter Protest der Angestellten vor die Tür, damit wir mal eine Viertelstunde Ruhe haben. Draußen erkläre ich ihm, dass er nur noch eine Nacht hier verbringen muss und morgen an einem Ort kommt, wo für ihn gesorgt wird, wo er ein Zimmer nur für sich haben wird. Mein Eindruck heute ist, er weiß um seine Situation und dass Mutter selbst zu krank ist, sich weiter um ihn zu kümmern. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen und auf Hilfe beim aufstehen und bei allen täglichen Verrichtungen.

Morgen ist also der große Tag. Wenn die letzten drei Wochen irgend einen Sinn gehabt haben sollen, dann den, Vater ein wenig Demut zu lehren. Derselbe Mensch, die nie etwas von Heimunterbringung wissen wollte, freut sich jetzt, die Psychiatrie verlassen zu können. Stand heute, das kann sich ändern, muss es aber nicht.

Ich bin das erste Mal seit langen etwas erleichtert und sehr dankbar.

🙏

Organisationskram, Verluste und Achterbahn

Samstag, 220716

Wir besuchen Vater am Nachmittag. Tetris mit dem Mini-Auto, die Liebste, Mutter und ihr Rollator. Endlose Fahrerei, die sich jetzt wöchentlich wiederholen wird. Für 30 Minuten Aufenthalt. Um kurz vor 3 betrete ich die Station, bewaffnet mit Waschzeug und frischer Wäsche. Heute ist es sauber, es ist Kaffee-Zeit. Vater schläft und wird geholt, er sieht sauber aus, so kann ich Mutter zu ihm lassen. Wir wechseln, sie geht hinein und ich hinaus. Nur einer darf auf Station.

Mutter ist hart im nehmen, äußerlich, steht aber schon unter Schock. Er erkennt sie, aber wir wissen nicht wirklich, ob ihm klar ist, dass er nicht mehr heim kann. Bis zum frühen Abend bleiben die Liebste und ich bei Mutter.

Sonntag, 220717

An zwei Einrichtungen sind bereits vor Wochen Formulare verschickt worden, alles belegt. Nun schreibe ich eine Einrichtung frei an, formuliere Textbausteine, die ich auch anderweitig verwenden kann, schildere in knappen Worten Vaters Situation und Krankheitsgeschichte. Das erste Anschreiben geht per Netz-Formular raus und zeitgleich per Fax, sicher ist sicher. Brief an den Pflegedienst, eine Rechnung reklamieren. Mail an unseren Gemeindepfarrer, ich schildere die Dringlichkeit und bitte um Hilfe, in Sachen Kontakte zur Diakonie und möglicher Verkürzung formaler Wege. Fühle mich wie ein Dramaturg, dabei bin ich nur Berichterstatter, bestenfalls Erzähler.

Mittendrin ruft Vater an, lässt einen Pfleger anrufen, am Mittag. Kommst du heute, fragt er, Ich kann nicht kommen, Büro-Tag und Vorbereitungen auf Montag stehen an und die zwei mal 30 Minuten pro Woche sind auch „verbraucht“. Auch möchte ich ins Krankenhaus, wo noch sein Handy liegt. Ich versuche, ihm zu erklären, dass ich nächste Woche komme. Er versteht mich nicht – komm doch, ich sitze hier am Eingang, es geht mir schlecht. Es macht mir Schmerzen in der Herzgegend, als ich mich von ihm verabschiede. Das muss er jetzt aushalten, meint die Liebste. Ich auch.

Telefonate mit Mutter und Tante. Tante will am Montag ihren alten Arbeitgeber kontaktieren, dito eine Einrichtung hier in der Stadt, Kann nur hilfreich sein, ich bedanke mich. Tante möchte zur Mutter, das freut mich für sie. Sie braucht Beistand.

Montag, 220718

4.40 Uhr, während ich dies und die letzten beiden Tage beschreibe. Die Nacht war gruselig. Vor 9 zu Bett, um 12 hellwach, eine Stunde, pinkeln, trinken, eine weitere Stunde lesen und dann noch 1.5 Stunden zu schlafen. Arbeit. Sozialdienst … es findet sich.

Schlimmer geht immer. Gespräch mit dem Sozialdienst, ich schildere die beiden Besuche letzte Woche. Die Dame entschuldigt sich, der Personalschlüssel, alles unzureichend, leider. Dann fängt sie an – sie kann frühmorgens im Intranet schon sehen, was sich auf den Stationen zugetragen hat, die Pfleger machen bei jeder Auffälligkeit Einträge. Vater ist renitent, ruft Nachts auf dem Fenster um Hilfe und meint, bestohlen worden zu sein. Man hätte ihn „begrenzen“ müssen. Ich frage nach, was das sei, erfahre, damit sei eine scharfe Anrede gemeint. So, wie er jetzt ist, nimmt den keine Einrichtung. Verlegung Klinik-intern auch schwierig, „ruhigere“ Stationen nehmen auch nur „leichtere“ Fälle. Irgendwie ganz der Alte, denke ich zornig. Sein Lebtag hat er den dicken Kopp durchgesetzt. Gleichzeitg tut er mir unendlich leid. Was für eine Achterbahn an Gefühlen! Was bleibt, ist sein Schicksal Gott zu überlassen. Nach oben abgeben.

Gespräch mit Mutter. Vater vermisst seinen Ehering, den er unbedingt mit in die Klinik nehmen musste. Günstigstenfalls ist der in seiner Geldbörse, die ansonsten nur Krankenkarte und Perso enthält, ungünstigstenfalls ist er wirklich geklaut. Möglicherweise vermisst er auch sein Handy, obwohl er damit nie wirklich und jetzt wohl gar nicht mehr umgehen konnte, kann. Das Ding habe ich gestern aus dem vorherigen Klinikum abgeholt. Ich rufe nochmal den Sozialdienst an und berichte. Sollen sie den Ring suchen und versuchen, ihm zu erklären, dass ich sein Handy habe. Vielleicht nimmt das den Druck aus seinem Kessel.

Am Mittag rufe ich auf Station an, bitte nach dem Ring zu schauen und möchte einen behandelnden Arzt/Ärztin sprechen bzw. einen Termin für ein Gespräch machen. Sie melden sich.

Später Nachmittag. Die Chefärztin ruft mich an. Ich schildere ihr meinen Eindruck vom letzten Freitag und Samstag, informiere über die Krankheitslegende meines Vaters. Erschreckend, wie wenig Informationen fließen, obwohl ich schon zig Kopien weitergegeben habe. Die Demenz sei irreversibel, sagt sie. Mit Glück könne man die Deliranz medikamentös in den Griff bekommen. Eine Verlegung nach Wuppertal ist geplant, frühestens ab Mittwoch, wegen Corona dort. Hier im Tal hätten sie die ortsnahe Möglichkeit eines weiteren CT des Kopfes meines Vaters. Sie möchten die Maschinen am laufen halten. Es gab bereits ein CT, und ja, Einblutungen seien weiterhin vorhanden, aber nicht operationswürdig. Wir sprechen über die Zustände auf der Demenzstation, ich werde vorsorglich schon mal darüber informiert, dass das Klientel in Wuppertal das gleiche sei wie in Remscheid. Ich fühle mich hilf- und machtlos, bitte meinerseits um Führung . Welchen Sinn haben Initiativen, wenn alle Heime voll sind, angeblich? Mein Verdacht ist eher, die Einrichtungen picken sich die Rosinen heraus, da sie derzeit reichlich Auswahl haben. Ich werde weiter machen, tun, was ich kann.

Elend und Fassungslosigkeit

Donnerstag, 220714

Vater liegt auf der Demenzstation einer psychiatrischen Klinik in der Nachbarstadt. Man stellt mich zur Station durch, langsam entwickle ich Routine im Erstkontakt mit neuen Einrichtungen. Durchwahlen notieren, die restriktiven Besuchsregeln erfragen. Zwei Mal die Woche je eine halbe Stunde und nur mit Termin. Sie geben vor, was noch frei ist. Geht man mit dem Patienten raus, gehen auch mehrere Personen, auf Station nur eine. Die halbe Stunde ist teilbar, wenn der andere draußen wartet. Tagesaktueller Schnelltest selbstverständlich. Ich mache zwei Termine, einen für mich, morgen, und einen für Mutter, am Samstag.

Der Sozialdienst der Einrichtung, die Frau am Telefon klingt mitfühlend und bemüht. Ich schildere die Lage, wie sie ist, dass für Vater ein Heimplatz gefunden werden muss, erkläre die Umstände und die Legende der ganzen Geschichte in kurzen knappen Worten. Erfrage die mögliche Aufenthaltsdauer, das sind wohl in der Regel 2-3 Wochen zum medikamentösen einstellen, beobachten und diagnostizieren. Alles voll, sagt sie, Sommerferien seien immer sehr schlimm. Man müsse nehmen, was frei wäre, zur Not auch weiter weg, vorübergehend. Im Herbst wäre es erfahrungsgemäß etwas entspannter. Ob Vater Weglauftendenzen hätte. Ich verneine unter Vorbehalt, da ich nicht weiß, ob seine wahre Natur nicht doch nochmal aufblitzt. Häuser für Patienten mit Hang zum abhauen wären noch rarer, die meisten Einrichtungen nehmen solche nicht auf. Sie verspricht, zu schauen, wäre ja auch noch Zeit und notiert schonmal, dass eine Entlassung keine Eile hätte.

Am späten Nachmittag gönnen wir uns einen langen Spaziergang und ein auswärtiges Abendessen. Beim laufen durch die Stadt denke ich an unseren neuen Gemeindepfarrer und ob es wohl Sinn mache, den zu kontaktieren. Möglicherweise hat er gute Verbindungen zur Diakonie und möglicherweise hat er auch Interesse an einer Spende für neue Kirchenfenster. Oder so. Skrupel habe ich keine, wenn es hilft. Mal sehen, es hat noch ein wenig Zeit. Die Regeln sind ebenso einfach wie brutal, von Kurzzeitpflege mal abgesehen: Wenn ein Mensch stirbt, wird ein Platz frei.

Beim Gedanken an den morgigen Tag wird mir übel.

Freitag, 220714

Der Demenzstation der Klinik hat keine guten Ruf, ich bin auf einiges gefasst und kann es dennoch nicht fassen, als ich nach langer Fahrt, Test, warten, Formular ausfüllen endlich die Station betrete. Dreck. Pfützen auf dem Boden und Tischen. Wo das Auge hinfällt – Dreck und Elend. Es hat eine Art Aufenthaltsraum, der auch als Speisesaal dient. Flure gehen zu den Zimmern ab, mitteldrin ein vollverglastes Büro, stets verschlossen. Mir fallen Bahnhöfe ein, die Mission in groß.

Vater sitzt in einem Rollstuhl und starrt vor Dreck. Hose, Shirt, Gesicht, alles verschmiert. Mag sein, dass es so extrem ist, weil gerade Essenszeit ist. Einem der Pfleger (die Bezeichnung ist angesichts der Umstände ein Witz) gebe ich frische Wäsche und fordere ihn auf, Vater ein frisches Shirt anzuziehen, sofort. Er bringt die Wäsche weg, fährt Vater kurz fort und zieht ihn um, zumindest das Shirt. Das Zimmer darf ich nicht betreten, ich ahne die Gründe. Vater ist wieder am Tisch, ich setze mich zu ihm.

Das Entsetzliche ist, Vater ist bei sich, wenn auch verwirrt. Er erkennt mich sofort. Nimm mich mit, bittet er mich, hab doch sonst keinen mehr. Kann ich jetzt zu dir? Dann wieder sieht er meine Hand, macht in seinem Kopf aus einem Ring zwei, fragt, warum ich ihm nicht gesagt habe, dass ich sein Auto verkauft habe. Er wirft einiges durcheinander, nimmt aber seine Umgebung wahr. Einen Tisch weiter sitzt eine kleine, alte Frau, eigentlich sitzt sie nicht, sie hockt zusammengekauert auf einem Stuhl, mit einem schmerzverzerrten, entmenschlichten Gesicht. Die arme Frau, sagt Vater, ich wünsche ihm wieder den Zustand des Krankenhauses zurück und schäme mich zugleich dafür. Er braucht Hilfe bei der Stulle, fragt nach einem Joghurt, ich füttere ihn. Kurz gehen wir raus, aber es ist recht frisch für Vater. Wo soll ich hin, fragt er wieder. Ich kann ihm nicht erklären, dass er weder zu mir noch zu seiner Frau kann, mit seinem Rollstuhl. Wir haben einfach nicht die Möglichkeiten. Was bleibt, ist ihm zu versprechen, alles mögliche zu tun, dass er ein neues Zuhause bekommt, bevor mich die „Pfleger“ hinauswerfen. Sie nehmen die 30 Minuten sehr genau.

Draußen mache ich mich heulend und wie in Trance auf den Heimweg. Fassung muss ich nicht mehr bewahren und so läuft es. Ich habe mich in meinem Leben noch niemals derart hilf- und machtlos gefühlt, ein Zustand, der daheim seine Fortsetzung findet. Das alles muss ich jetzt meiner Mutter beibringen, die ihren Mann morgen so oder ähnlich sehen wird. Das Telefonat ist schlimm, derweil ich die meine Fassung brauche, die sich davonmachen möchte. Das setzt sich am Abend fort, als das große Kind uns besucht.

Ich fange an, selbst Kontakte verschiedener Einrichtung zu sammeln und überlege, als Sofortmaßnahme die „Pfleger“ zu bestechen, damit sie meinen Vater besser behandeln oder ihnen anzubieten, die Zustände öffentlich zu machen. Das Problem wird die Schichtarbeit mit wechselnden Gesichtern sein. Wird einer gestopft, geht das den anderen nichts an.

Am Montag muss ich wieder arbeiten, werde aber mindestens noch einmal mit der Sozialarbeiterin sprechen, ihr die Zustände schildern und Dringlichkeit veranlassen, soweit möglich. Im Netz gibt es Websites, die bei der Suche helfen können, da und dort sind Plätze frei, angeblich, wie also kann es sein, dass mir die Sozialarbeiterin sagt, sie hätte vor zwei Tagen noch mit der Einrichtung gesprochen, alles belegt. Ich muss mich selbst kümmern, aber mir wird nächste Woche vorne und hinten die Zeit fehlen. Verdammte Arbeit, aber ohne geht es noch nicht.

Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, ist es Samstag Morgen und mir graut vor dem Nachmittag …

*

Ich bitte um Verständnis, wenn ich derzeit nicht wirklich zum lesen oder zum Kommentare beantworten komme.

Verlegungen und Führbarkeit

Mittwoch, 220713

Vater ist wieder verlegt worden. Diskussionen um die Anmeldung in der alte Station, von der die neue natürlich nichts weiß – geschenkt. Sein Zustand ist unverändert, aus meiner Wahrnehmung, aber der Arzt, der mich zum Gespräch herausbittet, meint, es ginge ihm besser. Weniger delirant. Er muss es wissen. Sie haben ihm den Katheder gezogen, das ist gut, Windeln müssen reichen. Ich bleibe ein gute halbe Stunde, Vater erzählt und ich gebe ihm zu trinken. Morgen wird er wieder verlegt, in eine psychiatrische Einrichtung, eine Stadt weiter, zum medikamentösen einstellen. Das sei im Team heute entschieden worden, sagt der Arzt. Von da ab sehe man dann weiter. Für mich bedeutet das wieder mal Telefon-Marathon, neue Kontakte, Dokus übermitteln, fragen, wer sich weiterhin um eine Einrichtung bemüht. Bis dahin gab es nur negative Rückmeldungen, alles belegt. Mir fällt ein Satz der Mitarbeiterin des Patientenservicecenter der Klinik ein. Vater müsse erst „führbar“ gemacht werden, für eine Einrichtung, wo auch immer. An solche Begriffe gewöhne ich mich wahrscheinlich nie, obwohl ich weiß, wie sie gemeint sind.

Eines jedenfalls war meinerseits heute besser. Meine Hände waren wärmer als am Montag, vegetatives Nervensystem ließ grüßen und Vater hat gemeckert. Angst? Ja, habe ich. Angst, falsche Entscheidungen zu treffen, nicht zur rechten Zeit am rechten Ort sein zu können, Angst, überfordert sein zu können, gerade mit Blick auf meine Berufstätigkeit nächste Woche wieder. Es ist nicht das erste und bestimmt auch nicht das letzte Mal, dass ich um Führung bitte, sowie darum, mit Angst das richtige zu tun.

Im Auto gibt es ab jetzt eine externe Freisprecheinrichtung. Ich werde viel unterwegs sein und kann so während der Fahrt Anrufe entgegennehmen. Möglicherweise begreife ich auch irgendwann der Sprachassistenten meines Phons. Es findet sich, wie alles weitere auch.

Karamellpudding und Melperon

Schwesterzimmer – ich melde mich an und zeige den obligatorischen Testbericht, frage nach Neuigkeiten. Der Krankenpfleger darf natürlich nicht viel sagen, er ruft den Arzt an, der gleich kommen will. Ruhiger sei er, sagt der Pfleger, dank Neuroleptika. Immerhin.

Er ist tatsächlich friedlich, aber nicht anwesend. Vater gleicht einem vom Tisch gefallenen Puzzle, auf dem Boden liegen ganze Ketten von einzelnen Teilen aus dem Kontext gerissen. Verschieden groß, die Ketten, und jede Menge einzelner Stücke, die nirgendwo mehr hinpassen wollen. Er erzählt, ich verstehe ihn mal mehr mal weniger gut. Arbeit, Ausflüge, Urlaub, Krankheiten, alles fliegt lose durcheinander. Ich habe viel gelesen und gehört über so einen Zustand, was etwas anderes ist, als selbst davor zu stehen und den Menschen mit seinen losen Enden da abzuholen, wo er nun mal gerade ist.

Der Arzt kommt und bittet mich heraus. Er spricht von Entzündungswerten und Natriummangel, was alles auf dem Weg der Besserung sei. Man schaue noch, wo die Entzündung genau herkomme. Körperlich geht es ihm besser, das habe ich gesehen. Der Arzt fragt, seit wann das so sei, mit der fortgeschrittenen Demenz, 10, 12 Jahre? Zwei Wochen, sage ich und erzähle von dem Sturz heute vor 14 Tagen. Fasse kurz die Krankheitsgeschichte der letzten 2.5 Jahre zusammen und liefere einmal mehr Papiere ab, die natürlich nur teilweise mit übergeben wurden. Sie würden nach einem Platz für ihn schauen, sagt der Arzt, ich erwähne nochmals das Patientenservicecenter und die bereits erfolgten Anmeldungen in zwei Einrichtungen.

Wieder im Zimmer, der Arzt bringt mir einen Karamellpudding samt Löffel. Geben Sie ihm den, Trinken auch – und lassen Sie sich Zeit – fort ist er. Und so füttere ich meinen Vater mit Pudding, langsam, sehr langsam, weil er zwischendurch einiges zu erzählen hat. Zwar weiß ich, wo ich bin und was ich tue, aber es fühlt sich surreal an, vorsichtig formuliert.

Zurück im Schwesterzimmer, ich melde mich für Mittwoch an, frage nach Fußpflege von extern. Der Arzt hat mich auf die Schwestern verwiesen, die verweisen mich auf den Arzt, ich verweise meinerseits auf den Arzt und so wird die Stationsleitung angerufen, kein Problem, das geht, mit Anmeldung und natürlich tagesaktuellem Test.
Wieder draußen, eine andere Besucherin zeigt mir einen alternativen Weg, den verschachtelten Gebäudetrakt schneller zu verlassen. Sie brauche Luft, hernach, sagt sie. Geht mir auch so, antworte ich. Älterer Jahrgang, mit dem für diesen Landstrich so typischen spröden Charme. Genau richtig jetzt.

Im Auto entscheide ich, direkt zu Mutter zu fahren. Das mag ich ihr nicht am Telefon sagen. Es ist die richtige Entscheidung, wie sich herausstellt. Liegt in der Familie, sagt sie, der Onkel und so. Nee, sage ich, dafür ist es zu schnell gegangen und zu spät gekommen. Er könnte seinen Zustand nicht bewusst ertragen, für ihn ist es Gnade. Langsam, nach einigen Ablenkungen realisiert sie das gehörte. Sie möchte am Samstag zu ihm, ich werde für sie einen Termin machen, am Mittwoch. Einige Befürchtungen höre ich – du bist nicht allein, sage ich.

Während ich heimfahre, realisiere ich, zwei dicke Baustellen zu haben, neben meinem eigenen Alltag, der nächste Woche beruflich wieder voll beginnt. Ich bin bei dir, fürchte dich doch nicht, ich bin immer bei dir – diese Worte kommen von allein. Wie auf dem Zahnarztstuhl letztens.

Wieder daheim berichte ich. Wäre möglicherweise umkehrbar, meint die Liebste, wenn er wieder in seiner vertrauten Umgebung wäre. Genau das kann nicht geschehen, da sind wir uns einig. Dazu ist Mutter selbst zu alt und zu krank.

Sonntag, 220710

Vater im Krankenhaus

Freitag, 220708

Einige Telefonate, keine Neuigkeiten. Der Pflegedienst wurde über den Stand der Dinge informiert, lange Gespräche mit Mutter, es geht um ihre ebenso überschaubare Lebenszeit, aber auch um Zwiespalt und schlechtes Gewissen. Alles in allem wirkt sie trotz alledem erleichtert, nun ihre Ruhe zu haben, was ich gut verstehen kann. Ihre Haltung ist Gott sei Dank unverändert.

Wir können nicht wissen, ob Vater nochmal aufnahmefähig sein wird, akustisch und/oder geistig. Und falls, wie wird er reagieren? Einsicht war nie seine Stärke, ich befürchte, dass er sich verraten und verkauft vorkommt, wenn dann. Vielleicht ist unser Schöpfer auch so gnädig und holt ihn sich zeitnah. Gespräch mit einer Mitarbeiterin des Patientenservice der Klinik. Wir sprechen nochmal über Fixierung, ich erfahre, dass dies nur sparsam eingesetzt wird und es für länger einen richterlichen Beschluss erfordert. Ich dränge nochmals auf Sedierung, um ihm dies zu ersparen, äußere meine Befürchtung, sie könnten ihn einfach irgendwann bei Mutter vor die Tür stellen – das sei ausgeschlossen, dafür seien sie ja involviert. Gott sei Dank. Bleibt abzuwarten, wann er von der Intensivstation verlegt wird und wohin. Wichtig ist der Besuch meiner Mutter dort morgen, vielleicht nimmt er sie wahr.

Selbst bin ich heute nicht in der Klinik. Den Tag heute widme ich der Hausarbeit und einem Spaziergang, später. Gott sei Danke habe ich noch ein paar Tage frei.

Samstag, 220709

Seit gestern Mittag liegt Vater auf Station. Selbst bin ich nicht bei ihm gewesen, habe Mutter dorthin gefahren. Knapp 2 Stunden Fahrt alles in allem und eine gute Stunde sitze ich vor der Station auf einem Absatz im Treppenhaus, wenigstens hat es ein paar Stühle dort für Begleitpersonen, die nicht mit rein dürfen. Es ist ok, dass sie allein bei ihm ist, über die Regelwerke hinaus. Sie soll ihn sehen, wie er ist, ohne weiter Ablenkung von außen.

Der bringt sich selbst um – das waren Mutters erste Worte, als sie wieder heraus kam. Sein Zustand ist wohl weitestgehend unverändert, hinzugekommen ist eine entzündete Hand samt Unterarm, ein Überbleibsel des vorletzten Klinikaufenthaltes. Katheder, diverse Ports, die er mit schöner Regelmäßigkeit versucht, zu entfernen. Fast taub und nicht bei Sinnen. Unruhig nennen sie das in der Klinik. Ich finde das zurückhaltend formuliert. Da ist Wut, die gleiche alte Scheißwut, die er immer hatte, wenn es nicht seinen Willen nachging. Sein Verhalten jetzt in dieser erbärmlichen Hilflosigkeit entspricht genau seinem Charakter, wie er eigentlich immer schon war. Er ist ein Mensch, der nie gelernt hat, loszulassen. Die Frau an seiner Seite ist geblieben, mittlerweile fast 70 Jahre. Ausnahmslos alles ging nach seinen Willen, und wo das mal nicht der Fall war, da wurde er ungerecht behandelt. Mindestens.

Es ginge so vieles auch zuhause, wenn Mensch Einsicht in seine Lage hätte und sich dem fügen könnte. Es gibt Krankenbetten und mobilen Pflegedienst, vielfache Hilfe. Aber nicht für einen Menschen, der in seiner Hilflosigkeit sich selbst gefährdet, immer noch kommandieren möchte und damit den letzten verbliebenden Menschen an seiner Seite zugrunde richtet. Und natürlich denke ich an mich, was einst sein wird. Zwar habe ich einen guten Teil des Charakters meines Vaters in mir, aber mein Leben ist voller Brüche und Abschiede. Vielleicht fällt mir der finale Abschied von mir selbst einst etwas leichter, ich hoffe das. Auch habe ich schon lange verinnerlicht, dass mein Ego nicht das Maß der Dinge ist. Einer der wenigen positiven Aspekte einer zum Stillstand gebrachten Suchterkrankung. An mir ist es jetzt, dafür zu sorgen, dass Vater gut versorgt wird, wo auch immer, unter welchen Umständen auch immer und gleich, was er davon hält. Nachhause geht es für ihn nicht mehr, so traurig wie das ist, Stand heute und sehr wahrscheinlich endgültig.

Für Montag habe ich mich angemeldet, ihn zu besuchen. Es findet sich.

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Und – zwischendurch gibt es so etwas wie Ferien.
Bilder dazu HIER beim Wassertiger

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Donnerstag, 220707

Vater – wieder im Krankenhaus

Vergangenen Freitag entließen sie ihn nachhause. Drei Nächte hat er mit schwerer Atemnot und Unruhe meine Mutter in Atem gehalten, am Dienstag gegen 11 dann bekam ich den Anruf meiner Mutter, der Hausarzt weigere sich, zu kommen, dafür gäbe es eine Einweisung, abzuholen bis 12 Uhr in der Praxis.

Es dauert eine Weile, bis ich aus der Stadt heraus bin und so wird es knapp. Dort angekommen, stehen geschätzt 10 Patienten, vorwiegend ältere Damen auf der Treppe zur Praxis im ersten Stock. Ich drängle mich vor und ernte die ersten bösen Kommentare. Zänkische alte Weiber sind mir gerade mehr als unpassend, ich werfe ihnen giftige Blicke zu, um dann die Praxis zu betreten. Folgt mir eine und keift was von hinten anstellen. Zur Antwort bölke ich sie an, sie möge schweigen, jetzt sei ich dran. Mir ist nicht nach sozialer Verträglichkeit und ich bekomme das Gewünschte, das griffbereit unterm Tresen liegt.

Bei meiner Mutter telefoniere ich mit den Johannitern, die einen RTW organisieren. Mit Vater kann ich kaum reden, er ist so gut wie taub und versteht auch nicht, wo es hin geht. Den einzigen Satz, den ich halb verstehe, ist, schlechter könne es ihm nicht gehen, dann sei er tot … Die Sanis kommen und ich zeigen ihnen die letzten beiden Entlassungsberichte, worauf eine kurze Unterhaltung über Unterbringung folgt. Sie sind gut ausgerüstet und holen einen Stuhl, auf dem sie Vater mitnehmen, samt Tasche und Mappe mit den letzten Papieren. Es folgt ein intensives Gespräch mit Mutter, es ist ihr nun bewusst, das Vater nicht mehr nach Hause kann.

Wieder zuhause ruhe ich mich erst mal aus, bevor ich einen Telefon-Marathon mit der Klinik starte. Ich erreiche egal weg niemanden, von der Zentrale mal abgesehen, nach endlosen Versuchen. Dort erfahre ich immerhin, dass Vater noch in der Notaufnahme sei. Anders als beim letzten Mal hat er alles dabei, was er braucht und zu ihm komme ich eh nicht, telefonisch ist dort niemand zu erreichen, kein Wunder, wer die Verhältnisse dort kennt, weiß warum. Ich grabe auf der Website der Klinik und finde ein Patientenservicecenter, früher nannte man das Sozialdienst. Namentlich genannt wird eine Dame samt Telefon, Mail- und Faxadresse. Natürlich geht keiner ans Telefon, ist auch schon später. Mails kommen wahrscheinlich Tausende und werden vermutlich kaum gelesen, zumal sie über ein eingebettetes Kontaktformular laufen. Wieder mal bin ich froh, mir vor einiger Zeit eine Fax-Möglichkeit eingerichtet zu haben und schreibe ihr auf diesem Wege eine sachliche Zusammenfassung des Status Quo der letzten knapp 3 Jahre und verweise auf die Mappe in seinem Koffer, verbunden mit der Bitte um ein persönliches Gespräch.

Heute früh erreiche ich die Dame über den Umweg einer Kollegin, die durch den Saal brüllt – komma, da is der Sohn vom Fax… Sie hat gelesen, ist sehr freundlich und kooperativ, ich erfahre, dass Vater auf der Intensivstation liegt und bekomme eine Durchwahl dorthin. Hier erfahre ich, dass man Vater sedieren musste, derweil er letzte Nacht die Station auf Trab gehalten habe. Ich kenne ihn, sage das, und vereinbare einen Besuchstermin für heute Nachmittag.

Zuvor war ich schon beim Testen, zu Fuß in der Stadt. Man steht Schlange, hinter mir, als ich dran bin. Die junge Frau mit dem Folterwerkzeug tobt sich in beiden Nasenlöchern aus, es kitzelt. Es kitzelt sehr und ich muss nießen, entferne mich ein paar Meter von der der Gesellschaft Richtung offenem Platz, um dann lautstark dem Juckreiz loszuwerden. Es braucht keine Hellsichtigkeit, um zu wissen, dass der wartende Rest sich nach mir umdreht. Ich schaue zurück und sehe gerade noch, wie ein kleiner rothaariger Junge sich ängstlich hinter seinen Vater versteckt. Freundlich winken und dumm grinsen hilft auch nicht viel, ich mache, dass ich fort komme.

So triviales mag nicht in den Kontext passen, aber gerade jetzt sind es eben solche Dinge, die mich in Form halten, obwohl mir nicht nach scherzen ist. Im Gegenteil.

Intensivstation. Klingeln und warten, zusammen mit noch zwei Kerlen. Der links von mir duzt mich, er redet viel und schätzt mich 15 Jahre jünger, wie sich herausstellt, was ihm peinlich ist und ihn fragen lässt, ob er weiter duzen dürfe. Ja sicher – es ist die Angst, die zerredet werden möchte – ich mag das nicht, dort, weil ich gefasst sein möchte, auf das, was ich zu sehen bekomme, ich zerschreibe die Angst lieber im Nachgang.

Nach einer Weile stehe ich an seinem Bett. Das übliche Equipment, Schläuche, Kabel, Maschinen, Katheder. Zweimal versuche ich ihm ins Ohr zu sprechen, er reagiert kaum, obwohl er mit abklingender Sedierung unruhig ist, seine Augen bleiben geschlossen. 20 Minuten stehe ich dort, während ich seine Hand halte und ihn anschaue. Diesen Mann, dem ich immerhin mein Leben verdanke und der sich nun anschickt, zu gehen. Es fehlen mir an dieser Stelle die Worte, zu beschreiben, was in mir geschieht. Wer je in ähnlicher Lage war, weiß das ohnehin. Was bleibt, ist Fassung bewahren und an Vaters Seite auf den behandelnden Arzt warten.

Der Arzt ist eine junge Ärztin, ich erfahre, dass sie die Papiere samt Verfügung in den Akten haben und erwähne unter Aufbietung des Restes meiner Selbstbeherrschung ein Gespräch mit meinem Vater, in dem wir über die Möglichkeit des Verhungerns gesprochen haben. Keine Sonde, sage ich, steht auch so in den Papieren. Sie bieten ihm manchmal etwas an, getrunken hat er wohl wenig, er bekommt Flüssigkeit durch die Adern. Die Ärztin spricht von möglicher Dehydrierung und einem plötzlichen Demenzschub, sowie davon, das niemand sagen könne, ob Vater da nochmal herauskomme. Man möge sich Gedanken über eine Unterbringung machen. Ja, sage ich, bin im Gespräch mit der Kollegin vom Servicecenter, die ich gerade noch angeschrieben habe, weil ich vergessen habe, der Ärztin zu sagen, sie mögen meinem Vater nach Möglichkeit die Fixierung ersparen und ihn lieber sedieren, auch wenn das seinem Allgemeinzustand nicht förderlich sei.

Morgen geht es weiter. Am Wochenende bringe ich meine Mutter zu ihrem Mann.


Es findet sich und SEIN Wille geschehe.