Sonntag, 201115

Der Titel erinnert mich daran, es ist bereits Mitte November. Volkstrauertag, heute, so hörte ich gerade im Radio, beim Fassadenputz. Sterbe- Trauer- und Beerdigungskultur hierzulande waren Themen, passend zum Tag. Was mich an das Bevorstehende erinnerte, auch wenn es noch dauern sollte. Eine Wiese soll es sein, halb-anonym, mit Namenstafel, aber maschinell mähbar drumherum, auf dass niemand kleingärtnern müsse. Danke dafür.

Die Zeit bis dahin gilt es allerdings mit Leben zu füllen. Da sein helfen, wo nötig, immer in Deckung bleiben, meinen Job machen. Zusammen mit so Tagen wie gestern, die besser gerieten als befürchtet. Der Krebs-Mond in mir zieht sich so weit als geht zurück, geht mit Panzer spazieren, neben dem Rollator Herbstblätter aufwirbelnd. Heim gefahren, und auf der Rückfahrt läuft Tash Sultana, Jungle, vom Stick. Ihr haben Pilze einst mehrere Monate Psychiatrie eingebracht, gefolgt von einer Musiker-Karriere aus Kompensation des erlebten Irrsinns. So ein Glück hat nicht jeder, denke ich, während ich mich durch die Stadt bewege.

Abschiede. Es werden immer mehr, auf allen Ebenen. Es fühlt sich seltsam an, dem ganzen so völlig planlos zuzuschauen. Ich schwimme mit, lasse mich führen, widerstehe meinen eigenen Fluchtinstinkten, die noch nie ein guter Berater waren. Freue mich über die, die bleiben, in meinem Leben, schließe ab mit alten, unerfüllbaren Sehnsüchten und verweile im hier und jetzt. Natürlich könnte es schlimmer kommen, so sagte ich früher. Was impliziert, es ist schon schlimm. Ist es heute nicht, es ist, wie es ist. Ohne Wertung. Für das Gefühl in meinem Bauch gibt es ja immer noch die Tastatur und euch, die ihr das vielleicht mit lest, mit fühlt, oder es kommt euch sogar bekannt vor, das eine oder andere. Besser als Pilze & Co allemal. Gefangen in mir selbst war ich lange genug. Da ist es zwar sicher, aber einsam.

Hier und jetzt heißt, gleich ist Gymnastik, Yoga, Meditation, gefolgt von Frühstück, bevor ich wieder mit dem Tag allein bin, derweil die Liebste am Schreibtisch sitzt. Sonntag eben. Leben ist manchmal so berechenbar, das es mich juckt, kleine Granaten zu werfen und mal schauen, was sie anrichten. Nur so, damit sich mal wieder etwas bewegt. Den Ball in`s offene Zelt auf dem Campingplatz schießen, mich über die entstehenden Geräusche freuen und abwarten, wer mit geschwollenem Kamm heraus poltert. Bilder in meinem Kopf – und gut, dass ich keine 16 mehr bin.

Fundstück zum Bauchgefühl…

Samstag, 201114

Die Eschbachtalsperre, früher auch Remscheider Talsperre genannt, liegt direkt an der A1, Raststätte Remscheid. Wer beim Motel des Rastplatzes parkt, ist schon da, der Rundweg (3 Km) um die kleine Sperre beginnt genau dort. Sie ist die älteste Trinkwassersperre Deutschland und feiert nächstes Jahr ihren 130sten Geburtstag. Mich fasziniert die Bautechnik der damaligen Zeit, nach ihrem Erbauer wurde in Remscheid auch eine Straße genannt. Die gute Erreichbarkeit in Kombination mit dem frühlingshaften Wetter war heute Anlass, mit meinem Vater dort hin zu fahren. Tatsächlich schaffte er den ganzen Rundweg.

Sonst so? Wasser – gestautes Wasser. Zurückgehaltenes Wasser. Nicht immer ist es von Nutzen, wer nah am selbigen gebaut ist, weiß, wie ich das meine. Im metaphorischem Sinn wird es nicht kontrolliert genutzt wie in einer Talsperre, sondern bahnt sich allmählich seinen Weg, umgeht sämtliche Sperren, um dann, meist zur Unzeit, an irgend einer Stelle zu Tage zu treten. Wasser eben. Eines ist ihm jedenfalls im tatsächlichen wie im metaphorischen Sinn gemein: Es reinigt.

PS: Es lässt sich lernen, unter Wasser zu atmen.

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Zeitsprung

Die freien Tage neigen sich allmählich dem Ende zu. Heute früh nutze ich die Gunst der Stunde und bin mit meinem Vater, dem es heute so einigermaßen geht, los, Rollator in`s Auto und in Richtung Wuppertaler Osten. Ziel ist der Beyenburger Stausee,  mit seinen flachen Wegen am Ufer. Auf dem Weg dorthin machen wir einen kleinen Abstecher in die Berge, hin zu seinem alten Garten, den er vor 11 Jahren aufgegeben hat. Der liegt am Rande einer Hofschaft, so nennt man hier eine Ansiedlung von mindestens zwei Bauernhöfen. Das Stück Weide war gemietet und mein Vater war damals froh, alles so stehen lassen zu können, wie es war, als Unterstand für Maschinen und Werkzeug war die Hütte, in der zuvor 40 Jahre lang seine Wohnwagen standen, noch gut zu gebrauchen. Meine Erleichterung damals war auch groß. Mein Vater hat die Hütte selbst gebaut, mit allem, was er günstig auftreiben konnte und so wusste ich, dass es so gut wie keine zwei gleichen Schrauben dort gibt, was eine halbwegs geordnete Demontage zu einer echten Herausforderung gemacht hätte. Blieb uns erspart…

Selbst bin ich viele Jahre nicht mehr dort gewesen, hätte nicht gedacht, das dort noch irgend etwas steht. Als mein Vater sich dort einquartierte, war ich gerade 7 Jahre jung, und so kam es, dass ich nicht nur in der Stadt, sondern zu einem guten Teil auch auf dem Land aufwuchs, derweil meine Eltern jede freie Zeit nutzten, um dort zu sein, Besuch zu empfangen, zu grillen, trinken, feste Feste zu feiern. Ein auch für mich sehr Erinnerungs-geschwängerter Ort also. Der Verfall ist heute offensichtlich, trocken sei es drinnen meist immer noch, wie uns der jetzige Hofbetreiber, einer der Söhne des Altbauern, mit dem ich damals Teile meiner Zeit verbracht habe, versicherte. Hat jemand gebaut, der da Ahnung von hatte, meint er Augen zwinkend.

Wir halten uns nicht lange auf, nach einem kurzen Schwatz machen wir uns auf dem Weg zum Stausee, solange mein Vater noch ein paar fitte Stunden hat. Dort gehen wir eine kleine Runde, um dann in einem Lokal in den angrenzenden Bergen Mittag zu machen. Hier setzt sich die surreale Stimmung fort, es ist 12 Uhr, wir sind die einzigen Gäste in dem totenstillen, leicht nach kalten Essen riechenden 60er-Jahre-Ambiente. Noch eine sterbende Welt, denke ich, als die alte Wirtin kommt. Sie kennen sich, Vater und sie, vom campen und vom unzähligen einkehren dort. Mir fröstelt, in dem Lokal ist es frisch, das ist es aber nicht allein. Sie erzählt vom Mann, der ein Stockwerk höher liegt, dem es noch weniger gut geht als meinem Vater. Während sie die Bestellung weiter gibt, sitzen wir schweigend dort und lassen die Lokalität auf uns wirken. Das Essen ist in Ordnung, langsam kommen noch ein paar Gäste. Großeltern mit Enkelkinder offensichtlich, was mir gut bekommt, nach dem geballten Verfall. Gehört beides zusammen, denke ich.

Und so fahre ich den Alten wieder heim, spüre dem Erlebten nach. Könnte ein Buch schreiben über diesen Ort, mit der Hütte. Was ich nicht tun werde, wer will`s wissen, eine Kindheit hatte schließlich jeder mal. Wie auch immer…

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Von leeren Straßen

Er steht im Wohnzimmer, hat die Winterjacke schon an und so allmählich wird ihm warm. Die gerade besorgten Blumen stehen auf dem Balkon, er will sich vom Vater verabschieden, bleibt aber, weil Abstand geboten ist, ein gutes Stück von ihm entfernt. Schaut diesen Mann, der gerade nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aus dem Keller in die Wohnung gekommen ist und nun erschöpft auf dem Sofa liegt. Schaut diesen Menschen, dem nicht nur wegen der Augencreme die Augen feucht zu sein scheinen. Am Morgen war Vater beim Arzt und staunte über die leeren Straßen, angesichts der Infektionsschutz-Verordnungen.

Früher waren auch leere Straßen, sagt der Vater langsam und mit erstickter Stimme. Im Krieg, die Tiefflieger. Wer schon dieses Brummen hörte, sprang um sein Leben. Sie schossen auf alles, was sich bewegte, Männer, Frauen, Kinder, alle… ich hätte nicht gedacht – der Vater bringt den Satz nicht sofort zu Ende – dass ihr jetzt … nach so langer Zeit … wegen sowas …

Es berührt sein Herz, den alten Mann so zu sehen und zu hören, obwohl er die Geschichten kennt, die von früher. Als der Vater Schulkind war und regelmäßig nicht nur um sein eigens Leben, sondern auch um das seiner kranken Mutter laufen musste. In solchen Momenten wie jetzt sind all vielen Jahre, all der Streit, all die Verletzungen wie weggeblasen, er sieht nur noch diese Augen und verabschiedet sich tief bewegt.

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Frühe Stunde

Wach – bevor die morgendlichen Rituale starten, sortiere ich meine Gedanken zum Tagesablauf. Krankenhaus, einkaufen, am Abend mal etwas für mich tun, was in der letzten Zeit etwas zu kurz gekommen ist. Nichts ist „plötzlich und unerwartet“ eingetreten, der Protagonist der Geschichte spielt erwartungsgemäß keine einfache Rolle und fordert seine Komparsen.

GEBET

Ich bete, dass ich versuchen möge, Gottes Willen zu tun. Ich bitte, dass mir so viel Verständnis, Einsicht und Erfahrungstiefe zuteil wird, dass mein Leben schon hier und heute in die Ewigkeit reicht.

Quelle: 24 Stunden am Tag, 25 Januar

Schritte der Geduld

Geduld ist meine Stärke nicht. Das liegt sozusagen in der Familie, da hat sich mein Schöpfer etwas bei gedacht, mich diesbezüglich so mangelhaft auszustatten. Also bekomme ich Übungsaufgaben, die ich ihm liebend gerne zurückgeben würde, frei nach dem Motto: Was soll ich mit dem Scheiß… Das hat er aber nicht so vorgesehen, also muss ich da durch. Stichworte? Familiärer Fahrdienst Wochentags um 17.00 durch die Innenstadt. Anliegen bei Behörden, Krankenkassen, und einiges dergleichen mehr. Als wenn das an sich nicht reichen täte, soll ich die frohe Botschaft der Geduld gleich weitergeben, an meinem kranken Vater, der mich in Sachen Geduld noch locker toppt, rückwärts betrachtet.

Analogien helfen beim Verstehen. Im letzten Jahr ging ich eine Weile regelmäßig zu einer kontemplativen Meditationsgruppe, was mir gut getan hat, aber leider aus Zeitgründen eingeschlafen ist. Im Bewusstsein geblieben ist mir die Praxis dort schon. Sitzen, schweigen, unterbrochen von Geh-Meditation, im Kreis durch den Raum, mal etwas zügiger, auf ein Zeichen dann so langsam als möglich. Jetzt habe ich wieder Gratis-Stunden, nur in einem etwas anderen Umfeld. Statt alter, heimeliger Kirchengemäuer findet die Geh-Meditation in der nicht ganz so heimeligen Geriatrie eines Krankenhauses statt, es riecht nicht nach Weihrauch, sondern nach ganz anderen Sachen. An der Seite meines Vaters dort, der mit seinem Rollator in etwa die Geschwindigkeit des achtsamen Gehens trifft.

An guten Tagen verliert sich so das Gefühl, Vollgas mit angezogener Handbremse durch das Leben gehen zu müssen und wird ausgetauscht von der Ruhe, die ich damals in der alten Kirche empfunden habe. Alles macht seinen Sinn, solcher Art.

Und – stimmt, es ist Sonntag…

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Dein Vater spinnt !

Das war die Reaktion der Mutter meines Sohnes, dem ich in jungen Jahren erklärte, dass absolut alles einen Anfang und ein Ende hat. „Lebt“, wenn man darunter eine festgelegte Zeitspanne der Existenz versteht. Auf seiner Nachfrage hin eben auch Steine, nur in viel größeren Zeitspannen.

Papa hat gesagt, Steine leben…
Heute studiert er Bautechnik 🙂

Wer spricht da noch von Zufall ?

PS:
Mein Lieblings-Buch in dem Zusammenhang ist Billard um halb Zehn von Heinrich Böll.
Und – Danke, Frank, für die Inspiration zu diesen Zeilen  🙂

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