Krankhafte Scham

Alt, aber immer noch aktuell.

Ich habe Deine Seele gespalten
Ich habe Dich bis zum Kern durchbohrt
Ich habe Dir das Gefühl vermittelt,
unvollständig und minderwertig zu sein
Ich habe Dir Gefühle des Misstrauens und des Zweifels vermittelt,
Dir eingeredet, dass Du hässlich, dumm und minderwertig bist
Ich habe dafür gesorgt, dass mit Dir etwas nicht stimmt
Ich habe Deine Gottähnlichkeit besudelt
Mein Name ist krankhafte Scham

Ich komme vom Verlassenwerden, von der Lächerlichkeit, dem Missbrauch,
der Vernachlässigung – von perfektionistischen Systemen
Ich beziehe meine Kraft aus der schockierenden Intensität der Wut des Vaters oder der Mutter
Aus den grausamen Bemerkungen eines Geschwisters
Aus dem Hohn und den Demütigungen anderer Kinder
Aus den ungelenken Bildern, die dich im Spiegel anschauen
Aus der Berührung, die unangenehm ist und Angst macht
Aus dem Klaps, dem Kneifen, dem Schütteln, das das Vertrauen erschüttert
Ich werde stärker durch einen Rassisten, durch eine sexistische Kultur
Wenn Du von selbstgerechten, bigotten, religiösen Menschen verdammt wirst
Durch die Angst und den Druck in der Schule
Durch die Scheinheiligkeit der Politiker
Durch die Scham, die über viele Generationen hinweg gestörte Familiensysteme bestimmt hat
Mein Name ist krankhafte Scham

Ich kann eine Frau, einen Juden, einen Schwarzen, einen Homosexuellen, einen Orientalen, ein kostbares Kind
In ein Miststück, einen Itzig, einen Nigger, einen Schwulen, eine Tunte oder einen egozentrischen kleinen Scheißer verwandeln
Ich kann chronische Schmerzen verursachen,
Schmerzen, die nie nachlassen…
Die Schmerzen, die ich Dir bereite,
sind so intensiv, dass Du Dich betäuben musst, damit Du mich nicht mehr spüren musst…
Ich morde Deine Seele, und Du gibst mich von einer Generation an die andere weiter
Mein Name ist krankhafte Scham.

« Lutz Müller »

DAS oder das …

  • Von Wahrnehmungen, Äußerlichkeiten, stiller Post, persönlichen Filtern und komischen Erinnerungen …

Die Mutter liegt auf Station, die OP ist schon einige Tage her. Eigentlich liegt sie nicht, sondern ist beharrlich mit dem Rollator auf den Gängen unterwegs, was auch gut so ist.

Wir sind zu Besuch, weil so ein Krankenhausaufenthalt schon sehr öde sein kann. Das zweite Mal, weil es zum weiteren Verständnis wichtig ist, zu wissen. Wir betreiben leichte Konversation und natürlich Nachhilfe im Umgang mit dem Smartphon, das seit ein paar Wochen die Neugier meiner Mutter geweckt hat.

Es ist heiß und ich laufe dementsprechend umher, also mit einer abgeschnittenen Kargo-Hose, die schon leicht Fäden wirft, weil das Umnähen der Schnittkanten irgendwie vergessen wurde. Oder besser, bewusst unterlassen wurde, weil wurscht.

Mir wird berichtet, dass die Krankenschwester nach unserem ersten Besuch, bei dem ich ebenso gekleidet war, gefragt haben soll:

Ist „DAS“ (oder eben) „das“ ihr Sohn?

Kann man drüber weg hören, wenn man meine Mutter nicht kennt. Allein ihr Ton fällt nicht nur mir auf, ihr rezitiertes „DAS“ klingt phonetisch nämlich groß geschrieben und passt auch zu dem leicht geringschätzenden Blick auf meine Klamotten.

So. Keiner weiß jetzt sich, wie besagte Schwester das betont haben mag. Sehr wahrscheinlich eher stimmneutral, also vermutlich klein geschrieben. Und nun kommt meine persönliche Wahrnehmung in`s Spiel. Der eigene Filter also.

Bist halt immer noch das Unkind. Gutes Herz (?), aber sieht scheiße aus 🙂 Hätt`ich mal gleich das Achselshirt angezogen, dann wäre das Bild noch abgerundeter gelungen, weil man dann auch gleich die Tattoos hätte sehen können. Besser im Sakko und weißem Hemd, dann darf man auch mal ein Arschloch sein.

Schönes bleibt, heißt es, wie nicht nur der Rentnersender WDR4 weiß. Weniger schönes erfreut sich auch erstaunlicher Beständigkeit, wie eben der Hang zu Äußerlichkeiten, zu Be- und Entwertung, zu schnellem Urteil. Konnte sie immer schon gut.

Gut auch, dass mir diese Zwischentöne nicht allein aufgefallen sind, was daheim für interessanten Austausch sorgte. Ebenso gut, dass solche kleinen Episoden heute nur zu einem kleinen Frösteln gereichen, was schnell überstanden ist. Vorbei sind Gott sei Dank die Zeiten, in denen ich mich mit solchen Charakteren bis hin zur Partnerwahl (Sparring?) wie oben beschrieben aus purer Gewohnheit umgab, weil es eben so schön vertraut war, weil Scheiße so toll wärmt, wenn man es nicht besser weiß und den üblen Geruch ignorieren kann.

Was Erinnerung mit einschließt, ebenso die Kapitulation vor mancherlei Neigung der Erzeuger, die nie wirklich aus ihrer Haut konnten.

Scham

Wer kennt dieses brennende Gefühl nicht in irgend einer Form? Alte Scham, selbst gelebt oder uns zugefügt über längst vergangenes, was nicht mehr zu ändern ist. Frische Scham aus der Gegenwart, die uns die Feuerröte in`s Gesicht bringen kann. Lerne ich, achtsam mit mir, meinen Mit-Menschen, mit den Dingen die mir überlassen sind, mit der Schöpfung allgemein, umzugehen, dann sorge ich dafür, das zur alten Scham wenigstens keine Neue hinzu kommt. Was bleibt, ist die Vergebung meiner selbst, um Frieden zu finden, mit dem, was war.

Wie wichtig das ist, veranschaulicht folgender Buchauszug (Link), den ich unbeschreiblich passend finde. (John Bradshaw (Das Innere Kind)

Ich war bei deiner Zeugung dabei, im Adrenalin der Scham deiner Mutter. Du hast mich in der Flüssigkeit der Gebärmutter deiner Mutter gespürt. Ich bin über dich gekommen, noch bevor du sprechen konntest. Bevor du etwas verstehen konntest Bevor du etwas wissen konntest Ich bin über dich gekommen, als du laufen lerntest. Als du mir hilflos ausgeliefert warst. Als du verletzlich und bedürftig warst. Als du noch keine Grenzen kanntest. MEIN NAME IST KRANKHAFTE SCHAM.

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