Mittwoch, 210602

WordPress meint, ich hätte einen „Lauf“, weil ich drei Tage in Folge hier etwas von mir gegeben habe. Was nichts über die Qualität des so Gelaufenen aussagt, aber offensichtlich gibt es Fleißpunkte, auch etwas wert. Da will ich nicht enttäuschen und hänge prompt noch einen hinten dran, die Nummer Vier im Lauf.

Das waren jetzt 311 Zeichen, ohne Leerzeichen 260 sowie 52 Wörter, ohne wirklich etwas zu sagen. Wem darf ich die nächste Rede schreiben?

Sonst so – bin ich nun bemüht, bisher nicht gekannte Qualität in diesen Eintrag zu bringen. Versprochen. Der geneigte Leser mag sich erinnern, vor gut 2 Jahren hatte die Grinsekatz den Kaffee auf, sozusagen, bekam von professioneller Seite gesagt, was gute Freunde, sofern noch vorhanden, eh schon längst wussten: Keramik-Syndrom, Sprung in der Schüssel, auf gut Deutsch: Hat sie nicht alle. Im Gefolge der Ereignisse bemühte ich mich also um geeignete Hilfe, allerdings ohne nachhaltigen Erfolg und erklärte mich nach mehreren vergeblichen Versuchen selbst für austherapiert. Arg vorschnell, im Nachgang betrachtet.

Hätte ich damals gewusst, dass es UWE gibt – was wäre mir erspart geblieben. Oder vorenthalten, ganz, von welcher Seite man so schaut. Je größer der Dachschaden, desto schöner der Blick auf die Sterne, das wusste schon meine Omma. Und so habe ich einfach weiter gemacht, mit schreiben, hier und dort. Hat auch therapeutischen Nutzen, irgendwie 🙂

Tschakka!

Freitag, 201225

Der erste Weihnachtstag und zugleich der Beginn der so genannten Rauhnächte. Zwei Gründe zur Freude – heute wird der Geburt des Mensch-gewordenen gedacht, egal, ob sie sich nun exakt heute und sonst wann zugetragen hat. Er war sicher nicht nur Gottes Sohn, sondern auch ein ganz besonderer Mensch, ganz gleich, was die Kirchen ihm später an Fabeln angedichtet haben, um ihre Herrschaft zu sichern. Er ist für mich der Aufrechte, der mich nicht allein lässt. Der, bei dem ich mich geborgen fühle, allen reichlich vorhandenen Schwankungen im Glauben zum Trotz.

Den nun beginnenden 12 Rauhnächten sagt man im Verbund mit der Wintersonnenwende eine verstärkte Durchlässigkeit zur anderen Seite nach. Mag schon sein oder auch nicht, es sind diese Tage in jedem Fall ruhige Tage, die mich bei mir selbst ankommen lassen. Eine Zeit ohne viel äußeren Druck, Pflichten und Erwartungen, Zeit der Sammlung, der Dankbarkeit, des Friedens. Guten Geistern gestatte ich übrigens ganzjährig Zugang, mit den weniger Guten ist es komplizierter, wirken sie doch subtil, tarnen sich oft geschickt, kommen unter so manchen vermeintlich guten Vorwand daher. Manchmal ist es gar nicht so einfach, sie von den guten Geistern zu trennen. Die sind eher leise, nicht so lautstark und wuchtig, zielen nicht auf das Ego, sondern mehr auf das Miteinander. Sie sind mehr auf längere Zeiträume gerichtet, nicht auf sofortige Wirkung bedacht. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt für mich, als unheilbar suchtkranker Mensch. Sie erinnern leise an Ursache und Wirkung, daran, wie sich Schicksal formt, im Sinne von dem, was am Lebensende als Resümee sichtbar wird.

Sonst so? (Sorry, darf nicht fehlen) Das in letzter Zeit in aller Munde geratenes innere Kind regt mich zunehmend zum nachdenken an. Na klar habe ich auch eines, das sich ab und zu meldet, umher schreit und greint, getröstet werden will. Dann richte ich es ihm nett ein, es hat dann warm und trocken, darf zur Ruhe kommen.

So weit, so gut. Wo es bei mir anfängt, zu hapern, ist, wenn die inneren Kinder bei erwachsenen Menschen auf einem Thron gesetzt werden, der ihnen nicht (mehr) zusteht. Wenn im Chor um die Wette geplärrt wird, mit Sand und allen möglichen Zeug geworfen wird, weil manch inneres Kind den ganzen Rest am erwachsen-werden hindern möchte. Man erkennt Menschen, die solcher Art an ihren inneren Kindern leiden, übrigens an ihrer Sprache. Wenn z.B. gestandene End-Vierziger oder Anfang-Fünfziger von Ihresgleichen als meine Jungs bzw. meine Mädels sprechen, geht bei mir innen eine Sirene los. Achtung, da sind sie wieder. Kenne ich ja alles, als Mensch, der spätpubertierend mit Ende 30 voll vor die Wand geknallt ist. Suche ich aber nicht mehr.

Und ja, noch etwas fällt mir zum inneren Kind ein. Im letzten Jahr ging es mir zeitweise alles andere als gut, Auslöser waren massive berufliche Herausforderungen, die mich Hilfe suchen ließen. Im Zuge dessen startete ich mehrere Anläufe, einen geeigneten Therapeuten zu finden, ein Unterfangen, was ich letztendlich abgebrochen habe. Die meisten wollten erst einmal möglich recht präzise und ausführlich formulierte Ziele wissen, natürlich in Schriftform. Da fingen meine Schwierigkeiten schon an, mein Anspruch war schnell geklärt, entsprach aber so gar nicht der Erwartungshaltung meiner jeweiligen Gegenüber. Zurecht kommen wollte ich, bei mir bleiben und nicht so oft außer mir geraten, wollte ich lernen. Lernen, wie ich mit Panik-Attacken umgehe, das wollte ich. Hat ihnen nicht gereicht, zu ungenau, meinten sie. Statt dessen bekam ich „Hausaufgaben“ in Form von Fragebögen zum ankreuzen. Super Sache, wie in der Fahrschule. Den Vogel abgeschossen hat am Ende ein Herr, der es wohl zunächst erkenntnisreich fand, sich mit einem leicht depressiven, Angst-gestörten trockenen Alkoholiker zu beschäftigen. Zu Beginn schon wurde mir klar gemacht, dass mein über gut zwei Jahrzehnte andauernder Konsum so einiges irreparabel zerstört hätte, neurologisch, in meiner Birne. Das will ich gar nicht ausgeführt haben, dachte ich, ist sowieso klar. Sag mir lieber, wie ich mit dem schäbigen Rest zurecht komme, du arrogantes Arschloch – während ich stumm zuhörte. Und dass ich meinem inneren Kind doch nicht so oft den Rücken zudrehen sollte, mit Internet , bloggen und so. War nach ein paar Probestunden zu Ende, die Show.

Eine Ausnahme gab es übrigens, eine verständige junge Dame, die unglaublich gut zuhören konnte, leise Zwischenfragen stellte, die es stets in sich hatten. Die wurde prompt schwanger und fiel aus. Schön für sie, für mich weniger. Ab da habe ich mich wieder verstärkt dem Mensch-gewordenen zugewandt, war die beste Entscheidung seit langer Zeit.

In dem Sinne – ein frohes Fest uns allen!

PS: Ich möchte mit diesen Zeilen in keinem Fall professionelle Hilfe verunglimpfen oder in Abrede stellen. Auch ich habe auf dieser Ebene durchaus Hilfe erfahren. Es sollte allerdings passen, das miteinander.

Schraube locker

Eine typische Eigenschaft der phobischen Persönlichkeit, schreibt Scott Stossel, sei das Bedürfnis und die Fähigkeit, anderen eine relativ gelassene, ruhige Erscheinung zu bieten, während sie innerlich unter extremem Stress stehen. „Manchen Leuten mag ich ruhig vorkommen. Aber wenn man einen Blick unter die Oberfläche werfen könnte, würde man sehen, dass ich wie eine Ente bin – ich strampele, strampele, strampele.“

Ein guter und lesenswerter Artikel rund um die Angst, um Depressionen, den Umgang damit und typische Medikationen. Für euch vollständig lesbar :

HIER


Meine Angst ist definitiv älter als die Sucht, bei Depressionen ähnelt das Ganze dagegen eher der Frage nach der Henne und dem Ei. Während der eine überzeugend darlegt, nur so gesoffen zu haben, weil er depressiv war, behauptet der andere, vom saufen depressiv geworden zu sein. Beides mag stimmen, für die jeweils Betroffenen. Selbst habe ich mir diese Fragerei abgewöhnt. Es IST, wie es ist und ich darf mir Werkzeuge dagegen bereit legen und nutzen, so ich mich rechtzeitig an sie erinnere. Wenn ich auf mich selbst schaue, auf den Umgang mit dem, was hinter meiner Suchterkrankung steckt, merke ich, dass ich vergleichsweise gut aufgestellt bin.

Nach wie vor steht die Selbsthilfe vorne weg, gefolgt von gewissen therapeutischen Maßnahmen, die zwar hilfreich sind, aber zeitlich eng begrenzt. Eine eher untergeordnete Rolle spielt das Thema Medikation, aber es gibt sie. Untergeordnet deshalb, weil ich die Folgen des nicht-Einnehmens Dank meiner Vergesslichkeit schon beobachten durfte, . So werden die Nächte wieder lebhafter und kürzer, als sie eh schon sind. Mich selbst verliere ich dadurch nicht.

Über alledem steht allerdings meine höhere Macht, wie wir in der Selbsthilfe sagen. Die kann für jeden anders ausschauen, wichtig ist für mich heute, anzuerkennen, dass es Gott gibt – und ich es nicht bin. Was das Ego auf ein erträgliches Mass reduziert und mit ihm die Ängste, bei zeitgleicher Zunahme von dem, was man wohl Urvertrauen nennt. Etwas für mich immer noch Neues …

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