Wer einmal anfängt…

… der hört so schnell nicht auf, wenn es spannend wird. Zu Neujahr habe ich beim Wassertiger einen Beitrag geschrieben, im dem im Zusammenhang mit den Sylvesterbräuchen das so genannte Brauchtum verlinkt wurde. Von dort kam ich zur Gruppenkohäsion, die dort kategorisiert und jeweils kurz erklärt wird. Von dort aus geht es weiter:

So Begrifflichkeiten interessieren mich, nicht nur, weil ich den Aufstieg und den Zerfall einer kleinen Werkstatt-Gemeinschaft hautnahe miterlebte bzw. noch mitten darin stecke – sondern auch ganz allgemein, weil mich Gruppenverhalten immer schon fasziniert hat, gerade auch politisch. Vielleicht auch, weil ich mich die meiste Zeit meines Lebens keiner Gruppe wirklich zugehörig fühlte, mich gerade in der Familie in der Vergangenheit wie ein Fremdkörper fühlte. Auch beruflich habe ich stets eine Außenseiterposition eingenommen, was einerseits meiner Natur entspricht, sich aber auch aufgrund meiner Tätigkeitsbereiche so ergeben hat. Das Eine bedingt sehr wahrscheinlich das Andere. Ein leicht bizarres Attest liegt mir in Form eines alten, im Ganzen hervorragenden Arbeitszeugnisses vor, in dem meine fachliche Kompetenz hervorgehoben wird – und jeder Hinweis auf mein Sozialverhalten fehlt (die üblichen Bemerkungen wie „sein Verhältnis zu Kollegen und/oder Vorgesetzten war so oder wie auch immer„) Damit gehe ich heute noch kokettieren, habe ich doch, von höchster Stelle beglaubigt, kein Sozialverhalten und war zumindest früher der Meinung, mir aufgrund dessen einiges erlauben zu dürfen 🙂

Und heute? Einiges ist anders geworden, in den letzten Jahren. So fühle ich mich lange schon meiner Selbsthilfegruppe, der Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker, zugehörig. Eine nicht nur für mich überlebenswichtige Bindung, über die ich mit den Jahren zum Glauben gefunden habe und mich somit vor über 12 Jahren aus Überzeugung habe spät taufen lassen. Im Zuge dessen hat sich auch das Verhältnis zur Familie gewandelt, wofür ich sehr dankbar bin. Selbst beruflich hat sich meine Haltung aufgrund der teils bitteren Erfahrungen etwas gewandelt.

Mal schauen, wohin mich die Reise noch führt …

 

Gemeinschaft

Kalte, nasse Novembertage fördern (nicht nur) bei mir die Grübelei. Früh wach geworden, kreisen die Gedanken schon. Aufstehen, die Morgenroutine abarbeiten und nun schreiben …

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft in mir. „Einzelgänger“ schon so lange ich denken kann, Außenseiter, immer am Rand. Irgendwann machte ich aus der Not eine Tugend und gefiel mir in der Rolle des Nerds, wie man heute sagen würde. Früher gab es da andere Ausdrücke  …  Psycho war noch fast schmeichelhaft. Da gleiches immer Gleiches sucht und findet, war meine Gesellschaft irgendwann dem entsprechend.

Gemeinschaft in der Arbeitswelt habe ich nicht gefunden. Anstelle dessen Egoismus und Rücksichtslosigkeit, Gier, Neid, Boshaftigkeit. (Gleiches ??) Was folgte, war ein totaler Rückzug auf mich selbst, auf eine Funktion, für die ich bezahlt werde. Ein Nimbus der Unberührbarkeit, ein gewandelter Psycho, der nunmehr, wenn auch geschnitten, so doch für seine fachliche Kompetenz Anerkennung fand.

Beruflich hat sich daran nichts geändert, zu groß ist das Streben nach dem schützenden Kokon. Was dazu führte, dass vor langer Zeit schon in einem ansonsten glänzenden Arbeitszeugnis der sonst so übliche Verweis auf das Sozialverhalten schlicht fehlte. Wertung durch Unterlassung, auch hübsch. Damit habe ich beizeiten kokettiert, wenn mir wer schräge Töne vorwarf. Ich habe eben kein Sozialverhalten, sogar von höchster Stelle anerkannt …

Gemeinschaft in Familie … so allmählich bekomme ich ein Gefühl dafür. Nach weit über einem halben Jahrhundert, aber besser spät als nie. Wärme, die mich durchströmt, wenn die Kinder hier sind, wenn wir alle auf engstem Raum gemeinsam mit den beiden Katern hocken. Auch die Ahnen … wenn schon nicht liebevoll, so doch zumindest heute von einem gegenseitigen Respekt gezeichnet, auf den letzten Metern. Immerhin.

So allmählich weitet sich der Fokus. Seit vielen Jahren schon innerhalb der Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker, aber zunehmend auch in der Welt „da draußen“ Vertrauen wächst, in die Schöpfung, in meine mich liebende höhere Macht, in ein geheimnisvolles Gleichgewicht der Kräfte, Vertrauen in Zusammenhänge, die mein eingeschränktes Ego nicht versteht, aber spürt. Da ist Veränderung und sie ist langsam, was die Aussicht auf eine gewisse Stabilität mit sich bringt.

Soviel dazu – der Tag geht gegen Mittag, Brunch steht an.
Habt einen guten Sonntag.

Und – auch, wenn sie nicht scheint …

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