Montag, 221226

Es ging erstaunlich gut, die Corona-bedingte Isolation hier zu zweit, seit mittlerweile 8 Tagen, was für mich keine Selbstverständlichkeit ist, rückblickend. Morgen fangen wir an, damit aufzuhören. Ärger machen uns beiden noch die Bronchien, aber ansonsten geht es mir, geht es uns gut. Gott sei Dank 🙏 

Um Mutter kümmerten sich Tante & Co sowie das große Kind samt Anverwandtschaft, so dass niemand allein sein musste, der das nicht wollte. Es gab eine Zeit, in der mir allein-sein sehr schwer gefallen ist, darum ist mir heute der Blick diesbezüglich auf meine Nächsten wichtig. So eine gewisse Grundverlorenheit ist mir erhalten geblieben, das darf sein und gehört offensichtlich zu mir. Wenn ich mich an den Menschensohn, dessen Geburtstag wir dieser Tage feierten erinnere, verschwindet dieses uralte Relikt für eine Zeit aus meinem Herzen.

Eigentlich ist es so einfach, wenn für einen Moment das Ego und die alten Schmerzen Pause haben.

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Sonntag, 221120

Ewigkeitssonntag, so heißt der Heutige, das klingt in meinen Ohren irgendwie angenehmer als der landläufig bekannte Totensonntag. Die brauchen keine Sonntage mehr, haben sie doch im Idealfall tagtäglich ihre Ruhe. Die Ewigkeit dagegen kichert leise ob ihren Ehrentag. Weiß sie doch mit unserer ziemlich willkürlichen kalendarischen Zeiteinteilung recht wenig anzufangen. Was ist schon ein Sonntag für die Ewigkeit? Aber immerhin, denkt sie, erinnert Mensch sich dann an mich.

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Ein anderes Thema, eher bezogen auf unsere Endlichkeit oder besser, wie finde ich in dieser verdammt kurzen Zeitspanne Erfüllung? Es gab eine Zeit, da war ich als suchtkranker Mensch heilfroh, eine Fachärztin für Psychiatrie als langjährige Therapeutin zu haben, neben meinen regelmäßigen Gruppenbesuchen in der Selbsthilfe. Vor noch nicht so langer Zeit war ich froh und dankbar, die Unterstützung eines Mannes vom Fach auf dem Weg in eine Reha-Klinik gefunden zu haben.

Die Wege sind so verschieden wie wir Menschen und das Angebot ist riesig, wenn man nicht gerade normalbegüterter Kassenpatient ist. Coachs und Therapeuten gibt es so viele, für jeden, der zum einen zahlen kann und will, zum anderen, auch bereit ist, sich auf die heutigen Methoden einzulassen, mögen sie eine echte Hilfe sein. All dies habe ich in weiten Teilen zurückgelassen, von einer verdammt lebenserfahrenen Ergo-Frau mal abgesehen, die mich einmal im Monat mit guten Impulsen versorgt. Den Facharzt gibt es auch noch, alle 4 Monate sage ich mal Guten Tag dort. Ich weiß, er kann mir den Arsch retten, gerade im Kontext mit meiner nicht enden wollenden Erwerbstätigkeit. Er braucht es nicht zu tun, aber das Wissen darum finde ich hilfreich.

Mit meine 60 Jahren bin ich wahrscheinlich so etwas wie austherapiert. Was neue Erkenntnisse nicht ausschließt. Was zu mir finden soll, wird kommen. Meine innere Ruhe verdanke ich meinem Glauben, meiner höheren Macht, die mir immer wieder gerade auch abseits vom therapeutischen Geschehen Menschen geschickt hat, die mir ungemein hilfreich waren. Dafür bin ich sehr dankbar.

Aber – jeder Mensch auf seine Weise.

Donnerstag, 221103

Ein typischer November-Eintrag.

Heimkommen. Im mehrfachen Sinne. Windige, meerige Familientage sind vorüber, Geselligkeit hatte ebenso ihren Platz wie das Alleinsein und die Trauer. Die ist immer wieder zu Gast und das wird so lange dauern, wie es dauert. Ein Teil davon ist mir im Laufe meines Lebens zur zweiten Natur geworden, obgleich ich Humor habe und gerne lache. Das Loch von einst gibt es nicht mehr in gehabter Form, ich fühle mich schon getragen und geborgen, alles in allem. Mit den wahrscheinlich bei allen Menschen üblichen Schwankungen.

Bei aller Vertrautheit um mich herum fühlt sich diese Zeit für mich immer auch nach Abschied an, und damit meine ich nicht nur den Tod meines Vaters und den hoffentlich noch ein Weilchen dauernden Seitenwechsel meiner Mutter. Abschied von so mancher Körperlichkeit, auch von der eigenen Vitalität, der zunehmend degenerative Kräfte zu schaffen machen. Abschied von manchen Beziehungsbild, den ich so vor 10 oder 15 Jahren nicht hingenommen hätte. Aber etwas anderes gesellt sich zu mir – Tiefgang, im Rahmen des mir möglichen. Auch wenn alter Pessimismus sich immer wieder Bahn brechen möchte, spüre ich doch Vertrauen in den großen Plan, Zuversicht und Hoffnung. So kann das gerne weitergehen, allerdings wird mir zunehmend klarer – von allein wird das nicht unbedingt etwas. Eine gerichtete Lebensführung ist unerlässlich dazu, gelegentliche Pendeleien inbegriffen.

Mittwoch, 221018

Nicht ehe der Mensch versagt hat, kann er wahre Demut erlernen. Demut erwächst aus einem tiefen Dankbarkeitsgefühl zu Gott, weil es uns die Kraft gibt, über Fehler der Vergangenheit hinauszuwachsen. Demut ist keineswegs mit Selbstachtung unvereinbar. Der wahre Mensch respektiert sich selbst und andere und ist dennoch demütig; und ein demütiger Mensch übt Nachsicht – und nicht Kritik – gegenüber den Schwächen seiner Mitmenschen. Er ist streng mit sich selbst und nachsichtig mit anderen.

https://aa-welt.de/store/24stunden/18-10.htm

Manchmal denke ich, unfassbar, alles wurde schon mal vor mir gelebt, erlebt, weitergegeben und aufgeschrieben. Und ich musste gut 4 Jahrzehnte alt werden, um überhaupt beginnen zu können, mich damit auseinanderzusetzen. Demut heißt für mich nicht im Staub kriechen und sich selbst kasteien oder sonstwem unterwerfen. Sondern eine Macht, größer als ich selbst anerkennen zu können. In Selbstachtung und Würde. Das Versagen ist leider fester Bestandteil auf dem Weg dorthin. Ohne Pleiten, Pech & Pannen ist wohl kein kritischens Hinterfragen möglich.

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Netzfund zum Thema Entscheidungen finden. Damit eiere ich gern umher, merkwürdigerweise am liebsten mit den vermeintlichen Kleinigkeiten, die größeren Sachen habe ich schneller klar und kann dann auch dazu stehen. Die Wahl eines adäquaten T-Shirts am Morgen dagegen kann mich verrückt machen 😉

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Zum Schluss noch das beliebte Suchspiel – wo ist vorne und hinten und was überhaupt ist es 🙂

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Freitag, 221014

Vater. Die Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf. Ablenkung hilft auch nur bedingt. Mir fallen die Worte einer schon lange verstorbenen Freundin wieder ein. Wenn ich meinen eigenen Körper nicht mehr tragen kann, ist es schnell vorbei. War es bei ihr auch, aber das scheint nicht allgemeingültig zu sein. Dazu ist er recht klar im Kopf, trotz fortschreitender Demenz. Wenigstens erkennt er mich und meine Mutter. Sprechen fällt ihm sehr schwer, Toilettengänge sind unmöglich geworden, mit allen daraus folgenden Konsequenzen, auch mit Blick auf die Personaldecke der Station. Was für ein Elend. Wir waren uns den größten Teil unserer gemeinsamen Zeit nicht grün, aber das habe ich ihm nie gewünscht.

Dazu kommt ein mittlerweile wieder stattlicher Stapel Post, den es abzuarbeiten gilt. Pflegeheim, Krankenkasse, Pflegedienst für die Mutter, alle haben Wünsche. Lesen, verstehen, Rechnungen begleichen, alles scannen und ab in die Cloud, damit alles jederzeit und überall greifbar ist. Hat sich schon so oft als sehr nützlich herausgestellt. Nützlich – machen – kann ich. Nur das Elend kann ich nicht beseitigen. Beten kann ich, aber der große Chef hat seine eigene Vorstellung von Zeit.

Draußen singt ein Vogel wie im Frühling. Junge, stell mal deinen Kalender nach, möchte ich ihm sagen. Mach ich natürlich nicht, zum einen wärs ihm sowieso gleich, ob da ein Mensch was sagt oder nicht, zum anderen gefällt mir sein Gesang. Nach Lage der Dinge bekommen wir hier wohl ganzjährig Wachstumssaison. Urwald bergisches Land oder so. Am Unterlauf der Wupper sieht es eh schon aus wie am Amazonas.

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Sonntag, 221009

Vollmond im Widder.
Gefühlslage – Karg und verlassen.
Es ist nur ein Gefühl, hat also einen Anfang und ein Ende.
Ich bin nicht mein Gefühl und nicht mein Ego.
Auch nicht meine Gedanken.

Einer ist immer bei mir.

Die gute Nachricht: Die getrennt lebenden Eltern gesunden. Bei meiner Mutter überrascht mich das nicht, freut mich dennoch natürlich. Selbst Vater hat Corona überstanden, ich stehe im telefonischen Kontakt mit der Station. Vielleicht gehen nächste Woche wieder Besuche. Freue ich mich für ihn? Ja und Nein. Er will gehen. Aber was heißt das schon, gehen wollen. Die Entscheidung fällt er nicht, zumal er Suizid ablehnt. Ist auch keine Lösung, glaube ich. Unheimliche Zwischenwelten verlängern nur das irdische anhaften an das alte Leben. Wir werden geholt. Auch mein Vater.

Vollmondlied – ich bitte um Nachsicht.

Mittwoch, 220928

Im Jahr des Wassertigers 2022 regieren kranke Egos und verletzte Emotionen. Der Blick in die Nachrichten macht Gänsehaut, die Welt scheint weit weg von Nächstenliebe oder wenigstens ein Mindestmaß an Verstand. Sei`s drum, alles Dinge und Umstände, die ich nicht ändern kann. Das zu unterscheiden ist für mich fundamental wichtig. Warum sich nen Kopp machen über etwas, was nicht im geringsten in meiner Macht liegt. Vorbereiten? Auf was? Ich gehe hier nicht weg. Wohin auch. Baue keine Bunker außer den einen für meine Seele. Einen kleinen Vorrat Trinkwasser lege ich an und horte für ein paar Tage dröges Zeug zum essen, fertig.

Gern hätte ich es nett und vor allem vorhersehbar. Seit das mit dem Weihnachtsmann klar ist, hasse ich Überraschungen. Beständig auskömmlich hätte ich es gern. Was ich schon gerne hätte – Drauf geschissen, das gibt es nicht. Also weitermachen, Nachrichten limitieren und die innere Emigration vorbereiten. Und – ganz wichtig – vertrauen, auf den großen Plan. Das ist, auch wenn ich das so oft mißbrauchte Wort hasse – alternativlos.

So, und jetzt etwas erbauliches in Sachen technische Schönheit. Blau ist bekanntlich die Farbe der Introvertierten und der Psychopathen. Also, mir als Blogger gefällt das Bild 😉

Schräge Musik zum schrägen Eintrag.

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Nachtrag: Seit sofort gibt es die Wupperpostille werbefrei. Kostet 48€/Jahr und hat dann 6GB Datenvolumen statt 3 zuvor. Achtung, Kostenfalle: Eine für das erste Jahr kostenlose Domain lässt sich anwählen, muss aber nicht gewählt werden. Kostet nämlich ab dem zweiten Jahr extra, ab 15€, je nach Endung. Hier sieht man mein Vertrauen in eine glanzvolle Zukunft über ein Jahr hinaus – ich habs gelassen, mit der eigenen Domain 😉

Sonntag, 220911

Morgenandacht im Radio, es geht um Kosenamen als Ausdruck der Zusammengehörigkeit. Da gibt es diese Speziellen, abgeleitet vom Namen, gewissen Charaktereigenschaften oder Vorlieben für was auch immer. Sehr beliebt sind auch die Joker, wie ich sie wegen ihrer Austauschbarkeit gerne nenne. Wer je seine neue Flamme mit dem Namen der/des Ex angesprochen hat, weiß, wie ich das meine. Mag von daher praktisch sein, steht aber auch für Beliebigkeit. Zudem bleibt so ein seltsamer Eindruck, wenn solche Kosenamen öffentlich in streitbaren Kontext genannt werden. Darüber reden wir später, Schatz! Das hat dann die Phonetik eines gut geworfenen, im Türrahmen stecken gebliebenen Wurfmessers, das noch eine kleine Weile vibriert. Schatzzzzz….

Selbst bevorzuge ich Klartext und meine romantische Ader, die es zweifelsfrei gibt, geht den Rest der Welt einen Scheiß an. Zumal Romantik eine wunderschöne Sache ist, aber den Abgründen des Alltags selten stand hält. Selbst zu zweit geht das nicht wirklich auf, meiner Erfahrung nach. Was aber sicherlich nicht allgemeingültig ist. Praxis-taugliche Romantik brennt auf kleiner Flamme, um dann zu ihrer Zeit wieder hell zu leuchten. Der rationale Zwilling in mir und der Löwe-Aszendent sorgen schon für die nötige Distanz und Sachlichkeit, so als Ergebnis konsequenter Weiterentwicklung der Mimose mit der großen Fresse. Die gibt es zwar immer noch, aber sie muss sich nicht mehr produzieren. Jedenfalls eher selten, um bei der Wahrheit zu bleiben.

In der besagten Radio-Andacht ging es schlussendlich dann um die Namen für Gott, bis hin zum Tetragramm JHWH. Selbst halte ich es einfach, spreche von meiner höheren Macht, der Schöpfung oder schlicht dem Herrn. Es ist mir nicht wichtig, das ist eher die Vorstellung einer Kraft, größer als ich selbst, die es gut mit mir meint. So ich ihr denn zugewandt bleibe und mein Ego nicht über allem zu stellen versuche. Kommt hin, so oder ähnlich.

Sonst so? Vollmond in Fische, Wetterwechsel, der ersehnte Regen nach langer Dürre und ich kriege Kopfweh. Sei still, Mimose, und leide leise.

Fundstück im Kiez …
Eintrag zu Ende.

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Samstag, 220827

Ein freier Samstag-Nachmittag, nach den üblichen Verrichtungen in Sachen Haushalt und Eltern. Allein mit zwei Katzen und unternehmungslustig, also raus. Nach Auto fahren steht mir nicht der Sinn, das ganze Umhergegurke die Berge heraus und herunter reicht mir und so fahre ich mit der Bahn zur Müngstener Brücke. Die feiert sich gerade selbst, nach langjähriger Restaurierung. Von oben sieht man eine Menge Menschen rund um das Haus der Lebenshilfe in seinem rostroten Kleid.

Erinnerungen werden wach, das war vor 30 Jahren mal mein Arbeitsweg. Und noch mal 10 Jahre zurück – Müngsten, das waren damals zwei verkomme Parkplätze, in deren Umfeld öfter schon Mal Übles passierte. Verruchte Gegend, hin und wieder dümpelten Leichen im stinkenden Wasser und die gleich unter der Brücke platzierten Andenkenbuden hatten gelegentlich Löcher in den Dächern, wenn wieder wer von der Brücke sprang. Und – es gab das Exit, da, wo jetzt das rostrote Unding steht, ein wurm- und schwammstichiges Fachwerkhaus, das am Ende nur noch zum Abriss taugte. Der Ort, um sich am frühen Sonntag Morgen den Rest zu geben, so man denn noch irgend einen Plan hatte, wieder aus dem Loch heim zu kommen. Alles Geschichte, heute ist dort der Brückenpark und die Dachdecker kommen dem Vernehmen nach auch nicht mehr so häufig.

Viel zu sehen gibt es nicht, vor der Rostlaube wird gesetzt musiziert, mit geladenen Gästen, und so mache ich mich wieder auf dem Weg, erwische einen Bus nach Remscheid und von dort eine S-Bahn zurück nach Wuppertal.

Impressionen von Brücke und Bahnhof Güldenwerth zu Remscheid.

Bahnsteig-Panorama

Wieder im Tal der Wupper mache ich Rast in einem mutmaßlichen Geldwäsche-Laden. Ich bin der einzige Gast, der Wirt ist sehr sorry wegen dem nicht mehr vorhandenen Bändel am Teebeutel (Löffel zum rausfischen liegt dabei), die Wasserflasche kommt ohne Glas, aber die Pizza schmeckt. Mittlerweile ist es kühl geworden, ich ziehe mir mein Psalm-23-Sweatshirt über. I will fear no evil. Stimmt zwar nicht ganz, aber die Botschaft hat was. Denken auch andere, wie verstohlene Blicke mir sagen. Scheint nicht nur zu mir, sondern auch in die Zeit zu passen.

Und so laufe ich durch das samstägliche Gewusel, denke an einen Kommentar, den ich heute Abend geschrieben habe. Vom gefühlt dazu-gehören oder eben auch nicht. Vom sich-verloren-fühlen und von Geborgenheit. Vom all-eins-sein und vom heil werden. Denke an die zahllosen Spiegelbilder in meinem Leben. Die Liebste fällt mir ein, die gerade in Sachen Familie ihr Bestes gibt, damit ein paar Kinder eben nicht mit so einem Lebensgefühl umherlaufen müssen. Wäre gern dabei, aber mal eben frei machen, wenn ich so wie jetzt in einem längerfristigen Projekt stecke, das geht nicht.

Oder ganz frisch der Typ in der Bahn, mir gegenüber, der mit seinem Zeug zwei Plätze in Besitz nahm. Finstere Miene, die sich (synchron mit der meinen) erhellte, als eine junge Mutter ohne groß zu fragen Platz machte, für sich und ihre kleine Tochter. Öffentliche Verkehrsmittel haben einen gewissen therapeutischen Wert und eignen sich hervorragend für Milieustudien aller Art.

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Sonntag, 220807

Sepia

Draußen blendet gleißendes, helles und sehr klares Sonnenlicht, während ich den Tag beginne. Undiszipliniert, für meine Verhältnisse. Die eigene Fassade teilsaniert, die morgendlichen Übungen fürs schreiben unterbrochen, bevor sich die Worte wieder dadurch tun. Die Liebste ist in Sachen Familie und Kunst unterwegs, das ist schade, weil ich nicht mit kann und gut, weil ich so auf niemanden Rücksicht nehmen muss. Auch mal nett, allein einfach das zu tun, wonach gerade der Sinn steht. Nicht im Sinne von sich selbst finden (Hallo, hier bin ich), sondern schlicht der sein, den es im Augenblick gibt. Kommt in letzter Zeit nicht so oft vor, scheint es – aber auch das ist nicht stimmig, bin ich doch auch in meinen familiären und beruflichen Eigenschaften der, der ich bin, auch wenn jeweils andere Facetten sichtbar sind.

Gestern saßen wir zusammen und lasen vom Pfarrer Heinz Kappes, seine Ausführungen innerhalb der Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker, die weit über das Thema Suchterkrankungen hinausgehen, hin zu universaler Liebe, die keine Religion braucht. Eine gemischte Alt-Herren-Damen-Runde in sehr überschaubarer Zahl. Ich mag dieses gemeinsame lesen und anschließendes Gedanken-teilen sehr, wohl wissend, die Zeit wird unsere kleine Runde gnadenlos biologisch zerlegen. Dann ist das so, selbst gehe ich nach solch einem Treffen immer gefüllt mit guten Gefühlen meiner Wege. Gefüllt mit einem Gefühl von Orientierung.

Orientierung ist etwas, woran es mir „von Haus aus“ mangelt. Das spiegelt sich vielleicht auch in diesen Zeilen wieder. Wo stehe ich, mit meinen fünf mal 12 Lebensjahren? Oft genug ein emotionaler und geistiger Eremit, Teilzeit-Familienmensch, der sich schwer mit der Vorstellung tut, die anderen könnten ihn tatsächlich so lieben und wertschätzen, wie er ist, jetzt und hier. Und ja, Achtung, Gegenverkehr – kriege ich das bei den anderen immer so hin? Dualitäten allerorten, wie immer.

Und nein, ich suche nicht den Sinn des Lebens. Ich lebe, das ist Sinn genug, analog zum mich-finden-wollen, was genau so müßig ist. Ich stelle mich, wenn ich es versuche, auf den Punkt zu bringen, den Herausforderungen meiner Zeit, bin da, wo ich gebraucht werde, zeitweise aus einem irgendwie gearteten Pflichtgefühl heraus, selten nur noch aus Berechnung, das eigene, arg zerzauste Karma aufzuwerten und manchmal auch aus Liebe, das fühlt sich so an, weil es warm und dicht ist.

Kappes spricht von einer „Sucht, gebraucht zu werden“. Wieder so eine Stolperfalle des eigenen Egos. Wenn dagegen die eigene Intuition (die beiden sind Geschwister, Ego und Intuition) das gefühlte oder gelebte mit ausreichend vergangener Zeit und einem positivem Körpergefühl abnickt, dann geht das in Ordnung, kann so weiter gehen, dann dient es nicht nur dem eigenen Selbstzweck, sondern dem Bedürfnis nach Entwicklung, Heilung, weiterkommen. Kann sogar Freude machen, was für manche gesegnete Frohnaturen seltsam klingen mag, für ein Nachtschattengewächs mit zunehmender Liebe zum Licht, wie ich eines bin, dagegen noch ein recht junges Pflänzchen ist.

So, und nun habe ich genug vermeintlich oder tatsächlich Gehaltvolles von mir gegeben und darf auch mal ganz unverdächtig ein leicht frivoles Bild von mir zeigen, nicht Sepia, wie eingangs geschrieben, sondern Drei-Farben-farbreduziert. Mit Fünf mal Zwölf geht das in Ordnung, ohne die Absicht, noch irgendwelche Preise gewinnen zu wollen 😉