Donnerstag, 210121

Furchtbar

Das ist alles furchtbar, sagt ihr Nachbar am Döner-Stand, der seine Brottasche in Arbeit hat. Furchtbar … grantelt es Döner-mümmelnd, während er sich langsam auf dem Weg macht.

Was is` furchtbar, sagt leise der Döner-Mann zu ihr, ein Araber mittleren Alters. Dieses Volk kennt keine Krisen. Alle haben genug Essen, Wasser, Zuhause, warm, Internet…was ist furchtbar?? Er weiß nicht, was furchtbar ist… So ist es, sagt sie, die Frau mit den dunklen lockigen Haaren und den fast schwarzen Augen und nickt zustimmend, während sie zahlt und sich bedankt.

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Sonst so? Es war eine etwas unruhige Nacht mit sehr wenig Schlaf, der Wind spielte lautstark mit den Rolladen. Der Kopf ist schwer, aber es geht mir gut, siehe oben. Wenn etwas fehlt, dann sind es Umarmungen. Und Begegnungen mit der Familie. Die sind selten geworden. Das ist, sagen wir mal, bedauerlich, aber nicht furchtbar. Für mich. Danach kommt lange Zeit nichts mehr, was fehlt. Ganz weit dahinten – da fehlen Kino, Restaurants, Gruppen. Ab und zu mal unter Menschen ist sogar für mich angenehm. Manchmal. Was überhaupt mal gar nicht fehlt, ist shoppen und reisen.

Hinter bedauerlich kommt unangenehm. Das betrifft mich Gott sei Dank schon nicht mehr. Andere schon, so gesehen gestern in der „Lokalzeit“ des WDR. Familien im Lockdown, alle zuhause. Der gezeigte Fall hatte noch das Glück, zu fünft ein mehrgeschossiges Eigenheim zu bewohnen, wo Mensch sich zumindest ein wenig aus dem Weg gehen konnte. Können andere nicht, in ihren Mietwohnungen. Unangenehm und nervig, aber lange noch nicht furchtbar. Die Wahl der Worte …

Und – als Mensch, dessen erste Lebenshälfte aus einer Kette von privaten Krisen bestand, ist mir das Prinzip dahinter jedenfalls vertraut. Hätte ich auch nicht gedacht, dass mir das mal zum Vorteil gereicht.

 

 

 

 

Samstag, 201121

Nachgespürt und festgestellt, die Lauten sind vor allem eines – laut eben. Nicht zwangsläufig zahlreich. Für mich stelle ich fest: Lange halte ich an Menschen fest, gebe so schnell niemanden auf, weil auch ich immer wieder auf Menschen gestoßen bin, die mich nicht aufgaben. Allerdings ändert sich da gerade etwas, in mir. So bin ich nicht mehr bereit, mit Menschen zu diskutieren, die unseren Staat als Diktatur verunglimpfen, die nach Freiheit und Menschenrechten schreien und denen zujubeln, die, sind sie erst einmal an den Trögen, genau das am allerwenigsten möchten.

Alles nichts Neues. Geschichte wiederholt sich gerade, mit den Mitteln dieser Zeit. Unsinn, krudes Zeug, aus dem Kontext gerissene Halbwahrheiten, freche Lügen und Sündenbockmentalitäten verbreiten sich rasend schnell und fallen vor allem dort auf fruchtbaren Boden, wo mangelnde menschliche Reife mit persönlichen Einschränkungen und existenziellen Nöten zusammenfallen. Natürlich ist Kritik oft berechtigt und muss auch Gehör finden, so vieles wirkt überzogen und riecht nach flügelschlagenden Aktivismus, aber wer daraus das Recht ableitet, diesen unseren Staat als ganzes in Frage stellen zu dürfen, braucht sich nicht wundern, wenn er auf massive Ablehnung stößt. Selbst finde ich diesen Staat verbesserungswürdig, aber ich kenne keine freiere, humanere Gesellschaftsform. Das widerspricht sich übrigens nicht mit meiner Affirmation zur Anarchie und meiner Ablehnung sämtlicher Autoritäten, auch wenn das schwer verständlich scheint. Anarchie setzt Empathie voraus, sonst mündet sie im rechtlosen Chaos. In jungen Jahren habe ich mich empört, warum es hierzulande nicht möglich ist, über weitreichende Entscheidungen via Volksentscheid abzustimmen, wie eben in der Schweiz üblich. Je mehr ich das „Volk“ und seine leichte Manipulierbarkeit kennen lerne, um so mehr beunruhigt mich der Gedanke, wirklich jeden über alles mitbestimmen zu lassen. Eigentlich sehr schade, das.

Es singt der Chor der Blöden, der schon immer war zu laut. Auch, wenn Marius das damals in einem anderen Zusammenhang meinte.

Sonntag, 201018 – am Abend

Ungewissheit.

Letztens las ich irgendwo, Menschen, die sich mit dem Unplanbaren, dem Ungewissen leichter tun, kämen nun besser auch durch diese Zeit. Da mag etwas dran sein.

Mit 19 zog ich von meinen Eltern fort und hatte nicht den geringsten Plan. Außer vielleicht den festen Haushaltsposten für Alkohol und Drogen. Viel später ließ ich mich auf familiäre Zustände ein und wusste nicht, was ich tat. Dazwischen lagen die 80er, wo ich, zusammen mit so vielen anderen, nicht wusste, ob der heutige Tag vielleicht nicht doch der letzte sein sollte, dem „kalten Krieg“ sei Dank.

Mit 36 lebte ich wieder allein, wollte an die alten Zustände anknüpfen und scheiterte erneut grandios. Eineinhalb Jahre später sagte ich laut „Ja“ zum Leben und hatte wieder keine Ahnung, wie ein Leben ohne Rausch aussehen könnte. Ich ließ mich darauf ein, weil ich nicht elendig auf allen Ebenen zugrunde gehen wollte. Es folgten viele Jahre großer Ungewissheit. Anwaltliche Auseinandersetzungen mit der Mutter meines Sohnes mit völlig ungewissen Ausgang. Bauchschmerzen vor dem Briefkasten. ES hat sich gefunden.

Beziehungs-Chaos. Versuch und Irrtum. Wieder keine Gewissheiten, nicht die geringsten, weil meine jeweiligen Gegenüber mir so ähnlich sahen (daher kommt der von mir so oft zitierte Spruch „Gleiches sucht und findet Gleiches“). Und wieder fand ES sich.

Es folgten berufliche Ungewissheit und zwischenmenschliche Herausforderungen unterschiedlichster Art. ES hat sich gefunden und – ich sollte lernen, die Unwägbarkeiten besser anzunehmen, Vertrauen zu lernen, weil Leben nun einmal keinem festen Plan folgt. Ein Weg, den ich bis heute beschreite. ES findet sich, wenn ich meiner Intuition, meinem Glauben folge.

Und nun herrscht eine große, gesellschaftliche Krise. Neu daran ist, das dieses Mal so viele um mich herum mit den Flügeln schlagen. Mich lässt es nicht kalt, sicher nicht. Aber innerlich weiß ich, ES wird sich finden. Wie auch immer.

Nachdenklich

Immer schon habe ich diejenigen Menschen ein wenig beneidet, die konsequent ihrer so genannten Selbstverwirklichung nachgingen, meist als Freiberufler mit allen Vor- und Nachteilen, aber hauptsächlich mit Liebe und Freude an ihrer jeweiligen Sache.

Selbst habe ich eine klassischen, sehr traditionellen Beruf gelernt, den ich immer noch ausübe. Oft habe ich mit zahlreichen, aus meiner Sicht höchst überflüssigen Regelwerken gehadert und mich über manche scheinbare oder tatsächliche Willkür meines Arbeitgebers empört. Wenn ich allerdings Resümee ziehe, habe ich (für mich) alles richtig gemacht, gerade mit Blick auf die derzeitige Lage, die sich die wenigsten haben vorstellen. Ich mag Tätigkeiten, die noch so etwas wie Wertschöpfung besitzen, bei allen Sinn für, bei aller Freude an Kunst und Kultur.

Systemrelevant (ein mittlerweile arg abgedroschenes Modewort) – das sind für mich, noch vor meiner eigenen Tätigkeit in der Industrie hauptsächlich jede medizinische und pflegerische Kraft, jede Putzfrau, jeder Handwerker. Die wirklich Unverzichtbaren eben.

Davon abgesehen freue ich mich auf eine Zeit, in der ich wieder ohne schlechtes Gewissen Verwandte und Freunde besuchen kann, Theater und Kinobesuche wieder möglich sind und man sich zum Plaudern neben einem alten Mann auf einer Parkbank setzen kann. Meinetwegen auch neben einer alten Frau 😉

„Maskenhaftes“ Plaudern – mich stört sehr die in großen Teilen nicht wahrnehmbare Mimik, verhüllt von dem schützenden Stoff. Fehlt nur noch so `ne verspiegelte Sonnenbrille dazu …

Mehr als ein Buch

Aufgefallen ist mir der etwas blumige Name der Organisation, bei der die Pfarrerin, welche hier im Tal die allwöchentliche kontemplative Meditation leitet, Mitglied ist:

Wolke des Nichtwissens.

Nichtwissen wohlgemerkt ohne „s“, was einen kleinen, aber bedeutenden Unterschied macht. Hingeführt worden bin ich auf der immerwährenden Suche nach Einheit, nach Frieden in mir, ausgelöst durch eine handfeste Krise Anfang des Jahres. Nachdem therapeutische Ansätze fürs Erste gescheitert sind (wer je versucht hat, nach einem 8- oder 9-Stunden-Tag mit anschließendem Kampf durch den Berufsverkehr offen für tief Hintergründiges zu sein, wird verstehen, was ich meine). Medikamente können allenfalls eine Übergangslösung darstellen, sind darum auch nur temporär hilfreich.

So tat ich mich in Gemeinde und Freundeskreis um und fand zu dieser Gruppe. Meine ersten Erfahrungen habe ich versucht, hier ein wenig zu beschreiben. Der oben beschriebene Name der Vereinigung führte mich auch zu einem gleichnamigen Buch aus dem Herder-Verlag, welches ich mir besorgt habe. Natürlich kann das Lesen über Meditation immer nur Hintergründiges sowie Geschichtliches erklären und nie die Praxis ersetzen. Worte dafür zu finden, ist eh schwierig, wie auch Ananda schon treffend bemerkte. Hier mal ein kleiner Auszug, es ist schon interessant zu lesen:

Kontemplation

Übrigens – auch ich bin ein großer Freund von regionalen Geschäften. Buch-Rezensionen lese ich beim bekannten Versandriesen, online bestellen und kaufen jedoch in einer örtlichen Buchhandlung um die Ecke sozusagen. Kann vor Ort abgeholt werden, geht flotter als mit dem Branchenriesen und stützt die heimische Wirtschaft …

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