Samstag, 210703

Seit 4.45 Uhr bin ich auf. Geweckt von einer Katzengras-bedingten Kotzorgie in der Nacht. Sechs Mal hintereinander. Highscore! Keine Ahnung, ob das ein Gemeinschaftswerk der beiden war oder das eines Einzeltäters. Täterin wohl eher. Wer nur die Geräusche in der Dunkelheit hört, bei dem könnten sich so Bilder einstellen, Bilder von hohlem Katzenfell, derweil der Rest sich gerade in der Wohnung verteilt hat. Königsklasse in dem Kontext ist übrigens, nichts zu hören, dafür des Nachts pissen zu müssen und mit blanken Füßen in die mittlerweile kalten Placken steigen. Dann lieber Schlafstörungs-bedingt mitzählen dürfen und zeitig aufstehen, die Unreinheit beseitigen.

Sonst so? Es gibt Tage, da könnte ich mit Worten die Welt erklären. An anderen Tagen wiederum erscheinen mir Worte dermaßen sinnlos, derweil sich das Wesentliche doch eh nicht in Worte fassen lässt. Wer je versucht hat, ein Gefühl oder nur einen Geruch, einen Geschmack zu beschreiben, weiß, was ich meine. Es geht nur vergleichend, nicht wirklich beschreibend. Helfend wirken Metaphern, Gleichnisse und Märchen, Sagen. Auch Lyrik schafft die eine oder andere Abkürzung vom Hirn zum Bauch, als Sitz der Seele. Wenn man sie kann, die Lyrik, und nicht wie meiner einer erst mit Anfang 40 schreiben gelernt hat.

Und – ein Fundstück vom Wassertiger, gefunden beim sichten alter Einträge, gesehen auf einem Friedhof vor ca. 7 Jahren, irgendwo im Harz. Eine Definition von Größe, die ich unterschreiben kann, bei zeitgleichem erkennen-müssen, wie weit es dort hin sein kann, obgleich schon eine ganze Weile unterwegs.

Unterwegs zu sein bedingt älter zu werden, das wird mir bei meinen morgendlichen Übungen immer wieder klar. Schon längst geht es nicht mehr um irgendwelche Eitelkeiten – mit diesem Charaktergesicht und jenem Astralkörper ist eh kein Preis mehr zu gewinnen – eher um die Abwesenheit von Schmerzen. Um Haltung, innen wie außen, auf allen Ebenen des Daseins. Mehr wert als Eitelkeit – wer die als Todsünde deklariert hat, war sicher auch so umme 60 …

So ganz ohne Musik geht es denn auch nicht.

Für heute bin ich bei mir
Per oggi sto con me

Hach ❤

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Mittwoch, 210623

85 db Dauerbeschallung, das ist irgendwo zwischen Hauptverkehrsstraße und Preßlufthammer, dank Hohlraumversiegelung via Otoplastik auf ein erträgliches Maß reduziert. Mensch ist dann für sich, mit gestopften Ohren. Bleiben noch die unvermeidlichen optischen und olfaktorischen Reize, bei den erfreulicherweise seltenen Begegnungen. Hohlraumversiegelt Scherze treiben geht auch: Freundliche Miene, den Besucher ein paar Sätze reden lassen, zustimmend nickend gestenreich die Hohlraumversiegelung entfernen und interessiert nachfragen, was des Gegenüber Begehr denn nun sei. War es von Belang, wird es wiederholt. Königsklasse: Disziplinarische Gespräche mit dem Vorgesetzten. Nein, ernsthaft, das würde ich natürlich nicht tun. Dann bleiben die Dinger drin …

Sonst so: Still ruht der See. Also abseits der Dauerbeschallung. Nachdenklichkeit angesichts der elterlichen Lebensumstände. Es macht etwas mit mir, der Situations-bedingt verstärkte Kontakt. Wer sagt eigentlich, dass am Ende alles gut wird? Überhaupt, definiere „gut“. Jemand meinte mal, gut sei nicht unbedingt schön, und vermeintlich schönes nicht zwangsläufig auch gut. Manchmal habe ich Lust, so Sprüche in irgend eine Kiste zu versenken, zunageln, ab in die Wupper. Gute Reise, klug geschissene Lebensweisheiten. Leben geht auch ganz gut (!) ohne Kalendersprüche, zumindest vorüber, der Zeit ist es wurscht, was ich von ihr halte. Kann ich auch gleich das werten, das urteilen einstellen, bei so viel Gleichgültigkeit. Hat auch für mich enorme Vorteile, die Dinge so zu nehmen, wie sie nun mal sind.

Konsequent dazu passend mein neues Gewand:

Mal sehen, ob der Alte recht behalten soll.

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Montag, 210614

Ein arbeitsfreier Tag, der zum Teil den Eltern gewidmet ist, zum Teil dem Haushalt. Es bleibt auch noch Zeit zum still sitzen und nach Möglichkeit nichts zu denken. Gute Sache, das liebe ich an den Katzen, ebenso ihr Talent, ihre persönliche Meditations- oder Dröselzeit von jetzt auf gleich zu unterbrechen, weil gerade etwas wichtiger wird. Nur die Objekte der Begierden unterscheiden sich nicht unwesentlich. Jedenfalls fühle ich mich ihnen sehr verbunden, manchmal, beim Löcher-in-die Luft-gucken, den Geist fliegen oder auch irrlichtern lassen, abseits von all den wichtigen Dingen des Tages.

Sonst so? Vom gestrigen Sonntag bleiben noch ein paar Bilder von der kleine Runde gestern. So `n Farbklecks zum Beispiel, auf dem katholischen Friedhof Hochstraße, hier im Tal der Wupper.

Oder ein Grabschmuck, der mich verweilen ließ, weil so noch nicht gesehen. Das Grab einer Frau mit einem langen Leben. War sie weit gereist oder in mehreren Ländern zuhause? Verstand sie sich als Kosmopolit, als Weltenbürger? Ihre Angehörigen werden es wohl wissen.

Bizarrer Baumwuchs…

Und – ein Teil des Schreibers Antlitz, Produkt der dröselden sonntäglichen Muße. Wenn schon absichtslos hochgeladen, darf es auch zur Schau gestellt werden. Einzig die sich verändernde Farbgebung stimmt nachdenklich, wird doch aus dem melierten Irgendwas so langsam ein fettes Grau.

Von wegen dröseln 😉

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Montag, 201221

Wintersonnenwende – das ist doch mal eine Markierung im Kalender wert, wenn auch nur symbolischer Art, da die Wirkung erst allmählich sichtbar wird. Langsam, mit Geduld, Tag für Tag wird es ein wenig heller ab nun. Was in der Natur so hervorragend und verlässlich funktioniert, mag auf persönlicher Ebene auch Hoffnung machen, so geht es mir jedenfalls.

Das Tageslicht wirkt, die werkfreien Tage ermöglichen mir, es zu nutzen. Die Trägheit zu überwinden und meine Bahnen zu ziehen, derzeit gerne zu Fuß, das Fahrrad steht wegen so genannten Tennisarm seit langer Zeit schon Sinn-frei umher. So habe ich schon die Anschaffung eines gefederten Gefährtes in`s Auge gefasst – ich, als technischer Purist, der sich gerne auf das Nötigste beschränkt. Eigentlich mag ich keine Federschwingen, hindern sie doch massiv am springen mit dem Rad, bringen zusätzliches Gewicht und Wartungsaufwand. Die Dinger lassen sich zum hüpfen und für Bergfahrten zwar blockieren, aber wer denkt schon immer zeitnah daran. In der Stadt muss es flott gehen, da hüpfe ich mit meinem alten Crosser oft über elend hohe Bordsteine, Kanten, Löcher und so weiter. Von ungefähr kommen meine Malaisen nicht, mein Fahrstil sollte sich allmählich mal an mein biologisches Alter anpassen. Wäre gesünder, das muss ich jetzt nur noch dem Temperament erklären.

Wird sich finden. Bis dahin ist zu Fuß auch gut. Gestern waren es stolze 7000 Schritte – und ein paar Bilder sind auch mitgegangen, nach Hause.

Luftschutzbunker am Else-Lasker-Schüler-Park.

Den kannte selbst ich nicht …

Mirker Viertel, Wandgemälde.

Nicht nur von den Umständen, auch von der Beschaffenheit des Kopfes. Wenn zwischen den Ohren viel Platz ist, verfängt nicht viel.

Und wach werden, wäre auch schön…

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Freitag, 201127

Manche Tage beginnen so. Mit Tages-Routine, die sich zieht wie zäher Schleim. Die Tausend morgendlichen Handgriffe nehmen kein Ende, die Zeit wirkt gedehnt, was auch die Uhr spiegelt. Wenn es hier und da zwickt und zieht. Altern nennt man das wohl. Wenn auch die meditativen Übungen nur wenig Erdung geben, dann ist es wieder soweit, erinnere dich, höre ich meine innere Stimme leise.

Narcotics Anonymus – Nur für Heute

Und so lasse ich zu, dass sich die Zeit dehnt und zieht. Nehme mich zurück, sitze still, spüre den Schmerzen im Arm nach und denke Gleitzeit – ist nicht so wichtig. Die Katze dreht ihre Runden, hinter dem Sofa sehe ich ein Ohr und rufe sie leise. Das gleicht stets dem Roulette, rot oder schwarz, 1 aus 2. Sie kommt oder kommt nicht. Heute kommt sie kurz schnuppern, um sich dann gleich auf ihrer Aussichtsplattform niederzulassen. Immerhin. Nähe light, kein Widerspruch zu den innigen Stunden auf dem Sofa, wenn sie sich bei mir anschmiegt und fest einschläft. Wem das nicht gefällt, der möge sich einen Hund zulegen.

Sonst so? Gestern Abend – Von außen kommen Durchhalteparolen, harter Winter und so. Wenn ich koche, läuft das Radio, eine von vielen Verbindungen zur Außenwelt. DLF, der verschont mich wenigstens mit dem trivialen Geschwätz der Regio-Sender. Die Menschen kaufen zu wenig, sagen sie. Och, wen wundert`s, denke ich. Ist ja auch die helle Freude, in den Kaufmannsläden. Alle Ersatzbefriedigungen funktionieren derzeit nicht wirklich. Taten sie übrigens noch nie, aber jetzt fällt es vielen auf. Drogen und Alkohol sollen dagegen bestens gehen. Das funktioniert immer, sofort und auf der Stelle, aber leider nur chemisch, scheinbar und zeitlich arg befristet, die bekannten Nebenkosten inbegriffen. Während ich darüber sinniere, zerlege ich Gemüse und steige ungefähr ein Dutzend Mal über die Katze, die mitten in der Küche liegt. Alles meins. Der Koch ähnelt mit seinen Schritten derweil einem Ballett-Tänzer, das schult die Achtsamkeit, passt gut, wenn man mit einem megascharfen Hackmesser arbeitet, das Teil verzeiht nicht die geringste Unachtsamkeit. Tut auch nicht weh, der scharfe Schnitt, fällt nur auf, weil es tropft und der Boden rot wird. Sehr vertrautes Szenario. Aber jetzt gerade nicht, dem Fellbündel sei Dank. Irgendwann ist es dann genug, ich nehme sie hoch und trage sie etwas abseits meiner Bahnen zwischen Anrichte und Spüle, was sie gutmütig hin nimmt.

Zuhause – ich bin dankbar dafür.

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Samstag, 201031

Besondere Erkenntnisse der Woche:

Alle lassen es noch einmal so richtig krachen. Die Kinder und wir waren gestern den Geburtstag der Liebsten feiern. Zu viert. Unser Luisenviertel was rappelvoll. Alle Kneipen hatten nochmal Hochkonjunktur, um 11 Uhr Abends stand alles auf der Straße, schön voll und gesellig, ohne Masken und Mindestabstand, dafür gut gelaunt. Die Rechnung kommt später. Wenn dann abgerechnet wird, geht es wieder los. Das Endlosgelaber über die Sündenböcke.

Auf dem Punkt gebracht heißt das:

Danke, Browser Ballett.

Sonst so? Manchmal wird mir seltsam zumute. So geschehen Anfang dieser Woche. Meine Füße stecken hier daheim seit Ewigkeiten schon in asigen Adiletten. Damit mache ich wirklich alles, weil die Dinger gefühlt ewig halten. Nur gefühlt aber – nach vielen Jahren harten Tragens haben auch sie irgendwann das Ende ihrer Lebensdauer erreicht.

Am Montag, glaube ich, streife ich die Latschen ab und sitze barfuß am Schirm, so wie meistens. Das dauert nicht ewig und so stehe ich irgendwann wieder auf, schlüpfe in besagte Fußbekleidung und gehe zwei Schritte, um mich dann zu wundern, warum ich mit einem Fuß wieder auf den Dielen stehe. Sehe den Latschen und wiederhole den Vorgang, mit demselben Ergebnis … zu meiner Entschuldigung muss gesagt werden, es ist 5 Uhr früh. Langsam realisiere ich das Malheur und wundere mich, wie lang der Weg von den Füßen zum Kopf sein kann. Mittlerweile ist der Schaden wieder behoben, die nächsten Schlappen stehen am Start, diesmal in Signalfarbe. Was bleibt, ist eine diffuse Angst vor`m Älter-werden …

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Sonntag, 201025

Wieder Winterzeit, inklusive Rückgabe der im Frühjahr gestohlenen Stunde. Wie wäre es eigentlich mit Zinsen, verehrte graue Herren? Sei`s drum, ehrliche Kaufleute seid ihr eh nicht. Mal davon abgesehen, dass diese eh schon nicht ganz so zahlreich sind, maßt ihr euch den Handel nur an. Mal sehen, ob sich eure Erschaffer doch noch einigen, diesen Unsinn zu beseitigen.

Sonst so? Wir haben Freunde besucht, gestern Abend. Das soll man sein lassen, lassen wir aber nicht. Die guten gemeinsamen Stunden sind Labsal für die Seele, was wiederum das Immunsystem kräftigt. Das gilt im weitesten Sinne auch für den Umgang mit meinen greisen Eltern, bzw. deren Seelen. Ok, auch für die Meinige, gibt es mir doch das gute Gefühl, alles mir mögliche zu tun. Selbstlosigkeit geht, wenn überhaupt, dann nur im Affekt. Plane ich einen Besuch, bin ich schon darüber hinaus, irgendwie. Sei`s drum. Meine Seele ist schon etwas älter und alles andere als unbefleckt. Aber auf einem guten Weg, glaube ich. Sollte reichen, weil vom strengen Richten wird sie auch nicht Reiner. Nomen est Omen wäre nett, erscheint mir allerdings illusorisch. Besser, wir sind gute Freunde, meine Seele und ich.

Und – weil`s irgendwie passt:

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Freitag, 201009

Drei Maschinen, eine ist immer gerade kaputt. Manchmal auch zwei. Wir sind gemeinsam gealtert, der Lack ist sozusagen ab. Gnadenbrot und mit gewissen Tricks am Leben gehalten, wir vier.

Resteverwerter, ich.

Sonst so?

Endlich mal eine Corona-Fallzahltabelle aufgetan, die täglich gepflegt wird: HIER (Anmerkung: Die Seite lädt lange und verträgt sich nicht mit jedem Browser). Das Tal der Wupper eiert gerade um die Grenze hin zum Risikogebiet. Irgendwie Willkür, so Zahlen. Eigentlich war Ende des Monats eine kleine Reise geplant, daraus wird dann wohl nichts. Testen lassen wir uns nicht. Zuhause ist auch schön, mein eigenes Risikogebiet, da kenne ich mich wenigstens aus.

Und – die mich näher kennen, wissen, wie das Fundstück hier gemeint sein könnte. So Glaubenssätze – Mach ` et selbst oder lass et ...

Sonntag, 200906

Wie nahe Licht und Schatten beieinander liegen können, war gestern Abend fein zu sehen. Wie so oft halt. Die Augen wollen auch noch nicht so, wie ich, heute Morgen.

 

Besondere Erkenntnisse abseits von Routine:

  • Mit zunehmenden Alter wird es schwieriger, sich zu verabreden, von Spontanität, die ja sowieso gut überlegt sein möchte, mal ganz zu schweigen. Zuviel kann dazwischen kommen, in Sachen Familie und Corona. Absagen meinerseits derentwegen kenne ich auch nur zu gut.
  • Gelenke und Sehnen unterliegen altersbedingten Verschleiß und Sanitätshäuser werden von Wucherern geführt. Früher hat man sie aufgehangen und nun wollen sie des bösen Karmas willen der Menschheit Gutes tun, mit altem Geschäftsgebaren. Gelernt ist gelernt.
  • Der schwarze Vogel schlägt sachte mit den Flügeln und erinnert mich an seine latente Anwesenheit. Zeit für Licht, Luft und Sonne, Meditation, Gebet und vielleicht das eine oder andere liebe Wort.
  • Musik kann ebenso helfen, die Befindlichkeit zu manipulieren.

Und zum Schluss: Überkommene Rituale kann man auch unterlassen. Oder vermisst die hier jemand?

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Samstag 200627

Keine besonderen Vorkommnisse. Früher wurde mir in solchen Lagen langweilig und so habe ich mein bestes gegeben, wieder ein ordentliches Mass Unruhe in mein Leben zu bringen. Was man so macht, wenn man jung ist. Neue Freundin, neue Wohnung, neue Arbeit, Alkohol- und Drogen-induzierte „Nebenkosten“ des Lebens, meist in Form von gewissen Beziehungskrisen, gesundheitlichen Herausforderungen oder außerplanmäßigen Rechnungen.

Boah. Toll, etwas älter geworden zu sein…

Sonst so? Manche Tagesmeditationen berühren mich mehr als andere. Diese hier zum Beispiel, für Zeiten abseits von keinen besonderen Vorkommnissen.

2020-06-27 08_27_17-https___aa-welt.de – Opera

Quelle: 24 Stunden am Tag – ein vergriffenes Buch der Gemeinschaft der anonymen Alkoholiker. Online hier und anderswo noch zu lesen.