Sonntag, 210131

Der Tag beginnt mit Kopfweh und Niedergeschlagenheit, eineinhalb Liter mit Ingwer versetzter grüner Sencha verdünnen das Blut und die Über-Kopf-Übungen lassen das Kopfweh in den Hintergrund treten. Das Radio läuft leise, in allen Räumen derselbe Sender. Zeit für die Kirche, ich höre, dass Paulus alles schuld sein soll, im Sinne der Abkehr von der reinen Lehre Jesu. Mir gleich, denke ich, so kompliziert mein Seelenleben und so verworren meine Lebensgeschichte auch sein mag, so simpel und einfach ist mein Kinderglaube.

Viel Spektakuläres gibt es nicht zu berichten. Das Leben fordert mich derzeit eher im Stillen, aber dennoch ausgiebig. Die Eltern – sie brauchen was anzuziehen. Einkaufen ist für sie schon in „normalen“ Zeiten aufgrund ihrer Gebrechen schwierig bis unmöglich. Also bewaffne ich mit Laptop und Phon als Hotspot zur Shopping-Tour. Weil es nicht anders geht. Es hat etwas befremdliches für mich, wenn die Grenzen verwischen, wenn ich in intime Lebensbereiche eindringe, eindringen muss.

Stille Lektionen auch anderenorts. Im Austausch mit meinesgleichen werde ich mir meiner selbst bewusst, im Sinne des vierten und fünften Schrittes der anonymen Alkoholiker. Rücke auch mir näher, der alte Zauber wirkt immer noch und immer wieder, im kleinen Kreis ebenso wie in einer größeren Runde.

Nicht nur hier arbeitet es eher im Verborgenen. Die Familie hat wieder einmal Nachwuchs, die Liebste ist vierfache sechzehnfache (wir haben gerade der Wahrheitsfindung wegen gemeinsam auch den äußeren Kreis mit einbezogen und sorgfältig durchgezählt) Großtante geworden. Ich nehme auf meine Weise Anteil, freue mich für alle an diesem existenziellen Vorgang Beteiligten über die gelungene Schlüpfung. Was wirklich zählt, abseits mancher unerfüllbaren Sehnsüchte – hier schimmert es durch. Geburten, Todesfälle und die Intensität der Zeit dazwischen. Einfach Leben.

In dem Sinne…

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Mittwoch, 201230

Ruhe und Stille. Jetzt. Das ändert sich gleich, wenn für den Jahreswechsel der Kühlschrank gefüllt werden möchte. Unvermeidlich, das, und wieder eine Gelegenheit zum üben, in Sachen Geduld und Liebe deinen Nächsten. Wie dich selbst. Bekomme ich das hin? Wenn ich es mir bewusst mache, ja. Mir selbst tröstende und beruhigende Gedanken spende. Klarheit lebe, zwischen gebotener Zurückhaltung und zeitweiser Offensive, je nach Gebot der Stunde. Wenn ich mir meine Zeit nehme, am frühen Morgen, so wie hier und jetzt oder wie gleich, bei meinen Übungen. Meinen Körper spüre, fühle, was mein Geist mir weismachen möchte, den wilden Affen da oben am ausgestreckten Arm toben lasse, bis er die Lust daran verliert. Chef ist er nicht, der so genannte Verstand. Eine wichtige Instanz, aber es fehlt ihm an Mitgefühl, er ist von Haus aus ein kalter, berechnender Geselle. Heute ist er darum ein stiller Beisitzer, der gerne um Rat gefragt wird, aber darüber hinaus eben nicht Chef ist.

Nein, ich habe keine Lust, das Jahr 2020 in Schriftform feierlich abzuschließen. Jetzt jedenfalls nicht. Vorsätze für 2021 gibt es auch keine. Heute ist der Tag, mit dem ich klar kommen möchte. 24 Stunden reichen völlig aus und sind überschaubar. Pläne? Nur grob, was die physische Existenz angeht. Darüber hinaus bitte ich um Führung, für eben diesen Tag. Gut ist.

Sonst so? Wäre ja toll, wenn man ein gutes Gefühl, einmal gespürt, konservieren könnte. Portionieren, einkochen oder einfrieren, für schlechte Zeiten oder so (der schwarze Vogel kichert gerade leise und feixt mit dem Suchtschwein, nebenan). Aber – wer es dennoch versuchen möchte, hier ein ganzer Vorrat an Stille, zum mitnehmen.

Bitteschön 🙂

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Sonntag, 201101

Der stille Monat beginnt heute und diesmal in mehrfacher Hinsicht. Das Gedenken der Toten am heutigen Tag ist eines, etwas anderes ist es, zu spüren, wohin Mensch sich gerade entwickelt, angesichts der Lage im Land, auf der ganzen Welt, wie es scheint.

Gestern Abend. Wir essen und schauen fern. Im WDR läuft irgendetwas mit Musik von 60 Jahren. Wieder mal, denke ich, irgendwie entwickelt sich West3 gerade zum Alte-Leute-Sender. Bedenklich finde ich, dass mich, uns, so vieles vom gesehenen und gehörten schon berührt – die scheinen es also auf uns abgesehen zu haben. Wohl voraussetzend, dass unsereins die stete Verhaftung mit der Vergangenheit innig liebt und die Erinnerung mangels prickelnder Gegenwart braucht wie das täglich Brot. Sei`s drum, der Sender läuft und die Kost ist leicht verdaulich. Auch mal gut.

Zu sehen sind viele Künstler ihrer Zeit, Werdegänge, Interviews, Vitas und natürlich viel Musik, auch Konzertmitschnitte. Unter inneren Protest macht sich aufgewärmtes, längst vergangenes Lebensgefühl, teils von Gänsehaut begleitet, breit. Und – da ich nun mal strebe, in der Gegenwart zu sein, denke ich, es fehlen heute wichtige Kanäle, den Frust loszuwerden. Dem (geselligen) Hedonismus wird gerade aus guten Gründen der Kampf angesagt und im Topf steigt der Druck, wie mir scheint. Nicht alle realisieren die Gebote der Stunde. Hätte ich in jüngeren Jahren vermutlich auch nicht gekonnt und einfach weiter gemacht. Wir waren mindestens so kreativ im umgehen von Regeln wie die Kid`s heute.

Sonst so? Es ist ruhig hier, Dank einer abgesagten Reise sind wir daheim und das ist gut so. Finden im übrigen auch unsere Mitbewohner…

Liegen bleiben bis zum Frühjahr wäre schön…

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Sonntag, 200719

Stille. Die werkfreien Tage laden um innehalten ein. Keine große Reise, nur wenige äußere Reize, Familie, Besinnung auf das wesentliche oder besser das, was ich dafür in dieser Zeit halte.

Gedanken über Gruppen-Zugehörigkeit, Sehnsucht nach Gemeinschaft. Derzeit fühle ich mich von den gewohnten Strukturen  – ja, wie genau – entfremdet, das passt am ehesten. Was bleibt, ist meine Zugehörigkeit zu der Schöpfung, zu meiner höheren Macht, zu meinem Gott. Kosmopolit passt vielleicht auch. Was trägt, ist das Gefühl, im Moment genau richtig zu sein. Viel mit mir allein und dennoch verbunden.

Sonst so? Interessante Botschaft am schwarzen Cafe zu Berlin … Schweigen = Verrat? Kommt auf den Kontext an, lohnt sich auf jeden Fall, drüber nachzudenken.

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Und ja, Sonntag ist auch…

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Wort zum Sonntag

Sorry, ein klügerer Titel fiel mir gerade nicht ein 🙂 Wie die Lage ist? Wenn ich nicht gerade einkaufen muss, so wie jetzt, dann geht es. Falls doch, muss es auch gehen, aber wie… Laden betreten, schon sind die ersten 15-30 Minuten weg, draußen in der Schlange. Drinnen dann alles da – was ich gerade nicht brauche. Um mich herum vereinzelt Typen aus`m Mustopp, die mir immer noch zu dicht auf die Pelle rücken. Da wird schon ein jeder genötigt, eine Einkaufskarre zu verwenden – einer schafft es gestern, selbigen vorne angepackt hinter sich herzuziehen und mir so fein nahe zu kommen, grandios einfallsreich irgendwie. Vielleicht sollten wie alle rückwärts vor der Kasse anstehen, nur so, weil`s die Birne anregt und dann der Abstand wieder stimmt…

Zum einkaufen fällt mir noch ein, was so alles tief innen drin geschehen kann, wenn einem das von den Werbestrategen hoch gehaltene „Einkaufserlebnis“ plötzlich versaut wird, siehe oben, oder online durch mehrwöchige Lieferzeiten. Persönlich habe ich eh einen Hang zu „weniger ist mehr“, darum trifft mich das nicht in vollem Umfang, glaube ich. Lästig wird das alles nur, wenn auch ich gerade wirklich mal etwas brauche, wie zum Beispiel das weiße Gold in Papierform. Mein arabischer Kollege ist mir da ein große Hilfe, mal gibt er mir konspirative Tipps (Psst – um Eins kriegt Lidl `ne Lieferung, echtes Vierlagiges …) oder er lässt mich wohlwollend an den verborgenen Schätzen seines Kofferraumes teilhaben, fein hinter einer Sichtblende verborgen. Man hat schließlich schon für weniger ein Auto aufgebrochen. Selbst hat er einige Töchter und ein Frau, alle sehr reinlich, darum läuft er an den Kassen zur Höchstform auf, beim Bequatschen der Kassiererinnen, zwecks Erkundung des nächsten Lastwagens. Tausend und eine Nacht live, ich liebe ihn sehr, unabhängig von solchen Gefälligkeiten.

Sonst so? Die Stille da draußen hat etwas Surreales. Selbst darf ich vorerst in normalen Umfang weiter arbeiten – komme ich Nachmittags um Drei heim, ist das Quartier schon fast zugeparkt … unglaublich, wie viel Menschen daheim bleiben müssen. Macht mich sehr nachdenklich bezüglich der Folgen für uns alle, wobei ich glaube, es ist immer noch das so genannte kleinere Übel, im Vergleich zu einer unkontrollierten Ausbreitung dieser Viren… was mich persönlich sehr unruhig macht, ist der Umstand, neben dem Pflegedienst der Einzige zu sein, der sich noch um meine greisen Eltern kümmert (kümmern muss, darf…) Was ist, wenn … trübe Gedanken jagen sich. Nehme ich mir Zeit für Meditation und/oder andere Sammlungsübungen, geht es mir wieder besser. Es gibt keine Kontrolle, nichts ist wirklich von uns beherrschbar, alles Illusion pur. Vorsicht und Umsicht gehen, garantieren aber nichts. Grüße an`s Ego …

Und – zum Thema „In Verbindung bleiben“ – Videokonferenzen auch zu mehr als vier Personen gibt es hier gut beschrieben, teilgenommen habe ich schon, eine Konferenz eingerichtet noch nicht. In dem Zusammenhang – mittelpreisige Webcams sind allesamt ausverkauft und die Teuren haben zig Wochen Lieferzeit. Wohl dem, der noch altes Equipment hat…

Einen guten Sonntag uns allen.

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Jeden Tag drei Fragen, Tag 23

  • Was war die verrückteste Idee, die Du je hattest ? Hast Du sie umgesetzt ?

Definiere „verrückt“. Ich hatte eine Menge Ideen, die ich auch meist umgesetzt habe. Wofür „man“ mich teils für „verrückt“ gehalten hat. Heute weiß ich, dass die meisten meiner Mitmenschen alles für „verrückt“ erklären, was nicht in ihr Weltbild passt. Was mir wurscht ist. Meine Ideen pass(t)en in mein Weltbild … ergo hatte ich nie „verrückte“ Ideen, von so einigen Erfahrungen in jungen Jahren mal abgesehen.

  • Wie wärs: Für den Rest des Tages ohne Radio, Kopfhörer und Fernsehen ? Was hörst Du dann ?

Zunächst den eigenen Atem, der mich meine Befindlichkeit spüren lässt. Und über selbigen korrigieren lässt. Ansonsten finde ich das richtig nett von dir, lieber Programmierer, dass Du das Internet ausgespart hast 🙂

  • Muss man immer fröhlich sein ?

Müssen ? Gott bewahre ! Mir tun die Menschen leid, von denen das beruflich erwartet wird. Dann gibt es noch jene, die sich selbst „Fröhlichkeit“ auferlegen, sie zum festen Bestandteil ihres Habitus machen. Sie machen mich vorsichtig – auch ein Dolch kann lächelnd gestochen werden. An weniger guten Tagen schaue ich dann mal, wie belastbar eine solche „Fröhlichkeit“ sein kann.

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Stille

Lärm ist allgegenwärtig. Draußen vor dem Haus sind es die Autos und Lastwagen sowie die zahlreichen Passanten. Auf Arbeit ist es der Maschinenlärm. Der lauteste Lärm allerdings ist in mir. Die Unruhe, das Chaos der stets rotierenden Gedanken, die nur selten zum Stillstand kommen. Es gibt einige Tricks, mit denen ich wieder zu mir komme, wenn es zu arg wird, Atemtechnik ist ein gutes Mittel der Wahl. Körperhaltung ebenso. All dies zusammen mit meditativen Techniken kann helfen, die Zentrierung beizubehalten, bei mir zu bleiben, mich nicht vereinnahmen zu lassen vom inneren und äußeren Lärm.

Und – das Thema bewegt, so scheint es, viele Menschen.
Ein gutes Buch dazu ist „Stille-ein Wegweiser„, von Erling Kagge.

Darin lese ich gerade – gefällt mir.

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