Montag, 210809

Seit gestern wieder im Tal der Wupper, nach 8 Tagen Berlin. Es ist kalt im Westen, locker 4, 5 Grad kälter, Sockensommer halt. Fazit dieser Tage:

  • Es tut gut, am Leben der Familie teilhaben zu dürfen.
  • Der dicke Klecks in der Sandkiste Brandenburgs tickt in so vielen Dingen deutlich anders als West-Germanien. Vor allem im Bereich Wohnen.
  • Geschichte allerorten, ich staune oft, wie viel alte Bau-Substanz noch erhalten ist. Das ließen Aufnahmen unmittelbar nach Kriegsende nie vermuten. Während hier im Westen so viel seinerzeit noch rettbare Bausubstanz abgerissen wurde, scheint in Berlin vieles so gut es ging original wieder aufgebaut worden zu sein.
  • Die verschiedenen Kieze und Quartiere faszinieren mich immer wieder aufs Neue.
  • Auto fahren gehört definitiv nicht (mehr) zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Jede längere Strecke (hier 6 Stunden hin, 6 zurück) hat Kopfweh und Tinnitus zur Folge. Liegt gewiss zum Teil an dem rappeligen Gefährt, aber auch am älter-werden.
  • Jedes Mal Herz-erwärmend, wie die beiden Fellnasen auf unsere Heimkehr trotz liebevoller Versorgung nach ein paar Tagen Abwesenheit reagieren: Völlig unterkuschelt und unterspielt. Sichtbare echte Freude.

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Ambivalenz. Innere Konflikte und Zwiespalt scheinen unauslöschlich zu mir zu gehören. Einerseits und andererseits. Wer schon länger hier liest, kennt diese beiden Worte sicher schon gut 😉 Zweierlei Themen möchte ich anreißen, die mich schon eine Weile beschäftigen:

Industrie vs. Naturschutz.

Als ein Kind der „alten Zeit“ weiß ich um die Bedeutung des Industrie-Standortes Deutschland. Verdiene ich doch seit Jahrzehnten mein Geld in Sachen „irgendwas mit Autos„. Und mit mir viele Millionen Mitmenschen hierzulande. Fahrzeug- Anlagen- und Maschinenbau, Automatisierungstechnik, tragende Säulen unser aller Auskommen neben dem Handel, der für mich ähnlichen Stellenwert hat. Der beste Garant für den inneren Frieden eines Landes ist allgemeines Auskommen, siehe oben, davon bin ich überzeugt. Das funktioniert nicht ohne Wettbewerb und Kommerz, alles und jedes muss sich rechnen, für den, der die Idee und das Risiko trägt, ebenso wie für alle anderen, die tatkräftig daran mitarbeiten. Über die Höhe dessen lässt sich streiten, ich rede hier sicher nicht von den nahezu perversen Gewinnen mancher Wirtschaftsfunktionäre und Börsenmakler.

Manchmal erschreckt mich die Losgelöstheit von diesen politisch-wirtschaftlichen Zusammenhängen mancher Zeitgenossen, die irgendwie vergessen haben, woher all die Segnungen wie Transferleistungen an jene, die nicht für sich selbst sorgen können, die medizinische Versorgung, die vielfältigen helfenden Berufen, dem Bildungswesen, um nur ein paar Stichworte zu nennen, eigentlich kommen? Sie werden erwirtschaftet, das ist Fakt, auch wenn das nicht allen gefällt. Mir gefallen lediglich die Auswüchse nicht, das Prinzip als solches schon. Gott sei Dank besteht die Welt ja nicht nur aus Mammon, es gibt so viel „unbezahlte“ Arbeit, Dienst am Nächsten mit unzähligen Gesichtern aus ebenso zahllosen Motiven jedes Einzelnen. Nur – so genannte Selbstlosigkeit (über den Begriff lässt sich auch streiten) muss Mensch sich auch leisten können, d.h., sein Auskommen muss gesichert sein. Das betrifft jene, die aktiv am Wirtschaftskreislauf teilnehmen ebenso, wie andere, die das aus vielerlei Gründen eben nicht können.

Die andere Seite: Die Gewissheit, es geht so nicht weiter, auch wenn die dramatischen Folgen von Wasser und Feuer in Sachen Klimawandel ein Produkt von weit über 100 Jahren Industriezeitalter sind, teils irreversibel und in der Korrektur sicher ebenso lange brauchen wie in ihrer Entstehung. Das, was heute unternommen wird, um dagegen zu steuern, wirkt sich erst nach sehr langer Zeit aus und leider denken immer noch viel zu Viele „nach mir die Sintflut“. Warum soll ich verzichten, wenn ich nichts davon habe.

Wie passt all dies am Ende zusammen? Ich habe die Hoffnung, dass sich gerade hierzulande die verschiedenen Kräfte zusammenfinden. Naturschutz, Kommerz und unser Standort als Industrienation mit einem fundamental guten naturwissenschaftlichen Bildungssystem, um das uns andere beneiden. Es geht um nichts weniger als unser aller Überleben, ökologisch und ökonomisch. Ansätze gibt es viele, ich beobachte das gespannt. Wenn ich wüsste, welche die richtigen sind, säße ich jetzt nicht hier, sondern würde mich sicher anderweitig beschäftigen 🙂 Beruflich bin ich für meinen Teil ein „Auslaufmodell“ mit einer sehr begrenzten „Restlaufzeit“, aber als Mensch mache ich schon so meine Gedanken, wie es wohl mit unseren Kindern und Kindeskindern weiter gehen könnte. Dabei ergehe ich mich sicher nicht in dystopische Szenarien, sondern schaue eher hoffnungsvoll auf die Möglichkeiten, die sich auftuen, für jene, die noch so viel vor sich haben. Weil – selbst erfüllende Prophezeiungen nicht nur auf persönlicher, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene funktionieren, da bin ich mir sicher. Alles ist Energie – auch schreibend und lesend.

Zum Ende – Mein Herz und mein Gefühl haben auch solche Menschen wie sie in dem Film Wild Plants vorgestellt wurden. Ein stiller, beinahe meditativer Streifen, den ich mir immer wieder mal gerne anschaue.

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So ruhig

Und das am einen ersten Mai, hier auf dem Ölberg. Sonst um diese Zeit ein Sammelpunkt für jene, die keine Lust haben, ihre berechtigte Kritik am Kapitalismus auf konventionelle Weise zu artikulieren. Lediglich ein paar Autos von Polizei und Ordnungsamt fahren Streife über`n Berg, zum Äußersten bereit, was Gruppenbildung angeht. Nicht nur, was die Autonomen betrifft. Nicht, dass ich mich hier als heimlicher Sympathisant oute, mit Krawall und brennenden Autos habe ich es nicht so. Nur so wie bislang scheint es nicht weiter zu gehen, soviel ist klar.

Vieles soll ich glauben, dieser Tage. Offen gesagt bin ich mittlerweile voller Zweifel, wenn ich mir das Elend um mich herum anschaue. Die einen müssen sich mit etwas mehr als die Hälfte ihres oft schon nicht üppigen Gehaltes durchschlagen (ok, mit Blick nach USA, wo diese Menschen sofort auf der Straße stehen, schon mal etwas), andere haben noch und halten den Beutel zu, weil, wer weiß, wie lange noch. Konsum ist eh gerade nicht so leicht, selbst für den, der kann und will. Von den immer zahlreicheren Mitmenschen, die respektlos als „abgehängt“ tituliert werden, nicht zu reden. Auch nicht von den zahllosen Klein-Selbstständigen, die oft vor den Trümmern ihrer Existenz, ihres Lebenswerkes stehen.

Und ich? Komme derzeit zurecht und bin dankbar dafür. Gehe voller Widerwillen einkaufen, weil ich Masken hasse. Sie verunsichern mich, meine maskierten Mitmenschen, weil ich ihre Gesichter nicht wirklich sehen kann. Gestörtes Frühwarnsystem. Habe selbst mit Tüchern umherexperimentiert und noch keine wirklich praktikable, schnell einsetzbare, hygienische und einigermaßen formstabile Lösung gefunden, die mir nicht Atemnot verursacht und nicht auf Dauer beim drehen des Kopfes verrutscht. Abstand halten geht in Ordnung, nicht nur wegen der Viren. Gut wäre auch ein Redeverbot in den Läden, oder wenigstens ein beschränken auf das Unvermeidbare. Wenn alle ihre Gosche halten würden, würden weniger keimbelastete Aerosole versprüht, Mundschutz ein Stück weit obsolet und als Beifang sozusagen hier und da auch die psychische Hygiene gepflegt.

Was bleibt, ist dieses Gefühl von Unsicherheit, weil die reale Gefahr so schwer einschätzbar und die zahlreichen Expertenmeinungen (setze ich bewusst nicht in Anführungsstriche) für einen virologisch Unbedarften schwer nachvollziehbar sind. Unsicherheit auch politisch, weil ich real die Gefahr sehe, dass Versammlungsverbote manchen möglicherweise nicht nur der Ansteckung wegen recht sind. Unsicherheit auch, weil unklar, welcher Partei von alledem auf Dauer profitieren wird. Derzeit noch schart sich die Mehrheit um die Regierenden, die zwar ihr Bestes geben, aber auch keinen Königsweg im Umgang mit der Pandemie wissen. Beneidenswert sind sie nicht, in diesen Tagen. Tägliches Abwägen der verschiedenen Risiken, auf der einen Seite massives menschliches und wirtschaftliches Elend, auf der anderen Seite die Möglichkeit eines Kollapses der medizinischen Versorgung. Sie sind gefordert, einerseits abseits von Dogmen und Überzeugungen pragmatische und Partei-übergreifende Lösungen zu finden und andererseits zu verhindern, das interessierte Kräfte die Gunst der Stunde nutzen, den Staat nach ihren Vorstellungen umzubauen, siehe Ungarn oder Polen, Länder, die ich nicht mehr als demokratisch bezeichnen würde, was mein Grundverständnis desse angeht.

Soviel Politik … gelacht habe ich heute Morgen aber auch schon. Nebenan bei Ines  findet sich ein guter Beitrag zum Tage, was künstlerisch wertvollen Umgang mit Kapitalismuskritik angeht. Während ich also dort andächtig Funny van Dannen lausche, schaue ich, wem der Beitrag sonst noch so gefällt. Als ich dort die Produkttesterfamilie entdecke, bricht besagte Heiterkeit aus, und dass das jetzt bloß keiner persönlich nimmt 🙂