Mittwoch, 220525

Geschäft & Moral
Achtung – Provokation & Polarisation

Die Ampel-Koalition hat eine neues Ziel in der Welt des Bösen ausgemacht: Nach Russland nun China. Alles richtig, Menschenrechte haben dort nicht so einen Stellenwert wie hierzulande. Wir sind also die Guten, zumindest besser, oder? Ok, ich will jetzt nicht noch weiter differenzieren, obwohl – geht es doch auf bayrischen und sächsischen Polizeiwachen möglicherweise etwas weniger nett zu als in „westdeutschen“ Wachen. Fallzahlen bitte und Faktencheck. Und Konsquenzen – wenn schon, denn schon.

Gehts noch? Ich will, dass die Menschen meines Landes in Lohn und Brot stehen. Hat eigentlich einer von euch selbsternannten Moralisten darüber nachgedacht, was hier so los sein wird, wenn alle Geschäfte mit Staaten, die erwiesenermaßen Menschrechte verletzen, eingestellt werden? Dann gibt es demnächst auch kein Gas mehr aus irgendwelchen Emiraten. Wie darf es dann anstelle dessen sein? Autarkie a la Holzvergaser oder was? Für mich gilt immer noch „erst das Fressen, dann die Moral.“ Und wer sich jetzt empört, hat gute Gründe dazu, so viel ist sicher. Viele von euch verurteilen mit Recht die Menschenrechtsverletzungen in den betroffenen Staaten, sind aber zeitgleich ebenso lautstark zu hören, wenn es darum geht, die territoriale Integrität eines Staates zu bewahren. Mal unter uns – kann mir jemand sagen, wie man zum Beispiel 1.4 Milliarden Menschen basisdemokratisch zusammenhalten soll? Glaubt das jemand? Ich nicht. Und nein, ein Knüppel ist auch für mich keine Lösung. Ich habe schlicht keine Lösung.

Ebenso keine Lösung kann es sein, dieses Thema dem rechten Rand zu überlassen. Überschlagsrechnung (Achtung, aus der Hüfte geschossen)? Pro 100000 Arbeitslose mehr entspricht 1% Plus für die selbsternannte Alternative. Inflation über 10%? Zuschlag für eben solche Partei, die am Ende mit der Union ins Bett steigen wird. Politik ist eine Hure. Darum besser keine als Doppelmoral und Ruhe im Land bewahren (wie gesagt, Provokation).

So. Eine jede, ein jeder, die/der jetzt meint, so ginge ja jetzt auch nicht, dem gebe ich uneingeschränkt recht. Aber wie sollte es denn dann gehen? Und bitte bedenken – jede Lehrkraft, jeder Angestellte im Gesundheitswesen, jede Verwaltung, jeder Rentner, der Großteil aller inländischen Dienstleistungen, alles will finanziert werden. Auch wenn das heute in Vergessenheit geraten ist – wie leben von Produktion und Handel – für den Binnenmarkt, aber auch international.

Am meisten stört mich diese unglaubliche moralische Überheblichkeit, mit der all dies angegangen wird. Eigene Weste denn wirklich rein? Stichworte Frontex und Flüchtlings-Pufferstaaten in Nordafrika. Wir sind die Guten?

Viele Worte ohne Anspruch und Hoffnung auf Veränderung. Die Zeit, sie ist jetzt gerade so. Es findet sich, soviel ist sicher.

18 Gedanken zu “Mittwoch, 220525

  1. „Die Ampel-Koalition hat eine neues Ziel in der Welt des Bösen ausgemacht“, an diese Aussage (und das mit Bayern und so😉, das will ich mit den Menschenrechtsverletzungen in China und anderswo nicht vergleichen) schließe ich mich ausdrücklich nicht an. Alles andere könnte ich unterschreiben, wenn ich müsste. „Der Mensch ist ein Raubtier“ sagte jemand, den ich sehr schätze, und damit ist für mich alles gesagt. Ich selbst strebe an, etwas mehr zu den Guten zu gehören, aber ich weiß um meine Schattenseiten.
    Mir bleibt: Das Wissen um die Grausamkeiten verdrängen und im eigenen Leben Ordnung schaffen! Ich wünsche Dir schöne freie Tage, lieber Reiner!

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    1. Genau, vor der eigenen Tür kehren, das meine ich. Danke & auch dir ein gtues Wochenende!

      PS: Übertreibung veranschaulicht, die Bayern sind so schlimm nicht, bei den Sachsen bin ich mir nicht sicher 😉 Geht um dieses unsägliche Prinzip der Selbstüberhöhung…

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  2. Lieber Reiner, das ist ein sehr schwieriges Thema. Wer hätte mit dem damaligen Nazi-Deutschland Geschäfte gemacht, ohne selbst genauso zu denken? China hat zwar modernere Lager, handelt aber gegen die Uiguren ebenso schrecklich und grausam. Viele deutsche Firmen haben schon vor Jahren ihr Know-how an China verkauft und betreibt Waffenhandel weltweit. Ist Deutschland gut, nur weil es die Ukraine nicht mit schwerem Gerät beliefern will? Was hat Putin zu verlieren, wenn er Atomwaffen einsetzt? Nicht alle Russen denken schlecht, sind aber absichtlich falsch informiert. In Deutschland war das damals nicht anders. Wie findet man den goldenen Mittelweg? Die globale Welt ist zu klein geworden. Alle wollen überleben. Es findet sich…so Deine Worte. Ich sehe das auch so. Alles ist gut! Es dient dem Ganzen, Guten. Beste Grüße, Gisela

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    1. Am Ende wird es so sein, liebe Gisela, es wird sich neu finden, weil alles nach Gleichgewicht strebt. Und ja, deutsche Firmen haben China erst so groß gemacht, in ihrer Blindheit & Gier, Stichwort verlängerte Werkbank. Veringerung der Fertigungstiefe, Erwartungshaltung der Großkunden. Das läuft jetzt zurück, was mich einerseits freut, andererseits werden die Dinge teurer. Auch das findet sich.

      Dieses Jahr ist dermaßen emotional aufgeladen, ausgelöst durch den verdammten Krieg, aber auch sonst, in allen Lebensbereichen ist die Zündschnur extrem kurz. Wassertiger-Jahr eben, es wird vorübergehen.

      Lass uns das Beste hoffen,
      liebe Grüße auch dir!

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  3. Absolute Zustimmung in allen Punkten, danke dafür! Und mal ehrlich: Das, was heute in Texas passiert ist, passiert komischerweise ausschließlich in westlich orientierten Demokratien. Zumindest habe ich noch von keinem Amoklauf in China, Saudi- Arabien oder der Türkei gehört, um nur mal drei Beispiele zu nennen. Und bitte nicht falsch verstehen – ICH BIN KEIN VERTRETER PRO KOMUNISMUS – im Gegenteil. Aber das, was wir hier an Vorteilen haben, was die Freiheit anbelangt, ist sogleich ein Nachteil, WEIL WIR DIE FREIHEIT HABEN….
    Bin ebenso, wie du sprachlos und weiß auch keine Lösung. Wirklich gruselig, alles! :-/
    Genieß (so du denn Freitag frei hast) das lange Wochenende und lass mal die Beine baumeln, solange es noch möglich ist. 🙂
    Liebe Grüße Bea

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  4. Unser Wohlstand ruht auf Leichenbergen. Wir leben davon, dass anderswo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Es gibt nicht den geringsten Anlass, uns in normativer Hinsicht als überlegen zu betrachten, ganz im Gegenteil: Herr vergib uns nicht, denn wir wissen, was wir tun. Ich habe kürzlich erfahren: würde das weltweit vorhandene Vermögen weltweit gleichmäßig veteilt, so hätte jeder Mensch 1.000.- € im Monat!
    Die Menschenrechte kann man nicht verteidigen, man muss sie vorleben, so dass sie Strahlkraft erlangen und durch ihre Wirklichkeit überzeugen.
    Wir sollten alles teilen, um der Entwürdigung durch absolute Armut ein Ende zu bereiten.
    Dazu müssten uns freilich die Menschenrecht wirklich am Herzen liegen, wir müssten Ernst machen mit der unantastbaren Menschenwürde.
    Der Grad an Realismus dieser Aussagen ist umgekehrt proportional zur Verzweiflung an unserer Gattung.
    Ich glaube an unsere Gattung: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/die-welt-wird-immer-besser-32-gute-nachrichten-15524076.html
    LG Michael

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    1. Lieber Michael, ich wünschte, ich könnte dies ebenso. In meinen Beiträgen bin ich immer bestrebt, sie konstruktiv fruchtbar, eher positiv geladen ausklingen zu lassen, weil ich um die Macht der Worte weiß, für mich und alle anderen. Es fällt mir in jüngster Zeit zunehmend schwer, aber ich bleibe dran 😉

      Sollte, müsste…
      Habe ich verbannt, diese Worte. Sie klingen für mich nach allgemeingültigen Forderungen an den Rest der Welt, ich mag das nicht. Ebenso bin ich nicht bereit, mich freiwillig mit 1000 € im Monat beschränken. Wenn ich dies muss, sieht das anders aus. Wer ehrlich mit sich ist, gesteht sich dies dito ein. Wirkliche Veränderung beginnt bei jeden Einzelnen, da setze ich für mich an, so gut ich kann (Das betrifft durchaus auch meine Haltung zum Geld)

      Und ja – gute Nachrichten gibt es, sie kommen oft zu kurz, das stimmt.

      Liebe Grüße, Reiner

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      1. „Ich sollte jetzt aufbrechen, um die Straßenbahn nicht zu verpassen. Ich müsste sonst auf die nächste warten.“ Ich meine „sollte“ und „müsste“ in diesem Sinn, als moralischer Zeigefinger sind sie nicht zu gebrauchen.
        Was die 1000.- € angeht: ich war erstaunt, dass es so viel ist. Ich habe Kolleginnen, die als Pflegehelferinnen in etwa so viel verdienen. Meine Idee wäre eher ein garantiertes Mindesteinkommen für jeden in dieser Höhe.
        Positiv bleiben ist schwer angesichts dessen, was in der Welt geschieht. Mein Link sollte zeigen, dass es nicht gänzlich realitätsfremd ist, das Positive.
        Bei sich selbst ansetzen… wo denn sonst? 🙂
        Ich wünsche uns beiden gutes Gelingen, wird schon!
        LG Michael

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  5. Hätten ein paar Länder – nicht nur Deutschland – sich gegen China gewandt, wären nicht so viele Tibeter gefoltert, inhaftiert und getötet worden, wäre die Tibetische Kultur nicht weiterhin der Ausrottung ausgesetzt, hätten die Tibeter noch ihr Land.
    Ich bin kein Politiker und es ist ein schwieriges Thema.
    Aber NICHTS wird sich ändern auf diesem Planeten, solange jeder nur sein eigenes Wohl im Auge hat.
    Solange gut und böse, richtig und falsch immer schön zurecht gebogen wird nach den eigenen Bedürfnissen.
    In Sorge bin ich nicht, die Quittung werden wir kriegen.

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    1. Mit überhebliche, moralisierenden „Abstrafen“ ändert sich jedenfalls nichts, weder zum Vorteil für die Betroffenen und schon gar nicht zu unserem Vorteil. Und ja, die Quittung kommt, sie wird unterschiedslos Schuldige und Unschuldige treffen.

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      1. *pruuust
        Wer unter euch ist ohne Schuld, der werfe den ersten Stein
        Und, sorry, ich liebe dich, aber machst du nicht genau das Gleiche ?
        Glaubst du, dass dieser Blog Text irgendwas ändert ?
        Was ist das so ganz viel anderes, als Überheblichkeit und verkündete Moral ?

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      2. Ich moralisiere nicht, ich erleichtere mein Herz und propagiere, wenn dann, Unmoral im geschäftlichen Angelegenheiten als das kleiner Übel im Verhältnis zur Doppelmoral oder modernen Pharisäertum. Was gegenseitige Fairness nicht ausschließt. Wenn ich so schreibe. Und es steht unten im Text, dass mit diesen Worten keinerlei Erwartung verbunden ist.

        PS: Auch du bist betroffen, bist abhängig von guten Geschäften allerorten. Ich wünsche uns allen weiterhin gutes Auskommen, das ist alles. So wie es derzeit läuft, steht das in Frage.

        PSS: Lieben tue ich dich auch 🙂

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