Samstag, 210320

Als ich gestern über die junge Dame schrieb, die sich im TV theatralisch über ihre gestohlene Jugend ausließ, rechnete ich schon mit der darauf folgenden, teils recht kontroversen Diskussion. Klar, dass da sehr unterschiedlich drauf geschaut wird, denke ich. Es ist auch nicht so, dass mich die notwendige Isolation gerade der Jugend nicht berührt. Auch mein großes Kind hatte eine schöne Abi-Feier, dafür Corona-bedingt keinen feierlichen Studienabschluss. Es geht gerade nun mal nicht, und – aus meiner Sicht ist das eine der am wenigsten schmerzhaften Einschränkungen dieser Zeit.

Mitgefühl

Ganz oben stehen bei mir all jene, die Angehörige verloren haben, die ohne Corona möglicherweise noch mehr Zeit gehabt hätten. Angehörige, die sich aufgrund der deutschen Behörden-Sturheit zumindest in der Anfangsphase der Pandemie noch nicht einmal von ihren Liebsten verabschieden durften. Ich hätte reinschlagen können, so sehr hat mich das empört. Dann möchte ich einfach einen meiner Subkommentare von gestern wiederholen, der so ziemlich alles sagt, was ich dazu sagen kann:

Schwer haben es viele andere, die keinen Ausbildungsplatz finden. Oder eine Praktikantenstelle. Oder ihren Lebensunterhalt während eines Studiums nicht mehr finanzieren können und gezwungen sind, wieder bei den Eltern einzuziehen oder das Studium abzubrechen. Schwer haben es auch jene, die in Kurzarbeit oder bereits ganz freigestellt sind, wie es heißt. Die nicht wissen, wie sie ihre Familie durchbringen sollen, ihre Rechnungen bezahlen sollen. Oder die zahllosen Selbstständigen, die vor ihren Ruin stehen. Und dann jammert so`n Gör, es könne nicht feien!!

Dazu gibt es einen sehr polarisierenden Teil in mir, auf den ich nicht stolz bin, den ich aber dennoch hier ausbreiten möchte. Ein nicht unerheblicher Teil der Kinder, die sich jetzt beklagen, stammen aus so genannten wohl geordneten Verhältnissen, wurden „gepampert“ bis zum geht-nicht-mehr, verwöhnt und gestopft mit Konsum aller Art. Ein Teil, wohlgemerkt, längst und Gott sei Dank nicht alle. All jene werden sich in einigen Jahren nach erfolgreichem Studienabschluss als Teil unserer geistigen und vor allem wirtschaftlichen Elite (ich verzichte hier auf bewusst auf Anführungszeichen) in den Führungsebenen der Konzerne, Banken, Versicherungen, Fonds und dergleichen wiederfinden und somit noch reichlich Gelegenheit haben, sich selbst ausgiebig zu feiern. Ich gönne ihnen den Erfolg, weiß aber leider auch genau, wozu jene Menschen einst fähig sein werden, wenn sie sich an das Kapital verkauft haben, mit Leib und Seele. Wenn ihr Tun und Lassen von Großaktionären bestimmt wird. Da wird ihnen das humanistische Gymnasium nichts nützen, auch keine christliche, oder, um das breiter zu fassen, allgemein Werte-orientierte Grundhaltung. Als dünnes Mäntelchen vielleicht, aber nicht als innerer Impuls des Handelns. Von daher – mein Mitgefühl hat andere Prioritäten, auch wenn das nicht alle teilen können.

Sonntag, 201220

Liest sich gut, das heutige Datum, für Europäer und Amerikaner gleichermaßen, was aufgrund der unterschiedlichen Formate nicht so häufig vorkommt. Selbst mag ich diese Schreibweise, das kommt von dem listen der Ordner- und Dateien-Strukturen, welches mit dem amerikanischen System besser funktioniert. Als Fossil aus dem DOS-Zeitalter habe ich die Schreibweise mit in die Gegenwart genommen.

Sonst so?

Weiße Wände. Es gibt zwei verschiedene. Wie ich darauf kam, weiß ich nicht nicht mehr so ganz genau. Mal mache ich mir Stichworte im Phon, wenn mir ein Thema einfällt, über das zu schreiben sich lohnen könnte. Hängt wahrscheinlich mit meinem Interesse an der japanischen Kultur zusammen. So mag ich die Aufgeräumtheit klassisch möblierter japanischer Räume. Karge Ausstattung und Helligkeit reduziert Mensch auf sich selbst und ist für mich hilfreich bei der inneren Sammlung. Eine andere, eher trübe Variante der Weißen Wand ist das Nichts, welches übrig bleibt, wenn ein Leben im Try & Error – Modus, im beliebten Ausschlussverfahren, seine Vollendung findet. Dies ist nicht für mich, das auch nicht und so weiter. Verneinungen in Serie können zeitweise hilfreich sein, bieten aber langfristig keine Perspektive, was denn nun sein könnte. Von Glück kann Mensch noch sagen, dessen Wand am Ende dann weiß ist. Gibt noch andere Farben. Aber zurück zur meditativen weißen Wand – hätte ich mit der Liebsten so 200 Quadratmeter Wohnraum, nur mal angenommen, dann gäbe es auch solch ein japanisches Zimmer. Der „Rest“ unserer Wohnung wäre dann eher orientalisch geprägt, wie nun auch, auf einem realistischen guten Drittel der angenommenen Wohnfläche. Mag ich ebenso, anders wäre schwierig.

Gesellschaft, Miteinander, Staatsformen. Neulich sah ich in der Mediathek eine Doku über die Ärmelkanal-Insel Sark. Nie von gehört, wenn ich an Inseln im Ärmelkanal dachte, fielen mir höchstens irgendwelche ominösen Steuerparadiese ein. Was mich an dem Bericht erst fesselte, dann empörte und fassungslos machte, war, wie wieder einmal Geld ein historisch gewachsenes, aus der Zeit gefallenes, aber funktionierendes (feudales) Miteinander ruiniert. Im verlinkten Wikipedia-Eintrag wird das unter „Verfassungsreform im 21sten Jahrhundert“ ausführlich beschrieben, wie die Gebrüder David und Frederick Barclay, Milliarden-schwere britische Unternehmer, zunächst den Menschen Demokratie predigten, ihre bisherige Lebensform gar mit den 30ern in Deutschland verglichen, mit dem einzigen Ziel, sich in Sachen Land-Aufkäufe bis zu den höchsten europäischen Gerichtshöfen klagen zu können. Mit Erfolg, leider, aber auch mit Gegenwind seitens der Bewohner, die sich nicht vollständig kaufen lassen wollen, allen wirtschaftlichen Druck der Gebrüder zum Trotze. Respekt!

Was geht mich das an? Staatsformen lassen sich nur bedingt wählen, mit der unsrigen bin ich alles in allem einverstanden, allen Schatten zum Trotze. Auf die persönliche Ebene herunter gebrochen wird es schon interessanter. Die Frage nach einer Lebensform nach dem Ende unserer Erwerbstätigkeit. Werde ich in diesem Leben doch noch ein „geselliger“ Mensch, in Kreisen, die mir nicht beruflich verordnet sind, sondern die ich frei wählen darf? Mal sehen, vielleicht ja ein wenig.

Wäre schön.

Donnerstag, 200723

Wieder daheim, nach einer Woche Berlin, in Sachen Familie. Besondere Erkenntnisse:

  • Alternde Kater nehmen längere Abwesenheit persönlich und können trotz Grundversorgung tief beleidigt sein.
  • Jung-Katzen dagegen verwildern im Laufe eine Woche innerlich und äußerlich, ohne Kontakt mit einer Bürste und den Lieblingsmenschen.
  • Wohnungen verwildern in 7 Tagen ebenso erheblich, was erwartbar und alles in allem schnell behoben ist.
  • Aus gegebenen Anlass in der Familie – Wohnungssuche in Berlin ist ein Irrsinn. Ein teurer Irrsinn. Genau genommen ist der Preis mindestens der doppelte als im Tal der Wupper. Und die Nachfrage gefühlt die zehnfache … was desillusionierend wirkt, auf manche Pläne für das Alter.

Beobachtung am Rande: Banken achten die Kunst, fast ein jedes größere Haus hat irgend eine Plastik von meist zweifelhaftem Wert vor der Tür stehen. Den Vogel abgeschossen hat in meiner Sammlung allerdings die altehrwürdige (?) Investitionsbank zu Berlin. Ich meine, nix gegen Fülle, gerade weibliche, aber im Kontext mit Geld zu Geld machen, also eine Fruchtbarkeit und Vermehrung der besonderen Art, widert mich die gezeigte Kunst doch etwas an. Spricht sie doch für die eigentliche Absicht einer jeden Bank, lässt man alles schmückende Beiwerk mal weg: Fett werden, sonst nichts.

wp-1595497165160.jpg

Update: Die gezeigte Plastik nennt sich Yolanda, die Künstlerin war ihrer Zeit Miriam Lenk. Mehr von ihr gibt es hier zu sehen.

„Das Zentrum ihres Werkes bildet ein weiblicher Archetyp: groß und prächtig, raumgreifend und dominant. Dies soll eine Galionsfigur für alle Frauen sein, die sich in der Gesellschaft zu dick, zu laut oder zu anders fühlen.“

Quelle: Wikipedia

~

 

Kein Titel

Ein mir nahe stehender Mensch erkundigt sich nach der Beisetzung eines uns kürzlich Vorausgegangenen. Nachdem die Terminierung geklärt ist, folgt als erstes die Frage, ob der hinterbliebene Mensch denn in einer Miet- oder in einer Eigentumswohnung leben täte.

Friss`dein Geld, denkt es in mir zornig. Manche Menschen ändern sich niemals, ganz im Gegenteil, das Alter bringt so manches erst einmal richtig zur Blüte. Und wo ist dein Mitleid,  frage ich mich, ist doch im Grund armselig, so geschnitten zu sein.

Das geht gerade spazieren, draußen in der Sonne, kichert der zornige Zwerg in meiner Brust. Der ist generell nicht ohne – fährt er doch fort, übel zu lästern: Na wat den, meint er, Leben lang für jeden Cent gezappelt und nun fließen ein paar Euronen, da kann euer zu späten Ehren gekommene Hochwohlgeboren sich auch beizeiten entsprechend aufführen.

Halt die Klappe, sage ich dem kleinen Gnom. Bist schließlich auch nicht mehr der Jüngste und kannst dich auch schon mal locker machen für deinen letzten Tag. Worauf der im Kreise hüpft, mir eine fette Grimasse schneidet, bevor er mir seine Streitaxt schwenkend die Zunge heraus streckt. Ja klar, meint dann Don Rotzig, aber alle anderen Tage lebe ich noch…

Axtschwingenderzwerg

( Bildquelle)

Ritual gefällig?
Meinetwegen.

Kann Don Rotzig solange in Ruhe seine Axt putzen …

+