Montag, 220509

Nachtrag zum gestrigen Sonntag. Ich traue dem Frieden nicht mehr und neige dazu, mich in düstere Visionen hereinzusteigern, angesichts der Nachrichtenlage und der Tatsache, dass die Liebste gerade in Berlin weilt. Dann wird es Zeit, mich zu bewegen, das fällt vergleichsweise leicht, wenn draußen ein so schönes Wetter ist wie dieser Tage.

Erste Station war das Gräfrather Marktfest. Gräfrath gehört zu Solingen, was aber nicht heißt, dass die Gräfrather auch Solinger wären. Sie sind natürlich Gräfrather, so wie die Lenneper eben Lenneper, die Lüttringhauser eben Lüttringhauser und keine Remscheider sind. In Wuppertal isses ähnlich, nur vielfältiger, da mache ich jetzt mal nen Schnitt, führt zu weit, das bergische Klein-Klein.

Das große Kind wohnt seit kurzem da in der Nähe, sonst wäre ich nie dahin gefahren. Zuviele Menschen machen mir derbes Unwohlsein, zumal, wenn sie feucht-fröhlich sind. Und so verweilte ich auch nur kurz.

Wieder zurück im heimatlichen Kiez stieg der Wunsch, den Bierdunst aus der Nase zu bekommen, und so suchte ich das kleine Cafe umme Ecke auf. Die meisten Kunden holen hier Kuchen für daheim, das ist mir genau recht, wenig los, gut so. Balsam für die Seele, nach dem Dorffest zuvor.

Und – zum Ende noch eine kleine Runde über den Friedhof nebenan.

Macht Mut, die Inschrift.

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Montag, 220328

Montag Vormittag, still ruht der See. Ein werkfreier Tag außer der Reihe, der Plan ist, gleich den kleinen Roten vom Winterdreck zu befreien. Spießige Aktion, so richtig mit polieren, Gummi- und Plastikpflege, aber dafür fasse ich ihn auch nur zwei Mal im Jahr an. Sei `s drum.

Gestern und auch Samstag gab es nichts zu schreiben, falls doch, wollte es mir nicht einfallen. Einfach nichts drin , im Nischel (was für ein Dialekt). Keiner zuhause, das kommt vor. Obwohl eigentlich schon das eine und andere lose war. So ist zum einen ein kleines Büchlein auf wundersame Weise zu mir gekommen, beim aufräumen unseres Meeting-Schrankes am Freitag Abend. Wir müssen raus aus dem Raum, dort ziehen Kriegs-Flüchtlinge ein, was für uns alle zusammenrücken heißt, das tun wir gerne. Die kleine Kladde war die ursprüngliche Tagesmeditation der anonymen Alkoholiker, original aus Amerika übersetzt – vor meiner Zeit schon ausrangiert und ersetzt durch vermeintlich fortschrittlichere Lektüre. Heute ist der Inhalt zwar online verfügbar, aber das gedruckte Original ist nur noch sehr schwer zu bekommen. Ich mag diese etwas altertümliche Sprache ebenso wie den Inhalt, der für mich so etwas wie eine geistige Möhre vor meiner Nase darstellt. Als Ideal unerreichbar, aber zum Zwecke des Fortschritts, der Orientierung hilfreich, für mich. So auch der Text zum heutigen Tag:

MEDITATION
Zweierlei Dinge brauchen wir, wenn wir unsere Lebensweise ändern wollen. Das eine ıst der Glaube, das Vertrauen zum Unsichtbaren, zu jenem grundsätzlich guten und sinnvollen Geist des Universums. Das andere ist Gehorsam, dass wir nämlich auch unserem Glauben entsprechend leben und zwar jeden Tag so, wie wir meinen, dass Gott es für uns wünscht — voller Dankbarkeit, Demut, Wahrhaftigkeit, Lauterkeit, Selbstlosigkeit und Liebe. Glaube und Gehorsam, das beides gibt uns die nötige Kraft, um aller Sünde und Versuchung zu widerstehen und eın sinnvolles Leben zu führen.
GEBET Ich bete, dass mein Glaube und Gehorsam sich vertiefen mögen. Ich bitte, dass ich somit ein ausgefülltes Leben führen darf.

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Sonst so? Ein paar Bilder der Stadt, Elberfelder Nordstadt, Luisenviertel und so.

Klassiker in Blau …
mir selbst fehlt die Erdhaftigkeit zum gärtnern,
aber ich erfreue mich gerne bei anderen.

Und – Gerne-Groß ❤
Da vergeht dem kleinen Scheißer das große Geschäft.

Der hier dagegen wirft keine Schatten …

Zum Schluss noch ein Fundstück. Fortunate Son – Glückskind. It ain’t me, it ain’t me – so bin ich nicht? Irgendwie schon, wenn auch nicht im klassischen Sinne von Gustav Gans oder so. Jedenfalls ein toller Song, wenn auch leicht angestaubt.

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Sonntag, 220320

Gestern, am späten Nachmittag. Es ist schon fast 5, die Sonne scheint. Die Samstags-Routine ist erledigt und ich beschließe, an die Luft zu gehen, um die düsteren Gedanken loszuwerden. Das Radio schweigt die letzte Zeit öfter mal, ich kann die Kriegsberichte nur noch limitiert ertragen. 32 Jahre war Ruhe vor diesem Lebensgefühl der permanenten Bedrohung, und nun sind die alten Geister wieder da. Neugier ist in dem Zusammenhang wenig hilfreich, und dennoch kann ich es als technisch versierter Mensch manchmal nicht lassen, nachzuschauen, womit heute Kriege geführt werden.

Ein Ex-Nato-General ließ sich neulich in irgend einer Talkshow ganz sachlich darüber aus. Erzählt mit leicht zynischem Zungenschlag, aber durchaus glaubwürdig von den Kreationen kranker Hirne, um größtmögliches Leid zu verbreiten. So erfahre ich von Aerosolbomben, umgangssprachlich Vakuumbomben, die Bunker und Höhlensysteme sprengen können. Hyperschallraketen tragen solche Sachen schnellstmöglich in die programmierten Ziele, Fluggeräte, die aufgrund ihrer Geschwindigkeit nicht vom Himmel geholt werden können. Ich erfahre von so genannten taktischen Atombomben, die kleinen Geschwister der großen strategischen Bomben, die ganze Großstädte und Landkreise verwüsten können. Die kleinen atomaren Bomben, Bömbchen sozusagen, gibt es in allen erdenklichen Größen, um zielgenau definierte Flächen zu zerstören, angefangen bei Dorf-Größe.

Ich denke an die Prepper-Szene, also solche Menschen, die das alles schon immer gewusst haben und ihre Lebensenergie seit ewig schon darauf ausrichten, für den Tag X gewappnet zu sein und so nach Möglichkeit zu denen zu gehören, die erst später dran sind. Mal davon abgesehen, dass es sehr fraglich ist, ob sie sich damit wirklich etwas Gutes tun – was für ein Hirnfick. Ich gehe hier nicht weg, falls es soweit kommt. Wohin auch. Außerdem bin ich im 60sten Lebensjahr, das meiste ist zumindest quantitativ sowieso gelaufen.

Schon klar, warum ich nur noch selten Nachrichten höre. Talkshows vermeide ich gänzlich, aus genannten Gründen. Und ja, ich höre nun auch auf, ans aufhören zu denken.

Weil der Tag schon etwas älter ist, gehe ich hinunter in die Stadt und gegenüber, auf der anderen Wupperseite wieder hinauf. Am Südhang ist die Wahrscheinlichkeit größer, noch ein paar Sonnenstrahlen abzubekommen.

Immer wieder staune ich, tatsächlich noch unbekannte Wege und Plätze zu finden, so wie hier am Friedrichsberg. Typisch für die Stadt, so morbide Orte. Irgendwann mal zur Verschönerung angelegt, heute ein eher unschöner, öder Platz, der Kinder zum lauschigen Treff einlädt, um ungestört gewisse Kräuter und Destillate zu konsumieren.

Ein Stück weiter geht es schon zivilisierter zu, Eigenheime mit Fernblick ins Tal.

Friedrichsallee, Friedrichshöhe, Friedrichsberg –
einfallslose Namensgebung irgendwie. Warum nicht mal Friedrich-seine Frau-Allee usw…

An einer Bushaltestelle im Nirgendwo denke ich kurz darüber nach, mit dem Bus wieder heimzufahren, was ich wegen fortgesetzten Sonnenschein schnell verwerfe.

Bilder vom Arrenberg, wieder mal, und doch immer anders.

Und…

Es war einmal
und ist nicht mehr
Ein stolzer Elch
hier röhrt er sehr

Bewacht das Tor der Nummer 2
Dem Laufvolk ist es einerlei
Und einer gar aus ungut Stalle
macht mehr aus sich
und fickt uns alle.

Der Elch ins grübeln nun gerät
ob ihn das wirklich was angäht
Sein Fazit ist ganz deutelich
so röhrt es unterm Werbelicht

Komm näher ran, du Schmieren-Jan
auf dass du spürst, wie ich es kann
Ab nun weiß auch der Schmieren-Jan
wie schnell er selbst so rennen kann.
Versprechen doch des Elches Enden
Naturgewalt auch in den Lenden

*

Das waren knapp 15000 Schritte und ich spüre meine Füße…

So – und um das alles fein abzurunden, zum Schluss noch etwas in Sachen Wiedergeburt, früher oder später. Sag `s mit Musik.

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Donnerstag, 220310

Heute ist Sperrmüll im Kiez. Und am gestrigen Abend das übliche Bild, ausmistende Bergbewohner, Fußwege zu mit Müll, plündernde und streitende Lieferwagenbesatzungen, Volksfeststimmung allerorten. Ich muss öfter mal auf die Straße wechseln und schaue nur selten genauer hin, was da alles aus Kellern, Ecken, Abstellräumen den Weg ans Licht findet. Hier allerdings lege ich einen Stopp ein und gehe sogar ein paar Schritte zurück. Mitnehmen will ich sie nicht, so weit geht die Liebe nicht, mal davon abgesehen, dass nicht alle im Haushalt damit einverstanden wären. Aber ein Bild – das muss sein.

Sperrmüll-Prinzessin, du hast wahrlich bessere Zeiten gesehen. Aber selbst in deinem morbiden Charme jetzt strahlst du noch Anmut und Würde aus, passt auf deine Weise in dieses ebenso ramponierte Quartier mit seinem bröckelnden Fassaden. Gerne hätte ich dich an deinem angestammten Platz gesehen, in irgendeinem Hinterhof-Beet hier in der Straße. Was du alles gesehen und gehört haben muss, in den vielen Jahren, in denen deine schönen Füße Moos ansetzten. Zum Zeichen deiner Würde hat man dich obenauf gestellt, auf dem Haufen, auf dass ich dich sehe und wenigstens für eine kleine Weile dein Andenken hier bewahren kann. Machs gut, Prinzessin, auf der anderen Seite, vielleicht sieht man sich mal.

+

Mittwoch, 220309

Umkleideraum, vor gut einer Stunde. Es hat ein kleines Radio. in meinem Spind. Ich höre DLF, man fragt sich besorgt, welche Sicherheit es in Zeiten wie diesen noch so gibt. Mein Gott, denke ich, dermaßen deutsch, das. Der Tod gilt als sicher. Pläne kann man machen, bis dahin, weil, irgend eine Ausrichtung braucht es ja in der täglichen Fristverlängerung. Dagegen gilt es als nicht gesichertes Wissen, dass unsere Seelen unsterblich sind. Aber – wer schon nicht glauben kann, ist vielleicht argumentativ zu überzeugen. So ist m.E. ein Menschenleben definitiv viel zu kurz, um alle Blödheiten, derer ein Mensch fähig ist, nicht nur zu begehen, sondern sie auch als solche zu erkennen und gegebenenfalls sogar korrigierten zu können.

Sonst so?

Auf Facebook lese ich, die Schwebebahn stand mal wieder. Das kommt vor, zumal, wenn man versucht, aus einer eigentlich alltagstauglichen Museumsbahn ein digitales Wunderwerk zu zaubern. Beliebte Meldungen sind Weichenstörungen in den Endhaltepunkten, wo gewendet wird. So werden regelmäßig irgendwelche Sensoren von in der Halle nistenden Tauben tot geschissen. Den Tieren isses wurscht, den Fahrgästen nicht ganz so, verständlicherweise. Mich dauen die armen Menschen und ich haue einen launigen Vierzeiler raus, um sie zu erheitern. Mit Erfolg, es wird sich gefreut, was mich auch freut.

So, der Tag ruft mittlerweile so laut, da gilt auch schlechtes hören nicht mehr als Ausrede…

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Montag, 220228

Pari.
Es steht

22 : 22

Kein Grund zum feiern,
zumal immer nur 24 Stunden zählen.
Stolz nein, Dankbarkeit ja.
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Sonst so?

Wuppertal-Beyenburg, Stausee

Es gehen nur wenige Schritte und die sehr, sehr langsam. Himmel und Wasser sind so blau wie die kleinen Tabletten, die ihm Angst und Verzweiflung nehmen, seit ein paar Tagen und auch an diesem sehr kalten Morgen. Es ist in Ordnung und ich habe keine Skrupel, ihm die Medikation anempfohlen zu haben. Wie werde ich es einst halten? Trägt der Glaube? Ich werde es erfahren. Vergessen wird keiner.

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Sonntag, 220213

Heute gibt es mangels kluger Gedanken vorwiegend Bilder, hier erstmal zwei von einer Abendrunde neulich:

Und – ganz frisch, Bilder von der Brötchen-hol-Runde gerade eben. Feine Gegenlichtdinger, die Tristesse der City, Schwebse, Johannisberg, Schwimmoper, Stadthalle, Deweehrt` scher Garten und – na klar, Ölberg. Kiez muss, geht nicht ohne. Und falls mal wer nicht weiß, mit seinen Schuhen wohin, nur zu, ist noch Platz auf der Leine. Kein schlechter Fund für einen wie mich, der sonst meist nur versunken nach unten schaut.

Sonst so?

Worte haben Kraft. Informierend, Emotions-geladen, heilend, zerstörend, und so vieles mehr. Die zerstörende Wirkung von Worten darf ich gerade im vertrauten Kreis der Herkunftsfamilie erleben. Wenn einer kurz vor Seitenwechsel aus seiner Hilflosigkeit Gift sprüht. Es macht etwas mit mir, sehr viel sogar. Sprengt den Rahmen hier.

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Samstag, 220205

Es ist die allgemeine, in allen Religionen und Weltanschauungen vorhandene Überzeugung,
dass im Kosmos eine Macht besteht, die alle die Kräfte zusammenfasst.
Pfarrer Heinz Kappes (1893-1988)

Heute ist Neustart unseres „spirituellen“ Meetings, ein Themen-gebundenes Literatur-Meeting. Themen Heute sind analog zum zweiten Monat des Jahres die Ausführungen von Pfarrer Heinz Kappes zum zweiten Schritt der AA: Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. Wir lesen ca. 20 Minuten und teilen dann gemeinsam.

Bin dabei – vielleicht kennt jemand wen, der jemanden kennt, der in der Nähe wohnt und mal gucken will 😉

Sonst so? Die Woche ist fast Geschichte, wir befinden uns seit dem 1. Februar im Jahr des Wassertigers (!) , und genau an eben diesen chinesischen Neujahrstag beging mein Vater seinen 88sten Geburtstag. Was die Chinesen nicht jucken dürfte, meinen Vater im übrigen auch nicht. Analogie der Ereignisse, mehr nicht. Was lerne ich von meinem Vater, so, wie ich ihn derzeit erlebe? Es ist eine gute Sache, an etwas zu glauben, nicht nur, wenn Mensch kurz davor steht, die Seiten zu wechseln.

Samstag, 220115, am Abend

Es ist nebelig und nass-kalt, aber mir fällt die Decke auf dem Kopf, ich muss raus. Eine der üblichen Runden, nebenan, raus aus meinem leicht verkommenen, aber gemütlichen Kiez.

Fast zuhause…ohne Kehrwoche, aber bunt.

Auf den Höhen geht es anders zu. Bungalows, Eigenheime mit Car-Ports, Wall-Boxen und E-Autos, Kameras an den Toren. Wohnt das Glück eigentlich gleichmäßig verteilt hinten den Mauern? Ich denke an die zahllosen Studien und Statistiken, die belegen sollen, dass Menschen mit potentiell gesegnetem Einkommen nicht nur länger, weil gesünder leben, auch „Bildungs-näher“ sein sollen. Unmittelbar darauf denke ich an den verängstigten Mittelstand, der den „sozialen Abstieg“ fürchtet und sich in hauen-stechen-schlagen übt. Und das Glück? Keine Ahnung, mich machen schicke Häuser immer irgendwie misstrauisch, wegen dem Verdacht auf mehr Schein als Sein. Was natürlich ein Vorurteil sein mag. Oder ein Produkt meiner lebhaften Phantasie, gepaart mit einiger Lebenserfahrung, diverse Kollegen, Mitmenschen betreffend. Schließ die Fensterläden, bring mir das MG und so, siehe das Liedchen weiter unten. Vielleicht isses nur so, dass man sie in ihren gutsituierten Behausungen einfach weniger wahrnimmt, das macht verdächtig. Verdächtiger als Osman nebenan, wenn der sein Kinder verbal faltet, kriegt das die halbe Straße mit. Der jedenfalls ist eine ehrliche Haut, der seine Kinder liebt. Wenn er sie nicht gerade lautstark abbürstet. Wahrscheinlich geht es um wenig bis nichts, ich kenne das. Normale Gesprächslautstärke bei manchen.

Damals wie heute…

Zeitlose Klänge – R.I.P., Franz- Josef.

Reizarme, nasse Bilder und eine Menge Vögel.
Mitlaufen geht auch, hier.