Sonntag, 210725

Gestern beim Abendessen gerne gesehen: Sie nannten ihn Mücke, Anno 1978. Herrlicher Klamauk, bar jedes intellektuell fordernden Inhaltes, immer schön auf die Fresse. Und gewonnen haben sie am Ende doch noch, die Spacken aus dem Küstendorf.

Und auch sonst gibt es zu dem Jahr 1978 noch einiges zu sagen. Ende meiner verhassten Schulzeit, Beginn meiner Berufsausbildung, der erste heftige Liebeskummer, viele neue Menschen, neue Kumpels und Freunde über die Lehrstelle. In Verbund mit ihnen der famose Start in meine Suchterkrankung, äußerlich sichtbar in bis an die Grenze des zeitlich machbaren, lautstark zelebrierte Wochenend-Besäufnisse, also von Freitag Abend bis maximal Sonntag Mittag. Erstes Gefühl von loser Zugehörigkeit, bis dahin weitestgehend unbekannt. Die Aussicht auf Befreiung von der Enge des Elternhauses, die sich vier Jahre später rein praktisch, aber natürlich innerlich erfolglos durchführen ließ. Einmal angelegte „familiäre Sozialisation“ im Kindesalter klebte wie Scheiße am Schuh, verband sich mit nicht sichtbaren Fesseln, wurde maskiert mit heftigen Besäufnissen, später im Verbund mit anderen Mitteln. Bis es nichts mehr zu maskieren gab, 22 Jahre später.

Meiner Jugend hinterher trauern? Never. Älter werden hat echte Vorteile, allen damit verbundenen körperlichen Begleiterscheinungen zum Trotz. So grenzt es heute für mich an ein kleines Wunder neuronaler Art, dass sich trotz rauschbedingten massenhaften Zell-Sterbens in meiner Birne der schäbige Rest in einer bekömmlichen Weise neu formiert hat, wenn auch über viele Jahre harten Lernens, unzählige gefühlt hilflos ausgelieferten Lebenslagen inbegriffen. Gefühlt, weil letztendlich nicht real, ich habe Schutz und Geborgenheit gefunden, das größte Geschenk der Abstinenz.

Sonst so? Einen guten Youtube-MP3-Konverter gefunden, sauber von Viren, weitestgehend frei von Werbegezappel sowie lästigen, mit zu installierenden „Beifang“, der dann mühsam wieder rausgeworfen werden will. Und so entstand gestern schon eine schöne Live-CD von Judas Priest`s Epitaph., im Handel nur als DVD oder Blue-Ray verfügbar. Feine, zum privaten Gebrauch auch durchaus legale Mucke zum Auto-fahren.

Und – last not least – richtig, Katzen-Content. Es hat auf der Küchen-Fensterbank einen Korb, ursprünglich besiedelten den diverse Kräuter-Pötte. Soweit der Plan. Nachdem die Kleine diese ca. ein halbes Dutzend Mal auf den Boden geworfen hat, um Platz für ihren zarten Körper zu schaffen, haben wir kapituliert, das Ding gesäubert und ihr zur gefälligen Verfügung gestellt.

Tja.

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Samstag, 210619

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte Lyrik. Kann ich aber nicht, irgend etwas fehlt. Lesen tue ich sie gerne, was mich fasziniert, ist die Verschlüsselung der Kernbotschaft und der Interpretationsspielraum, den manche Zeilen lassen. Stammt wohl aus einer Zeit, in der Klartext auch schon mal den Kopf kosten konnte, und irgendwie ist das zumindest teilweise auch heute noch so. Klartext kann ich, viel zu oft viel zu emotional überfrachtet, aber es geht. Gleichnisse, Märchen und Fabeln gehen auch, die Türen stehen mir offen. Wer wie ich in den finsteren Wupperbergen aufwuchs, ist mit Trollen, Zwergen, Feen, Kobolden und dergleichen sowieso auf „Du“.

Sonst so? Klebewetter, die Katzen liegen lang auf kühlende Fliesen oder Dielenböden. Mich erwartet meine samstägliche Runde, Supermarkt, Eltern. Lieber Besuch kommt auch, am Nachmittag. An solchen Tagen wie heute überkommen mich leise Zweifel, ob mein Purismus in Sachen Technik nicht vielleicht doch verbesserungswürdig sein könnte. Ein Kältekompressor im Auto wäre irgendwie doch nett…bis zum nächsten Wartungstermin auf jeden Fall. Se `s drum, Fenster auf, fertig.

Musik zum Thema.

So, das Frühstück möchte hinaus (Achtung, Klartext), danach darf ich unter die Menschen, wenn ich nicht verhungern möchte. Soziale Wesen … geht so, zumindest was meine Person angeht. Ihr Leser*innen seid mir im genau rechten Abstand, immer schön in Deckung, das kann ich. Zeitweise aber brauche selbst ich auch meinesgleichen, Menschen eben. Nicht weil ich Gesellschaft grundsätzlich so toll finde, nein, eher aus Selbsterhalt. Dann und wann kann es auch nett sein, dem Vernehmen nach sogar für die anderen.

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Sonntag, 210221

Ein feiner Tag, mit Blick aus dem Fenster. Da werde ich mal schauen, wo zu gehen sein könnte, ohne all zu vielen Artgenossen zu begegnen. Das ist schwierig, in dieser Zeit, wo alle heraus wollen, was nur zu verständlich ist. Und analog zu den momentan wieder steigenden Fallzahlen passt, leider.

Sonst so?

Die Liebste hat die gestrige Erstimpfung mit Astra-Zeneca sehr gut vertragen. Mittlerweile ist eine Drittimpfung mit diesem Serum im Gespräch, welches an die Mutanten angepasst werden soll.

Was mich schon lange beschäftigt – was bleibt, wenn der Verstand Pause macht?

Die liebe Luxus hat das gut formuliert, gefällt mir sehr. Ein für mich teils elektrisierendes Thema, als Mensch, der ich mit der Maxime aufgewachsen bin, der Verstand sei das höchste menschliche Gut. Der Schul-Scheiterer, weil Angst-besetzt und völlig blockiert. Erste berufliche Erfolge – da sollte doch noch mehr sein als die vermeintlich angeborene Dummheit oder ängstliche Hilflosigkeit. Tatsächlich, so war es auch, das Unkind fand einen ausgeprägten Hang zu den Naturwissenschaften, zog Selbstbewusstsein aus seiner Fähigkeit, zu lernen. Irgendwo war immer diese leise Stimme – übertreib es nicht – während nebenan das Ego leise kicherte. Der Teil in mir, der keinen Raum bekam, forderte ihn im Rausch ein und fand ihn auch, Nebenkosten inbegriffen. Die wurden erst nach langer Zeit präsentiert.

Heute lerne ich, mir als ganzer Mensch den Raum zu geben, den ich brauche. Ohne großes Ritual. Die können hilfreich und wohltuend sein, sind aber nicht sehr Praxis-tauglich, im Alltag. So kann ich schlecht in der Werkstatt eine Yogamatte ausrollen, Stille von allem und jeden einfordern und Räucherstäbchen anzünden, um mich mal der gängigen Klischees zu bedienen. Es soll also anders gehen, mitten im Geschehen nur atmen, sonst nichts. Das fühlt sich immer noch teils sehr befremdlich an, der Teil in mir, der gerne wertet und urteilt, ist zwar leiser geworden, aber immer noch gelegentlich aktiv.

He, komm` mal wieder bei dir an, keiner zuhause da oben, oder wie? Gleich hält dir der erstbeste Kollege ne Taschenlampe an`s Ohr und freut sich, wenn deine Augen so schön leuchten. Wirst hier nicht für`s dösen bezahlt …

So tönt es kurz, der innere König lächelt derweil milde, weiß er doch einerseits um das Überkommene dieser Stimme, andererseits um die heilende Wirkung einer Minute nur. Und .- ganz wichtig – der Rückweg ist jederzeit offen, anders als bei den zahllosen Substanz-gebundenen Erfahrungen, die erst „verstoffwechselt“ werden wollten.

So. Musik sollte nicht fehlen, aber was passt denn nur zum Thema? Wer sucht, der findet. 1988 – endete eine vierjährige Zeit der weltlichen Abwesenheit des Geistes, der mit einem 8-Stunden-Job und fordernder Abendschule, man erinnert sich, der Kreuzzug gegen die Dummheit, beschäftigt war und mündete in rauschende Ballnächte, in einer zwei Jahre andauernden Belohnungs-Orgie. Gehört auch zur Geschichte…

Freitag, 201225

Der erste Weihnachtstag und zugleich der Beginn der so genannten Rauhnächte. Zwei Gründe zur Freude – heute wird der Geburt des Mensch-gewordenen gedacht, egal, ob sie sich nun exakt heute und sonst wann zugetragen hat. Er war sicher nicht nur Gottes Sohn, sondern auch ein ganz besonderer Mensch, ganz gleich, was die Kirchen ihm später an Fabeln angedichtet haben, um ihre Herrschaft zu sichern. Er ist für mich der Aufrechte, der mich nicht allein lässt. Der, bei dem ich mich geborgen fühle, allen reichlich vorhandenen Schwankungen im Glauben zum Trotz.

Den nun beginnenden 12 Rauhnächten sagt man im Verbund mit der Wintersonnenwende eine verstärkte Durchlässigkeit zur anderen Seite nach. Mag schon sein oder auch nicht, es sind diese Tage in jedem Fall ruhige Tage, die mich bei mir selbst ankommen lassen. Eine Zeit ohne viel äußeren Druck, Pflichten und Erwartungen, Zeit der Sammlung, der Dankbarkeit, des Friedens. Guten Geistern gestatte ich übrigens ganzjährig Zugang, mit den weniger Guten ist es komplizierter, wirken sie doch subtil, tarnen sich oft geschickt, kommen unter so manchen vermeintlich guten Vorwand daher. Manchmal ist es gar nicht so einfach, sie von den guten Geistern zu trennen. Die sind eher leise, nicht so lautstark und wuchtig, zielen nicht auf das Ego, sondern mehr auf das Miteinander. Sie sind mehr auf längere Zeiträume gerichtet, nicht auf sofortige Wirkung bedacht. Ein nicht zu unterschätzender Aspekt für mich, als unheilbar suchtkranker Mensch. Sie erinnern leise an Ursache und Wirkung, daran, wie sich Schicksal formt, im Sinne von dem, was am Lebensende als Resümee sichtbar wird.

Sonst so? (Sorry, darf nicht fehlen) Das in letzter Zeit in aller Munde geratenes innere Kind regt mich zunehmend zum nachdenken an. Na klar habe ich auch eines, das sich ab und zu meldet, umher schreit und greint, getröstet werden will. Dann richte ich es ihm nett ein, es hat dann warm und trocken, darf zur Ruhe kommen.

So weit, so gut. Wo es bei mir anfängt, zu hapern, ist, wenn die inneren Kinder bei erwachsenen Menschen auf einem Thron gesetzt werden, der ihnen nicht (mehr) zusteht. Wenn im Chor um die Wette geplärrt wird, mit Sand und allen möglichen Zeug geworfen wird, weil manch inneres Kind den ganzen Rest am erwachsen-werden hindern möchte. Man erkennt Menschen, die solcher Art an ihren inneren Kindern leiden, übrigens an ihrer Sprache. Wenn z.B. gestandene End-Vierziger oder Anfang-Fünfziger von Ihresgleichen als meine Jungs bzw. meine Mädels sprechen, geht bei mir innen eine Sirene los. Achtung, da sind sie wieder. Kenne ich ja alles, als Mensch, der spätpubertierend mit Ende 30 voll vor die Wand geknallt ist. Suche ich aber nicht mehr.

Und ja, noch etwas fällt mir zum inneren Kind ein. Im letzten Jahr ging es mir zeitweise alles andere als gut, Auslöser waren massive berufliche Herausforderungen, die mich Hilfe suchen ließen. Im Zuge dessen startete ich mehrere Anläufe, einen geeigneten Therapeuten zu finden, ein Unterfangen, was ich letztendlich abgebrochen habe. Die meisten wollten erst einmal möglich recht präzise und ausführlich formulierte Ziele wissen, natürlich in Schriftform. Da fingen meine Schwierigkeiten schon an, mein Anspruch war schnell geklärt, entsprach aber so gar nicht der Erwartungshaltung meiner jeweiligen Gegenüber. Zurecht kommen wollte ich, bei mir bleiben und nicht so oft außer mir geraten, wollte ich lernen. Lernen, wie ich mit Panik-Attacken umgehe, das wollte ich. Hat ihnen nicht gereicht, zu ungenau, meinten sie. Statt dessen bekam ich „Hausaufgaben“ in Form von Fragebögen zum ankreuzen. Super Sache, wie in der Fahrschule. Den Vogel abgeschossen hat am Ende ein Herr, der es wohl zunächst erkenntnisreich fand, sich mit einem leicht depressiven, Angst-gestörten trockenen Alkoholiker zu beschäftigen. Zu Beginn schon wurde mir klar gemacht, dass mein über gut zwei Jahrzehnte andauernder Konsum so einiges irreparabel zerstört hätte, neurologisch, in meiner Birne. Das will ich gar nicht ausgeführt haben, dachte ich, ist sowieso klar. Sag mir lieber, wie ich mit dem schäbigen Rest zurecht komme, du arrogantes Arschloch – während ich stumm zuhörte. Und dass ich meinem inneren Kind doch nicht so oft den Rücken zudrehen sollte, mit Internet , bloggen und so. War nach ein paar Probestunden zu Ende, die Show.

Eine Ausnahme gab es übrigens, eine verständige junge Dame, die unglaublich gut zuhören konnte, leise Zwischenfragen stellte, die es stets in sich hatten. Die wurde prompt schwanger und fiel aus. Schön für sie, für mich weniger. Ab da habe ich mich wieder verstärkt dem Mensch-gewordenen zugewandt, war die beste Entscheidung seit langer Zeit.

In dem Sinne – ein frohes Fest uns allen!

PS: Ich möchte mit diesen Zeilen in keinem Fall professionelle Hilfe verunglimpfen oder in Abrede stellen. Auch ich habe auf dieser Ebene durchaus Hilfe erfahren. Es sollte allerdings passen, das miteinander.

Donnerstag, 201224

Heiligabend 2020 – und alles ist anders als in den vergangenen Jahren. So sehr mir Berührung und Begegnung auch fehlen, sehe ich doch die positive Seite dieser Tage. Es ist deutlich ruhiger da draußen, irgendwie überträgt sich das auch auf mein Befinden. Besinnung auf das Wesentliche – für mich bedeutet das in erster Linie Dankbarkeit. Für die Menschen, die es nicht nur mit mir aushalten, sondern mir auch spürbar zugetan sind. Für die Chancen, auf meine fortgeschrittenen Tage noch etwas lernen zu dürfen, mit Blick auf die angespannte Vorweihnachtszeit. Danke dafür!

Sonst so? Der Tag begann früh, mit einem dunklen, grollenden Schnurren. Madam kommt nicht gleich zu mir in`s Bett, nein. Sie legt sich erst mal auf die Lehne des Schlafsofas und wartet, vor sich hin schnurrend. Sie möchte geladen werden, mit leiser Ansprache, einer frei geräumten Ecke und freundlichen Gesten. Dann gibt sie sich die Ehre, vielleicht, und kommt kuscheln. So wie heute früh…

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Sonst so, Teil 2 ?

Nicht allen geht es gut, dieser Tage. Wenn jemand einen kennt, der einen kennt, oder falls jemand sogar selbst erkennt … es gibt Gesellschaft. Anbei frisch aktualisierte Listen der derzeitigen Online-Meetings für Menschen, die den Wunsch haben, mit dem Trinken, mit dem Konsumieren aufzuhören:

Online-Meetings der Narcotics Anonymus – Alkohol wird hier übrigens als eine Droge von vielen anderen angesehen. Ideal für Mehrfach-Abhängige.

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Freitag, 201127

Manche Tage beginnen so. Mit Tages-Routine, die sich zieht wie zäher Schleim. Die Tausend morgendlichen Handgriffe nehmen kein Ende, die Zeit wirkt gedehnt, was auch die Uhr spiegelt. Wenn es hier und da zwickt und zieht. Altern nennt man das wohl. Wenn auch die meditativen Übungen nur wenig Erdung geben, dann ist es wieder soweit, erinnere dich, höre ich meine innere Stimme leise.

Narcotics Anonymus – Nur für Heute

Und so lasse ich zu, dass sich die Zeit dehnt und zieht. Nehme mich zurück, sitze still, spüre den Schmerzen im Arm nach und denke Gleitzeit – ist nicht so wichtig. Die Katze dreht ihre Runden, hinter dem Sofa sehe ich ein Ohr und rufe sie leise. Das gleicht stets dem Roulette, rot oder schwarz, 1 aus 2. Sie kommt oder kommt nicht. Heute kommt sie kurz schnuppern, um sich dann gleich auf ihrer Aussichtsplattform niederzulassen. Immerhin. Nähe light, kein Widerspruch zu den innigen Stunden auf dem Sofa, wenn sie sich bei mir anschmiegt und fest einschläft. Wem das nicht gefällt, der möge sich einen Hund zulegen.

Sonst so? Gestern Abend – Von außen kommen Durchhalteparolen, harter Winter und so. Wenn ich koche, läuft das Radio, eine von vielen Verbindungen zur Außenwelt. DLF, der verschont mich wenigstens mit dem trivialen Geschwätz der Regio-Sender. Die Menschen kaufen zu wenig, sagen sie. Och, wen wundert`s, denke ich. Ist ja auch die helle Freude, in den Kaufmannsläden. Alle Ersatzbefriedigungen funktionieren derzeit nicht wirklich. Taten sie übrigens noch nie, aber jetzt fällt es vielen auf. Drogen und Alkohol sollen dagegen bestens gehen. Das funktioniert immer, sofort und auf der Stelle, aber leider nur chemisch, scheinbar und zeitlich arg befristet, die bekannten Nebenkosten inbegriffen. Während ich darüber sinniere, zerlege ich Gemüse und steige ungefähr ein Dutzend Mal über die Katze, die mitten in der Küche liegt. Alles meins. Der Koch ähnelt mit seinen Schritten derweil einem Ballett-Tänzer, das schult die Achtsamkeit, passt gut, wenn man mit einem megascharfen Hackmesser arbeitet, das Teil verzeiht nicht die geringste Unachtsamkeit. Tut auch nicht weh, der scharfe Schnitt, fällt nur auf, weil es tropft und der Boden rot wird. Sehr vertrautes Szenario. Aber jetzt gerade nicht, dem Fellbündel sei Dank. Irgendwann ist es dann genug, ich nehme sie hoch und trage sie etwas abseits meiner Bahnen zwischen Anrichte und Spüle, was sie gutmütig hin nimmt.

Zuhause – ich bin dankbar dafür.

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Sonntag, 201115

Der Titel erinnert mich daran, es ist bereits Mitte November. Volkstrauertag, heute, so hörte ich gerade im Radio, beim Fassadenputz. Sterbe- Trauer- und Beerdigungskultur hierzulande waren Themen, passend zum Tag. Was mich an das Bevorstehende erinnerte, auch wenn es noch dauern sollte. Eine Wiese soll es sein, halb-anonym, mit Namenstafel, aber maschinell mähbar drumherum, auf dass niemand kleingärtnern müsse. Danke dafür.

Die Zeit bis dahin gilt es allerdings mit Leben zu füllen. Da sein helfen, wo nötig, immer in Deckung bleiben, meinen Job machen. Zusammen mit so Tagen wie gestern, die besser gerieten als befürchtet. Der Krebs-Mond in mir zieht sich so weit als geht zurück, geht mit Panzer spazieren, neben dem Rollator Herbstblätter aufwirbelnd. Heim gefahren, und auf der Rückfahrt läuft Tash Sultana, Jungle, vom Stick. Ihr haben Pilze einst mehrere Monate Psychiatrie eingebracht, gefolgt von einer Musiker-Karriere aus Kompensation des erlebten Irrsinns. So ein Glück hat nicht jeder, denke ich, während ich mich durch die Stadt bewege.

Abschiede. Es werden immer mehr, auf allen Ebenen. Es fühlt sich seltsam an, dem ganzen so völlig planlos zuzuschauen. Ich schwimme mit, lasse mich führen, widerstehe meinen eigenen Fluchtinstinkten, die noch nie ein guter Berater waren. Freue mich über die, die bleiben, in meinem Leben, schließe ab mit alten, unerfüllbaren Sehnsüchten und verweile im hier und jetzt. Natürlich könnte es schlimmer kommen, so sagte ich früher. Was impliziert, es ist schon schlimm. Ist es heute nicht, es ist, wie es ist. Ohne Wertung. Für das Gefühl in meinem Bauch gibt es ja immer noch die Tastatur und euch, die ihr das vielleicht mit lest, mit fühlt, oder es kommt euch sogar bekannt vor, das eine oder andere. Besser als Pilze & Co allemal. Gefangen in mir selbst war ich lange genug. Da ist es zwar sicher, aber einsam.

Hier und jetzt heißt, gleich ist Gymnastik, Yoga, Meditation, gefolgt von Frühstück, bevor ich wieder mit dem Tag allein bin, derweil die Liebste am Schreibtisch sitzt. Sonntag eben. Leben ist manchmal so berechenbar, das es mich juckt, kleine Granaten zu werfen und mal schauen, was sie anrichten. Nur so, damit sich mal wieder etwas bewegt. Den Ball in`s offene Zelt auf dem Campingplatz schießen, mich über die entstehenden Geräusche freuen und abwarten, wer mit geschwollenem Kamm heraus poltert. Bilder in meinem Kopf – und gut, dass ich keine 16 mehr bin.

Fundstück zum Bauchgefühl…

Samstag, 201024

Gedanken über manch Anhaftung an die Vergangenheit. Für B., aber auch für mich, zur Erinnerung.

Wo bin ich, wenn nicht im Augenblick, in der Gegenwart? Mal versuche ich mir die Zukunft vorzustellen. Pläne gibt es keine mehr, eine Vision, eine Ahnung vielleicht, verbunden mit der Hoffnung, damit zumindest in etwa richtig zu liegen. Wohl wissend, das letzte Wort habe nicht ich.

Weit mehr Raum nimmt manche Erinnerung an die Vergangenheit ein. Je älter ich werde, desto mehr kommt zusammen, damit kann ich locker die Tage füllen, wenn ich es denn zulasse. Kann alles noch einmal präsent werden lassen, all die alten Irrwege und Wunden noch einmal spüren, ebenso wie die tatsächlichen oder vermeintlichen Fortschritte. Mal hat das seinen Sinn, für eine Zeit. Und ja, manches verblasst und hinterlässt allenfalls diffuse Bilder oder auch Schuldgefühle. Je mehr Zeit vergeht, desto unscharfer wird manches Bild.

Für mich ist wichtig, stets die Brücke zur Gegenwart im Auge zu behalten, denn gleich, in welche Richtung ich nun schaue, eines ist beiden gemein: Der Blick zurück, so sinnvoll er von Zeit zu Zeit auch sein mag, um mich neu zu verorten, er entfernt mich ebenso aus der Gegenwart wie zuviel Sandkastenspiele im Kopf, was die Zukunft angeht. Gehe ich nicht über die Brücke, laufe ich Gefahr, den Nebel der Vergangenheit mit in meine Gegenwart zu nehmen.

Als ich noch trank, sah ich keine Brücke. Alles war grau-schwarz, ein aufgewühltes, trübes Meer aus verpassten Gelegenheiten, gelebte, gefühlte Scham und vor allem Selbstmitleid, kombiniert mit teilweisen Realitätsverlust und beginnender Paranoia. Allein in diesem trüben Ozean, weit und breit kein Horizont in Sicht, weil die eingesetzten Mittel jeden schärferen Blick verhinderten. Das schlimmste daran war, mit den rechten geistigen Kniffen ließ es sich darin aushalten,, sich darin einrichten, der einsame Wolf lässt grüßen. Heute drücke ich es anders aus, Scheiße hält eben warm, zumindest eine Weile.

All dies ist lange her, meine Gegenwart heute ist, Gott sei Dank, eine andere. Die Fallstricke sind geblieben, aber sichtbar und lebbar. Der Hang zum grübeln scheint mir eigen zu sein, gleich wie der schwarze Vogel, der untrennbar zu mir gehört. Schatten sicher, aber auch das Licht ist in mir, reduzierter Sozialkontakte und manch Alltags-bedingt auf ein natürliches Mass geschrumpfter Träume zum Trotze. Leben ist – hier, jetzt. Im Licht, wenn gerade auch nur die Schreibtischlampe. Jemand liest all dies vielleicht bis zum Ende hier, und schon ist eine Verbindung da, wenn auch nicht sicht- und greifbar 😉

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PS: Gerade gelesen – Warum Deutschland drei mal mehr Corona-Kranke als Japan hat, trotz vergleichbar überalterter Gesellschaft. Eine Mischung aus gravierenden Unterschieden in Bürokratie und Verwaltung einerseits, aber – und das macht mich schon nachdenklich – auch in dem Sozialverhalten, dem Verantwortungsgefühl jedes Einzelnen. HIER für euch ohne Bezahlschranke bei den Krautreportern nachzulesen.

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Mittwoch, 201014

Wenn ich sehe, was derzeit Pandemie-bedingt durch die Schutzmaßnahmen an Existenzen vernichtet wird, wird mir flau. Die vielen Menschen im Veranstaltungs- und Gastgewerbe haben mein Mitgefühl. Gleichzeitig spüre ich tiefe Dankbarkeit, seinerzeit einen Beruf mit „Substanz“ ergriffen zu haben und darüber hinaus eine Menge glückliche Fügungen erlebt haben zu dürfen, die mich bis heute seit nunmehr 42 Jahren ununterbrochen erwerbstätig sein ließen.

Lange Zeit habe ich Menschen ein wenig beneidet, die beruflich „irgend etwas kreatives“ lebten. Oder in direkter Weise an der hedonistischen Maxime unserer Gesellschaft ihr Auskommen hatten. Indirekt trifft das auch auf mich zu, mache ich doch seit Urzeiten schon „irgendwas mit Autos“. Und – zu meiner eigenen Gewissensberuhigung bin ich an der Wertschöpfung von Fahrzeugteilen beteiligt, die unabhängig von der Antriebsart in allen Fahrzeugen benötigt werden. Auch ein Segen, in der Zeit heute.

Und nein, ich bin kein Feind von Vergnügungen. Obgleich spät evangelisch getauft, auch kein Vertreter von purem beten & arbeiten. So wie Millionen andere bin ich in einer Welt aufgewachsen, deren Hauptzweck, so wurde es mir vermittelt und rundherum vorgelebt, darin bestand, sich die Taschen zu füllen, weil das letzte Hemd eben keine solchen hat. Die Frage nach einem wie auch immer gearteten tieferen Sinn, in Kombination mit meinem persönlichen Zuschnitt als süchtiger Mensch hat mich an Abgründe gebracht, die ich nicht nur überleben, sondern auch an ihnen wachsen durfte. Stofflicher Genuss hat heute für mich da seine Grenzen, wo er anfängt, mein Bewusstsein zu manipulieren. Darüber hinaus weiß ich heute freie Zeit sehr zu schätzen, bin mir selbst zunehmend mehr ein Freund und brauche nicht viele Mittel, um Frieden zu finden.

Die Mischung macht es. Ich wünsche uns ein wenig mehr Bodenständigkeit, in Verbund mit spiritueller Tiefe, die nicht erst am Boden der Abgründe zu finden ist.

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PS: Die Grinsekatz gibt es nun auch wieder bei Facebook.