Donnerstag, 211125

Werkstatt-Anekdoten.

Alt-Geselle erklärt Jung-Fertigungsplaner die Sache mit der Präzision:

Es gibt ein Nennmaß, eine Toleranzgröße und eine Toleranzlage. Entweder ich bin da drin oder ich bin draußen. Ganz einfach also, nicht wie im richtigen Leben, wo auch schon mal ein Viertel drin interessant sein kann. Oder ein Viertel draußen.

Jung-Fertigungsplaner guckt ein wenig irritiert und geht. Fragen stehen unbeantwortet im Raum. Was ist denn nun besser, so im richtigen Leben, wie meint der denn das? Viertel drin, Viertel draußen? Hätte er den Alt-Gesellen gefragt, wäre er vom grübeln erlöst worden. Der hätte ihm erklärt, dass selbstverständlich ein Viertel draußen immer die bessere Wahl wäre. Bei Dreiviertel drin, demzufolge.

Ich liebe Mathematik.

Mittwoch, 211103

Gestern, am frühen Abend, im Umkleide-Keller der Werkstelle. Gedankenverloren pelle ich mich aus, als mich ein seltsames Geräusch aufmerken lässt. Schwer zu verorten, irgendwo von oben – so, als ob etwas rotierendes trocken läuft. oder auch, als ob wer mit einem leicht feuchten Lederlappen schön gleichmäßig kreisend über Glasscheiben geht. Es ist ein wenig gruselig, derweil oben keiner mehr ist, ich bin der letzte, vom meinem arabischen Kollegen mal abgesehen, der aber auch gleich zu kommen gedenkt.

Da isser schon und grinst. Hast du gesehen, hoch oben am Himmel, fragt er. Gänse, sagt er, und mir geht ein Licht auf, der Geräuschkulisse wegen. Die ham aufm Kalender geguckt, sagt der Kollege, ist bald Martinstag und dann Weihnachten erst mal. Zeit abzuhauen, nix wie weg, das Wetter ist auch Kacke. Keine gute Zeit für Gänse, da sind wir uns einig.

Aber – das Universum antwortet bekanntlich.

Schön auf die Omme …

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Donnerstag, 211028

Wer allein werkelt und außer der Reihe einen Tag frei haben möchte, muss sehen, wie er die Arbeit erledigt. Ist aber alles in allem machbar und Zeit für ein paar dürre Worte im Blog findet sich auch noch. Kann also so wild nicht sein.

Die Wirklichkeit, die Realität. oder das, was Mensch gemeinhin dafür hält, war gerade nebenan bei Alice ein Thema. Ein Wesensmerkmal der so genannten Realität ist ja, dass sie uns nicht fragt, ob sie uns gefällt. Herausforderungen aller Art tun sich auf, lediglich die bertreffenden Lebensbereiche ändern sich mit der Zeit. Oder bleiben gleich und verlagern sich. Schmerzen, gleich ob körperlich oder seelisch, lassen mich innehalten, langsamer werden. Flüchten kann ich, möchte ich aber nicht mehr. Wohin auch? Also stehen bleiben, hinschauen, annehmen. Gleich, ob es sich um veränderte Beziehungen aller Art handelt oder um das letzte große Mysterium, den Tod. Besser gesagt, den mitunter sehr weiten und langsamen Weg dorthin.

Stehen bleiben hilft (mir). Vor Lebensumständen wie vor Menschen. Hier bin ich, Herr. Hineni. Immer wieder, bis zum letzten Gang. Stehen bleiben bedingt manchmal auch Gegenwehr, mit den Füßen fest auf dem Boden. Manchmal braucht es Biegsamkeit & Elastizität, ebenso erdverbunden. Manchmal auch gehe ich für eine Moment in die Knie, dann ist das so.

Da war doch noch was – richtig, Arbeit. Die Arme sind bandagiert, kann losgehen. Weiter gehen.

Mittwoch, 211020

Alltag – Werktag. Alles wie immer, Öl-verschmierter Werkstattboden, gemeinsam mit mir gealterte Maschinen, der Geruch von Kühlwasser und verbrannten Stahl. Zeit-Korsett, das nach Beständigkeit ruft. Fluch und Segen gleichermaßen. Gut, noch ein paar Bilder vom Sonntag zu haben.

Wuppertal, hinterm Funkturm, nördlich Westfalenweg.

Zurück zur Werkstatt – ich muss mal mit den Jungs reden, wie die Muse sie wohl geküsst hat, bei dem Liedchen. Wenn ich mir den verreckten Estrich hier betrache – so muss Poesie entstehen. Schon mal gebloggt, aber gerne nochmal:

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Dienstag, 210928

Ein anderer Morgen, ein neuer Morgen. Die Arbeit ist kein Frosch und hüpft mir nicht davon. Lieber lesen und schreiben, heute mal Zitate, die passen. So vieles ist eh schon gesagt, wenn auch nicht von mir.

Es gibt Menschen, die sich auf dieser Welt heimatlos fühlen, ohne selbst zu wissen warum. Was alle anderen um sie her Wirklichkeit nennen, erscheint ihnen als eine Täuschung, ein wirrer und oftmals quälender Traum, aus dem sie gerne erwachen würden. Sie fühlen sich dazu verurteilt, in ihm zu verweilen, als handle es sich um eine Verbannung in eine feindliche Fremde. Mit unaufhörlichem Heimweh sehnen sie sich nach einer anderen Wirklichkeit, an die sie sich zu erinnern glauben wie an eine ferne Heimat, ohne doch irgend etwas Sagbares oder Denkbares davon vorbringen zu können.
Aus: „Die Legende vom Wegweiser“ von Michael Ende

Danke, Richard

Und dennoch …

Und nun ist er in die Wüste gepflanzt, in ein dürres und durstiges Land. HESEKIEL 19:13 ELB
Ein Leben in der Wüste ist schwierig. Doch auch sie nährt ihre Bewohner.

Danke, Deborrah.

Wird Zeit, dass es hell wird.

Freitag, 210903

Mensch hat mal kluge Gedanken, siehe heute Morgen, mal weniger kluge, wie heute am Nachmittag. Mal sehen, ob sich geballter Unfug in Textform bringen lässt.

Kollegiale Verabschiedung

Es ist eine Art Sitte, für die einen eine schöne, für andere, mich selbst eingeschlossen, eher eine Unsitte, Kollegen, die das Haus verlassen, irgend etwas mitzugeben. Das reicht von schnöden Geldgeschenken (echt super für Menschen, die damit eh schon reich gesegnet sind) hin zu personalisierten Erinnerungsstücken, also irgend etwas Metallisches, an dessen Entwicklung und/oder Fertigung der oder die Betroffene in einer unnachahmlichen Weise beteiligt war. Zu dem Zweck wird das Objekt des Schaffens auf eine Art Sockel aus Bunt- oder Leichtmetall befestigt und via Gravur mit mehr oder weniger geistreichen Text versehen. Zu den herausragenden Geschmacklosigkeiten in dem Kontext gehört eine goldfarbene Lackierung des Objektes, soll das doch die Wertschöpfung signalisieren. Oder so. Am Ende entsteht so vergoldeter Kernschrott, der nach einer kurzen Weile des allgemeinen Bestaunens auf dem heimischen Schreibtisch mutmaßlich schnell den Weg in die Abstellkammer oder in den Keller findet.

Warum also ist dies für mich also eher eine Unsitte? Nun ja, die mehr oder weniger geistreichen Gravuren landen dann bei mir, zur gefälligen Abarbeitung. Was oft genug meinen „Flow“ stört, aber doch angegangen wird, man möchte niemanden zumuten, sich mit schnöden Schlagzahlen und -Buchstaben austoben zu müssen, mit optisch zweifelhaften Arbeitsergebnis. Zum anderen lässt die Ausgestaltung der Gravuren Spielraum für mehr oder weniger geistreiche Editionen, das Leben ist schließlich ernst genug.

Rückblick: Vor ein paar Tagen gab es ein „Vorgespräch“ mit dem Kollegen des Kollegen, also dem Zurückgelassenen, wenn man so möchte. Der mokierte sich über den unpersönlichen Kernschrott, könnte doch irgendwie mehr eine zwischenmenschliche Note bekommen. Natürlich fängt es bei mir dann an zu arbeiten, im Kopf. Das wurde heute mit meinem arabischen Kollegen besprochen, der die Vorarbeit geleistet hatte, der Abschieds-Metallklumpen wartete also nur noch auf eben eine Gravur. Tja, was könnte man da schreiben? In Liebe und in Dankbarkeit klingt ein wenig arg nach letztem Geleit, wurde also verworfen. Auch ein anderer hübscher Vorschlag fand am Ende keine Gnade, der Kollege meinte, die fehlende persönliche Note könne man durchaus noch hinzufügen, in Form seiner Vorhaut, die er neulich in irgend einer Schublade beim aufräumen gefunden zu haben glaubte. Ja toll, sage ich, wir haben noch Plexiglas, lass uns eine Monstranz mit deiner Pelle bauen, persönlicher geht es kaum. Was den Heiligen recht ist, kann uns nur billig sein. Ein Vorschlag kreativer Heiterkeit, der aber aus Pietätsgründen wieder verworfen wurde. Veganismus und so, man weiß ja nie.

Was bleibt, ist der übliche Schmuh mit Namensnennung und korrekter Datierung, versehen mit dem Minimal-Zusatz „In tiefer Dankbarkeit“. Und einer Grinsekatze, diskret, aber deutlich sichtbar mit eingebracht, zum Zeichen, dass ich ihm gedacht. Wem also in absehbarer Zeit mal ein Metallklotz mit Grinsekatz vor die Füße fällt, kennt nun schonmal die Legende dazu.

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Donnerstag, 210819

Werktätig, wieder, seit Montag. Erste Erkenntnisse:

  • Mein Profession heißt Improvisation, mit Zweitnamen.
  • Nichts ist dauerhafter als ein Provisorium.
  • Ausnahmen gibt es, dann ist groß die Freude.
  • Interne Schulungen wollen nicht nur erfolgreich bewältigt, sondern seit Neuesten auch separat bewertet werden. Nicht nur das, auch die Bewertung will begründet werden, auf dass die Begründung eventuell wieder bewertet wird.
  • Meine Begründung für erfolgten Jubel: Eine glückliche Führungskraft. Als alter Pfadfinder halte ich mich noch daran – täglich eine gute Tat.

Das hier ist übrigens mein Kollege, der am Jahresende in Rente geht. Das Grinsen manifestiert sich, von Tag zu Tag mehr. Ich freue mich mit ihm.

Weiß wer, wie der wirklich heißt?

So, un nu wieder mit beiden Händen…

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Sonst so? Ich lese immer noch, scheint ein Jahrewerk zu werden. Weit über 1000 klein gedruckte Seiten, ein „Taschenbuch“ von locker 1.5 Kg. Manchmal wünsche ich mir so`ne digitale Lesekrücke. Dann wiegt das geballte Wissen nicht so schwer.

Sonntag, 210815

Drei Wochen Urlaub sind Vergangenheit, ab Morgen darf ich wieder werktätig sein. Irgendwie störend, aber unumgänglich, für ein paar Jahre noch. Und vergleichsweise angenehm, mit Blick auf andere Zeiten. Glückskind, das ich bin, darf ich heute doch allein arbeiten, mit einem Minimum an Arbeitskollegen, und diese sind sowohl vertraut als auch vertrauenswürdig, alles in allem. So Gott und die großen Zampanos in fremden Ländern wollen, bleibt das vorläufig auch noch so.

Ich mag Hunde lieber als Menschen. Und Katzen lieber als Hunde. Und mich, besoffen in meiner Unterwäsche aus dem Fenster schauend, am liebsten von allen.

Charles Bukowski – ich kann versichern, das haut auch ohne Alk gut hin, wenn auch immer noch tägliche Übung.

Musik – ich habe in den Ferien meine Liebe zur Neoklassik entdeckt, wie so oft durch glückliche Fügung. An einem Ort, an dem man so etwas eher nicht vermutet, einem orientalischen Bistro mitten im strubbeligen Kiez von Wedding, der geneigte Leser erinnert sich. Geht öfter so, das manche Diamanten gut getarnt sind.

V.wg. Katzen & aus dem Fenster schauen …

Sonst so? Bilder von unserer gestrigen Abendrunde über`n Arrenberg, zur Kriegsgräber-Anlage Könighöhe und wieder talwärts, mit Einkehr, lecker Essen und netter Gesellschaft. Ein runder Tag, alles in allem.

Erste Anzeichen des späten Sommers.

Auch andere sind unterwegs …

Die alte Anlage ...

Blick über die Stadt …

Moritzstraße, Wuppertal-Elberfeld, auf dem Heimweg.

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Donnerstag, 210722

Ein Start in den Tag, der nicht besser sein kann: Radio Swiss Classic und das Katzenkind zum kuscheln. Momente, die den Rest der Nacht verscheuchen, auch, wenn es noch nicht richtig hell ist.

Sonst so? Da treffe ich eine liebe Freundin, nach 1.5 Jahren. Das erste, was ich höre, ist: Hast ganz schön zugelegt. Danke, ich hab dich auch lieb. Die zwei Kilo. Mit der Eitelkeit hat es eh erledigt, sei`s drum. Außerdem habe ich passende Kleidung gefunden:

Irgendwann in den 70ern stand das auf Tafeln an der Autobahn…

Sonst so, Teil 2. Werkstatt. Bald kommt jemand, eine Absauganlage angucken. Die Absauganlage macht nicht außer dumm absaugen, kein Filter, nichts, Schweissrauch nach draußen, fertig. Wir fragen uns, was das soll. Geht oder geht nicht, ganz einfach. Nur nicht in Deutschland, da kommt einer auf n Kaffee, macht das Ding an und wieder aus, um sich anschließend des Tages zu freuen. Für `n Hunni oder so. Wir wundern uns nicht mehr, mein arabischer Kollege und ich. Ist halt so, hier. Vielleicht geht der Kontrolletti ja raus, auf `m Bahndamm, tote Vögel zählen, die ob der gewaltigen Emissionen hier vom Baum gefallen sind. Berufe gibt es, die haben etwas. Im nächsten Leben passe ich besser auf, in der Schule.

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