Vor dem Fest

Das Arbeitsjahr ist für mich vorbei, heute ist der erste, „freie“ Tag. Mal davon abgesehen, was ich alles für Pläne habe, was noch alles besorgt oder erledigt werden möchte. Druck auf dem Kopf, während ich still sitze und nachspüre. Kein gutes Zeichen am Morgen.

Was hilft, ist Musik. Radio – Swiss Classic zum Beispiel. Ein staatlicher, nicht kommerzieller Sender ohne Werbung, ohne viel Gequatsche, dafür mit echt guter Musik für den Hintergrund. Oder für den Vordergrund 🙂 Für mich jedenfalls immer wieder überraschend, wie Musik auf mich wirken kann. Auch eben Klassik – hätte ich mir vor 10 Jahren noch nicht vorstellen können.

http://www.radioswissclassic.ch/en

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Osman war der Beste

Nebenan beim Wassertiger wurden neulich Erinnerungen wach, an eine längst vergangene Zeit meiner Erwerbstätigkeit, damals, in den finsteren Wupperbergen, in der Nachbarstadt Solingen. Der Andi fragte nach, ob den armen Nachbarn denn geholfen werden konnte … aber ja, mal mehr, mal weniger.

Das Maß der Dinge war die Zahlungsmoral, es gab damals die so genannte Solinger Seuche, also die Unart, Rechnungen, wenn überhaupt, erst nach der dritten Mahnung zu bezahlen. Solchen Kandidaten wurde dann etwas weniger zuvorkommend geholfen. Da kam es schon mal vor, dass nach einer Weile telefonisch nachgefragt wurde, ob das betreffende Teil denn fertig sei … der Scheff stand grinsend neben mir und war nicht im Hause, während ich mit dem Kunden sprach und ihm versicherte, der Wagen sei gerade eben vom Hof, er möge in Kürze eintreffen.

Wir haben dann mal Material besorgt …

Anderen erging es wiederum vergleichsweise besser. Osman zum Beispiel, der war unser liebster Kunde. Wenn der die Einfahrt hoch schlappte, hing der Scheff schon im Fenster und begrüßte ihn freudig und lautstark mit großem HALLO. Die Tür ging auf und Scheffe persönlich umarmte ihn, Schulter-klopfend, mit frischem Kaffee, schön mit Milch und ordentlich Zucker. Wir mussten für Osman alles stehen und liegen lassen – das Geheimnis dieses liebenswürdigen, stets unrasierten Mannes mit dem usseligen grauen Kittel war seine Geldbörse.

Ein Gummiband, um die Rolle loser Scheine, lässig in der Kitteltasche.
Der Kaffee war immer frisch …

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Vermisstenmeldung

Keine Ahnung, wo die beiden hin sind. Genau genommen ist mir ihr Verschwinden auch gar nicht groß aufgefallen. Erst, als ich ihre Geschwister dann bei anderen sah, wurde mir klar, wer sich da heimlich davon gestohlen hatte.

Die eine ist die Begeisterungsfähigkeit oder, präziser formuliert, die Begeisterung an sich. Sie wandelt sich beim älter werden, sagt man. Mag sein, aber dafür braucht sie nicht gleich ganz zu verschwinden. Vielleicht hat sie sich auch nur gut versteckt und kommt beizeiten wieder hervor, in gedämpfter, altersmilder Form, wer weiß ? Euphorie light oder so, was schon ein Widerspruch in sich ist. Bis dahin muss die Neugier, eine ihrer Schwestern, die Lücke, so gut es geht, füllen.

Der zweite Verlust trifft mich härter. Hat sich doch der Idealismus gleich mit auf dem Weg gemacht ! Zumindest, was berufliches angeht. Eine schwarze Zahl wirft ihren Schatten auf den alten Traum vom gemeinschaftlichem jagen und sammeln. Für ein großes ganzes, zum Wohle aller. Alles weg – jeder steht für sich allein, Erster, alles mir und wer noch nicht gelernt hat, dass nett die kleine Schwester von Scheiße ist, hat schon verloren.

Allerdings der Glaube ist geblieben. An einem Sinn, an eine höhere Ordnung jenseits meiner Vorstellungen. Auch mit gewissen Verlusten – das tröstet, wie ich finde.

ES formt sich, und wer weiß, vielleicht kommen die beiden verlorenen Kinder ja in neuer Verkleidung einst wieder zurück.