DAS oder das …

  • Von Wahrnehmungen, Äußerlichkeiten, stiller Post, persönlichen Filtern und komischen Erinnerungen …

Die Mutter liegt auf Station, die OP ist schon einige Tage her. Eigentlich liegt sie nicht, sondern ist beharrlich mit dem Rollator auf den Gängen unterwegs, was auch gut so ist.

Wir sind zu Besuch, weil so ein Krankenhausaufenthalt schon sehr öde sein kann. Das zweite Mal, weil es zum weiteren Verständnis wichtig ist, zu wissen. Wir betreiben leichte Konversation und natürlich Nachhilfe im Umgang mit dem Smartphon, das seit ein paar Wochen die Neugier meiner Mutter geweckt hat.

Es ist heiß und ich laufe dementsprechend umher, also mit einer abgeschnittenen Kargo-Hose, die schon leicht Fäden wirft, weil das Umnähen der Schnittkanten irgendwie vergessen wurde. Oder besser, bewusst unterlassen wurde, weil wurscht.

Mir wird berichtet, dass die Krankenschwester nach unserem ersten Besuch, bei dem ich ebenso gekleidet war, gefragt haben soll:

Ist „DAS“ (oder eben) „das“ ihr Sohn?

Kann man drüber weg hören, wenn man meine Mutter nicht kennt. Allein ihr Ton fällt nicht nur mir auf, ihr rezitiertes „DAS“ klingt phonetisch nämlich groß geschrieben und passt auch zu dem leicht geringschätzenden Blick auf meine Klamotten.

So. Keiner weiß jetzt sich, wie besagte Schwester das betont haben mag. Sehr wahrscheinlich eher stimmneutral, also vermutlich klein geschrieben. Und nun kommt meine persönliche Wahrnehmung in`s Spiel. Der eigene Filter also.

Bist halt immer noch das Unkind. Gutes Herz (?), aber sieht scheiße aus 🙂 Hätt`ich mal gleich das Achselshirt angezogen, dann wäre das Bild noch abgerundeter gelungen, weil man dann auch gleich die Tattoos hätte sehen können. Besser im Sakko und weißem Hemd, dann darf man auch mal ein Arschloch sein.

Schönes bleibt, heißt es, wie nicht nur der Rentnersender WDR4 weiß. Weniger schönes erfreut sich auch erstaunlicher Beständigkeit, wie eben der Hang zu Äußerlichkeiten, zu Be- und Entwertung, zu schnellem Urteil. Konnte sie immer schon gut.

Gut auch, dass mir diese Zwischentöne nicht allein aufgefallen sind, was daheim für interessanten Austausch sorgte. Ebenso gut, dass solche kleinen Episoden heute nur zu einem kleinen Frösteln gereichen, was schnell überstanden ist. Vorbei sind Gott sei Dank die Zeiten, in denen ich mich mit solchen Charakteren bis hin zur Partnerwahl (Sparring?) wie oben beschrieben aus purer Gewohnheit umgab, weil es eben so schön vertraut war, weil Scheiße so toll wärmt, wenn man es nicht besser weiß und den üblen Geruch ignorieren kann.

Was Erinnerung mit einschließt, ebenso die Kapitulation vor mancherlei Neigung der Erzeuger, die nie wirklich aus ihrer Haut konnten.

10 Gedanken zu “DAS oder das …

  1. Erinnert mich gerade an einen Vorfall mit meinem Vater bzgl. meines Ältesten. Der Junge, 17, hoch sensibel, tolerant, intelligenter Menschenfreund und sein Opa – auch nicht gerade das Gegenteil, hatten ein herzliches Verhältnis, verstanden sich gut, besonders auf dem Feld der Musik. Mein Vater war allem Neuen auf diesem Gebiet gegenüber aufgeschlossen und begeisterungsfähig. Auch Hard Rock.
    Als der Enkel jedoch nach den langen Haaren auch noch mit zerrissenen Hosen auftauchte, machte Opa ihn in meinem Beisein zur Sau. Mein Junge war dermaßen entsetzt und verletzt, dass ich explodierte. Ich machte ihm klar – ich glaube ich brüllte -, dass auch in zerrissenen Klamotten immer noch der gleiche Mensch drinsteckt, Liebe sei nicht von Hosen abhängig, und wenn er ihn noch eimal so verletze, werde ich ihm das nicht verzeihen, würde er ihn für immer verlieren. Nach einer kurzen Auszeit im Garten nach dieser für mich ungewöhnlichen Härte kam er aus dem Garten zurück und entschuldigte sich von Herzen, Er hat sich nie wieder abfällig über Äußerlichkeiten bei seinen Enkeln geäußert.
    Das ist eine Form von seelischem Schmerz die ich nicht ertragen kann, auch wenn ich sie bei Fremden spüre.

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    1. Manchmal zeigen so drastische Ansagen rechte Wirkung, gut, dass das Verhältnis zwischen den beiden wieder ok ist. Und – das dein Vater die Größe hatte, um Verzeihung zu bitten.

      Die Königsklasse in der Disziplin der mangelnden Wertschätzung ist allerdings die totale Verneinung des gesagten/getanen und als Krönung schlussendlich das Infrage-stellen der eigenen Wahrnehmung, unter Einschluss von Verächtlichmachung.

      Das ist nur in deinem Kopf so, sonst nirgendwo. Oder. Niemand denkt so wie Du, schaue mal alle anderen (mit folgender Auflistung sämtlicher Nachbarsblagen der vergangenen 50 Jahre 🙂 )

      Sonst so? Sag`s mit Musik – Klänge meiner Jugend (Achtung, nix für zarte Seelen)

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      1. Ja Größe hatte er. Im gegensatz u meiner Mutter, die auf ihrer Vorstellung der eigenen Existenz beharrte. Sie erzählte ihren Kaffeetanten sogar in meinem Beisein, dass ihr Schwiegersohn ein bekannter Architekt sei, als ich schon längst mit meinem jetzigen Mann verheiratet war. Weil er „nur“ Handwerker ist. dass passt natürlich nicht ins Bild, wie begabt, intelligent und zugewandt er auch sei. Sich lieber schmücken mit einem Typ, der der Tochter die Knochen zerschlagen, die Kinder beschissen behandelt und sich schließlich Syphillis zugezogen hat. So eine geistige Armut.

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  2. Ja, ist schon arg, wenn Menschen noch im Alter einen abfällig behandeln. Meine Devise: Was der oder die mir immer wieder antut, ist letztlich sein oder ihr Problem, denn er oder sie wird es ins Grab mitnehmen müssen, nicht ich! Anders gesagt, ich muss nur für mich selbst gerade stehen und dafür Sorge tragen, dass mein Päckchen nicht zu schwer wird. Es ist ja leider niemand fehlerfrei …
    Na denne, nach diesen schweren Morgengedanken, wenden wir unser Gesicht der Sonne zu (solange sie nicht zu heiß brennt)

    Liebe Grüße von Holda Stern

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  3. Abfälligkeit gegenüber anderen dient dazu, sich selbst zu erhöhen
    Gut, wenn man sich durchringen kann zum Mitgefühl
    – notfalls halt auch der eigenen Mutter gegenüber 😉
    Sie hat noch einen weiten Weg zum Licht … offensichtlich … leider …
    Aber da kann man nix machen
    Wenn sie es nicht selber sehen kann … du kannst ihr ja die Augen nicht mit dem Dosenöffner öffnen, gell …
    Auch sie wird es noch lernen … wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten … oder nächsten … oder nächsten
    Bis dahin: Dickes Fell zulegen
    Zum einen Ohr rein und zum andern raus
    Es hat ja nix mit dir zu tun, sondern einzig mit ihr
    Nobody said it would be easy …

    PS: Meine Omma väterlicherseits war in so was Spitze
    Die stand oben an der Treppe, begutachtete mich von buchstäblich oben herab und sagte:
    „Wie siehst du denn aus ? Das weiß ich aber nicht, ob ich dich so rein lassen soll“

    Und Moin 🙂

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