Eine gute halbe Stunde

So 30-40 Minuten dauern sie, meine morgendlichen Übungen. Die liebe Anna, die ähnliches für sich selbst übt, hatte die Idee, das gemeinsam mit mir aufzuschreiben und zeitgleich zu veröffentlichen.

Meine Übungen bestehen aus einem Mix von so genannter HWS-Gymnastik sowie teilweise in`s Dynamische geführte, altbekannte Yoga-Übungen wie zum Beispiel das Dreieck, dynamisch durchgeführt (manche nennen sowas auch „Power-Yoga“). Der bekannte „Baum“ lässt sich auch dynamisieren, immer im Kontext mit der Atmung, wie bei allen anderen Übungen auch. Vieles geht aus dem Stand heraus, manches auf dem Boden wie die guten alten Planks oder der Vierfüßler-Stand, als Variante auch dynamisiert. Ferner finden sich Vorbeugen aus der Rückenlage, dynamisch mit angewinkelten Beinen oder klassisch statisch aus dem Langsitz heraus als reine Yoga-Übung (An alle „echten“ Yogis: Ich kann mir keine wohlklingende indische Bezeichnungen merken…). Das „Maß“ der Dinge sind meine Atemzüge, sie dienen als Einheit bei allen Übungen. In der Ruhe atme ich vielleicht 6 Mal in der Minute ein und aus, in der Dynamik natürlich mehr. Die Reihenfolge der einzelnen Übungen variiert von Tag zu Tag, das hat seinen zusätzlichen Reiz und verhindert zuviel Wiederholung. Was ist bei alledem sonst noch wichtig – auf der rein körperlichen Ebene? Bei Übungen aus dem Stand zur Vermeidung eines Hohlkreuzes Becken nach vorne und Bauchnabel zu den Wirbeln ziehen und – ganz allgemein – Respekt vor Dehnungs- und Schmerzgrenzen. Die HWS-basierten Übungen sind dem Verschleiß der Nackenwirbel mit seinen Auswirkungen (Rippenblockaden ect.) geschuldet und halten mich auf ihre Weise beweglich und Beschwerde-frei.

Was macht das mit mir?

Vielschichtig – zum einen habe ich einen leichten Schlaf, bin des Nachts oft heftig in Traumwelten unterwegs, so dass ich am Morgen zwar aufstehe, aber weder im hier und jetzt noch wirklich bei mir bin. Die Übungen helfen mir, mich wieder im so genannten Tagesbewusstsein einzufinden, mich neu zu erden. Auch helfen sie mir, mit meinem so langsam älter werdenden Körper Freundschaft zu schließen, ein Prozess, der wie so vieles andere täglich wiederholt werden möchte, wichtig, weil mir die Jahrzehnte der gelebten Autoaggression (nichts anderes sind Süchte) noch gut in Erinnerung sind.

Dann hat diese Zeit am Morgen auch meditativen Charakter, ich bin jedes Mal erstaunt, in welchem Maße sich zu so früher Stunde schon die Herausforderungen des Tages in mir breit machen möchten. Die Zentrierung auf den Atem und auf die Übungen schaffen Ruhe im Geist, ähnlich wie bei der zwar nicht so regelmäßig praktizierten, aber immer sehr hilfreichen, nicht Objekt-gebundenen kontemplativen Sitzmeditation. Dazu kommt das Üben des Gleichgewichtes, Balance halten – was sich durch die Wechselwirkung auch auf das seelische Gleichgewicht überträgt.

Ein anderer, für mich nicht zu unterschätzender Aspekt ist die mit den Übungen verbundene Disziplin und Konzentration. Von Haus aus halte ich mich zumindest in Teilen für träge, faul und disziplinlos. So kann ich hervorragend ganze Tage vertrödeln, wenn ich mir selbst nicht eine Form von Struktur schaffe, mich selbst nicht bewusst in Disziplin übe. Boheme stand mir immer nahe, mit und ohne Stoff und trotz ununterbrochener Erwerbstätigkeit.

Schlussendlich bietet diese gute halbe Stunde mir die Gelegenheit, mich bei meinem Schöpfer zu bedanken, mich mit SEINEM Willen anzufreunden und um Führung zu bitten.

 

17 Gedanken zu “Eine gute halbe Stunde

  1. Danke. Ich möchte nix abhaken, könnte es gut tun. Ich finde es schön, dass Du es so beschreiben kannst. Jetzt ahne ich, was mich an Deinen Beiträgen im Stillen bewegt. So grùsse ich an die Wupper als Yogi.🐾 ( Kannst mich gerne nach Namen fragen. )

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  2. lieben Dank für das Teilen deines Morgenrituals. 30-40 Minuten ist eine lange Zeit am Morgen. Ich kenne viele Yogis, die zwar schon lange üben, aber zuhause in dieser Richtung nichts machen, da der Schweinehund viel zu groß ist. Boheme muss viel auf Reisen sein und wohnt wohl nur noch ab und zu bei dir zur Untermiete. Die Disziplin steht schon mit einem Bein bei dir in der Wohnung. Ohne sie wäre deine Beschreibung hier und alle deine anderen Beiträge nicht möglich. Abgesehen davon ist das Vertrödeln von ganzen Tagen eine Kunst. Das kann nicht jeder! Die Sanskrit Namen sind völlig unwichtig. Das Ausführen ist der Schlüssel zum Glück. 🙂

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    1. Boheme muss viel auf Reisen sein …
      Die tägliche Übung macht es … nicht nur am frühen Morgen. Und – selten zwar, aber es gibt sie – „freie“ Tage ohne Arbeit und privaten Dringlichkeiten. Da darf ich der Kunst frönen 😉

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  3. Lieber Reiner,

    Vielen dank für deine Beschreibungen! Besonders da, wo du auf das Zusammenspiel zwischen Atem, Seele und Sein eingehst, habe ich viel Resonanz und Achtsamkeit gespürt.

    Immer wieder – und das schreibe ich dir auch öfters 🙂 – bin ich fasziniert von deiner Selbstreflexion bezüglich deiner Süchte. „langsam älter werdenden Körper Freundschaft zu schließen“ – das hat so etwas friedliches und versöhnliches, da kann dein Körper ja gar nicht mehr anders als dich von außen umarmen! 🙂

    Das was du im vorletzten Absatz schreibst, geht mir genau so – das psychisch allerriskanteste jetzt während Home Office und Corona wäre für mich, meine Rituale aufzugeben, in die Tage hineinzustolpern und mich in der scheinbaren Freiheit zu verheddern. Das ist übrigens mE kein Widerspruch zur einer beruflichen Tätigkeit – die kann im Zweifelsfall ja „wichtiger“ und „dringender“ sein als die Selbstfürsorge, was vielleicht kurzzeitig über die Gräben zu springen hilft, langfristig aber großen Schaden anrichtet. Vielleicht auch eine Art Suchtsymptomatik…

    So ein kuscheliges Abenteuertier wäre übrigens auch eine große Gefahr für mich – das würde ja zeigen, dass es auch anders geht als man sich das so to-do-Listen-mäßig vorgenommen hat 😉

    Eine gute Nacht, vielen Dank für diese tolle Gelegenheit der gegenseitigen Schreibanspornung, und bis bald,
    Anna

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    1. Liebe Anna,

      Selbstreflexion ist für mich Überlebens-wichtig. Allerdings ist sie nur die „halbe“ Arbeit. Nach dem Erkennen kommt der Wandel – es geht ja schon lange nicht mehr direkt um irgendwelche Substanzen, sondern um die destruktiven Verhaltensweisen hinter der Sucht. Es ist ein „Lebensprogramm“, hört nicht auf, bis zum letzten Tag.

      Home Office, wie es heißt – selbst komme ich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in diese Lage, weil ich ganz klassisch mit etwas immobilen Maschinen zu tun habe. Da sind Strukturen bestimmt sehr wichtig, denke ich, in beiden Richtungen. Einmal, was das Tagespensum angeht und andererseits der Gefahr der Selbstausbeutung wegen, von interessierter Seite gerne auch als Selbstoptimierung bezeichnet.

      PS: Das Fellknäuel bekommt immer so viel Liebe, wie es braucht 🙂

      Danke nochmal und einen guten Tagesstart!

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  4. Lieben Dank für Deinen interessanten Beitrag, ein schönes meditatives Ritual. Ich habe immer mal wieder Versuche gemacht mit einem eigenen ähnlichen Ritual, bin bisher aber gescheitert. Gut tun würde es allemal. Mal sehen, was noch so kommt …
    Liebe Grüße
    Ines

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  5. Ich habe ja erst nach dem Umzug die Möglichkeit bekommen, Yoga in Kursen gründlich und mit korrekter Haltung zu lernen. Seit gut 4 Jahren praktiziere ich nun auch vor dem Duschen und dem Frühstück Sonnengrüße und Asanas. Das tut meinem Körper und meinem Geist unendlich gut! Würde ich alleine leben, dann würde mein morgendliches Ritual wohl auch noch erweitert werden. Schon jetzt lese ich oft ein Buch, wenn ich zu „früh“ erwache.
    Liebe Grüße!

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  6. Das klingt sehr spannend und attraktiv für mich. Leider habe ich mir immer nur vorgenommen, mit Yoga anzufangen und nun geht es gerade nicht, da die Lehrer nicht arbeiten dürfen. Dein Text hat mich nun allerdings davon überzeugt, nun endlich anzufangen, sobald hier wieder Öffnungen anstehen.

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