Freitag, 220325

Als junger Mann dachte ich, ich sei Pazifist. Hatte so nen Aufkleber auf meinem Schrott-Käfer: Ein Dinosaurier, daneben stand „Ausgestorben. Zu viel Panzer, zu wenig Hirn„. Mit sehr vielen anderen Menschen war ich Anfang der Achziger im Bonner Hofgarten, demonstrierte gegen die Stationierung neuer Waffensysteme im Westen. Hörte gebannt Heinrich Böll sprechen, den ich bis heute verehre.

Jetzt ist einiges anders. Ich weiß, ich bin kein Pazifist, heute kenne ich meine Wut, mein Aggressionspotential, das sich früher in der Hauptsache gegen mich selbst gerichtet hat. Wut, mit der ich heute in der Regel zurecht komme. Ein wildes Tier, nicht eingesperrt, aber an der Leine, mit Maulkorb, auf dem steht:

Du sollst nicht töten

So ist geblieben die Ablehnung von blinder, sinnfreier Zerstörung und unermesslichen Leid. Was Kriege anrichten, treibt mir das innerste nach außen, der ganze vererbte Scheißdreck ist wieder zu spüren. Und doch geht es mir ähnlich wie Croco, auch ich hätte nie gedacht, es mal zu begrüßen, wenn Armeen an den Grenzen der „westlichen“ Länder verstärkt werden.

*

Sonst so? Ein gewaltiges altes Lied, das mir verstohlene Tränen in die Augenwinkel treibt. Danke fürs teilen, Springerin.

Some day soon
the tide will turn
and I’ll be free



~

23 Gedanken zu “Freitag, 220325

  1. Ja, lieber Reiner….Du sprichst mir sowas von aus der Seele. Genau hier beginnt der Frieden, im Erkennen des eigenen Aggressionspotentials. So lange nicht jeder einzelne bereit ist den „Krieg“ in sich selbst zu erkennen und ihm einen Riegel vorzuschieben wird es niemals nachhaltigen Frieden geben..und solange werden wir wohl auch nicht drum rum kommen unsere Grenzen entsprechend zu schützen. Ich danke Dir für diesen ehrlichen Beitrag, er hat mir in‘s Bewusstsein gebracht wie ich diesen Tag beginnen möchte…
    Ganz liebe Grüße
    Daniela

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  2. Amen! Den Aufkleber kenne ich auch noch, der prangte auf so manchem Käfer und nicht nur dort. Ich hatte mehrere Notizbücher voll mit solchen Sponti-Sprüchen. Im Nachhinein kommt mir die Zeit Anfang der 80er so harmlos vor, trotz kaltem Krieg.
    Weißt du was, ich finde deinen Gedanken sehr gut nachvollziehbar, und es macht mich traurig und wütend, dass die heutigen jungen Leute, die so radikale Ansichten zu Krieg und Umwelt haben wie wir in der damaligen Zeit zu Wackersdorf, Pershings (Petting statt Pershing, gell?) und Konsorten, von Menschen unserer Generation manchmal so niedergemacht werden.
    Ja, wir sind vielleicht abgeklärter, haben vieles erlebt, was unsere Bäuche dicker und unsere Köpfe träger gemacht hat oder im besten Fall für Anflüge von Weisheit sorgt. Aber wann sollen diese Heranwachsenden denn radikal sein, wenn nicht jetzt?
    Das Lied wandert sofort auf meine Playlist…

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    1. Mit uns waren sie auch nicht zimperlich, was wir uns alles anhören konnten, gerade von Seiten der Union. Es ist etwas hängengeblieben, bei mir, von dieser Zeit. Der Glaube an das Gute im Menschen, auch wenn mich mitunter arge Zweifel schütteln.

      Ja, und wenn nicht die Kinder, wer dann.
      Die Kunst ist eine sinnvolle Ergänzung der Generationen, auch wenn ich das so nicht erlebt habe, bin ich doch bestrebt, das anders zu halten als meine Eltern, ihre Generation.

      Sonst so?

      Wenn der Reagan zur Sintflut wird,
      wird Widerstand zum Wassersport.

      Wupperufer, noch bis vor 10 Jahren dort lesbar…

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  3. So – da bin ich wieder.
    Anfang der 80er dachte ich bei mir – ich müsste doch eigentlich auch eine Pazifistin sein. Fast alle in meinem Umfeld betrachteten sich als solche und sangen zur Gitarre ‚blowin‘ in the wind‘. Aber ich brachte das nie mit einem inneren Bild zusammen. Auf diesem Bild sitze ich unter dem Tisch im alten Haus meiner Oma und eine Nachbarin ist zu Besuch. Beide gehören zu den Vertriebenen, die am Ende des zweiten Weltkriegs ihre Bauernhöfe verlassen mussten. Sie sprachen über die Heimat und fürchteten sich vor wiederkommenden Russen. (Ich hab noch Textfragmente zu dem Thema bei meinen Entwürfen … vielleicht sollte ich einen ausarbeiten …)

    Das Problem ist ja – es gibt jede Menge Menschen jenseits unserer östlichen Grenzen, die das andere Feindbild in sich tragen … das vom Deutschen, der sich womöglich wieder auf den Weg machen könnte. Dort wird nun das Feindbild vom bösen Westen geschürt.

    Alles in allem muss ich für mich sagen – ich bin ein friedliebender Mensch; aber zur Pazifistin tauge ich nicht. Ich hab früher ausgiebig Kampfsport betrieben (das war übrigens perfekt, um meine innere Aggressivität in geordnete Bahnen zu lenken).
    Regel Nummer 1 war – du darfst deine Fähigkeiten zur Notwehr einsetzen; aber darüber hinaus keine Gewalt anwenden. Deshalb ist die Verstärkung der militärischen Standorte an den Ostgrenzen für mich vollkommen in Ordnung.
    Verteidigung ja – und doch müssen wir die Mittel und unsere Sprache wohlbedacht einsetzen; denn das letzte, was jetzt geschehen sollte, ist das Schüren alter – und der Aufbau neuer Feindbilder. Dann besteht die Chance, dass diese Krise irgendwann zu besseren Zeiten führt.

    In diesem Sinne
    🖖🏽 Sabine

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    1. Ja … so viel Geschichte. Vor 32 Jahren sah es so aus, als könne etwas Neues beginnen, getragen von guten Geschäften und vielleicht sogar gegenseitigen Vertrauen, Gedenken und Vergebung. Eine Illusion, leider.

      Danke für deine offenen und ausführlichen Gedanken hier!

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    2. Ich denke seit Tagen darüber nach, was die verstärkte Verteidigung bringen soll. Ich kenne mich, das kann ich freien Herzens sagen, in solchen Themen überhaupt nicht aus. Jedenfalls würden sehr viele Rüstungsfirmen wieder gutes Geld daran verdienen, soviel ist einmal fix. Und allein dieser Gedanke, dass wir Geld ausgeben für Verteidigungssysteme, das ärgert mich schon mal prinzipiell. Ich sehe so viele andere Notwendigkeiten, wofür Geld in die Hand genommen werden sollte.
      Ich sehe, dass uns jetzt von allen Seiten eingeflüstert wird, diese Aufrüstung sei in Europa nötig.
      Ich habe meine Zweifel, ob sich jemand wie Putin von einem gerüsteten Europa abhalten ließe?
      Ich bin der Meinung, dass der geistige Zustand das gar nicht mehr zulässt. Und Putins gibt’s genug in dieser Welt, man muss ja nur nach Belarus schauen, da sitzt ein weiterer Herr, dessen Vernunft schwerst beschädigt ist.

      Wenigstens scheine ich zumindest dahingehend heute auch erkannt zu haben, dass ich noch immer kämpfen kann. Ich war jetzt lange genug in beruflicher Hinsicht beim „Give Peace A Chance-Thema“ zuhause, aber heute habe ich bei jemandem Verhaltensweisen erlebt, die mich schon lange sehr reizen und die mir einfach zu weit gehen. Und ich habe mich wieder einmal zur Wehr gesetzt, das war vielleicht für den einen oder anderen Zeugen überraschend.
      Ich konnte immer sehr gut für mich eintreten, nur hatte ich lange das Gefühl, die Klappe mache ich nicht mehr auf, wenn es einfach nichts anderes bringt als Ärger, der wiederum Ärger ergibt, usw.
      Eine unendliche Kette an Ärgernissen.
      Es war tatsächlich ein unbändiger Selbstverteidigungswille, der mich da mitgerissen hat.
      Und ich habe festgestellt: Es hat definitiv gut getan! 🙂

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      1. Es ist leider immer noch Realität, dass manche Staaten oder besser, deren faschistoide Administrationen, von dem Gedanken beseelt sind, ihr angestammter, „natürlicher“ Machtbereich ginge weit über die eigenen Staatsgrenzen hinaus. Gerne wird das auch vermeintlich historisch untermauert, schaue mal hier. Stets gehen sie so weit, wie ihre Intuition sie leitet, basierend auf die Qualität der Zeit in unseren Demokratien, wo ständig Koalitionen und Gesichter wechseln, aber auch eingebunden in dem Kontext der fortlaufenden Geschichte, wie die geplante Nato-Mitgliedschaft der Ukraine. Die einzige Sprache, die solche Zeitgeister verstehen, ist die der Entschlossenheit und der Gewalt, leider ist das so.

        Grenzen setzen, im Großen gilt das ebenso wie im Kleinen, ja. Immer verbunden mit der Bereitschaft, auch losschlagen zu wollen und zu können, wenn es nicht anders mehr gehen sollte. Selbst hätte ich nie gedacht, mal so unterwegs zu sein, aber das erlebte lässt nur diesen Schluss zu. Wir sind niedere Geschöpfe …

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      2. Also das kann ich jetzt so nicht stehen lassen. Ja – es gibt zu viele, die anderen das Leben schwer machen (aus welchen Gründen auch immer). Und ich denke, die wenigsten tun das aus innerer Bösartigkeit. Die Angenehmen sind in der Überzahl, aber wir überhören sie im alltäglichen Leben.

        Alles hat seine Geschichte und Wechselwirkungen und deshalb finde ich es wichtig, bei Konflikten nicht den Rachegedanken überhand nehmen zu lassen. Bei aller Fähigkeit zur Selbstverteidigung bleibt bei mir immer die Tür zur Versöhnung offen (zumindest versuche ich es – bin ja keine Heilige).

        Und was ich in dieser Krise so bedenklich finde, ist dieses sich verhärtende Gruppendenken, diese Abgrenzung ‚Wir‘ gegen ‚Die‘. Ich hab Kontakte zu einem großen Unternehmen, in dem viele Ingenieure arbeiten. Dort sind in den letzten zehn Jahren mehr und mehr Russen und Weißrussen zur Belegeschaft hinzu gekommen. Sie würden gerne wieder zurück in die Heimat, wollen aber auch, dass ihre Kinder angenehm aufwachsen können. Gewalt und Korruption sind dort an der Tagesordnung. Diese Leut sind ziemlich hilflos, weil deren daheim gebliebene Verwandte genau das wiedergeben, was in den Medien verbreitet wird – es wäre kein Krieg, man würde keine zivilen Ziele angreifen und die Ukrainer würden die russischen Befreier mit Freude empfangen.

        Nein wir sind keine niederen Geschöpfe – jeder hat so seine Schwächen, und zur Zeit treiben ein paar Wenige mit zuviel Macht das Geschehen vor sich her. Aber auch das wird sich ändern.
        In diesem Sinne – 🌈🌎 🌍 🌏 gutes Karma für alle 🎋

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      3. Danke @Grinsekatz für die Verlinkung zu einem aufschlussreichen Artikel. Vieles davon konnte man in den letzten Wochen schon deutlich wahrnehmen (wer wollte, jedenfalls!), u.a. auch, dass die Führung der russisch-orthodoxen Kirche hinter Putin steht, da ebenfalls historisch verblendet.
        Was die Einordnung des Menschen betrifft, bediene ich keinerlei Zweckoptimismus. Auch möchte ich nicht zu pessimistisch sein, doch was ich vor allem auch in den letzten zwei Jahren live erlebt habe rund um die Pandemie, lässt mich zumindest in vielerlei Hinsicht am menschlichen Verstand zweifeln.
        Einige wenige, die Herden vor sich hertreiben und instrumentalisieren, die mit Phrasen und mit diversen verschwörerischen oder anderslautenden, aber ebenfalls an Hysterie erinnernden Theorien auf ein vielfach ahnungsloses Volk einwirken. Der Erfolg weniger Anführer, die bar jeder Vernunft und Rechtschaffenheit agieren, macht mich fassungslos!
        Zusätzlich fällt mir auf, dass das Unrechtsbewusstsein von Leuten, die bewusst spalten, wenig bis gar nicht verdichtet ist. Das kann man an allen möglichen Plätzen, wo sich Menschen begegnen, beobachten.
        Es verhält sich so in vielen Bereichen, nicht nur in der Politik. Besonders schockierend, wenn auch noch die selbsternannten Vertreter Gottes auf Erden mitmischen, so wie eben aktuell bei Kyrill I. der Fall. Ürigens hat sich meinem Verstand und meinem Gewissen noch nie erschlossen, wieso Kriegsgerät in der christlichen Kirche als „segenswürdig“ angesehen wird?
        Ist die Erkenntnis nicht schlimm genug, dass es reicht, wenn auch nur eine Handvoll Leute Dummheiten begehen, die sich nie wieder gutmachen lassen? Weil sie die Macht dazu haben? Indem sie Menschen aufwiegeln, gegeneinander – und wie man in Russland sieht, auch noch unter missbräuchlicher Verwendung von Religion!
        Wenn viele ganz wenigen wie die Lemminge folgen – und das tun brave Soldaten nun mal im Krieg -, dann halte ich es für äußerst vertretbar, am Entwicklungsstand des Menschen zu zweifeln!
        Natürlich gibt es auch die, die an ihrer sozialen, menschenzugewandten Ausrichtung ihres Seins keinen Zweifel lassen, aber mir gibt es zu wenige derer in „Führungsfunktionen“.
        Es nimmt mich enorm mit, dies auch in div. Firmen- oder Institutionshierarchien zu beobachten – eine Ebene über der nächsten, über der nächsten, usw. – ein Miteinander auf Augenhöhe ist so nicht mehr möglich! Es sind nur wenige Beispiele, die ich hier anführe, sie ließen sich noch erfolgreich fortsetzen. So also und auf viele andere Arten wird ein soziales Wesen beim Menschen geschliffen, geschliffen und nochmals geschiffen, bis eines Tages nichts mehr davon zu erkennen ist.
        Ich weiß schon, dass es auch die unter uns gibt, die Hoffnung machen, dass der Mensch doch kein niederes Wesen sei! Doch aufrecht zu bleiben in den Sümpfen dieser Zeit, das ist eine Herausforderung, die viel Kraft und Rückgrat verbraucht.

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      4. Wenn du magst – noch ein guter Artikel in Sachen Propaganda – hier
        Und ja, auch ich schaue immer wieder auf jene, die anders sind, Menschen, die jeder auf seine Weise viel Gutes bewirken.

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    1. Geschreddert, ja. Wir haben es ausgeblendet, weil es immer so schön weit weg war. Krieg wa rund ist immer, irgendwo auf der Erde. Jetzt gerade mal dicht bei uns. Das ist der einzige Unterschied. Wir hätten es sehen können, wären wir nicht so sehr mit anderen Sachen beschäftigt gewesen. Aber was hätte es schon geändert. Nun sitzt uns die Schockstarre im Nacken. Angst gebiert Gewalt … Kalter Krieg reloadet, hoffentlich bleibt er kalt (für uns).

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      1. Ja, so denke ich auch. Krieg war immer irgendwo. Jetzt kann es uns erwischen. Unsere QiGong- Lehrerin gab uns gestern mit auf den Weg: “ Macht es euch schön. Guckt, was in unmittelbarer Nähe los ist. Tut alles dafür, den inneren Frieden beizubehalten. Das strahlt ihr dann aus. Und das tut dann allen gut.“ Das möchte ich schon seit Jahren einhalten, so schwer es auch manchmal war, nicht zu verzweifeln oder wütend zu werden. Schlechte Laune nützt ja nichts.
        Aber natürlich können wir das Schreckliche nicht weglachen. Wir müssen schon hinsehen, aber eben nicht 24 Stunden am Tag! In diesem Sinne: Genieße Dein Wochenende, lieber Reiner! 🌷

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