Gute Neuigkeiten, viel Arbeit und Dankbarkeit

Donnerstag, 220721

Wir haben einen Heimplatz für Vater, Dank der tatkräftigen Vermittlung des Sozialdienstes der Psychiatrie. Von dort wurden drei Patienten in der Einrichtung angemeldet, man war vor Ort und hat sich für Vater entschieden, warum auch immer, Gott sei Dank. Am Dienstag Mittag kam die Nachricht aus dem Heim, nicht allzu weit von hier, zumindest mit dem Auto. Alles muss auf einmal sehr schnell gehen, diskutieren will ich nicht, angesichts der Lage mit Heimplätzen. Und so nehme ich mir spontan am gestrigen Mittwoch frei, fahre am Morgen zu Mutter, mit Laptop und Scanner bewaffnet. Seit einer Weile schon habe ich mich mit solchen Begrifflichkeiten wie Schonvermögen, Pflegewohngeld und dem Einsatz von Sozialhilfe auseinandergesetzt, kenne mittlerweile die Regeln und Pauschalen. Am Vormittag waren Mutter und ich bei der Bank und am Nachmittag im zukünftigen Zuhause meines Vaters, die ganzen Formalien erledigen. Es ist unglaublich viel und am Abend bin ich platt wie selten, aber dankbar für die Fügung.

Am späten Nachmittag dann noch ein Anruf der Stationsärztin der Psychiatrie. Man hat sich mit dem Heim geeinigt, derweil am Freitag Morgen noch ein CT-Termin mit Vater ansteht, im Anschluss daran kommt er in die Einrichtung. Wenn sie eine weiter OP anraten, werde ich sehr wahrscheinlich nicht zustimmen. Mit der ersten OP vor 2.5 Jahren fing alles an. Weiter sagt die Ärztin, Vater sei leider immer noch delirant, eigentlich sei es zu früh, man habe mit der Einrichtung die Möglichkeit einer temporären Rückverlegung vereinbart, falls nötig. Hoffentlich nicht.

Wir machen uns erste Gedanken über die Einrichtung seines Zimmers, Gott sei Dank ein Einzelzimmer. Was hat mein Vater eigentlich für persönliche Gegenstände? Uns fällt erschreckend wenig dazu ein. Im Grunde hat er sich von allem, was ihm lieb war, schon lange getrennt. Wohnwagen, Garten, Auto, Werkzeuge, und mit seiner Gebrechlichkeit fallen auch die letzten kleinen Rundgänge draußen fort … die Wohnung hat ihn nie interessiert. Hauptsache, warm und trocken.
Einen Fernseher werden wir besorgen.

Heute habe ich erstmalig in Vollmacht meines Vaters Vereinbarungen gegengezeichnet. Ich kann dieses Gefühl nicht wirklich gut beschreiben – geschäftliche Dinge für diesen Mann regeln zu müssen, der zeitlebens das Misstrauen in Person war, auch mir gegenüber. Stark vereinfacht fühlt es sich so an, als stünde er hinter mir und macht mir Vorwürfe. Wie kannst du nur? Eines Tages wird er verstehen. Vielleicht in diesem Leben in einem der letzten klaren Momente, die ihm vielleicht noch bleiben oder erst im nächsten Dasein.

Nach der Arbeit fahre ich Vater letztmalig in der Psychiatrie besuchen, bin auf alles gefasst, nach dem Anruf der Stationsärztin gestern. Die Zustände sind wie gehabt, die anderen Patienten sind wirr, chaotisch, unruhig und teilweise sehr aufdringlich, aber harmloser Natur. Das gewalttätige Klientel ist hinter verschlossenen Türen.

Vater ist zu meiner großen Freude nicht delirant, er erkennt mich und ist froh. Ich schiebe ihn unter Protest der Angestellten vor die Tür, damit wir mal eine Viertelstunde Ruhe haben. Draußen erkläre ich ihm, dass er nur noch eine Nacht hier verbringen muss und morgen an einem Ort kommt, wo für ihn gesorgt wird, wo er ein Zimmer nur für sich haben wird. Mein Eindruck heute ist, er weiß um seine Situation und dass Mutter selbst zu krank ist, sich weiter um ihn zu kümmern. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen und auf Hilfe beim aufstehen und bei allen täglichen Verrichtungen.

Morgen ist also der große Tag. Wenn die letzten drei Wochen irgend einen Sinn gehabt haben sollen, dann den, Vater ein wenig Demut zu lehren. Derselbe Mensch, die nie etwas von Heimunterbringung wissen wollte, freut sich jetzt, die Psychiatrie verlassen zu können. Stand heute, das kann sich ändern, muss es aber nicht.

Ich bin das erste Mal seit langen etwas erleichtert und sehr dankbar.

🙏

32 Gedanken zu “Gute Neuigkeiten, viel Arbeit und Dankbarkeit

  1. Wie schön! Das ist doch beruhigend, wenn du weißt, dass er gut untergebracht ist.
    Wir haben auch gute Erfahrung mir Fotoalben und ähnlichem gemacht.
    Ich hab mir zwar bestimmt tausendmal dieselbe Geschichte anhören müssen – aber das macht ja nichts. Mir hat eine Pflegerin mal erklärt, dass Erinnerungen erzählen immer eine gute Sache ist, um die Menschen dort abzuholen, wo sie gerade sind.
    Liebe Grüße
    Sabine

    Gefällt 2 Personen

  2. Tiefes Aufatmen mit dir, lieber Reiner… und DANK für DEIN TUN und SEIN!
    Dein Vater weiß es im Innersten zu schätzen…
    Weiterhin eine extragroße Portion GEDULD, MUT und heilsame ZUVERSICHT…
    Alles LIEBE,
    Elke

    Gefällt 3 Personen

  3. Lieber Reiner, ich freue mich sehr für Dich und Deinen Vater. Da fällt mir wirklich ein Stein vom Herzen, obwohl ich nur stiller Betrachter bin. Ich hoffe, Du hast eine notarielle Vorsorgevollmacht, für alle Fälle. Manche Heime unternehmen viel für die Bewohner. Ich hoffe, dass Du ein solches für ihn gefunden hast. Gott weiß, was Dir und Deinen Eltern fehlt. Alles Liebe, Gisela 🙏

    Gefällt 3 Personen

    1. So eine Vollmacht gibt es Gott sei Dank, eingetragen in die Bundesnotarkammer. Sie sind gut beraten worden. Ja, ich bin sehr erleichtert, fürs erste. Die Einrichtung macht auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Ruhig, sauber. freundlich, kompetent, professionell. Mal sehen, wie es wird. Ich danke dir, liebe Gisela!

      Gefällt 1 Person

  4. Lieber Reiner,
    das sind wahrlich gute Nachrichten und ich freue mich sehr für Dich und Deinen Vater. Meine Daumen sind weiterhin gedrückt dass es positiv weitergeht und Deinem Vater wünsche ich sehr, dass er in seinem neuen Zuhause die Erfahrung machen darf, dass es gut sein kann sich anderen Menschen anzuvertrauen. Eine solche Erfahrung, die das Herz heilt, wünsche ich ihm sehr, damit er irgendwann, wenn es soweit ist, in Frieden seinen Heimweg antreten kann. Ich bin mir sicher, dass Du, so gut als möglich , darauf achten wirst, dass dieser Wunsch für ihn in Erfüllung gehen wird. Er hat wahrhaftig großes Glück…
    Für Dich weiterhin ganz viel Kraft und alles Liebe
    Daniela

    Gefällt 3 Personen

  5. Auch ich freue mich von Herzen, dass Ihr jetzt eine so gute Perspektive habt!!!

    Ich kann auch absolut nachvollziehen, dass Du einer weiteren OP nicht zustimmen möchtest. OP’s, Narkosen, Nachsorge – purer Stress für einen derart geschwächten Menschen.
    Mir geht es genauso, ich möchte nur noch die einfachsten Untersuchungen für meine Mutter, diesen Stress und die Ängste, immer wieder in einer engen Röhre zu liegen, das möchte ich ihr nicht mehr antun.

    Das Zimmer meiner Mutter wurde bei ihrem Einzug auch schnell wohnlich gemacht, verbunden mit der Anschaffung eines TV-Gerätes. Der Verkäufer fragte damals Gott sei Dank nach, für welchen Zweck das Gerät beschafft werde – als hätte er es geahnt … Er empfahl uns ein äußerst günstiges Gerät. Meine Mutter hält sich fast nie in ihrem Zimmer auf, ferngesehen wird im gemütlichen Aufenthaltsgruppenraum – mit allen anderen Bewohnern. Der Fernseher am Zimmer hat Funkstille.

    Alles Liebe und viel Kraft für alle weiteren Erledigungen, es ist wahnsinnig viel, aber es geht in eine gute Richtung!

    Gefällt 4 Personen

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