112 Stufen – #107

Holsteiner Treppe, Wuppertal

107 – #Stille

Du erfüllst mich, jetzt am frühen Morgen, zur Wolfsstunde. Du hilfst mir, mich zu sammeln, die Nachtschatten zu verscheuchen, wieder bei mir anzukommen, wenn meine Seele wieder einmal viel zu viele lose Enden hat.

Der Tag ist viel zu laut, dann suche ich dich, finde dich manchmal nur für Augenblicke, aber immerhin. Einst machtest du mir Angst, heute sind wir Freunde. Durch dich darf ich meinem Inneren näher kommen, Getriebenheit gegen Hingabe tauschen.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

©wupperpostille_aka_grinsekatzoelberg

Traumland

Beinahe alle äußeren Reize sind ausgeschaltet, um die frühe Stunde fährt kaum ein Auto und die Katzen dösen sonstwo. Stille erfüllt mich.

Mit dem Gefühl stehe ich auf, beginne meine Morgenroutinen in Frieden. Nimm mich mit, wenn du gleich rausgehst, flüstert es in meinem Ohr. Gute Sache, denke ich, und belasse es dabei.

Freitag, 241004

Tagträume

Wenn alles erledigt ist, der Tagesplan weitestgehend erfüllt, dann lasse ich Ruhe einkehren. Schaue hinter den Dingen und freue mich über den weiter werdenden Raum.

Leiser werdende Gedanken, herrlich unproduktiv in die Wolken schauen. Gleich ob live oder in Erinnerung.

240702 – Drabble Dienstag

Dieser Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Danke dafür!

Die Regeln: 100 Worte, die drei Vorgegebenen müssen mit rein, dürfen nach Herzenslust gebeugt, aber nicht durch Synonyme ersetzt werden. Überschriften, Triggerwarnungen, Fußnoten und dergleichen zählen nicht mit.

Die Vorgabe lautet heute: Speisesaal + unterbrechen + schuldig
Heiteres Worteverwursten, heute in drei Helligkeitsstufen.

Die hellen 100

Liebesgeschichten beginnen oft in der Kantine, denkt sie auf dem Weg in den Speisesaal. Der Typ redet nicht viel, sitzt konzentriert am Schirm und blickt selten auf. Einen Ring trägt er keinen, das wäre schon mal abgeklärt, obgleich das nichts bedeuten muss. Lange ist er noch nicht im Haus.

Erste, denkt sie. Darf ich, fragt sie und setzt sich zu ihm, der seine Mahlzeit unterbricht, sie mit vollem Mund und stummer Geste auffordert, Platz zu nehmen. Sie schenkt ihm ein kleines unschuldiges Lächeln und setzt sich zu ihm. Die regenbogenfarbenen Ohrsticker gefallen ihr, sie deuten auf eher unkonventionelle Grundhaltungen hin.

Nicht ganz so hell

Sie sind ihm ein Graus und wecken Erinnerungen an eine Kinder-Kur in den 60ern. Speisesäle, so Zwangsvergesellschaftung zwecks Nahrungsaufnahme. Alles auffressen, vorher wird nicht aufgestanden. Jeden Tag kotzte ein anderes Kind über den Tisch und durfte dann krankenlagerische Unterbrechung feiern – was ja noch human war. In anderen Einrichtungen wurden sie gehalten, das gerade Befreite wieder zu sich zu nehmen. Natürlich waren alle unschuldig, die Schwarzpädagogen ihrer Zeit.

Lange her das, heute zieht er sich zum essen am liebsten wie ein Tier zurück. Leider muss er jetzt durch die dunkle Kantine, anders ist der Giftschrank mit den Drogen nicht zu erreichen.

Dunkel geht auch

Mit dem Auto ging es nur bis zum Wanderparkplatz unterhalb des Hügels, der Rest des Weges zur Ruine der Klinik mussten sie zu Fuß gehen. Der Einstieg war leicht, ein Bretterverschlag war lose, schon standen die beiden im ehemaligen Speisesaal der Psychiatrie. Ein Lost-Place aus dem Lehrbuch, langsam bewegen sie sich durch die moderigen Räume. Oft unterbrechen sie die Erkundung ob des derangierten Zustands der Bodendielen.

Die Wände erzählen, neben den Spuren von Vandalismus verkünden vergilbte Schilder von altem Nutzen. „Forensik“ steht da in Frakturschrift, „Schuldig!“ feuerrot daneben gesprüht – das letzte, was sie lesen, ehe der Boden unter ihnen nachgibt.

240625 – Drabble Dienstag

Dieser Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Danke dafür!

Die Regeln: 100 Worte, die drei Vorgegebenen müssen mit rein, dürfen nach Herzenslust gebeugt, aber nicht durch Synonyme ersetzt werden. Überschriften, Triggerwarnungen, Fußnoten und dergleichen zählen nicht mit.

Die Vorgabe lautet heute: Ornamente – halten – tief

Die Tür schließt sich langsam und für ihr Gewicht, ihre Größe erstaunlich leise, Verkehrslärm und das Geschnatter der Mitmenschen bleiben draußen. Kühl ist die Luft, tief ist die Stille, ich bin allein in dieser großen, alten Kirche. Meine Hände fahren gedankenverloren über die altersdunklen Holzornamente eines Seitenaltars – Geschichte zum nachspüren im reinen Wortsinn.

Braucht es solche Orte, um Spiritualität zu leben, um meinem Schöpfer zu danken oder um etwas zu bitten? Das nicht, aber in dieser reizarmen Umgebung fällt es leichter, den Tag anzuhalten, die Zeit zu dehnen. Liturgien sind mir nicht wichtig, innere und nach Möglichkeit äußere Stille schon.

Donnerstag, 221117

Es regnet, ein gutes Wetter zum ruhen, zum nachspüren, zum Frieden finden. Wenn die Betriebsamkeit allmählich nachlässt, steigt einiges nach oben. Eigentlich auch eine gute Zeit für Hausarbeit, aber die ist immer so laut und die Katzen schlafen so schön. Also lieber am PC sitzen, lesend, schreibend.

Blau

Blau scheint uns der Himmel und das Wasser, in dem sich der Himmel spiegelt. Blau ist auch die Urne meines Vaters, dessen Leben, so oft er konnte, am liebsten draußen stattfand. Fast schmucklos, nur mit einem kleinen silbernen Vogel drapiert. Passt zum Himmel und zum Wasser. Und so auch zu meinem Vater.

Blau war einmal ein beliebter Zustand, das ist lange her. Der letztendlich erfolglose Versuch, irgendwie heimzukommen, vorbei an die innere Leere, vorbei an dem Verstand, vorbei an der Verlassenheit. Blau ist auch abseits vom Rausch ein Gefühl. Tiefe fällt mir ein, eins-sein. Man sagt, Blau sei eine kalte Farbe und doch denke ich irgendwie an Geborgenheit, wenn ich mir die Stille der Ozeane vorstelle.

Abtauchen …

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PS: Da war doch noch was

Ich möchte mich mit dir über deine Zukunft unterhalten 😀

Sonntag, 220220

Der Regen rauscht, ansonsten ist es still, während ich meine morgendlichen Übungen mache. Die Zerdenkmaschine ist nicht ausgeschaltet, wird aber wenigsten etwas langsamer. Beten, denke ich, ich würde gerne für ihn beten. Während ich noch denke und gerne würde, spüre ich den Berg eigener Empfindsamkeiten, Narben, Wunden, die mich davon abhalten wollen. Es ist leichter, sich in alttestamentarische Gedanken zu flüchten, denen nach ein jeder das seine bekommt und fertig. Schon wieder Gedanken – ich lasse sie abfließen, so gut ich kann. Sie sind nicht hilfreich, allenfalls nun beim aufschreiben, in der Zeit der Brücke, zwischen „denken“ und spüren, fühlen.

Es gibt Gebete ohne Worte. Ich mache seins und doch meins, wenn ich in mir spüre, vor dem Tor zu stehen, in der Gewissheit, bald gerufen zu werden, den letzten Rest des alten Lebens auch noch abgeben zu müssen. Müssen in seiner Verzweiflung, dürfen in meinem Gebet ohne Worte. Spüre seine Wut und Hilflosigkeit, die auch die meinen sind. Ist also ein Ding für uns beide, was ich da gerade tue.

So tun, als ob. Als ob Friede einkehren würde. Früher nannte ich das Selbstverarschung. Heute weiß ich, „so tun, als ob“ manifestiert sich, wenn es zu mir passt, wird meins. Gibt viele Worte dafür, manche nennen es Autosuggestion, aber das trifft es nicht. Eher ein andocken, wieder verbinden, mit dem, was wirklich zählt. Wenn auch nur für einen kurzen Moment, aber der ist wiederholbar.

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Der ganze Film – HIER

Freitag, 220204

Öfter mal hadere ich mit meiner scheinbar vertanen Lebenszeit, meiner arg verzögerten Entwicklung als Mensch. Oder mit dem Gefühl des andauernden verloren-seins, auch wenn die Wirklichkeit dem nicht entspricht. Die Stille hilft mir, mich wieder neu zu erden, die Füße fest am Boden zu spüren und immer wieder neu zu vertrauen.

Worauf es ankommt (Roman Pestak)
Das Einzige, das wirklich zählt, liegt jenseits unserer Vorstellungskraft, und deshalb werden unsere dunkelsten Stunden auch nicht endgültig sein.
Denn Stille ist das Gegenteil von Nichts.
Sie ist die wärmende Umarmung, die immer da ist, wenn uns alles andere verlassen hat.
In ihr wird unser Funke wieder Feuer fangen und sein Licht wird unsere Augen finden.
Wir haben nichts verloren! Es brauchte einfach seine Zeit.“

Sonntag, 220123

Die Stimmung einfangen, bevor sie verfliegt.

Die Nacht dauerte von Eins bis Sechs, fünf Stunden sind gute Kür. Vielleicht ist es diese sonntägliche Stille, die mich nicht mehr schlafen lässt, obwohl ich könnte, heute. Eine Stille, die nur hier und da von ein paar Raben verhalten unterbrochen wird. Die Jungkatze braucht in der Regel fünf Minuten, um herauszufinden, dass ich wach bin. Sie kommt kuscheln und beschallt mich mit ihrem sonoren Schnurren. Davon abgesehen kommt sie auch, wenn ich schlafe. Ihr Wille geschehe.

Mit dem aufstehen kommen die Geräusche, das scheppern der Uralt-Rollläden, die Verrichtungen im Bad, das knarzen der Dielen, Geschirr wird weggeräumt. Bahnhof, denke ich. Gleise – geh-leise. Assoziationen, die ich nicht mehr ausspreche, das mitleidige Kopf- und Augenverdrehen meines sozialen Umfeldes betrübt mich zu sehr. Du und deine 80er-Sprüche. Aber lachen tun sie doch, sogar an- , nicht aus.

Ein Kommentar von mir, der irgendwie auch hier rein passt:

Wiedergeburt

Ein Leben reicht definitiv nicht. 
Mir schon, aber meiner höheren Macht nicht. 
Wollte schon dieses nicht, 
wäre bei meiner Ankunft beinahe wieder hochgefahren. 
Und du bleibts schön hier! 
– so schallte es., derweil mir ein Arzt den Arsch verwackelte, 
um mir das atmen beizubringen.

Herausforderung nach langem Zögern angenommen.

*

Sonst so?
Buchtipp, Werbung, unbezahlt, aber gerne geschehen:
Roman Pestak, Alles für nichts.

Brutaler Realismus, der arg zum nachdenken anregt.
Genau mein Humor.

Und – der nun schon nicht mehr ganz so stillen Stille sei es gehuldigt, mit angepasster Musik. Ludos Neue klingt auch gut. Schon wieder unbezahlte Werbung. Kind des Systems, warum kannst du auch nicht selbst musizieren …

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Samstag, 220122

Bei dem Datum gibt es wenigstens eine kleinen Eintrag, auch wenn es nichts großartiges zu berichten gibt. Früher, vielleicht vor 30, 40 Jahren, da wurde mir schnell langweilig und es fanden sich Wege in den nächsten Exzess, Ekstase, Drama. Hauptsache, die Leere und die Traurigkeit nicht spüren. Später ließen sie sich nicht mehr bescheißen, die beiden letztgenannten, und forderten einfach nur Sedierung.

Heute, 220122 – ❤ – da sieht das Gott sei Dank anders aus. Auf Großartigkeiten kann ich dankend verzichten, auf Dramen erst recht. Ekstase – wird ab einem gewissen Lebensalter so nicht mehr serviert, auch das älter werdende Herz mag das nicht mehr. Ruhiger und tiefer wird es allmählich und selbst scheinbar ereignislose Regentage können der Seele Balsam sein. Scheinbar, weil irgend etwas geschieht ja immer, wenn auch im stillen.

Ansprechbar bleibe ich dennoch, auch im leicht geläuterten Lebensalter, für die etwas lauteren Töne. Die hier mag ich sehr, ein Fundstück aus den Staaten beim graben nach dem heimlichen König aller (Blas-)Instrumente, dem Saxophon.

Tuten & blasen? Können sie!

Den Takt nehme ich jetzt mit …