Zwischen Zwetschgen und neuen Äpfeln

Dort, genau dort finden sich die weltlichen Themen dieser (meiner) Zeit. Auf`m Markt, am Obst- und Gemüsestand. Während ich die Auslagen sichte, empört sich das dralle Marktweib lautstark: „Uns lassen`se bis 67 malochen … “ Die Gute ist offensichtlich in meinem Alter, schön mit rosigen Bäckchen von der vielen frischen Luft täglich hier draußen. Was man nicht sieht, sind die Hüft-, Rücken- und/oder Leistenschäden, vom schleppen der vielen Kisten, die tagtäglich zu bewegen sind.

Der Kontext besagter Empörung ist mir als Hinzu-Gekommener nicht bekannt, aber nicht schwierig zu erraten.  Ziel der zornigen Anrede ist offensichtlich ein sympathisches und sehr altes Pärchen neben mir, er gebückt und mit Rollator, sie aufrecht, volles weißes Lockenhaar und offensichtlich rüstig, wie man sagt. „Unverschämtheit“, sagt sie, macht eine kleine Kunstpause, bevor sie fortfährt. „Ich hab`mit 48 dat arbeiten aufgehört …“ und schnell noch hinzugefügt: „Wegen Krankheit.“  Dann wird ihr Antlitz heiter, sie grinst bis an den Ohren. „Un`gez bin ich 92, mir geht et richtig gut …“

Sei Ihnen gegönnt, denke ich mir grinsend und kopfschüttelnd. Schon klar, der Alte krumm und lahm, sie das blühende Leben. Mir geht durch den Kopf, wie leicht es den heute sehr Alten früher gemacht wurde, am Ende ihres Berufslebens. Wenn man an göttliche Gerechtigkeit glaubt, könnte man sagen, als Ausgleich für eine gestohlene, entbehrungsreiche, zerstörte Kindheit und Jugend.

Und ich … blitzt es wieder in mir auf, während ich mein frisch erstandenes Zeug verstaue – wieder einmal darf ich mich mit dieser Frage auseinandersetzen, mit Blick auf kommenden Montag, an dem ich nach längerer, krankheitsbedingter Pause wieder „schaffen“ darf. Wieder hinein in diesen Mikro-Kosmos, den ich im Grunde seit langem schon nicht mehr sehen kann, hinein in ein betriebliches Umfeld, welches das seine zu meiner Erkrankung beigetragen hat.

Mir fällt dazu schon länger nichts Konstruktives mehr ein. Allerdings setzt sich mehr und mehr das Gefühl durch, geleitet und geführt zu werden. Von unserem Vater, seinem Sohn, dem ich zunehmend mehr vertrauen darf, sowie dem, was uns tagtäglich nicht sichtbar umschwirrt, der so genannte heilige Geist in Gestalt zahlloser Menschen, Gegebenheiten, Eingebungen, Intuitionen.

 

 

Was so`n Sonntag ist.

Wer Geburtstag hat, darf sich etwas wünschen. Mein Vater auch. Da er ein sehr traditionsbewusster Mensch ist, wird heute also um 12.30 Uhr gespeist. Wie et sich gehört.  Was für eine Uhrzeit! Da setzten wir uns sonst erst mal an den Kaffee-Tisch. Aber, wie gesagt, auch er darf sich etwas wünschen, koste es die anderen, was es wolle. Er kriegt neben den üblichen, praktischen Kleinigkeiten eine Geburtstagskarte mit zwei so Zahlenrädchen, zum einstellen und wieder verwenden, ähnlich einer Parkscheibe für`s Auto. Die Ziffern gehen übrigens bis 99. Genau sein Humor.

Meiner auch.

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