Geht es nicht ne Nummer kleiner? Ich suche ihn nicht mehr, meinen Lebenssinn. Der ist eh da, ist ja meiner. Vielleicht jeden Tag den Nebel zerhauen, dem schwarzen Vogel gut zureden, den Spiegel nicht zu ernst nehmen, die Aufgaben annehmen, meiner mir eigenen Lebensspur folgen und das Beste daraus machen.
Wichtig – des Lebens heitere List pflegen, die Mundwinkel daran hindern, der Schwerkraft zu folgen. Mensch sein. Mehr fühlen als denken. Macht zusammen mehr als genug Sinn.
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Zum mitschreiben – Jeden Tag eine Stufe?
112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.
Draußen beginnt gerade ein fein abgestimmtes Konzert. Zur frühen Stunde üben sich ein Rabe und ein anderer Vogel im Duett, während die Katze sich kurz in meinen Arm die Ehre gibt. Ein friedlicher, fast heiliger Augenblick, bevor mein Räuspern sie vertreibt. Oder war es doch Mordlust, angesichts der Gesänge da draußen?
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Letzer Tag im alten Jahr
Wir stehen zusammen und plaudern. Das geschieht eher selten, ich meide persönliche Begegnungen im beruflichen Kontext, hier gebietet es der Kalender. Jemand spricht meine Umgänglichkeit an, im Sinne von unumgänglich. Och, sage ich, ich kann auch nett sein – Na, dann zeig uns das doch mal, tönt es zurück. Ich grinse, und er ahnt nicht, wie nett ich gerade bin.
Tja, Roman, manchmal ist das so. Gott sei Dank nur manchmal.
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Beinahe ziellos, einmal mehr. Tausendfach gesehen, den Ort, und doch immer wieder neu.
Hbf. Wuppertal
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In der Nacht sind sie ja bekanntlich alle grau, am Tage sieht das anders aus: Madame, gestern Morgen, frisch frisiert.
P. und E. sind uralte Freunde, P. kenne ich seit fast einem halben Jahrhundert, und E. seit die beiden ein Paar sind, also auch schon sehr lange. Oft genug ertrugen sie mich, in wechselnden Partnerschaften und sie kennen mich natürlich auch noch aus meinem alten Leben, saufend und anderweitig konsumierend. Wir sehen uns nicht oft – jeder hat seins in Sachen Familie, nicht enden wollender Arbeit und teils auch in gesundheitlichen Beschränkungen – aber wenn, dann ist sie wieder da, die alte Vertrautheit, und zu erzählen gibt es auch immer reichlich.
Die beiden ziehen viel um die Häuser, Trödelmärkte und so, eine Mischung aus Unterhaltung und Schnäppchenjagd. Hin und wieder bringen sie etwas mit, so Vollstaubchen und Stehrumchen mit tieferen (Un-)Sinn, vorausgesetzt, man hat so wie ich die Neigung, in allem irgendeinen Sinn zu vermuten. So wie eben jenen dümmlich dreinschauenden Hund, der sich gerade erleichtert. Und wieder mache ich mir so meine Gedanken. Haben die beiden sich was dabei gedacht und falls, was denn dann? Nachfragen verbietet sich, dann verschwindet die Magie (und die Basis für einen losen Blogeintrag). Also frischauf gemutmaßt und spekuliert!
Kam hin, damals. Diese Gleichgültigkeit, wo und wem ich auf die Schuhe schiffte, hauptsächlich im übertragenen Sinne (gab unrühmliche Ausnahmen im Vollrausch). Authentisch wahrscheinlich auch der geistlose Gesichtsausdruck, die Abwesenheit jeglichen Interesses an was auch immer. Nur die Farbe der Augen, also die hätte mich selbst damals nachdenklich gestimmt. Aber wer weiß, jedenfalls steht der Dauerpisser in der Küche auf einem Ehrenplatz und selbst die Katzen ignorieren ihn. Und mich erinnert er daran, mich gegenwärtig mal wieder melden zu können. Genau – DAS ist der Sinn!
Es gibt wenig zu schreiben, glaube ich. Ein Versuch ist es dennoch wert, also frisch auf. (Das waren schon mal 16 Wörter mit 74 Zeichen ohne die Leerzeichen, ein guter Anfang für einen morgendlich leeren Kopf)
Eisenherz
Es ist schon lange her – die Oma einer Verflossenen ließ sich mit Anfang 90 noch einen Herzschrittmacher einsetzen. Um ein Jahr später zu stürzen und danach mit einem nicht mehr heilen wollenden Oberschenkelhalsbruch noch weitere zwei Jahre im Bett liegen zu müssen, nicht leben und nicht sterben könnend, bis sie dann endlich schwerst dement erlöst wurde. Sicher kann man nun sagen, wenigstens hatte sie dieses eine Jahr. Hatte sie, stimmt. Fakt ist, es ist so eine Sache, alle Machbare zu tun, was geht. Nichts bleibt folgenlos, so oder so.
Mich beschäftigt das aus gegebenen Anlass, mein Vater trägt dito lange schon solch ein Maschinchen in sich, das ihm mutmaßlich schon einige Jahre Lebenszeit beschert hat. Oft habe ich mich gefragt, wenn ich ihn so reden höre, wozu, wenn ein Mensch nicht mehr lernen und erkennen möchte, wie es scheint. Dann wieder, wenn ich ihn in Fragen nach seiner Lebensgeschichte verwickele, seinen Geist fordere, versuche, ihn von seinen mir so verhassten Stereotypen und Phrasen fortzubringen, wenn ich ihn nach bestimmten Personen seiner Familiengeschichte frage, sehe ich, da bewegt sich etwas. Wer bin ich also, nach dem warum zu fragen. Offensichtlich ist es auch an mir, seiner täglichen Fristverlängerung irgend einen Sinn zu geben. Das meine ich ohne jeglichen Sarkasmus oder gar Zynismus, eher verbinde ich damit die Frage, wie ich es selbst einst halten werde, mit Entscheidungen, mögliche medizinische Maßnahmen betreffend. Es wird sich finden.
Was ist ist Was nicht ist ist möglich
(Blixa Bargeld)
Auch, wenn B.B. das wahrscheinlich eher politisch gemeint hat, passt es auch sehr gut auf persönlicher Ebene. Und – was auch gut in die Zeit passt, im Angesicht der bevorstehenden Bundestagswahlen:
Zwei Dinge sind unendlich Die Dummheit und das All Kein di-di-di-di-di-di, nur di-di überall Mehr di-di-di-di-di-di und di-di-di zu hauf Nur die Liebe und das Wetter hören nimmer, nimmer auf Wir fordern etwas Abwechslung in uns’rer Umlaufbahn Endgültige Befreiung von Newton’s Schwerkraftwahn Keine Gravitätlichkeiten, Fliegen fällt sonst schwer Schluss mit Kontinentendrift, Pangea wieder her
Und nein, das ist keine Einladung zu politischen „Diskursen“ gleich welcher Art. Die führe ich nicht mehr, im Angesicht der ersten beiden Zeilen des zuletzt zitieren Lied-Textes.
Der Tag beginnt mit Kopfweh und Niedergeschlagenheit, eineinhalb Liter mit Ingwer versetzter grüner Sencha verdünnen das Blut und die Über-Kopf-Übungen lassen das Kopfweh in den Hintergrund treten. Das Radio läuft leise, in allen Räumen derselbe Sender. Zeit für die Kirche, ich höre, dass Paulus alles schuld sein soll, im Sinne der Abkehr von der reinen Lehre Jesu. Mir gleich, denke ich, so kompliziert mein Seelenleben und so verworren meine Lebensgeschichte auch sein mag, so simpel und einfach ist mein Kinderglaube.
Viel Spektakuläres gibt es nicht zu berichten. Das Leben fordert mich derzeit eher im Stillen, aber dennoch ausgiebig. Die Eltern – sie brauchen was anzuziehen. Einkaufen ist für sie schon in „normalen“ Zeiten aufgrund ihrer Gebrechen schwierig bis unmöglich. Also bewaffne ich mit Laptop und Phon als Hotspot zur Shopping-Tour. Weil es nicht anders geht. Es hat etwas befremdliches für mich, wenn die Grenzen verwischen, wenn ich in intime Lebensbereiche eindringe, eindringen muss.
Stille Lektionen auch anderenorts. Im Austausch mit meinesgleichen werde ich mir meiner selbst bewusst, im Sinne des vierten und fünften Schrittes der anonymen Alkoholiker. Rücke auch mir näher, der alte Zauber wirkt immer noch und immer wieder, im kleinen Kreis ebenso wie in einer größeren Runde.
Nicht nur hier arbeitet es eher im Verborgenen. Die Familie hat wieder einmal Nachwuchs, die Liebste ist vierfache sechzehnfache (wir haben gerade der Wahrheitsfindung wegen gemeinsam auch den äußeren Kreis mit einbezogen und sorgfältig durchgezählt) Großtante geworden. Ich nehme auf meine Weise Anteil, freue mich für alle an diesem existenziellen Vorgang Beteiligten über die gelungene Schlüpfung. Was wirklich zählt, abseits mancher unerfüllbaren Sehnsüchte – hier schimmert es durch. Geburten, Todesfälle und die Intensität der Zeit dazwischen. Einfach Leben.
Wenn ich sehe, was derzeit Pandemie-bedingt durch die Schutzmaßnahmen an Existenzen vernichtet wird, wird mir flau. Die vielen Menschen im Veranstaltungs- und Gastgewerbe haben mein Mitgefühl. Gleichzeitig spüre ich tiefe Dankbarkeit, seinerzeit einen Beruf mit „Substanz“ ergriffen zu haben und darüber hinaus eine Menge glückliche Fügungen erlebt haben zu dürfen, die mich bis heute seit nunmehr 42 Jahren ununterbrochen erwerbstätig sein ließen.
Lange Zeit habe ich Menschen ein wenig beneidet, die beruflich „irgend etwas kreatives“ lebten. Oder in direkter Weise an der hedonistischen Maxime unserer Gesellschaft ihr Auskommen hatten. Indirekt trifft das auch auf mich zu, mache ich doch seit Urzeiten schon „irgendwas mit Autos“. Und – zu meiner eigenen Gewissensberuhigung bin ich an der Wertschöpfung von Fahrzeugteilen beteiligt, die unabhängig von der Antriebsart in allen Fahrzeugen benötigt werden. Auch ein Segen, in der Zeit heute.
Und nein, ich bin kein Feind von Vergnügungen. Obgleich spät evangelisch getauft, auch kein Vertreter von purem beten & arbeiten. So wie Millionen andere bin ich in einer Welt aufgewachsen, deren Hauptzweck, so wurde es mir vermittelt und rundherum vorgelebt, darin bestand, sich die Taschen zu füllen, weil das letzte Hemd eben keine solchen hat. Die Frage nach einem wie auch immer gearteten tieferen Sinn, in Kombination mit meinem persönlichen Zuschnitt als süchtiger Mensch hat mich an Abgründe gebracht, die ich nicht nur überleben, sondern auch an ihnen wachsen durfte. Stofflicher Genuss hat heute für mich da seine Grenzen, wo er anfängt, mein Bewusstsein zu manipulieren. Darüber hinaus weiß ich heute freie Zeit sehr zu schätzen, bin mir selbst zunehmend mehr ein Freund und brauche nicht viele Mittel, um Frieden zu finden.
Die Mischung macht es. Ich wünsche uns ein wenig mehr Bodenständigkeit, in Verbund mit spiritueller Tiefe, die nicht erst am Boden der Abgründe zu finden ist.
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PS: Die Grinsekatz gibt es nun auch wieder bei Facebook.
Je älter das Jahr wird, desto schwerer fällt mir das aufstehen, in der Frühe. Alle reden von der schönen Adventszeit, wenn ich allein da draußen bin, kann ich das auch spüren, für kurze Zeit. Bis ich wieder in Arbeit absaufe.
Könnte zetern und klagen. Kann ich auch sein lassen. Weil sinnlos.
Sag`s mit Musik …
Wenn schon, denn schon.
Andererseits – dieser Tage sah ich Bilder eines im Schneeregen und Dreck versinkenden Flüchtlingslagers in Griechenland. So gesehen sind wir Kinder des Glücks. Wenn ich dafür aufrichtig dankbar sein kann, fühlt es sich auch so an.