Freitag, 240920

Durchhalten

Die ewig schlecht schließende Balkontür.
Die ständig hustenden altersschwachen Maschinen.
Die teils losen Nervenenden.
Mein dünnes, derangiertes Fell.

Zeitspiele

Mutter erzählt von der Zeit, als sie so alt war wie ich nun, früher noch, so mit 60. Gefreut haben sie sich, endlich frei, beide gesund und ab dafür. Als sie so alt waren wie ich nun, lag meine erste Ehe in Trümmern und meine Würde im Straßendreck. Sie waren nicht da, aber es hätte nichts geändert, wären sie da gewesen. Kaputt ist kaputt.

Wüter-ich

Wäre schön, sagt Mutter, du könntest da raus. Ja, sage ich, wäre schön. 46 Jahre Öl, Lärm, Dreck, Möchtegerneiermänner, Klugscheißer aller Couleur, Egomanen mit Krankheit als Erfolgsprojekt, studierte Menschen, die ihr Fachwissen als abwärtskompatibel verstehen, das färbt ab. Auf die Seele, die wird davon ganz graufaltig und reicht ihre Beschwerden erst mal durch, macht erbost Pipi in ihrem solcherart versehrten Heim – Hier , Körper, da hast du. Lerne was draus.

Wir müssen alle mehr und länger arbeiten, sagen die klugen Köpfe und ich möchte ihnen aus lauter Ergriffenheit über so viel ökonomisches Fachwissen einfach nur die Fresse polieren.

Warten

Termin mit dem Rentenamt (steht).
Noch offener Termin zum impfen, wo auch immer (ist aus der Mode gekommen).
Termin in der Autowerkstatt (steht).
Termin in der Hautwerkstatt (steht).
Liste unvollständig …

Warten auch auf den Tag, an dem Mutter sagt, es reicht. Kommt sie doch kaum mehr auf die Füße. Reichen im Sinne von Akzeptanz eines Doppelzimmers. Alles eine Frage des Leids, wie so oft.

Angst

Zu versagen, nicht genügen (altes Ding).

Dankbar

Nicht so geworden zu sein, wie ich hätte werden können.
Überhaupt noch da zu sein – ohne Zettel am Zeh.
Bis dato nicht straffällig geworden zu sein – was bitte so bleiben möge.
46 Jahre Lohn & Brot. Immerhin.


Dankbar für die beinahe regelmäßigen Anfälle von strategischer wie taktischer Klugheit. Dankbar für die Hoffnung und die Zuversicht, die immer wieder durchschimmert. Dankbar für die Führung, die ich annehmen kann, meistens. Dankbar, dass ich nicht so allein bín, wie ich mich oft fühle.

Jeden Tag drei Fragen, Tag 29

  • Warum geht es den anderen besser ?

„Besser“ oder „schlechter“ sind Konstrukte des Verstandes. Sicher lassen sich Lebensumstände festmachen, auf die, vergleichend betrachtet, solche Kategorien passen. Im allgemeinen glaube ich heute, dass es den anderen „anders“ geht. Jeder Mensch hat seine Lernaufgaben, sein Päckchen zu tragen, wie man sagt, und wenig ist, wie es scheint. Vom unseligen und fruchtlosen Vergleichen mal ganz abgesehen.

  • Wer könnte auf deine Hilfe angewiesen sein ?

Familie. Alt wie jung, derzeit, in unterschiedlichen Themen.  „Könnte“ beinhaltet einen Zukunft-Ausblick – schwer zu sagen. Meist kam es bislang doch anders, als gedacht. Andererseits lassen sich manche Lebenslagen absehen, so dass sie mich nicht unvorbereitet treffen.

  • Worauf wartest Du ?

Sehr allgemein formuliert … ich warte über Tag auf so einiges, angefangen von roten Ampeln über Aktionen meiner Mitmenschen, die ich brauche, um meinerseits weiter zu kommen (Arbeit, Wartezimmer beim Doc, Paketsendungen, Schlange an der Supermarktkasse, Behördengänge ect.) Ziehe ich die Bahn größer, wird unscharf, ob und worauf ich warte. Zumal warten eine gewisse Passivität beinhaltet, wovon derzeit in meinem Leben keine Rede sei kann.

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