Sonntag, 250810

Irrlichternd bei Vollmond

Wieder mal ohne Ziel führt uns der nächstbeste Bus diesmal nach Solingen. Die mittlere der drei bergischen Städte, deren Zentrum in Sachen Häßlichkeit den anderen beiden in nichts nachsteht. Von dort geht es Richtung Ohligs, Hauptbahnhof von Solingen, obwohl die Ohligser, wenn man sie fragt, natürlich keine Solinger sind. Bergisches Klein-Klein, wie überall hier. Jedenfalls finden wir eine gute Pizzeria und stärken uns günstig, unterhalten von einem liebenswerten und etwas verschusselten Kellner.

Von Ohligs geht ein Bus über Hilden nach Düsseldorf, geradewegs in die Altstadt. Ich mag die melancholische Langsamkeit und freue mich über die sich verändernden Häuser. Zunehmend nur eine Etage, diese typischen Steinhäuser, die der letzte Krieg vergessen hat. Reste von dörflich- bis kleinstädtischem Charme. Es ist warm, hautzeigende Menschen, die alle sonstwohin wollen, an diesem späten Samstag Abend.

Düsseldorf ist kaum der Rede wert. Die Altstadt im gewohnten feiernden stinkenden und lärmenden Kleid, wir wuseln uns schnell durch und dürfen so gerade eben noch die Sonne abtauchen sehen.

Wir suchen und finden das Eiscafe von letztens, nehmen jeder einen ebensolchen. Ein Riesending mit allerhand Ungesundem, genau richtig für zwei schwächelnde Provinzler. Fett, Zucker, Koffein. Nebenbei die Mitmenschen, alt, jung, laut, leise. Ich bin gefühlt ein Teil von ihnen und irgendwie auch nicht.

Am Bahnhof dann die große DB-Verarsche, eine Anzeigetafel, die schneller lügen kann als ein Pferd laufen – das tun auch irgendwelche Arschlöcher bei Neuss im Gleisbett, erfahren wir, sie unterhalten solcherart die Polizei und die Züge stehen derweil herum und warten auf bessere Zeiten, so wie wir auch, die wir so langsam immer zahlreicher werden.

Endlich kommt doch noch die RE, mit einer guten Stunde Verspätung, gestopft voll. So gelangen wir immerhin in 20 Minuten wieder ins Tal der Wupper und kurz darauf  auf dem heimischen Monte Petrol. Eine weitere ziellose Nacht mit zahllosen Eindrücken, gekrönt vom vollen Mond, der uns schlafen schickt.

Samstag, 250712

Vormittagssauseschritt – klassischer Weblog-Eintrag

Um 6 wache ich auf, ausschlafen geht bis 6, am Samstag. Sonntags bis halb acht, immerhin, aber das ist erst morgen. Morgenroutine mit Fassadenrestauration, viel Tee sowie geistig-körperlicher Ertüchtigung. Frühstück nicht, das mit dem verdauen kostet Zeit, zu viel Zeit, lieber später.

In meinem Ganznahdranumfeld gibt es drei Frauen und einen alten Mann. Einer Dame wachsen Fellpuschel aus den spitzen Ohren, die anderen beiden tragen ihr Haar altersgerecht. Dem alten Mann ist das alles Hupe, der verschläft mindestens 18 von 24 Stunden und der Rest der Welt kann ihn mal.

Mutters Einkaufszettel – klein, aber eng beschrieben. Die Liebste hat dieses besorgt, ich jenes und beides liegt in der Wohnung an 4 verschiedenen Orten, wobei die Hälfte immer noch fehlt. Alles Fresskram, außer ein dickes Buch, das auch oben herein geht, aber andere Wege nimmt als der Rest. Mutters Stoffwechsel ist legendär, beinahe gottbegnadet. Was auch auf geistige Nahrung zutrifft.

Zudem ist heute eben Samstag, da gibt es im Heim pipidünnes gesichtverziehenlassendes Wassersüppchen. Bring mir was leckeres mit, sagt sie. Mach ich. Zuerst bringe ich Ordnung auf einem großen Zettel, was ist hier und was noch nicht. Mit dem Autochen zum Wocheneinkauf, das ist mir sonst zu viel. Mittagessen, ja was denn jetzt? Was warmes aus der Stadt holen ist Umstand, also nehme ich ein Stück Pute und reichlich Brokkoli mit, das geht schneller zuzubereiten als was zu holen.

Und so wanke ich ungefrühstückt mit 10Kg-Rucksack einschließlich Kühltasche auf dem Buckel herüber zu Muttern, an der einen Hand den Beutel mit dem Warmzeug. Gnädige Frau verweilt im Garten, äugelt freudig erregt auf die voluminösen Mitbringsel. Die erlebte Glückseligkeit bei der Verkostung entschädigt für den Vormittag. Gut will ich sein, schlechte Laune inbegriffen.

Um 12 nehme ich den Bus, erleichtert im wahrsten Wortsinn. Es fehlt noch allerlei, was ich nur im Städtchen bekomme. Zur Belohnung leiste ich mir rattenscharfe Spaghetti Arrabiata mit fett Käse sowie einen großen Pott Kaffee. Ich weiß, wie ich meinen Magen zärtlich erwecke.

Wieder zuhause dringt Knochenbrecherei an mein Ohr. Die Liebste frühstückt und schaut dabei die üblichen Fressepolierserien. Psychohygiene derer in helfenden Berufen, denke ich. Hat man denn davon, die ganze Woche zugewandt und freundlich sein zu müssen. Da fliegen am Wochenende die Fetzen, meist Gott sei Dank nur beim streamen, so bleibe ich weitestgehend unversehrt.

Ich habe dir Eier gekocht und Obst geschnitten, sagt sie. Du bist lieb, antworte ich, während nebenan die Gary-Knochensplitter-Band spielt. Ich weiß, sagt sie. Wochenende kann beginnen.

*

Samstag, 211030

Samstägliche Zwischenzeit, man kennt das. Zeit für einen Blogeintrag, auch auf die Gefahr hin, von WP wieder einen Lauf angedichtet zu bekommen. Draußen fährt lärmend so ein Blätteraufsammelteil den Berg herauf und herunter, das Geburtstagskind samt Familie üben sich noch in verkommener Gemütlichkeit. Danke, liebe Fabulierlust, unter anderen auch für diesen genialen Ausdruck! Ich liebe eine kräftige Sprache, die das zu sagende kurz und knapp auf den Punkt bringt. Lyrische Schnörkel und Schleifchen drum lese ich auch sehr gerne und bewundere dies, kann ich leider so nicht. Meine zarten Versuche, zu dichten, mündeten meist in arg konzentrierter Prosa, eine Art ätzende Sole, die nicht gefallen möchte. Das ist dann so.

Sonst so? Von Idealen war die Rede, neulich, in einem Kommentar. In Bezug auf dem, was so möglich ist, zwischen zwei Menschen. Ein Thema, das mich schon länger beschäftigt, werde ich doch meinen eigenen Idealen nicht oder besser eher selten gerecht. Und nein, ich bin durchaus eine treue Seele, es geht mehr darum, in wieweit ich selbst dazu in der Lage bin, das zu leben, wonach mich einst die Sehnsucht trieb. Ernüchterung macht sich breit, verbunden mit einem steten hinterfragen der einstigen Ideale. Das ist nicht so dramatisch gemeint, wie es möglicherweise klingt, wahrscheinlich ist es ein sehr natürlicher Prozess, den viele Menschen durchlaufen. Und abhauen ist keine Option, war es in dem Kontext nie.

Fein darstellen lassen sich diese und andere Diskrepanzen in kleinen Bastelarbeiten, genannt Farbtiefenreduktion, das geht gut beim IRVAN-Bildbetrachter. Dort lässt sich aus einem möglichst kontrastreichen Bild eine pure schwarz-weiß-Darstellung kreieren. Ich muss immer grinsen, bei diesem Wort, erinnert mich irgendwie an eiern, sorry. In dem Sinne – ich eiere, also bin ich, frei nach sonst wem. Licht und Schatten, Hell und Dunkel Bild-gewordene Polarisierung. Mir gefällt es.

Und zum Schluss noch Musik zum Thema Intensität, auch wenn mir sonst solche Veranstaltungen am Arsch lang gehen (nach 2.05 Minuten lässt sich gut abschalten)

Samstag, 210619

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte Lyrik. Kann ich aber nicht, irgend etwas fehlt. Lesen tue ich sie gerne, was mich fasziniert, ist die Verschlüsselung der Kernbotschaft und der Interpretationsspielraum, den manche Zeilen lassen. Stammt wohl aus einer Zeit, in der Klartext auch schon mal den Kopf kosten konnte, und irgendwie ist das zumindest teilweise auch heute noch so. Klartext kann ich, viel zu oft viel zu emotional überfrachtet, aber es geht. Gleichnisse, Märchen und Fabeln gehen auch, die Türen stehen mir offen. Wer wie ich in den finsteren Wupperbergen aufwuchs, ist mit Trollen, Zwergen, Feen, Kobolden und dergleichen sowieso auf „Du“.

Sonst so? Klebewetter, die Katzen liegen lang auf kühlende Fliesen oder Dielenböden. Mich erwartet meine samstägliche Runde, Supermarkt, Eltern. Lieber Besuch kommt auch, am Nachmittag. An solchen Tagen wie heute überkommen mich leise Zweifel, ob mein Purismus in Sachen Technik nicht vielleicht doch verbesserungswürdig sein könnte. Ein Kältekompressor im Auto wäre irgendwie doch nett…bis zum nächsten Wartungstermin auf jeden Fall. Se `s drum, Fenster auf, fertig.

Musik zum Thema.

So, das Frühstück möchte hinaus (Achtung, Klartext), danach darf ich unter die Menschen, wenn ich nicht verhungern möchte. Soziale Wesen … geht so, zumindest was meine Person angeht. Ihr Leser*innen seid mir im genau rechten Abstand, immer schön in Deckung, das kann ich. Zeitweise aber brauche selbst ich auch meinesgleichen, Menschen eben. Nicht weil ich Gesellschaft grundsätzlich so toll finde, nein, eher aus Selbsterhalt. Dann und wann kann es auch nett sein, dem Vernehmen nach sogar für die anderen.

*

Samstag, 201128

Zeitig aufzustehen, hat echte Vorteile. Jetzt sitze ich hier mit Frühstück im Bauch, verdaue vor mich hin, harre dem großen, freudigen Ereignis, bevor es raus geht, den Kühlschrank füllen. Kann ich auch gleich noch einen Blog-Eintrag schreiben… Nach dem Einkauf die Eltern besuchen, anschließend unsere besten, langjährigen Freunde. Sie hat Corona, er Quarantäne – es rückt immer näher. Werde ihnen das Gewünschte vor die Tür legen, rein traue ich mich nicht.

Sonst so? Irgendwo zwischen dem hier…

…und dem hier, weiter unten. Da bin ich noch nicht, könnte ich aber hinkommen. Oder auch nicht. Die Reise geht jedenfalls weiter. Nebel-Land, Fahrt auf Sicht. Aus der schnellen Fahrt auf dem bewegten Fluss ist ein langsames, eher bedächtiges Gleiten durch die zahllos verästelten Arme des Deltas geworden. Alles fließende Wasser mündet im Meer, da kann man nicht viel falsch machen. In Totarmen geraten, lässt sich wenden, stehendes Wasser ist was für Schlammbewohner.

Die Grinsekatz hat mal wieder die besten Antworten:

Mein Avatar kommt nicht von ungefähr.