Drabble-Dienstag, 250909


Danke fürs ausrichten, Torsten!
Heute mit: Pilz – nähen – Rahmen

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Was für ein denkwürdiger Tag. Der Samstag Nachmittag war unschuldig, es hätte auch ganz normal abgehen können. Was rauchen, trinken, irgendwohin fahren, Musik hören, die Woche ausklingen lassen. Aber dann kam er um die Ecke, der Pilze-Paul. Löchriges Ramones-Shirt, Röhrenjeans und die passende Lederjacke, auf den Schultern die seiner kleinen Schwester entliehenen Pilz-Patches genäht. Ein Hauptmann der Bewusstseinserweiterung.

Bitter waren sie, die kleinen Dinger, mit Rotwein gingen sie herunter. Das Setting war ok, und doch, nach zwei Stunden kamen ungerufene Geister. Vaters Bild flog samt Rahmen auf die Straße, das laute Urgeschrei war noch zwei Straßen weiter deutlich zu hören.

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Freitag, 241206

Noch jemand zuhause

Ab 60 bekommt man vieles bislang Unbekannte ungefragt. So z.B. seit zwei Jahren regelmäßig Corona-Infekte und dazu noch ne Grippe Anfang diesen Jahres, was mich bewog, mir wieder mal ne Schutzimpfung abzuholen. Und weil ich gerade dabei bin, auch die Grippeschutzimpfung – hinein, Onkel Otto, wenn schon, denn schon. Bisken so wie früher. Verträgt sich miteinander, meinte die Tresendame. Na gut. Was folgte, war ein klapperiger, verfrorener gestriger Tag und eine sehr schwitzige Nacht, nun isses wieder gut. Noch Leben drin, im Immunsystem, das beruhigt. In dem Zusammenhang muss ich an meinen Vater denken. Der kassierte ne Corona-Impfung, ohne sich zu schütteln. Keine Reaktion. So kann das ausschauen, wenn dann.

Überhaupt, Vater. Ich durfte Männer (und auch Frauen, aber deutlich weniger) kennenlernen, die sich in Ultraschallgeschwindigkeit radikalst von ihrem Elternhaus befreiten. Überflieger, die mit Anfang 20 so ziemlich alles durch hatten. Gewalt, Süchte aller Art, Knast, Straße. Die dann irgendwann in immer noch jungen Jahren ihre Spur fanden und fortan frei von alledem leben durften. Diese Menschen haben mich immer staunen lassen und auch ein wenig neidisch gucken. Hätte ich auch gerne so handhaben wollen, der dann möglicherweise gewonnenen Jahre wegen. Aber besser spät als nie.

Passt schon.

Mutter, der Vollständigkeit halber. Sie nimmt teil am neuen Leben im Heim. Besucht Veranstaltungen und erkundet ihre neue Umgebung, obwohl sie die nach wie vor furchtbar findet. Alle Wände beschmiert, die ollen Häuser, gabet in Ronsdorf nicht. Aber immerhin. In der Kantine bekommt sie jetzt aufmerksamst einen im Vergleich gut gefüllten Teller, man hat ihren gesegeten Appetit erkannt. Ungefragt wird auch regelmäßig der Suppenlöffel bereit gelegt (kriegt nicht jeder, meine Suppe ess ich nicht, man kennt das). Heute gab es so eine pürierte Erbsensuppe, wie Quäker-Speise, sagt sie. Quäker – ich muss an AA sowie Pfarrer Kappes denken, an so vieles, was ich über die Quäker gelesen haben. Sie waren die ersten, die den verhassten Deutschen `46 geholfen haben, auch meiner Mutter, die als 11-Jährige in der Schule von ihnen Essen bekam.

@Quäker – in Deutschland eine winzige religiöse Minderheit von ca. 250 Menschen. Vier davon in Wuppertal (wo auch sonst). Es gibt weltweit drei große Strömungen von Quäkern. Ultra-religiöse evangelikale, manchmal auch kreationistische Freikirchler auf der einen Seite (vorzugsweise in Amerika). In der Mitte Bibel-orientierte Quäker, ohne dieses Buch wortwörtlich zu nehmen. Und den mir so symphatischen liberalen Flügel, der sich als interreligiös betrachtet und aus allen Weltreligionen das Beste schöpfen möchte. Was sich auch mit dem Christentum vereinbaren lässt, wie der Pfarrer Kappes damals bewiesen hat. Die Handvoll Wuppertaler Freunde treffen sich regelmäßig zur Messe, leider Sonntags genau um die Zeit, wenn die Liebste und ich rituell frühstücken. Irgendwann komme ich mal dahin, neugierig bin ich schon.

Mittwoch, 241023

Der Mond zeigt noch gut die Hälfte und steht derzeit im Zeichen Krebs, wie bei meiner Geburt. Heute exakt vor zwei Jahren, gegen halb 12.00 Uhr dagegen stand er als Neumond im Skorpion und mein Vater durfte sterben.

Keine Ahnung, wo du jetzt bist, irgendwo bleiben wir ja alle, wenn hier Schluss ist. Ausruhen vielleicht, „zur Besinnung kommen“, bevor es wieder losgeht, hier unten. Mir warst du Schreckgespenst, Lehrmeister und Mahner in einer Person. Liebe war es nicht, am Ende wenigstens gegenseitiger Respekt, immerhin.

Sichtbare Zeitzeichen

Freitag, 240503

Bunt gemischt und vordergründig zusammenhangslos – es waren da noch

  • Die entfernte Verwandte, die sich hingabevoll und ausschließlich mit verheirateten Männern vergnügte, weil die nie länger als nötig blieben.
  • Jesus, der uns erlaubte, Gott Vater zu nennen. Und meine Therapeutin, die eine schlüssige Erklärung für mein Unvermögen hatte, meinen Schöpfer so zu nennen. Typisch für Menschen mit Vater-Problemen…
  • Der Geschäftsmann, der vorzugsweise mit gläubigen Menschen Handel trieb, weil er der Ansicht war, bei denen wäre die Wahrscheinlichkeit, betrogen zu werden, geringer. Darf angezweifelt werden, aber geringer heißt ja nicht gegen Null. Gilt wohl auch bei allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen.
  • Der Kollege, der neulich meinte, mir hätte ein Bruderherz gut getan, zwecks Erlernen adäquater Konflikt(lösungs)strategien. Mein Einwand, dafür hätte ich doch jetzt ihn und überhaupt besser spät als nie, überzeugte nicht wirklich.

Könnte noch weitergeführt werden, im Laufe der Zeit.

Samstag, 240420

Vonne Rolle

Von der Rolle sein, nah dran, aber unverwandt mit dem „aus der Rolle fallen“ (Theaterjargon) – das war so ein Ausspruch meines Vaters, der so ziemlich alle denkbaren physischen und psychischen menschlichen Derangiertheiten umfasste. Ein Ausspruch, der auch heute noch bekannt ist und der seinen Ursprung in den so genannten Steherrennen hat.

Steherrennen gibt es vereinzelt noch, sind aber aus der Mode gekommen, sie hatten ihre große Zeit von den 20er bis 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Auch Wuppertal hatte am Stadion Zoo bis Anfang der 70er Jahre eine Radrennbahn, die für Steherrennen genutzt wurde. Der Sport bildet eine Peripherie zwischen Motorsport und klassischen Radrennsport – vorneweg ein Motorrad, der Schrittmacher, im Windschatten, ohne Verbindung zum Motorrad der Steher, immer dicht an der Rolle des Motorrad-Abstandhalters. Die Wortwurzel der Steherrennen liegt nicht, wie man vermuten könnte, im stehenden Motorradfahrer, der solcherart den größtmöglichen Windschatten erzeugte, sondern in den „Steher-Qualitäten“ des Radfahrers, im Sinne von Ausdauer und Durchhaltewillen, siehe auch „seinen Mann stehen“.

Nicht nur sportliches Können, sondern hier vor allem die Paarung und die „Feinabstimmung“ zwischen Schrittmacher und Steher bestimmten die Chancen auf den Sieg. Sie verständigten sich angesichts des Motorenlärms mit kurzen Ruflauten, die der Schrittmacher durch nach hinten offenen „Ohrtrichtern“ am Helm wahrnehmen konnte. Der Schrittmacher musste einerseits fordern, aber auch Rücksicht auf den Steher nehmen, ein feines, menschliches Zusammenspiel über längeren Zeitraum bei bis zu 100 Km/H.

Gerne wäre ich bei Dir gewesen, Vater. Bei Dir, der Du in deiner Jugend diese Rennen sehen durftest – was dich so beeindruckt zu haben schien, dass Du viel später noch davon erzähltest. Du warst sportlich, liebtest Radfahren, aber ein Teamplayer warst Du nie (so wenig wie ich einer bin, muss ich ehrlicherweise sagen). Ich habe dich nicht so kennengelernt, aber du musst begeisterungsfähig gewesen sein, damals. Diese Begeisterung hätte ich gerne mit Dir geteilt, später, zu meiner Zeit, spürte ich davon nicht mehr viel. Steherqualitäten dagegen hattest Du und konntest sie auch mir weitergeben.

Stadion Zoo zu Wuppertal, 1928. Die so genannte „Schildwand“ steht noch, die ehemalige Radrennbahn ist größtenteils überbaut worden

Montag, 231023

Heute genau vor einem Jahr starb mein Vater. Wenn ich ihm nachspüre, dann wird mir bewusst, dass die Wut weniger geworden ist und der Trauer Platz gemacht hat. Ernüchternd immer noch manche Erkenntnis, wie ähnlich ich ihm sehe, im Guten und im weniger Guten.

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Wochenstart: Ausparken auf Monte Petrol – Spiegel eingeklappt, es passt locker noch ne Rundschau Ali-Reklame links und rechts dazwischen.

Have a nice Day!

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Und – passend zum neuen Phon habe ich mir sogenannte Ear-Buds besorgt und bin begeistert. So höre ich früh am Morgen zu den Übungen Kitaro und staune über die Wirkung. Irgendwie bin ich immer noch selbst mein größtes Experiment, wenn auch Gott sei Dank nicht mehr so krass wie in längst vergangenen Zeiten.

Wie Kitaro vor 40 Jahren zu mir kam, #Experimente

Wir trafen uns bei den üblichen Verdächtigen, die ich aus einer kurzlebigen und tragisch endenden Kneipenszene kannte. Pillen- und Pulverleute, einer verrückter als der andere. Ich fühlte mich wohl, obgleich ich mich bis auf wenige Ausnahmen auf Haschisch und Alkohol beschränkte. Sie war abgehauen, fort aus dem Puff, mit Hund und Bollerwagen ein paar Tage vor dem Sozialamt ausgeharrt, bis die ihr eine Wohnung vermittelten. Sie kam mit zu mir, der ich damals weit ab wohnte. Weich und offen war ihr Körper, es kam zu dieser Zeit nicht oft vor, dass mich eine Frau so annahm, wie ich war.

Gegenwelt, sie verdiente damals bis zu ihrer Flucht an einem Tag soviel wie ich in einem Monat, fuhr des Morgens über die werktätige Welt lachend im offenen Wagen durch die Stadt. Bis sie es nicht mehr aushielt. In ihrer Geldbörse steckte ein altes, verknittertes Bild von ihrem Vater, mit dem kleinen Mädchen an der Hand. Ein vierschrötiger, stiernackiger Kerl in Hosenträgern, Brutalität atmend. Ein Bild, an dem ich mich noch gut erinnere, wenn auch sonst an nicht mehr viel dieser Zeit.

Neben einer schönen Nacht brachte sie Kitaro und Pulver in mein Leben, verschwand nach kurzer Zeit wieder aus selbigen, derweil ihrem Kerl die Einnahmen stockten und er ihren neuen Aufenthaltsort herausfand. Ihren Namen habe ich vergessen, weiß nicht, ob sie noch lebt. Wir waren annähernd gleich jung… mit ihr ging das Marschierpulver (es sollte nicht wiederkommen), Kitaro dagegen blieb.

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Karfreitag, 230407

Still ruht der See, selbst habe ich Kater in den Knochen, die Autoräder gestern. Tatsächlich habe ich es noch geschafft, die zu wechseln. Wie das kam – ein Parkplatz direkt vor der Türe, Bedingung Nummer Eins. Nach dem Nachmittagsschläfchen dann ein Blick auf den Wetterradar, genau noch ein Stunde trocken, hieß es da. Bedingung Nummer Zwei also auch erfüllt, äußerer Druck. Den braucht es, um den Stein ins rollen zu kriegen, bei mir. Zwei Kraftakte an einem Tag (der erste war eine Grundreinigung des seit vielen Jahren komplett verölten Werkstattbodens) – meine ramponierten Leisten jubeln mir gerade Beifall heißend zu.

Zeit zum erholen hat es ja jetzt.

Sonst so?
Persönliches beim Wassertiger.
Tagesgemäß – Abschied, Trauer und Vergebung.
Abgesang, Teil 3

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Freitag, 221223

Achtung, grenzwertige Satire.

In China staut sich der Zuliefererverkehr vor den Krematorien, Der freigeistige Querdenker – frei von Geist, welch ein schönes Wortspiel – weiß natürlich sofort, was es damit auf sich hat. Knapp drei Jahre hat die ebenso böse wie geheime Schattenweltregierung versucht, uns alle auf ewig mit Einschränkungen aller Art zu kontrollieren, man scheute sogar nicht vor Gift zurück, das man uns als Impfstoff verkaufen wollte. Alles vergebens, wie wir heute wissen. Das hat auch die geheime Schattenweltregierung mittlerweile verstanden, hat die breite – noch ein feines Wortspiel – Masse als unkontrollierbar eingestuft und zudem ihre Population als wildwüchsig eingeordnet. Darum hat man jetzt entschieden, die Dinge zumindest in Sachen Corona frei drehen zu lassen. Wenn schon keine Kontrolle, dann wenigstens Dezimierung.

Sorry, ist erst der 23ste, ja, ich bin ja schon still.

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Wieder Neumond. Neubeginn, in Sachen Gesundheit, was uns hier betrifft. Die Liebste ist mittlerweile negativ und ich selbst noch schwach positiv, da ich ihr in allen knapp drei Tage hinterher hinke. Ab jetzt wird es, so Gott will, aufwärts gehen.


Neubeginn auch heute genau vor 2 Monaten.
Am 23.10.2022 um 11.30 starb mein Vater.
Nicht an, sondern mit Corona.

Zuvor wünschte er sich, gehen zu dürfen.
Er ist erhört und erlöst worden.
RIP

Samstag, 221126

Küchenarbeit, ich putze und schnippele Gemüse für den Ofen. Mit Musik geht das besser, aus den fettigen, aber funktionstüchtigen alten PC-Lautsprechern auf dem Hängeschrank wummert Social Distortion, so wie vor gar nicht allzu langer Zeit regelmäßig auf der A46. Die Wege nachhause vom Vater im Altenheim. Bilder tauchen auf, das Bett, unkontrolliert rinnendes Wasser, die Hilflosigkeit. Und wieder dieses Gefühl aus der Tiefe, die unsichtbare Tränenpumpe. Heute schafft sie es nicht so ganz, irgendwo in der Brust bleibt die Energie stecken und die Augen bleiben trocken. Zumindest bis die Zwiebeln gehackt werden wollen, für die Marinade.

Trauer hat viele Gesichter und sie zeigt sich wann sie will. Musik weckt sie, ebenso wie manche Gegenstände. Da gibt es auch noch Mutter. Samstag ist Muttertag. Sachen erledigen, Post sichten, dies und das einscannen agieren, reagieren, machen, tun gut sein lassen. Das Übliche. Heute habe ich unter anderen den Vater aufgehangen, also sein Bild. Wo hat denn der sein Restwerkzeug, es findest sich kein Nagel, wäre eh zu schwer, der große Rahmen. Schränke werden gesichtet, ich werde fündig. Meine praktische Ader habe ich auch von ihm, ich kann mir helfen, wenn es sein muss. Nur habe ich angesichts meiner maroden Gelenke immer weniger Lust dazu. Aber manchmal ist es halt unvermeidlich. Auch hier – Grummeln im Bauch, die geschäftige Werktätigkeit fordert ein Mindestmaß an Geist und die Tränenpumpe schweigt.

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Die Wissenschaft hat viele Ausdrücke für manche Zustände. Ich habe manchmal auf viele Ausdrücke für die Wissenschaft, aber das ist sehr subjektiv und soll sie nicht abwerten. Bei uns jedenfalls gibt es eine Hüterin der gesammelten Weisheiten, siehe unten. Zwar ist sie noch nicht so alt, so aber auf dem besten Wege, mal eine weise alte Katze zu werden.

Beim meditieren ist sie auch gerne dabei, sie liebt das grüne Kissen ❤️

Es duftet nach Essen, Zeit, hier zu schließen.
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