Noch jemand zuhause
Ab 60 bekommt man vieles bislang Unbekannte ungefragt. So z.B. seit zwei Jahren regelmäßig Corona-Infekte und dazu noch ne Grippe Anfang diesen Jahres, was mich bewog, mir wieder mal ne Schutzimpfung abzuholen. Und weil ich gerade dabei bin, auch die Grippeschutzimpfung – hinein, Onkel Otto, wenn schon, denn schon. Bisken so wie früher. Verträgt sich miteinander, meinte die Tresendame. Na gut. Was folgte, war ein klapperiger, verfrorener gestriger Tag und eine sehr schwitzige Nacht, nun isses wieder gut. Noch Leben drin, im Immunsystem, das beruhigt. In dem Zusammenhang muss ich an meinen Vater denken. Der kassierte ne Corona-Impfung, ohne sich zu schütteln. Keine Reaktion. So kann das ausschauen, wenn dann.
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Überhaupt, Vater. Ich durfte Männer (und auch Frauen, aber deutlich weniger) kennenlernen, die sich in Ultraschallgeschwindigkeit radikalst von ihrem Elternhaus befreiten. Überflieger, die mit Anfang 20 so ziemlich alles durch hatten. Gewalt, Süchte aller Art, Knast, Straße. Die dann irgendwann in immer noch jungen Jahren ihre Spur fanden und fortan frei von alledem leben durften. Diese Menschen haben mich immer staunen lassen und auch ein wenig neidisch gucken. Hätte ich auch gerne so handhaben wollen, der dann möglicherweise gewonnenen Jahre wegen. Aber besser spät als nie.
Passt schon.
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Mutter, der Vollständigkeit halber. Sie nimmt teil am neuen Leben im Heim. Besucht Veranstaltungen und erkundet ihre neue Umgebung, obwohl sie die nach wie vor furchtbar findet. Alle Wände beschmiert, die ollen Häuser, gabet in Ronsdorf nicht. Aber immerhin. In der Kantine bekommt sie jetzt aufmerksamst einen im Vergleich gut gefüllten Teller, man hat ihren gesegeten Appetit erkannt. Ungefragt wird auch regelmäßig der Suppenlöffel bereit gelegt (kriegt nicht jeder, meine Suppe ess ich nicht, man kennt das). Heute gab es so eine pürierte Erbsensuppe, wie Quäker-Speise, sagt sie. Quäker – ich muss an AA sowie Pfarrer Kappes denken, an so vieles, was ich über die Quäker gelesen haben. Sie waren die ersten, die den verhassten Deutschen `46 geholfen haben, auch meiner Mutter, die als 11-Jährige in der Schule von ihnen Essen bekam.
@Quäker – in Deutschland eine winzige religiöse Minderheit von ca. 250 Menschen. Vier davon in Wuppertal (wo auch sonst). Es gibt weltweit drei große Strömungen von Quäkern. Ultra-religiöse evangelikale, manchmal auch kreationistische Freikirchler auf der einen Seite (vorzugsweise in Amerika). In der Mitte Bibel-orientierte Quäker, ohne dieses Buch wortwörtlich zu nehmen. Und den mir so symphatischen liberalen Flügel, der sich als interreligiös betrachtet und aus allen Weltreligionen das Beste schöpfen möchte. Was sich auch mit dem Christentum vereinbaren lässt, wie der Pfarrer Kappes damals bewiesen hat. Die Handvoll Wuppertaler Freunde treffen sich regelmäßig zur Messe, leider Sonntags genau um die Zeit, wenn die Liebste und ich rituell frühstücken. Irgendwann komme ich mal dahin, neugierig bin ich schon.
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