Freitag, 250815

„Grüß Gott, i bin der Tod
Vorbei is deine Not
Komm, dei Zeit is um
Geh, mach ka Theater
I bin’s, der Gevatter“

Gibt es das? Einen entspannteren Umgang mit der Endlichkeit? Beim hören des alten Liedchens da unten musste ich lachen und mir kamen die Tränen. Das eine schließt das andere nicht aus und Mexico wird mir sympathisch.

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Mutters Kühlschrank spinnt und setzt aus. Zu warm, dem Kleinen, habe ihm schon rundherum gut Luft verpasst. Das Teil ist existenziell, die Insulinpumpen sind da drin (sie spritzt selbst) und jede Menge Fresserei. Morgen will sie Fisch mit Spinat, werde sie ausführen. Leben ist für sie Genuss und Stoffwechsel =>Lebensfreude. Kann ich was mit anfangen, solange es nicht allein dasteht.

Den Kühlschrank behalte ich im Auge. Dienst versagen, wo sind wir denn hier?

Donnerstag, 250731

Durcheinander, Widersprüchliches

Der Vermieter ist verstorben. Keine 83, herzkrank. Gestern war die Beisetzung, ganz kleine Runde. Seine zwei Söhne, die Freundin, langjährige Mieter, Verwandte, Anverwandte. Keine 12 Menschen. Echtes Elberfelder Urgestein. Einer von denen, die vor Ort bleiben, wenn ihnen Mietshäuser gehören. Einer von denen, die das Prinzip vom Geben und Nehmen noch leben können. Konnten. Mit speziellem Humor. Tatkräftig, verbindlich und sparsam, wir hatten einige gemeinsame Aktionen in dem alten Haus. Jetzt lösen seine Kinder sein Leben auf und ich erinnere mich an meinen Vater, an die Wohnungsauflösung über den Jahreswechsel.

Für uns ändert sich erst mal nichts.

Wir mochten ihn sehr.
RIP, Herr S.

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Abrotzpöbelzeilen ohne Triggerwarnung

Mutters Mini-Kochplatte muss weg, der Wassserkocher auch. Versicherungsrecht und so weiter. Hoffentlich darf der Mini-Kühlschrank bleiben. Mir geht dieses hoffnungslos überregulierte Land dermaßen auf die Nerven, ich könnte strahlkotzen. Nicht grundlos attestierte mir „das System“ einst eine Anpassungsstörung.

Arschabsicherung auch auf der Arbeit. Man mahnt mich an, einen gottbeschissenen Online-Lehrgang, der dank bislang erfolgreicher Ignoranz meinerseits mittlerweile ordentlich fristversaut ist, endlich zu absolvieren. Amerikanisches Kaufmanngehabe, ich verstehe nichts, will auch nichts verstehen und muss dennoch nachdenken, wegen Drecksfangfragen. Einfach durchklicken ist nicht. Das Ergebnis zählt, wir haben geschlossen absolviert, Hauptsache, der Schein ist gewahrt. Innendrinn stinkt es und die Dummheit feiert fröhlich Urstände.

Die Uhr läuft, Dinge die ich (für mich) ändern kann. Der Irrsinn hier zählt mittlerweile ganz klar dazu. Ich kann rechnen und komme klar. Der Juli brachte eine Entscheidung, die mache ich jetzt noch nicht öffentlich.

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Schnittstelle zwischen dem ersten und dem zweiten Eintrag: Meine eigene Endlichkeit, oder besser, was fange ich mit der täglichen Fristverlängerung an?

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Montag, 250519

Das ist so schlimm, das sollte nicht vorgesehen sein. Man muss mal mit Gott reden …

Mutter

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28

Sonntag – Erst wollte ich nicht da hin, aber eine leise Stimme sagte mir, schau dir das mal an. 28 Tage sind die maximale Aufenthaltsdauer, meist verteilt auf mehrere Einrichtungen. Am Ende steht der so genannte finale Aufenthalt (der nicht Bestandteil der 28 Tage ist). Die deutsche Sprache kann so dezent sein.

Kinder- und Jugendhospiz Burgholz zu Wuppertal. 5 Häuser sind es, die Farbe grün dominiert. Eine angehende Ergotherapeutin arbeitet dort im Rahmen ihrer Ausbildung und macht für uns eine kleine Führung. Eine Stunde dürfen wir uns umschauen und bekommen erklärt. Aufenthaltsbereiche, die Wohnzimmern ähneln, Spiel- und Baderäume für die Kinder, Entspannungsräume, Wasserbett, Whirlpool, ein Musikbett, das Schwingungen der seitlich angebrachten Saiten fühlbar überträgt. Wohnräume für die Eltern, bewußt getrennt von ihren Kindern, obgleich die Eltern jederzeit bei ihren Kindern sein dürfen, haben sie so auch die Möglichkeit von Abstand. An den Wänden finden sich dezente Sinnsprüche.

Kindgerechte Auseinandersetzung mit dem Tod, eine bildhalte „Insel der Trauer“ für die, die bleiben müssen. Ein „Raum des Abschieds“ mit Totenbett. Hier findet sich das einzige Christliche Symbol in der Einrichtung, die sich ansonsten konfessions-übergreifend versteht. Ein großes Außengelände mit einem Garten der Erinnerung. Für jedes verstorbene Kind liegt dort ein Holzstern, der bewußt der Verwitterung ausgesetzt ist. Nach eine Zeit kommt der fort und an seiner Stelle wird eine kleine Metall-Tafel hinterlegt.

Eine liebevolle, achtsame und würdevolle Atmosphäre ist greif- und fühlbar, Eine Stunde dauert der Rundgang, und ich bin froh, danach eine ganze Weile durch den direkt angrenzenden Wald laufen zu dürfen.

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Schreiben ist hier hilfreich. Zum einen sitze ich allein am Schirm, Tränen stören nicht und die wegrutschende Stimme auch nicht.

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Freitag, 250411

Voller Mond und ich bewege mich rhythmisch sanft schwingend im Bad vor dem Spiegel, ohne ihn zu beachten. Knöpfe im Ohr und Danke, Lou Reed, für die morgendliche Tageseinstimmung.

Der Jugendfreund ist gerade mal ein Jahr älter als ich und braucht nun eine Chemo-Therapie, wegen einem Auto-Immun-Ding, das die Nieren daran hindert, zu tun, was ihnen eigen. Ich denke an ihn und bitte für ihn. Fürbitte, zeitloses Gebet.

Der Mutter muss ich schlechte Kunde tun. Eine richtig gute Freundin ist verstorben, sie war ein Jahr älter als Mutter, wäre nun 91 geworden. Mutter telefoniert tief getroffen mit der verbliebenen Kegelschwester, nun sind sie zu zweit, von einst Elf. Wer der letzte ist, und dass sowieso keiner vergessen wird. Einsam ist Mutter in der Einrichtung jedenfalls nicht, es gibt tatsächlich noch andere, die nicht blöde sind (Originalton) – das freut mich. Sie wissen genau, wo sie hier sind und machen das Beste draus. Meistens.

Tick? Ja, habe ich. Ich entschuldige mich allwerktagmorgendlich bei meinen Füßen, dass ich sie wieder einsperren muss, in Eisenschuhe. Zum Ausgleich bekommen sie Training, Aufmerksamkeit und Pflege. Und noch einer – aber das ist kein richtiger Tick – sich von den Katzen verabschieden, wenn man das Haus verlässt. Machen doch fast alle Dosenöffner. Auf bald und so.

Voll & rund  …

Dienstag, 250121

Dankbar

Ich danke für diesen besseren Morgen, nach dem gestrigen Montag. Für diese Mischung aus Kraft, Geschmeidigkeit und Ruhe, über die ich zwar nicht durchgängig, aber zumindest zeitweise verfügen darf. Ich bin dankbar für die Erfüllung meiner Grundbedürfnisse wie Frieden, sauberes Wasser, ein Dach über den Kopf und die Mittel für gutes Essen & Trinken. Ich danke für die Zuversicht und das Vertrauen, das ich auch in diesen Zeiten manchmal spüren darf. Dankbar, um den Tod zu wissen und spät das Leben lieben lernen zu dürfen.

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Aktuell bin ich dankbar, mutmaßlich dank Doppelimpfung Grippe/Corona bislang von solchen Ballast verschont geblieben zu sein, derweil um mich herum alles kränkelt, teils übel. Mutter lag flach, die Liebste liegt flach. Wäre gut, ich hielte noch durch. Die mütterliche Wohnung erfordert noch ein wenig Zuwendung, möglicherweise erfolgt Ende des Monats bereits die Übergabe.

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Donnerstag, 241226

This is no longer a working number

Es geschieht nicht oft, aber öfter als früher. Ein Mensch verschwindet aus meinem Leben. Das kommt vor, mal war ich derjenige, der sich abgewandt oder sich zumindest nicht mehr bemüht hat, mal der oder die andere. Manchmal, so wie kürzlich wieder, verschwinden Telefonverbindungen, mit ihnen Messenger-Kontakte. Günstigstenfalls sind sie umgezogen oder haben eine neue Mobilnummer. Ungünstigstenfalls leben sie nicht mehr.

Von Einer hätte ich gerne gewusst, was aus ihr geworden ist. Sie stammt aus Burscheid, zuletzt wohnhaft in Wuppertal und heißt Cordula Kratzer, eine begabte Steinbildhauerin. Vor Jahren traf ich sie mal im hiesigen botanischen Garten, wir waren beide in Begleitung und so war die Zeit zu knapp, ich selbst zu bewegt, um nach ihrer Nummer zu fragen. Vor einem Vierteljahrhundert waren wir befreundet, ohne „+“. Wir blieben eine ganze Weile freundschaftlich verbunden, bis sich unsere Wege endgültig verliefen. Wer weiß, wer noch ihren Namen sucht, hier landet und möglicherweise mehr weiß. Der oder die darf sich gerne melden, sollte mich freuen.

Geblieben ist ein Stein.

This is no longer a working number, (Baby)

Manche alte Verhaltensmuster ziehen nicht mehr, wie es heißt. Die habe ich abgelegt wie eine alte, zu enge Haut. Untendrunter mag vieles gleich geblieben sein, aber mein Umgang damit ist ein anderer geworden. Das gilt auch für die andere Richtung – was mich früher arg berührte, nehme ich heute zur Kenntnis, aber ohne emotional groß drauf reagieren zu müssen. Doppelte Richtung auch auf der anderen Seite – was mir früher am Arsch lang ging, geht mir heute näher. Innen wie außen.

Einer der überschaubaren Vorteile des älter-werdens.

This is no longer a working number, baby
Please redial your call
This is no longer a working number
Your party doesn’t live here anymore

Mittwoch, 241023

Der Mond zeigt noch gut die Hälfte und steht derzeit im Zeichen Krebs, wie bei meiner Geburt. Heute exakt vor zwei Jahren, gegen halb 12.00 Uhr dagegen stand er als Neumond im Skorpion und mein Vater durfte sterben.

Keine Ahnung, wo du jetzt bist, irgendwo bleiben wir ja alle, wenn hier Schluss ist. Ausruhen vielleicht, „zur Besinnung kommen“, bevor es wieder losgeht, hier unten. Mir warst du Schreckgespenst, Lehrmeister und Mahner in einer Person. Liebe war es nicht, am Ende wenigstens gegenseitiger Respekt, immerhin.

Sichtbare Zeitzeichen

Sonntag, 240804

Ruhe kehrt ein, gut zwei arbeitsfreie Wochen liegen vor mir, vor uns. Die Zeit scheint sich zu dehnen, alles geht entspannter zu. Von ein paar Tagen Reise in Sachen Familie abgesehen sind wir meist zuhause. Ich bin nicht gerne unterwegs, merke ich in letzter Zeit vermehrt. Die Katzen allein zu lassen, auch wenn sie versorgt sind, tut mir mehr weh als denen. Alte Narben. Dazu kommt der Umstand, dass sich mein Leben seit gut vier Jahren in großen Teilen zunächst um die Eltern, jetzt nur noch um Mutter dreht.

Gutes Karma? Nein eher die Hoffnung auf einen eigenen Gnadentod. So G*tt will eben. Bis dahin tägliches Dasein mit allem, was mich als Mensch ausmacht. Klar im Kopf, so souverän wie möglich im Umgang mit den eigenen Dämonen und darüber hinaus das Leben nicht ernster nehmen, als es ist.

Schönheit im Alltag, früh morgens auf dem Werkstatthof.

Manchmal habe ich Fragen, beim hören der Nachrichten. Fragen zum Sprachgebrauch im Umgang mit „Freund“ und „Feind“, der offiziellen staatlichen Sichtweise nach, nicht meiner persönlichen. Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen einem staatlichen Auftragsmord  und einer gezielten Tötung, auch ausschalten genannt (was für ein Euphemismus)? Wer verbiegt sich da wem zuliebe und warum?

Du sollst nicht töten. Punkt. So Scheiße einfach kann das sein.

Meine Lektüre für die kommenden Tage. Ein Buch über den einsamen Tod, im Japanischen auch Kodokushi genannt, und eines über den lebenden Beweis, dass Herkunft nicht alles ist.

Bis dahin lese ich die Mitternachtsbibliothek zu Ende, ein Buch über die vermeintlich surreale Vorstellung von Möglichkeiten im Leben. Die Geschichte eines Menschen, der beschließt, zu sterben und in der Zwischenwelt langsam, aber sicher eines besseren gelehrt wird.

Donnerstag, 240627

Eigentlich ist keine Zeit zum schreiben. Wann denn dann, am Abend ist der Geist müde, vernebelt und bis an den Rand gefüllt mit dem Scheiß des Tages . Also jetzt.

Eine Motte verirrt sich in meinen Bürocontainer. Nach diversen Geflatter lässt sie sich auf eine meiner Taschen nieder, wo sie auch bleibt, als ich mit ihr raus gehe, um sie in die Botanik zu pusten. Gnadenfrist, denke ich, mach was draus. Der nächste Vogel ist dir sicher. Nebenbei bin ich beieindruckt von der Schönheit dieses Geschöpfes.

Sie hatten das Fenster geöffent, damals in dem dunklen Heimzimmer. Seine Seele sollte frei sein und gehen können, nette Symbolik für uns, die wir weiter leben müssen und an Materie gebunden sind. Ob seine Seele den Weg durch das geöffnte Fenster genommen hat, weiß ich nicht. Erinnern kann ich mich an die beiden sehr schwarzen Falter, die neben dem Fenster auf der Wand saßen. Geleitkommando mit Trauerflor, so schien es.

Das Ende der Reise hat so viele Gesichter wie es Menschen gibt. Erneut darf ich dabei sein und schauen, wie sich Mutters Leben unglaublich langsam, aber unerbittlich seinem Ende zuneigt. Schwer zu beschreiben, was das mit mir macht. Da ist die Wut auf meine nicht enden wollende Erwerbstätigkeit, die mich daran hindert, mich etwas mehr einzubringen. Da ist die glitschige Frage – was genau könnte ich tun, bis zu welchen Grenzen. Vorerst tue ich, was ich kann, auch, wenn es mir arg wenig vorkommt.

Im Grunde ist es nicht wirklich fair. Wer auf Erden ankommt, dem wird bei gewissen Startproblemen geholfen, da gibt es Menschen, die wissen wie. Manchmal geht das rustikal zu, wie bei meiner Geburt. Füße vorneweg, Nabelschnur um den Hals, blauschwarz und atemlos – ich wollte nicht hier her. Verdroschen haben sie mich zur Begrüßung – herzlich willkommen, und jetzt hol endlich Luft, du hast keine Wahl. Ok, es gab in der Folge lebendiges Geschrei, das machte sie glücklich, später schrie ich dann und weil ich nicht damit aufhören wollte, gab man mir einen Grund zu schreien. Oder versprach mir selbigen, was ähnlich verstummende Wirkung hatte.

Ich verliere mich in Worten und Nabelschnüren – wo ich hin wollte, ist, wer gehen darf/muss (das kann man so oder so sehen), dem wird dabei nicht unbedingt geholfen, zumindest nicht aktiv. Das gilt als verpönt, die Unterrichtsstunde vorzeitig zu beenden und Hilfe ist hier sogar strafbar. Mit Blick auf unsere Geschichte ist diese unsere an und für sich unentspannte Haltung mehr als verständlich.

Was bleibt, ist da sein, zuschauen, zuhören, an den richtigen Stellen anpacken, wo es Not tut. Mit dem Gedanken Freundschaft schließen, das auch einst in welcher Form auch immer durchstehen zu müssen.

Jedenfalls nicht allein, einer guckt immer.

Samstag, 240525

Stadtauswärts

Friedhof, wärmende Sonnenstrahlen, ein Eichhörnchen. Im Hintergrund produziert die nahe A46 den unvermeidlichen Dauerschallteppich, aber die Vögel halten fein dagegen.

Grabsteine, freundliche Blumen, keine Menschen und ganz viel Endlichkeit. Besser als gerade eben im Bus herauf aus der lärmenden Stadt. Ich fühle mich gleich besser.

Die eine speichert ungesundes Wasser, der anderen schießt der Blutdruck in schwindelige Höhen. Greise Verwandtschaft lässt Worte wie Kaliumchlorid zu mir kommen. Tun, was ich kann, das werde ich, in gewohnter Weise. Derweil wärmen Gevögel und Hörnchen zusammen mit der Abendsonne die Seele.

Stadteinwärts