Der Bundeskanzler spricht schon mal zum warm werden die Sprache seiner künftigen Koalitionspartner. So weit, so schlecht. Anstand und Politik waren immer schon selten gemeinsam unterwegs, und wenn, dann fehlte es andernorts – Machtbewusstsein, Realitätsnähe, oder oder. Was der Lange mit der Sportfrisur nicht bedenkt, ist, dass ein jeder lieber gleich das Original wählt.
Aber – das hier ist auch mein Scheißland. Und unerklärlicherweise lebe ich sogar gerne hier, obgleich ich mich nie wirklich dazugehörend fühlte. Unerklärlich, weil ich laut meiner Uromma arisch bin, jedenfalls hatte ich mal blonde Haare, als ich noch welche hatte. Und blaugraue Augen. In Urommas Welt hätte aus mir sonstwas werden können, und um das schon mal einzuläuten, gab es bei jedem Pflichtbesuch einen Wachholder, da war ich 12, auf jeder Heimfahrt arg schläfrig und für kommende Zustände schon mal lose initialisiert.
Andere Teile meiner Sippe wurden dagegen zwangssterilisiert und verstümmelt, da war nicht viel mit arisch. Einer sogar zog es ein Jahr vor Kriegsende vor, nicht mehr an die Front zurückzukehren, was ihm ein unruhiges Jahr mit geladener Wumme unter verschiedenen Kopfkissen noch verschiedenerer Damen einbrachte. Die meisten allerdings liefen mit, weil sie überleben wollten. Ein durchaus ehrbares Motiv, wie ich finde.
So viel dazu.
Mich stört Gewalt, Menschenverachtung, dummes Gehabe, allgemein schlechtes Benehmen und Respektlosigkeit anderer Menschen, ob sie nun Biovolksdeutsche sind oder sonst woher kommen (irgendwann mache ich mal nen Gentest, und dann wird sich die Welt wundern, ich vorneweg…). Ein Arschloch bleibt ein Arschloch, gleich, wo es herkommt und wie es sich kleidet. So wie ein Mensch immer auch ein Mensch bleibt (auch, wenn er sich wie ein Arschloch benimmt, auch das ist Teil der Wahrheit)
Ich bin betroffen, schrieb ich letztens. Persönlich und gleich mehrfach. Zum einen wegen meiner strubbeligen Familiengeschichte (die so ungewöhnlich auch wieder nicht ist), zum anderen auch, weil ich mit einer migrationshintergründigen Frau verheiratet bin, die rein äußerlich mit ihren schwarzen Locken und ihren arg dunklen, tiefgründigen Augen ziemlich gut in das Bild der oben Angesprochenen passt. Zur Sicherheit und weil das Ding nicht nur gut aussieht, sondern auch Teil ihrer Identität ist, trägt sie ein charakteristisches armenisches Kreuz in ihrem Dekolletè.
Was man mal öfter tun sollte.
Darüber schreiben/reden, was solche Menschen wie meine Frau so eigentlich machen, in diesem Land. Sie arbeitet als Ergotherapeutin mit Kindern, besucht vormittags eine Brennpunktgrundschule umme Ecke und ist am Nachmittag in der Praxis, wo es dann weiter geht. Ihr Tag dauert nicht selten 12 Stunden, in ihrem Bemühen, ais diesem Land einen besseren Ort zu machen. Aufgrund ihrer Türkisch-Kenntnisse hat sie viel mit türkisch/deutschen Kindern zu tun, mit ihrer eigenen orientalischen Herkunft weiß sich in den Familien einzufinden wie kaum ein anderer hier. Wenn wir hier übern Berg in die Nordstadt gehen, dauert es in der Regel keine 5 Minuten, bis aus irgendeiner Ecke ihr Name gerufen wird. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit.
Natürlich ist das nur ein kleines Beispiel. Was für meine Frau gilt, gilt auch für Millionen anderer hierzulande, die ihr Bestes tun, um klar zu kommen. Die eben nicht „die Sozialsysteme ausplündern“, sondern ihr Brot auf unterschiedlichste Weise verdienen, zu ihrem und unser aller Nutzen. Darüber sollte man mal öfter hören/lesen!
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