Montag, 250317

Erwischt

Das war ja klar, ich wußte, dass du stehen bleiben wirst und deine Kamera zückst. Jetzt stehst du da und machst dir deine Gedanken, wer wohl diese ausgelatschten Dinger getragen hat. Frauenschuhe offensichtlich oder zumindest sehr wahrscheinlich. Du fragst dich, wie ich wohl aussehe, bei Schuhgröße 38, schaust die Weite der seitlichen Ausbuchtungen und stellst vielleicht Mutmaßungen über meine Statur und mein Gewicht an. Vergiss es, das bleibt im Dunklen.

Klar weiß ich um deine kleine Schwäche für Füße. Na nun hab dich mal nicht, brauchst nicht röter werden als meine alten Latschen, so selten ist das auch wieder nicht. Bliebe noch zu klären, warum ich die Dinger ausgerechnet hier endgeparkt habe und nicht feierlich in die Tonne versenkte, wie es die meisten anderen tun würden. Ok, so offen möchte ich gerne sein, dafür gab es mehrere Gründe.

Erstens waren die Teile überfällig und zweitens schien die Sonne, drittens sehnten sich meine Füße nach Befreiung, viertens wusste ich doch, du kommst und verweilst. Aber der Hauptgrund war, diese unglaubliche Farbabstimmung mit dem Abdecknetz des Hängers, wo sonst sollten sie ihre letzte Ruhe finden. So, viel Freude noch beim weiteren mutmaßen über meine Person!

*

Das Bild

Myriades Einladung zur Impulswerkstatt – Juli – August 2023
Text zum Bild unter Verwendung vorgegebener „Mosaikstücke“ – maximal 300 Wörter
kein Zeichenlimit, habe ich verwechselt.

Mosaikstück 1: „Spinat“ oder „Erbsen„;
Mosaikstück 2: „Vergraben sollte sie werden …“
– kann eingefügt werden, muss aber nicht.

~

Allmählich bildet sich ein kleiner See zu ihren Füßen. Der Regen hatte sie hereingetrieben, sonst wäre sie nie auf die Idee gekommen, dieses Museum zu besuchen, obgleich es an ihrem Arbeitsweg liegt. Fröstelnd zieht sie sich die klatschnasse Stola über die Brüste – uralter Reflex, nasses Shirt und kein BH, die Mutter tat ebenso, da ist es unwichtig, dass sie in dem großen Saal allein ist.

Draußen schüttet es immer noch, und so verweilt sie vor diesem Bild, das sie auf dem ersten Blick entfernt an ein britisches Erbsenmusgericht erinnert. Wenn da dieses Blau nicht wäre. So blau wie das Wasser in ihren immer wiederkehrenden Träumen, Wasser, das sich langsam, aber unaufhaltbar im Zimmer ausbreitet, sich anstaut, sie zwingt zu schwimmen, ihr mit ebenso langsamer wie gnadenloser Endgültigkeit die Luft zum Atmen nehmen möchte. Finales Ertrinken in den eigenen Gefühlen, des Nachts, wenn der Verstand Pause macht.

Rot, das sich ins Wasser stürzt, feuriges Rot, ohne rechte Chance gegen das viele Wasser. Gebremste Lebensenergie, vom Wasser höhnisch gespiegelt. Wie lange noch, denkt es in ihr, während sich ihre Tränen mit den letzten Wassertropfen des Regengusses vereinen. Vergraben sollte sie werden, die Mutter, und ihr Grab vom abfließenden Wasser liebevoll genährt. Sie lässt nach, diese Starre, und während sie langsam zum Ausgang geht, spürt sie zum ersten Mal so etwas wie Freiheit in sich, ein Hauch von Rot.