Samstag, 260124

Freude

Gestern vor 30 Jahren isses geschlüpft, das große Kind. Und nun muss es zum feiern überredet werden, scheint es. Irgendwie fragwürdig, mit Blick auf meine eigene Geschichte, und irgendwie gut, mit demselben Blick. 23 jedenfalls, nichts ist, wie es scheint, manchmal zumindest. Schon so eine Art Schicksalszahl, wenn man was mit Numerologie am Hut hat. Seine Mama hat auch an einem 23sten Geburtstag. Und natürlich bin ich nüchtern und naturwissenschaftlich geerdet genug, all dies als puren Zufall abzutun 😉

Flügellahm

Das geht schon länger so. Schultern, Sehnen, alles in einem fragwürdigen Zustand. Die Last der Jahre und so. Wenn ich das Drama da herausnehme, bleibt Verschleiß übrig und Schmerzen, an allen Tagen, bei gewissen Belastungen, an gewissen Stellen. Und so darf ich gerade fernab von Stahl und Maschinen daheim verweilen, ausgestattet mit Überweisungen für Radiologie und Orthopädie.

Mit der Zeit möchte ich gehen und nach Möglichkeit davon profitieren. Also via App zeitnahe Termine gesucht und gefunden. Erst zum MRT, dann zum Knochendoktor, ohne Bilder kann der nix machen.

Und so stehe ich gestern früh um kurz vor 6 (die Maschinen laufen tatsächlich zweischichtig) in freudiger Erwartung vor dem Empfang der Radiologie. Vor mir noch 2 Kaputte, hinter dem Tresen ein abwechselnd fluchender und telefonierender Mann in verzweifelter Auflösung begriffen. Systemabsturz, keine Karte zu lesen. Hat sich was mit freudiger Erwartung. Für so einen Scheiß stehe ich nächtens auf.

Die zwei vor mir kriegen Laufzettel zum ausfüllen, wie in der Steinzeit, mir sichert man ebensolche Untersuchung zu, alle nach mir bekommen neue Termine. Nachdem mir Zugang zu den zu erstellenden Bilddateien gewährleistet wird, bin ich einverstanden und warte. Die beiden sind schon ein Weilchen wieder raus und ich warte immer noch. Nüchtern, müde und mittlerweile arg übellaunig.

Der Kerl vom Tresen ist verschwunden, den gehe ich suchen, mit Rupflust im Blut. Irgendwo finde ich ihn, in vorfeiermorgendlicher Beschäftigung. Wat issn getz, gehe ich den an, um kurz darauf wieder verständnisvoller zu werden. Arme Socke. Wenn meine Workstation nicht hochfährt, warte ich in Ruhe und mache sonstwas, bis ein Admin ausgeschlafen hat. Der hier kann sich mit einer Fußballmannschaft übellaunigen Pack rumkriegen und ich beschließe nach Beratung mit meiner höheren Macht, auf die Ersatzbank zu gehen.

Wir einigen uns auf einen neuen, noch rechtzeitigen Termin andernorts, oldschool, mit Zettel, möge der heilige Murphy gerade anderes zu tun haben.

Dienstag, 250902

Nachlese

Das große Kind ist verheiratet. Samstag vor 8 Tagen war Polterabend, heute vor einer Woche die standesamtliche Hochzeit und vergangenen Samstag die kirchliche Hochzeit mit abendlicher Feier. In der Kirche flossen die Tränen, die beiden gaben sich sehr bewegende Eheversprechen.

Die Feier hatte es in sich. Alkohol in Massen, ich war der einzige Nüchterne, bis morgens um vier. Später am Abend kam es zur Kollision mit der (angetrunkenen) Mutter des großen Kindes, meiner ersten Frau. Was ich ihr und vor allem den Kindern angetan habe. Ein großer Kübel Scheiße, und leider hat sie recht. Ihr Anteil an alledem war nicht Thema.

Seitdem sind 27 Jahre vergangen. Nach vielerlei Kapriolen haben alle damals Beteiligten ihr Lebensglück gefunden. Sie hat einen richtig guten Mann, meine Stieftochter ist in zweiter Ehe dem Augenschein nach glücklich verheiratet und hat auch ihre Berufung im Job gefunden. Das große Kind ist frisch vermählt und ich bin dankbar für den Menschen an meiner Seite. Ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch so lange so viel Groll und Hass, so viel Schwärze mit sich herumtragen kann. Was sie im übrigen bereits hat krank werden lassen, neben anderen Umständen.

Ich werde noch ein Weile brauchen, um das alles setzen zu lassen. Bis dahin mache ich mich hier etwas schlanker.

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Montag, 250825

Große Verwirrung

In regelmäßigen Abständen kriege ich Post von Lesern hier, die sich irritiert von meiner Datumsangabe zeigen – JJ(JJ) MM DD, also zuerst das Jahr, dann der Monat, dann der Tag. Und ja, es stimmt, neben der deutschen ist auch die amerikanische Schreibweise eine andere. Warum schreibe ich so? Wer je mehrere Dateien, die zu verschiedenen Zeiten erstellt wurden, an einem Tag auf einem Server oder PC geladen hat, kommt oft mit der Sortierung nach Datum nicht weiter, da hier meist das Ladedatum zählt. Mit dem von mir verwendeten Format listet jeder PC nach Namen – und Datum. Verbreitet ist dies hauptsächlich im ostasiatischen Raum. Ich bin kaum größer als der Durchschnittsasiate und darf das auch 🙂

Der heutige Tag eignet sich übrigens bestens zur Demonstration 🙂

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Die Hochzeit des großen Kindes. Morgen kommt die Pflicht und am Samstag die Kür. Der Polterabend war ja schon, die erste Begegnung mit der versammelten Mischpoke der Vergangenheit und Gegenwart hat stattgefunden. In Harmonie unter Contenance und Diplomatie. Zu viel ist damals daneben gegangen, zu groß die Narben, nicht nur bei der Mutter meines Sohnes. Aus diesem Grund werde ich auch keine Rede halten, habe dies den Kindern erläutert und bin verstanden worden. Die Gedanken und die Tiefe, die ich heute leben darf, hatten damals nicht die geringste Chance. Stattdessen habe ich den beiden einen persönlichen langen Brief geschrieben, der am Samstag mit ins Körbchen kommt. Und selbst für den habe ich 2 Stunden gebraucht, immer von der Sorge getrieben, nicht nur altväterlich, sondern womöglich auch noch klugscheißerisch rüberzukommen. Das Ergebnis kann man sich auch noch in vielen Jahren durchlesen, denke ich.

Der Klamottencheck hat auch stattgefunden, einige habe ich mir neu besorgt, und nein, keinen Anzug, ein paar Hemden, neue Schuhe, ne neue Kappe, eine Lederweste, alles Sachen, die auch später gute Dienste machen. „Für gut“ gibt es hier nichts mehr. Das wird auffallen und das wird mir wurscht sein. Jemand, der im Telefonbuch der Ex 10 Jahre lang als „Der Arsch“ (ja, mit Artikel) geführt wurde, der darf so einiges, heute. Konventionen dürfen andere bedienen und zum Frisör muss ich vorher auch nicht 😉

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Freitag, 241122

Kindesverlust (Wort des Tages andernorts)

Neulich hatte das große Kind (28) und ich ein wenig Zeit mit- und füreinander. Hintergrund war der Umzug seiner Omma in ein Pflegeheim, besser das damit verbundene althäusliche Auflösungschaos. Ein von mir weiter gereichtes Geschenk an ihm, eine nicht mehr funktionierende, aber goldene Taschenuhr des Vateronkels, der Deserteur, der das letzte Kriegsjahr mit geladenem Revolver unterm Kissen bei wechselnden Liebschaften verbrachte. Dieser Mann war trotz täglichem Vollrausch und Amphetamingaben nicht mehr in der Lage, das zu tun, was von ihm erwartet wurde.

Das große Kind redet sonst kaum über Politik, jetzt aber schon. Was mache ich, wenn es Krieg gibt? Abhauen, mir die Beine brechen, oder… Und weiter geht es. 16 Jahre Mama Merkel, eine politisch kuschelige Jugend, und jetzt so etwas!

Ja, jetzt so etwas. Kinder verlieren könnte schnell gehen, zu viele Hofreiters wissen gerade nicht, was sie reden, was sie tun (Gruß an die Heinrich-Böll-Stiftung, die ihren Namen ändern sollte). Das Kind und ich reden über Kriegsrecht, Standgerichte, über Feldjäger, geschlossene Grenzen, über Köfferchen mit Neustarthilfe. Illegal Abhauen geht, sage ich, legal lässt dich keiner mehr raus, alle von 18 bis 60 sind dran. Allerdings bleibst du, egal wo, meist der Scheiß-Deutsche. Schau dich mal um, wie mit Kriegsflüchtlingen hierzulande umgegangen wird. Ist keine speziell deutsche Neigung, auf alles Fremde erst mal zu fluchen. Und weiter führe ich aus – Beine brechen ist auch Kacke, zumindest du selbst darfst das nicht. Im Kriegsrecht ist so etwas Selbstverstümmelung, Defätismus und so weiter. Man kennt das. Nee, das muss ich dann machen, mir können die nicht mehr viel, mein Leben ist weitestgehend gelebt. Und ja, ich habe über so etwas als Ultima Ratio schon früher nachgedacht, auch wenn ich bis heute nicht weiß, ob ich dazu in der Lage wäre (Gebe Gott, dass es nie soweit kommt).

Zum Kotzen, so Themen, aber brandaktuell. Mich hat die Heftigkeit seiner Worte erschüttert, erlebte ich ihn doch überwiegend als einen jungen Menschen, der ganz mit Karriere, Nestbau und dergleichen beschäftigt ist. Irgendwo im Hinterkopf habe ich die Hoffnung, dass am Ende, wenn schon nicht die Moral, so doch die Vernunft siegt, derweil es wird nur Verlierer geben wird, falls.

Das große Kind möchte die Uhr instand setzen lassen und auf seiner Hochzeit tragen. Gefällt mir, sehr sogar.

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Sonntag, 241020

Es geht hinauf und wieder hinunter mit den Erkenntnissen oder besser mit den ihnen verbundenen Gefühlen, was einen zeitigen Renteneintritt angeht. Stichworte Rentenpunkte, Versorgungsausgleich, die Unterschiede zwischen rentenversichert, langjährig rentenversichert (35+) und besonders langjährig rentenversichert. Letzteres meint jene wie mene, die nun schon weit über 45 Berufsjahre vorweisen können, leider nützt das nichts, abschlagsfrei geht es erst mit 64/9, in meinem Fall. Sollte ich dennoch mit 63 gehen, sorgen Strafpunkte, Versorgungsausgleich nach Scheidung, Steuern und Sozialabgaben für gerade mal gerundete 55% meines derzeitigen Nettoeinkommens, meiner Rechnung nach. Bleibt abzuwarten, ob die DRV das auch so sieht. Am Jahresende bin ich klüger.

Versorgungsausgleich: Summe der während der Ehe erworbenen geldwerten Rentenpunkte, geteilt durch 2. Strafabzug: 0.3 % pro Monat, gerechnet vom offiziellen Reneteneintrittsalter rückwärts. Sozialabgaben: Kranken- und Pflegeversicherung, derzeit 7,30 % für die Krankenversicherung und 3,05 % (3,40 % für Kinderlose) für die Pflegeversicherung. Besteuerung: Einkommensteuer individuell nach Steuerklasse und abzugsfähigen Ausgaben,  wie im Lohn, im Gehalt. Der Freibetrag sinkt jedes Jahr um 0.5 % und beträgt 2025 noch 15 %. Rentenpunkte: Werden regelmäßig mitgeteilt. Ein Jahr amtlicher Durchschnittverdienst gleich ein Rentenpunkt. Überdurchschnittlichlicher Verdienst erhält mehr, unterdurchschnittlicher weniger. Rentenbeitragsjahre: Ausbildung mit Rentenbeiträgen werden mitgerechnet, Studium nicht. Arbeitslosigkeit wird reduziert mitgerechnet, jedoch nicht 2 Jahre vor dem frühestmöglich abschlagfreien Renteneintrittstermin via Eigenkündigung oder rechtlich gleichstehenden so genannten Aufhebungsvertrag (nie ohne Rechtsbeistand, und bitte keinen parteiischen, dazu zählen auch die von den Gewerkschaften Gestellten).

Warum ich mir so Betrachtungen antue? Ich möchte verstehen. Habe ich auch mal mit der Gasrechnung durchgezogen. Ist was Grundsätzliches bei mir.  Einfach so hinknallen, da, friss, das geht bei mir nicht. Ihr könnt ahnen, welche Folgen das im Berufsleben haben kann, definitiv hatte 🙂.

Sonst so? Das große Kind wird seine Liebste heiraten, was mich für die beiden sehr freut. Man lässt sich Zeit mit der Entscheidungsfindung, der Lokalität, Art und Umfang besagter Feierlichkeit wegen. In letzter Zeit denke ich nicht zuletzt in dem Kontext über die vielen verschiedenen Lebensformen nach. Über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, wozu auch immer, oder auch nicht. Warum Kinder so oft alles anders machen, mich selbst nicht ausgenommen.

Die vielen Gesichter des Strebens nach dem, was man Lebensglück nennt, beeindrucken mich durchaus. Ich muss sie ja nicht teilen.

4 Tage Schweiz

Und wieder daheim. Die zwei Reisetage zähle ich mal nicht mit, die sind für mich immer anstrengend. Im Bobbycar ohne Klimaanlage ist es Sommertags nicht sehr entspannend. Auf den Straßen in der Schweiz geht es entspannter zu. Autobahn 120 Km/h und es wird sich daran gehalten. Überhaupt wirken die Menschen auf mich überwiegend freundlich und geduldig, im Vergleich zu hiesigen Zuständen. Das, obgleich es viele Schweizer nicht gerade leicht haben, bei den legendär hohen Preisen dort. Wer qualifiziert ist, verdient richtig gut, andere, gerade aus dem Servicebereich haben mit den Mieten und Preisen allgemein echte Not. Faktor 1.5 bis knapp 2.0 zum Euro kommt hin.

Wir sind in Dietikon, bis vor ca. 30 Jahren noch dörflich im Limmattal gelegen, heute der Speckgürtel von Zürich, eine der teuersten Städte Europas. Alles wirkt neu, Straßen, Bahnhof, ein opulentes „Shoppi“. Die Sprache, zumindest der Teil, den ich verstehen kann, lässt mich mehr als einmal schmunzeln.

Zürich. Eine unzerstörte Stadt in einem Land, das sich herausgehalten hat, halten konnte. Teils geographisch bedingt, teils wohl auch in seiner Funktion als sicherer Hafen allerlei nicht ganz sauberen Geldes. Wenn ich an die hiesigen Hurraschreier und Möchtegernbeglücker des Rests der Welt mit unserer Lebensform denke – etwas mehr Schweiz, soweit möglich, täte uns politisch unbedingt gut.

Wir geraten ungeplant in eine queere Streetparade, die Stadt ist megavoll, auch abseits der Veranstaltung spüre ich Lebensfreude allerorten.

Der Zoo, wunderschön weit oben gelegen. Mich beeindruckt das riesige Tropenhaus sehr. Ein Ort für den zweiten Blick voller buntschillernder Geschöpfe, die sich teils bestens ihrer Umgebung anpassen. Hier drinnen bin ich eher das Perlhuhn, auf dem Aussichtsturm hat es 40 Grad bei wasserschwangerer Luft und der Schweiss rinnt in Bächen.

Der eigentliche Grund unserer Reise ist aber ein anderer, so sehenswert die Lokalitäten auch sind. Eines unserer beiden großen Kinder führt uns in die Schweiz, Alice Hanimyan. Sie spielt dort im Team von Karls kühner Gassenschau in dem Stück Reception, ein unbeschreibliches Wasserspektakel.

Die Handlung ist überschaubar – eine Hochzeitsgesellschaft findet sich im Grand Hotel inmitten von Wasser ein. Aus der geplanten fröhlichen Feier wird schnell ein Alptraum, das Hotel unter der Führung des unheimlichen Rezeptionisten scheint verflucht, die sichtbare Welt löst sich nach und nach spektakulär auf. Die Gesellschaft flüchtet, aber nicht allen gelingt dies. Eine Geschichte vom Binden und Lösen.

Das Ganze spielt mitten in einem künstlich angelegtem See, gespickt mit einer Menge Technik und geheimen Zugängen unter Wasser. Hier spielen Stahl, Strom, Feuer, Luft und Wasser auf spektakuläre Weise zusammen, unterstützt von einem rückseitig zur Besuchertribüne stehenden Baukran. Zum Team gehören u.a. Taucher, Schlosser, Werkzeugmacher, Bau-Statiker und IT-Spezialisten, der Aufwand ist unglaublich und die erzielten Effekte im Stück atemberaubend.

Wir hatten mehrfach Gelegenheit, miteinander zu plaudern, fast alle wohnen im Camp, einer nebenan stehenden Camper-Wagenburg.

Während der Aufführung ist fotographieren natürlich verboten, was nicht heißt, dass das nicht geht 😉 Einige wenige Bilder durfte ich so mitnehmen.

Ein toller, unvergesslicher Abend mit viel Einblick hinter die Kulissen und vielen guten Berührungen, ich bin dankbar dafür.

240806 – Drabble-Dienstag

Dieser Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Danke dafür!

Die Regeln: 100 Worte, die drei Vorgegebenen müssen mit rein, dürfen nach Herzenslust gebeugt, aber nicht durch Synonyme ersetzt werden. Überschriften, Triggerwarnungen, Fußnoten und dergleichen zählen nicht mit.

Die Vorgabe lautet heute: Arme + abfahren + schuldbewusst

Sie sieht den Zug noch gerade eben abfahren. 3 Stunden Wartezeit, denkt sie, während sie ihr Gepäck auf die staubige Bank absetzt und sich die schmerzenden Arme massiert. Kein WLAN, kein Netz, rein gar nichts gibt es hier, irgendwo im Nirgendwo. Der schmuddelige Bahnhof gäbe eine gute Kulisse für „12 Uhr Mittags“ in Neuauflage ab.

Wäre ihre Mutter nicht so alt, nie hätte es sie hierher verschlagen. Es hatte Wiedersehensfreude, aber auch die üblichen subtilen Vorwürfe, die sie wenig schuldbewusst wegsteckte. Immerhin war Mutter versorgt. Dass sie ihr nicht verzeihen konnte, war ihre Sache. Hätte sie ihr zuliebe bleiben sollen?

Gestern, 240615

Familienkampftag mit Hindernissen

Mutter wird 89, aus gesundheitlichen Gründen beschränken wir uns auf ein gemeinsames ausgiebiges Frühstück, das geht noch. Leben zieht sich langsam, aber unerbittlich zurück. Das Gute daran ist, sie ist klar im Kopf und hat Hilfe.

Am Abend dann soll folgen die feierliche Masterverleihung des großen Kindes in der Stadthalle zu Wuppertal. Wer nicht dabei sein kann, ist das große Kind ihmselbt, das mit Grippe zuhause bleiben muss. Spätfolge eines ausgiebigen Freiluftkonzertes. Dann ist das jetzt so.

Des Kindes Liebste und wir halten Rat, die Karten waren sündhaft teuer. Eine zweigeteilte Veranstaltung, spätnachmittagliche Zeugnissvergabe, die wir uns schenken,wenn schon unser Hauptdarsteller derangiert abwesend ist. Das einmal bezahlte Buffet hingegen suchen wir auf, allein schon der Lokalität wegen.

Eben diese Umgebung verunsichert mich leicht. Junge Träger schicker Klamotten mit stolzen Eltern, soweit das Auge reicht. Ich vertreibe mir die Zeit mit Beobachtung und schrägen Bemerkungen. Die Stühle haben Augen in der Rückenlehne, jeder genau eines in der Mitte. Zyklopenstühle sozusagen. Ein Minidisplay zur Platzanzeige, höre ich, jetzt gerade nicht in Betrieb. Elektrische Stühle, aha.

Wasserflaschen stehen umher, ich schenke uns ein. Woran erkennt man eigentlich den Proleten, denkt es in mir. Richtig, der macht die Gläser stets randvoll. Ich beschränke mich auf die Hälfte und denke weiter. Man erkennt den Proleten ja auch daran, dass er sich Gedanken macht, wie voll er die Gläser schenken darf. Na dann, ich schenke nach.

Das Buffet ist ausgezeichnet, allmählich wird die Musik lauter und eine Kapelle geht geräuschvoll an die Arbeit. Mir gehen die vielen gemeinsamen Jahre mit dem großen Kind durch den Kopf. Realschüler, Berufskolleg, Abi als Jahrgangsbester, duales Studium, erste Berufserfahrung, der Master jetzt. Irgendwann in grauer Steinzeit habe ich mit ihm Mathe geübt, da war er 10 oder 11. Gleichheitszeichen untereinander, Operationsstriche nach jeder Zeile, Struktur in der Arbeit und immer eine Aufgabe mehr als gefordert. Mindestens. Immer auch andere teilhaben lassen, dabei lernst du selbst mit. Spätestens ab der sechsten Klasse wußte ich, dem brauche ich diesbezüglich nichts mehr erklären.

In anderen Lebensfragen und ganz grundsätzlich bin ich zeitlebens bei ihm. Gibt so viel, das nirgendwo offiziell gelehrt wird und immer wieder Neuland. Dazu betritt er Lebensbereiche und Gesellschaftsschichten, die mir fremd blieben. 

Ich wünsche ihm, den Beiden von Herzen Erfüllung.

Samstag, 240217

Damit nicht vergessen wird, was Kriege und Größenwahn mit Kindern und Heranwachsenden anrichten. Aber auch, weil es für mich einem Wunder gleichkommt, dass dieser Mensch sich heute in seinem 89sten Lebensjahr befindet.

Einmal hatte ich so eine Unterleibsgeschichte, mit 16 oder so. Der Arzt verschrieb mir Zäpfchen zum einführen. Die konnte ich nicht nehmen, weil in dem winzigen Zimmer kein Platz für mich allein war, neben den 4 anderen Bewohnern. Bin zurück zum Arzt und habe ihm das erzählt, hatte Glück, der verstand mich und wies mich für eine Woche in ein Krankenhaus ein.

1951, Zeitzeugin, Jg. 1935

Nein, aus Liebe habe ich ihn nicht geheiratet. Ich wollte da heraus, in ein eigenes Leben. Der hatte, nachdem seine Mutter fort war, zwei Zimmer in einer zerbombten Baracke, durch die der Wind blies. Eines davon drohte ihm das Amt wegzunehmen. Als wir endlich heiraten und ich zu ihm ziehen durfte, konnten wir die beiden Zimmer behalten.

1954, Zeitzeugin, Jg. 1935

Mit 15 hatte ich mein erstes Zwölffingerdarmgeschwür. Kein Wunder, bei dem Essen und dem drumherum. Erst gab es, wenn überhaupt, Kohl, Sauerkraut und Brennnesseln, ohne alles. Faule Kartoffeln und schimmeliges Brot. Später dann alles fett, keiner hatte gesund kochen gelernt. Ich sah aus wie aus dem KZ, so Ärmchen. Ständig am kotzen, konnte nix bei mir behalten.

1952, Zeitzeugin, Jg. 1935

Jeden Morgen nach dem wachwerden freue ich mich auf den kommenden Tag

2024, Zeitzeugin, Jg. 1935

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Donnerstag, 230713

Sollen wirklich alle Dämme brechen? Ist Kernschmelze aushaltbar? Im Grunde reicht der liebevolle Blick. Den Menschen am Stück anzunehmen. Wobei miteinander reden nicht schadet, meistens. Wenn man mitbekommt, ab wann besser geschwiegen werden sollte.

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Wir nutzen die gut 6 Minuten am frühen Morgen, meine Mitfahrerin und ich. Wie gehts, gut geschlafen, und so kommt eigentlich jeden Tag ein kleiner Dialog zustande. Manchmal holpert die Verständigung, die Umlaute und so, vor allem die mit den Pünktchen. Dazu kommt die frühe Stunde, meine temporäre geistige Trägheit sowie gewisse straßenverkehrstechnische Herausforderungen, aber mit ein wenig Phantasie und dem wiederholten einsetzen mehrerer Begriffe findet sich immer der passende Sinn.

Dann wieder sind die Dinge klar, kurz und bündig umschrieben. Was ihr wichtig ist, passt in wenige Worte, deren Reihenfolge alles andere als beliebig ist.

Mein Gott
Meine Kinder
Mein Mann

Sie erzählt von ihrem Großen und dass die Mama für alle Söhne immer die erste Liebe sei. Das sitzt, bei einem wie mir, der aus einer zumindest in Teilen dysfunktionalen Familie stammt, wie es heute heißt. Sie leiert keine Stereotype herunter, wenn sie so etwas sagt, sie strahlt innerlich und äußerlich dabei, was mich schwer beeindruckt und mir das Gefühl gibt, noch viel lernen zu können.

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