Dienstag, 241126

Versuch, am Morgen die Nacht festzuhalten

Das Böse kriecht und trägt Pelz, ich versuche, es zu zertreten, sinnlos. Jedes einzelne Stück unter meinen Sohlen lebt weiter, begleitet von leisem Kichern.

Also steige ich tiefer hinab, auf Balrog-Ebene (Tolkien lässt grüßen). Nicht dort, wo die Dämonen leben, sondern dort, wo sie geschaffen werden. Lerne die Feuersprache, moduliere meine Stimme in ungeahnte Tiefen und spüre, es wirkt.

Nein, ich bin kein Teil dessen, nur weil ich ihre Sprache spreche. Nicht in dieser Tiefe. Nicht in dieser Begleitung.

Schutzengel

Mutter glaubt an nichts, sagt sie. Fort ist fort, Asche zu Asche und fertig. Einzig das Maß an Erinnerung bei denen, die noch bleiben müssen, ist für sie so etwas wie Leben nach dem Tod.

Aber irgend etwas sei doch da, sagt sie.

So wie in den 80ern, als ein schweres Paket donnernd einen halben Meter neben ihr zerbarst, unachtsam von Arbeitern 6 Stock höher nach unten befördert.

Oder damals, 1943, im Keller am alten Markt, dem Zentrum der Hölle. Als die plündernden Zwangsarbeiter sie in dem Kellerloch bemerkten und „alle raus“ schrien, weil die Flammen weiter oben jeden Sauerstoff verbrannten. So viele andere fand man äußerlich unversehrt, im Erstickungstod einander umarmend.

Irgend etwas wird doch sein, da sind wir uns einig.

Montag, 230213

Muttertags-Samstag, Nachlese vom Besuch in meinem Heimatdorf. Eigentlich isses gar kein Dorf, schon lange nicht mehr. Geblieben sind die engen Sträßchen, die mir als Kind so gewaltig vorkamen sowie seltsame Familienverhältnisse, die sich in den zwei dominierenden Familiennamen wiederspiegeln. Vom Gründer des Dorfes mal ganz zu schweigen, eure selbsternannte Heiligkeit Elias Eller. Der floh einst aus dem sündigen Elberfeld, um es auf den Südhöhen dann so richtig zu treiben und nebenbei die Sekte der Zioniten zu gründen. Der mündlichen Überlieferung zufolge gab es keine Eheschließung ohne seinen Segen, dem eine praktische Tauglichkeitsprüfung der Braut vorausging. Was selbst seinem alten Kumpel Daniel irgendwann zu bunt wurde, der daraufhin nach Arnheim floh.Zwar blieb man dem in seinem Dorf gewogen, aber die Macht der Coffee-Shops war einfach stärker und der gute Daniel irgendwann verschollen, vermutlich im dichten Rauch einer gewaltigen Tüte das Weite suchend.

Tja. So Sachen gehen mir durch den Kopf, wenn ich zuvorkommend fluchend mit meinem kleinen Auto die engen Gassen erkämpfe. So richtig authentisch wird das mit der passenden Musik. So lief letzten Samstag „Cowboys“ von Portishead. Dieses Lied passt so sehr in das Dorf, die Stimme der Sängerin lässt vor meinem geistigen Auge binnen Sekundenbruchteilen hinter jeder Hecke, hinter jedem Gemäuer fiese kleine, leise flüsternde Geister und Kobolde vermuten, mit spitzen Zähnen und boshaften Augen.

Bete, arbeite, fall nicht auf, machs jeden recht und halt ansonsten deine Fresse…

Did you feed us tales of deceit?
Conceal the tongues who need to speak?
Subtle lies and a soiled coin
The truth is sold, the deal is done

Freitag, 220211

Eine Kräfte-zehrende Woche geht zu Ende, jedenfalls Freitag. Wie lange ist es her, dass dieser Wochentag ein Grund zm hemmungslosen feiern war? Heute freue ich mich drauf, mal einen Film zu Ende schauen zu können, ein paar Worte mehr mit meiner Frau wechseln zu können oder schlicht früh schlafen gehen zu können. Soweit alles im altersgerechten Rahmen.

Sonst so? Dämonen – ein Begriff für die Leichen im Keller, für unsere emotionalen Abgründe. Es gibt Menschen, die von sich behaupten, keine Dämonen (mehr) zu haben. Mag sein, dass das für einige wenige zutrifft, der große Rest dagegen hat es einfach nur leichter. Bewusstsein ist anstrengend, wer es leicht nimmt, weiß oder spürt, wo er besser aufhören sollte, zu graben, gesegnet sind jene, denen es an entsprechenden Leidensdruck mangelt. Leider ist diese Strategie zumindest für mich nicht sonderlich erfolgversprechend, führt doch Unentdecktes aller Art sein Eigenleben im Schattenreich meiner Seele. Dämonen mögen Versteck-Spielchen, aber am liebsten kommen sie karnevalistisch verkleidet, unter falscher Flagge daher.

Manchmal ist es wirklich nicht leicht, den Fratzen die Verkleidung abzureißen. So frage ich mich mitunter – wie echt ist mein Mitgefühl, meine Anteilnahme, meine Hilfsbereitschaft wirklich? Entspricht dies dem aufrichtigen Wunsch, zu verstehen, erfassen und vielleicht auch helfen zu können oder ist all dies nur Ausdruck meiner zahlreichen Süchte, wie zum Beispiel Geltungssucht oder Liebes-Sucht (die Sucht, geliebt zu werden)? Spätestens dann wird es Zeit für mich, in die Stille zu gehen und nachzuspüren, in den Keller zu steigen, um zu schauen, was dort vor sich geht. Nach einer Weile der inneren Zäsur wird dann schon klarer, was ist. Spüren und annehmen schliesst das alles ab, kleine, für andere oft nicht wahrnehmbare Korrekturen werden gefahren, bis zu nächsten Mal, wenn dieses irgendwie unstimmige Gefühl zum Kellergang auffordert.

Was beruhigt, ist, all dies beschreiben zu können, aber nicht zu müssen 😉

Roman Pestak

So. Das Leben ist ernst genug. Zurück um Tagesgeschehen – weniger ist bekanntlich mehr und durchaus Erfolg-behaftet, wie man sieht:

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