Dienstag, 251230

Der mutmaßlich letzte Blogeintrag dieses Jahres. Nun sollte ich den Stapel Papiere sichten, ordnen, sinnvoll kategorisieren und einscannen. Stattdessen sitze ich hier und pflege den Konjunktiv, während ich darüber schreibe, was ich täte, wenn ich nicht schreiben würde. Das kann ich gut, so scheint es. Immer drumrum um die heiße Suppe.

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Heute? Mutter hat ein neues Smartphon. Nachdem sie Ewigkeiten mit einem ollen S7 rumgemacht hatte, spendierten wir ihr ein neues A17, Anfängerklasse für vergleichbar Kleines. Für meine 90jährige Mutter also genau richtig, die außer telefonieren und whatsappen inklusive Bilder bekommen und versenden eh nichts damit macht. Was für sie schon Herausforderung genug ist. Die Migration war gewohnt nervig, da musste recherchiert werden und Passwörter erneuert und so weiter. Ein 2-Stunden-Werk, ohne Mutter. Bin schon selbst genervt genug.

Neuerung: Bildschirmsperre, aufzulösen via Gesichtserkennung oder PIN. Beim Wort PIN verzog sie erst mal das Gesicht. Muss ich das jetzt jedes Mal … nein, Mutter. Wir richten dir eine Gesichtserkennung ein. HahNäh, dann lieber die PIN … nu setz dich mal da hin, ich stell mich hinter dich und dann guckste schön in das Loch da und tust, was auf dem Schirm steht. Ogottogott, Drama. Nu den Kopf heben. HEBEN, nicht senken, ja so. Nach dem fünften Anlauf war Mutters Antlitz endlich im Kasten. Hier, auf das kleine Schloss da musse gucken. Offen ist offen, dann nach links wischen und weiter wie gehabt. Wenn dein Gesicht mal nicht erkannt wird (Scheißlicht, Augen entzündet, Brille auf oder sonstwie ein schlechter Tag), dann hasse immer noch die PIN. Aha. Soweit, so gut, Ich mache mit ihrem neuen Phon noch ein Bild von ihr und schicke das einer ihrer üblichen Verdächtigen, die kurz drauf anrief, weil Mutter nicht pünktlich zum zocken erschien. Geht doch nix über einen geregelten Tagesablauf. Sie wird schon klar kommen, mit dem üblichen Gedöns.

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Was bewegt?

Tatsächlich Altersbeschwerden, man(n) glaubt es kaum. Schulterbeschwerden, irgend eine scheißhartnäckige Entzündung, die mich seit Monaten ärgert und leider nicht von allein verschwindet. Es knackt und knirscht dazu unterirdisch. Klingt nicht gut und fühlt sich schon gar nicht gut an. Ich recherchiere und bin nicht überrascht. Lass die drei Kippen am Abend weg, meide Zucker. Wusste ich vorher schon, fällt mir aber beinahe unmöglich, dank der Flut an diversen Zuckerbackwerk hier. ICH WILL ABER – dann leide still weiter, tönt es aus dem Universum. Darüber hinaus beschäftige ich mich seit einiger Zeit eingehend mit Neurobiologie, um zu verstehen, wie es überhaupt dazu kommt, dass Mensch zu solch chronische Entzündungen neigt, obgleich ich doch alles in allem recht gesund lebe. Die Ergebnisse gefallen mir nicht, stehen da doch so Sachen wie langandauernde Überforderung des Nervensystems und so weiter. Je tiefer ich grabe, um so unangenehmer wird es, gerade auch bein Einfluss des sozialen Umfelds auf alledem. Die Wechselwirkungen zwischen uns Menschen, destruktiv und konstruktiv, die Macht der Worte, fremde und eigene. Wenn ich irgendetwas verstanden habe, dann dass ich anfangen sollte, etwas liebevoller mit mir selbst umzugehen. Klingt ganz einfach, oder? Jemand empfiehlt – rede mit dir selbst, am besten nach dem aufstehen. Ok, die Katze guckt, als hätte ich nicht alle Latten am Zaun und so fühle ich mich auch. Was wiederum ein dümmliches Grinsen erzeugt, das so schräg ausschaut, dass ich tatsächlich lachen muss.

Geht doch, ein guter Anfang, finde ich.

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Wenn ich zurück schaue – dankbar bin ich für eine nicht mehr erhoffte Chance auf Begegnung. Der Kontakt entwickelte sich im Zuge der Hochzeit meines großen Kindes im Sommer. Der erste nach über 25 Jahren zu seiner großen Schwester. Es gleicht einem Wunder.

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So. Der Stapel wartet immer noch, ebenso die verdreckte Bude. Und morgen ist es vorbei mit 2025, wir bleiben hier und sehen 2 alte Freunde wieder. Was selten genug vorkommt, wir freuen uns drauf.

Kommt gut raus und wieder rein, in das Neue.

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Donnerstag, 250918

Hier ist der Zehnnachsiebenmann – so melde ich mich allmorgendlich, wenn ich zuhause anrufe. Meist gibt es nichts zu sagen, darum geht es auch gar nicht. Der Anruf ist Kult, nur so, zum Zeichen, dass ich dein gedacht. Kann auch mal 5 nach 7 sein, oder 20 nach.

Schnell noch etwas belangloses schreiben.

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Jemand schreibt von Kadenz und ich werde neugierig. Da war doch noch was, richtig, die Dekadenz. Völlig verschiedene Begriffe, der eine vorwiegend künstlerisch auf Takt- oder Versfolgen bezogen, der andere beschreibt landläufig den Niedergang einer Gesellschaft. Interessanterweise haben beide dieselbe lateinische Wortwurzel – cadere – sinken, fallen. Denke ich mal drüber nach.

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Der Kollege (der einzige hier) kommt rein, morgenknitterfaltig. Wir erzählen, was der Tag so bringt. Also er erzählt, weil, was ich mache ist vorsichtig formuliert überschaubar. Der X kommt heute, und der bringt einen mit, son Langer. Wir überlegen beide. Den kennst du auch, den hast du schon ein paar mal zur Sau gemacht. Üch?? Da kommen mehrere in Frage, denke ich. Aber der Name will uns beiden nicht einfallen. Alte Männer unter sich, sagt der Kollege und wir grinsen.

Mein Kopf ist recht klein, trotz Hutgröße 60. Also muss da ab und zu was raus, damit was Neues reinpasst. Leider gehen da auch Sachen verlustig, die eigentlich noch ein wenig hätten bleiben können. So Beifang rückwärts meinetwegen. Egal, wat fott is, is fott, wie der Kölner sagt.

So, 10 nach 7 …

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Freitag, 250411

Voller Mond und ich bewege mich rhythmisch sanft schwingend im Bad vor dem Spiegel, ohne ihn zu beachten. Knöpfe im Ohr und Danke, Lou Reed, für die morgendliche Tageseinstimmung.

Der Jugendfreund ist gerade mal ein Jahr älter als ich und braucht nun eine Chemo-Therapie, wegen einem Auto-Immun-Ding, das die Nieren daran hindert, zu tun, was ihnen eigen. Ich denke an ihn und bitte für ihn. Fürbitte, zeitloses Gebet.

Der Mutter muss ich schlechte Kunde tun. Eine richtig gute Freundin ist verstorben, sie war ein Jahr älter als Mutter, wäre nun 91 geworden. Mutter telefoniert tief getroffen mit der verbliebenen Kegelschwester, nun sind sie zu zweit, von einst Elf. Wer der letzte ist, und dass sowieso keiner vergessen wird. Einsam ist Mutter in der Einrichtung jedenfalls nicht, es gibt tatsächlich noch andere, die nicht blöde sind (Originalton) – das freut mich. Sie wissen genau, wo sie hier sind und machen das Beste draus. Meistens.

Tick? Ja, habe ich. Ich entschuldige mich allwerktagmorgendlich bei meinen Füßen, dass ich sie wieder einsperren muss, in Eisenschuhe. Zum Ausgleich bekommen sie Training, Aufmerksamkeit und Pflege. Und noch einer – aber das ist kein richtiger Tick – sich von den Katzen verabschieden, wenn man das Haus verlässt. Machen doch fast alle Dosenöffner. Auf bald und so.

Voll & rund  …

Freitag, 250314

Aufstehen gleicht einem Kampf gegen die Schwerkraft, derzeit. Bleierne Müdigkeit, die mehr als körperlich ist. Feine Dinge möchte ich tun. Gesetzte Worte von mir geben, Katzen bespielen, andere Versehrte (unversehrt ist in dem Alter kaum wer) zum Cafe treffen, ausgiebig Mittagschlaf halten, gute Bücher lesen, Zeit für raffinierte Gerichte finden, handwerken nur, wenn es Not tut.

Aufwachen, jetzt.

Stattdessen zerkleinere ich hochlegierten Werkzeugstahl – ich verdiene mein Geld damit, einfach solange etwas zu entfernen, bis der verbleibende Rest Gefallen findet. Die Ohren sorgfältig mit Silikonpfropfen versiegelt – Hohlraumversiegelung nennt das der untergroße Kollege nebenan. Worauf ich ihm Futter gebe und zwanglos blöd tue. Das ist einfacher als es klingt, ich habe sie nicht alle, das weiß man hier.

Im Grunde geht es mir gut, Es nerven nur wenige, und das eher selten, meist sind alle nett zu mir – mag sein, eher aus Selbstschutz denn aus Nächstenliebe. Was das Verweilen erleichtert, aber in der Folge so einen scheißlangen Abschied von der Arbeit nach sich zieht. Etwas in mir möchte sich unbeliebt machen, auf dass man mich schassen möge, aber den Gefallen tun sie mir nicht. Dann bleib ich eben umgänglich, das ist auch ein Leichtes, derweil ich 90 % meiner Zeit hier allein bin.

Wenn nur die Müdigkeit nicht wäre.

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Samstag, 250201

Abgearbeitet

Diese Woche fand die elterliche Wohnungsauflösung ihren Abschluss. Letzte Arbeiten, Sperrmüll, Wohnungsübergabe, Stadtwerke kündigen. Mein Job ist getan, andere dürfen noch abrechnen. Was bleibt, ist eine gewisse Erleichterung und ein fades Gefühl. Wieder ein Kapitel abgeschlossen. Wann das letzte? Eins nach dem anderen, flüstert es von oben. Mach erst mal deine Steuererklärung.

Noch zu schließen: Erwerbstätigkeit. Mutter auf den letzten Metern begleiten. Neu: Vielleicht irgendwann den seltsamen Oppa abgeben, so zumindest der Plan der großen Kinder, wenn das Nest einst fertig wird. Eine Rolle, die für mich momentan irgendwie unvorstellbar ist. Was nix heißt, so fühlte sich das auch damals an, als ich Vater werden sollte. Außerhalb der Familie: Irgendwie nützlich machen, da draußen. Zu tun ist genug. Kann kochen, sachliche Briefe sowie krauses Zeug schreiben und manchmal gut zuhören. Immerhin mehr, als je gedacht.

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Donnerstag, 240822

Zweieinhalb Wochen habe ich dieses Gefühl nicht mehr gehabt – Grundmüdigkeit. 2 Werktage reichen, um es wieder zu spüren. DER Kollege verspricht mir Tags zuvor vergnügliches Quietschgummigrillkäse-essen aus dem Anlassofen (das ist Werkstatt-Dekadenz, es gibt nichts, was sich nicht auch privat nutzen lassen könnte). Und dann isser beim Doktor und ich verzehre Vorräte, Eichhörnchen, ich.

Ansonsten ist arbeitsseitig alles beim alten, stabil sozusagen. Außer, dass noch ein wenig mehr verwaltet werden soll. Die Sache ist nicht wirklich wichtig, Hauptsache, es sieht von außen betrachtet gut aus. Von weit außen. Bis die Kacke irgendwann so dampft, dass die Wolken auch in Übersee komisch riechen. Dann wird schnell gesch(l)ossen. Vorher wird gerechnet. Wann gehen die (Triggerwarnung – Schimpfwort) Boomer endlich freiwillig mehrheitlich in Rente? Was kostet es, den Rest loszuwerden? Wer macht in der Theorie dann noch die Arbeit? Ok, die letzte Frage ist nicht so wichtig, das findet sich.

Gut, dass ich schon so alt bin – diesbezüglich.

Die anderen Seiten des Lebens gibt es ebenso und die sind weniger kommödienhaftes Laientheater. Mutter lässt in letzter Zeit die ernsthafte Absicht erkennen, in ein Heim umsiedeln zu wollen. Hände und Gelenke wollen nicht mehr, Alltägliches dauert ewig oder geht ohne Hilfe nicht mehr. Degeneration, es wird nicht mehr besser. Und so schauen wir uns um, in Monte Petrols Umgebung, nach Möglichkeit fußläufig erreichbar. Wenn ich einen Wunsch frei habe, dann möge ihr das Ende, wie mein Vater es erleben musste, erspart bleiben.

Mittwoch, 240207

Die Nacht endete um 2 Uhr mit einem neuen Auto im Traum. Groß, geräumig, da hätten viele Fahrgäste Platz gefunden. Gab aber keine. Nicht einmal eine Katze am Nachtlager, die die Nacht noch hätte retten können. Also von links nach recht und wieder auf den Rücken, um dann doch das Phon in die Hand zu nehmen. Wenn schon wach, dann richtig. Senile Bettflucht und so.

Tageseinstimmung? Paar Kommentare abgesondert und dann fein Blogs gelesen. Beim Matthias dann an Heinz Rudolf Kunze erinnert worden. Stirnenfuß um 3 Uhr früh, der Tag kann kommen.


Affen hinter Windschutzscheiben zuckten unter Stromschocks,
eine Hand am Radio, die andre am Geschlecht.


Willkommen im Berufsverkehr.
Auch gut zu hören.

Nachtschattengewächs…

Zwei Seelen kämpfen derzeit in des Zwillings Brust. Die eine hätte gerne mehr Zeit und ist wütend, weil es die nicht gibt. Noch nicht. So bleibt halt vieles liegen. Und manches davon wird möglicherweise nie wieder zu erledigen sein, derweil auch das Leben meiner Mutter endlich ist. Auf der anderen Seite ist da der brave Knecht, der jeden Tag sein Werk verrichtet. Noch. Ein ebenso bipolarer Knecht, dem sein Berufsstand und sein Tagewerk immer noch etwas bedeutet. Leider sitzt auf der Schulter ein auf jedweiles Ehrgefühl kackendes Teufelchen, dass Wege in oben angegebene nicht vorhandene Zeit sucht, nach Möglichkeit ohne größere finanzielle Einbrüche. Der kleine Kerl ist echt kreativ, aber auch anstrengend, kann ich euch versichern. Obendrein schickt er komische Träume, die bis auf wenige Ausnahmen, siehe oben, nicht öffentlichkeitstauglich sind.

Alles in allem ein ganz normales 62stes Lebensjahr also.


„Wozu gab man euch neun Leben?
Seid ihr nicht unsterblich?“
Schrie ich und berührte sie –
da waren sie aus Schnee

(schon wieder Kunze)

Sonntag, 221016

Mir geht dieses Bild nicht aus dem Kopf.

Vater schläft offensichtlich tief und fest, mit offenem Mund. Meine Mutter sitzt an seinem Bett und streichelt seine Hand. Diese Atmung. Flach, gut hörbar, und ein unglaublich langsamer Rhythmus, immer wieder unterbrochen durch lang andauende Atempausen, in denen ich zweifele, ob noch ein weiterer Atemzug folgt. Aber auch die Pausen unterliegen dem Rhythmus, es geht weiter, vorerst. Vaters Hand bewegt sich und ich lasse die beiden allein.

~

Am Abend versuche ich mich abzulenken, installiere eine neu App auf meinem Phon. Son Ding, das nicht nur den Mond, auch die Sonne und alle anderen Planeten betrachtet. Viele Zahlen, Geometrie pur, ich verstehe nur wenig, erfahre aber nebenbei, dass der Mond jetzt gerade das Sternbild Krebs passiert, in dem er, wie in allen anderen Zeichen rund 2.5 Tage verweilt. Im Sternbild Krebs ist er zuhause, der Mond, in der Gegenwart ebenso wie zur Zeit meiner Geburt. Welch eine Zeitqualität.

Die Bilder wollen nicht weichen. In solchen Zuständen gehe ich öfter mal in die Küche. Es ist Samstag und ich denke an unsere Ex-Kanzlerin, der man eine gewisse Suppen-Affinität nachgesagt hat. Nebenbei denke ich, wie schnell das geht, mit den guten alten Zeiten, damals, mit Mutti. Kartoffelsuppe steht also für Stabilität und Erdhaftigkeit und so entscheide ich mich, einen großen Topf davon zuzubereiten. Während ich schnippele und putze, läuft Musik, und so langsam macht es der Kopf dem Magen nach und leert sich.

Ein solcherart gefüllter Magen sorgt auch für eine etwas bessere Stimmung, der Rest des Tages verläuft unspektakulär, gefolgt von einer Traum-durchwirkten Nacht. Beim schreiben jetzt spüre ich eine gewisse Erleichterung. Die sich immer wiederholende Magie, wenn sich Gefühl und Wort miteinander verbinden und eine harmonische Einheit bilden.

Der Sonntag steht an, es soll halbwegs trocken bleiben. Der Ärger um den Pflegedienst (den gibt es ja für Mutter auch noch) kann warten. Zeit, sich den goldenen Oktober mal näher anzuschauen, heute Nachmittag.

I’ve been looking so long at these pictures of you…

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Freitag, 221014

Vater. Die Bilder gehen mir nicht aus dem Kopf. Ablenkung hilft auch nur bedingt. Mir fallen die Worte einer schon lange verstorbenen Freundin wieder ein. Wenn ich meinen eigenen Körper nicht mehr tragen kann, ist es schnell vorbei. War es bei ihr auch, aber das scheint nicht allgemeingültig zu sein. Dazu ist er recht klar im Kopf, trotz fortschreitender Demenz. Wenigstens erkennt er mich und meine Mutter. Sprechen fällt ihm sehr schwer, Toilettengänge sind unmöglich geworden, mit allen daraus folgenden Konsequenzen, auch mit Blick auf die Personaldecke der Station. Was für ein Elend. Wir waren uns den größten Teil unserer gemeinsamen Zeit nicht grün, aber das habe ich ihm nie gewünscht.

Dazu kommt ein mittlerweile wieder stattlicher Stapel Post, den es abzuarbeiten gilt. Pflegeheim, Krankenkasse, Pflegedienst für die Mutter, alle haben Wünsche. Lesen, verstehen, Rechnungen begleichen, alles scannen und ab in die Cloud, damit alles jederzeit und überall greifbar ist. Hat sich schon so oft als sehr nützlich herausgestellt. Nützlich – machen – kann ich. Nur das Elend kann ich nicht beseitigen. Beten kann ich, aber der große Chef hat seine eigene Vorstellung von Zeit.

Draußen singt ein Vogel wie im Frühling. Junge, stell mal deinen Kalender nach, möchte ich ihm sagen. Mach ich natürlich nicht, zum einen wärs ihm sowieso gleich, ob da ein Mensch was sagt oder nicht, zum anderen gefällt mir sein Gesang. Nach Lage der Dinge bekommen wir hier wohl ganzjährig Wachstumssaison. Urwald bergisches Land oder so. Am Unterlauf der Wupper sieht es eh schon aus wie am Amazonas.

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Sonntag, 221009

Vollmond im Widder.
Gefühlslage – Karg und verlassen.
Es ist nur ein Gefühl, hat also einen Anfang und ein Ende.
Ich bin nicht mein Gefühl und nicht mein Ego.
Auch nicht meine Gedanken.

Einer ist immer bei mir.

Die gute Nachricht: Die getrennt lebenden Eltern gesunden. Bei meiner Mutter überrascht mich das nicht, freut mich dennoch natürlich. Selbst Vater hat Corona überstanden, ich stehe im telefonischen Kontakt mit der Station. Vielleicht gehen nächste Woche wieder Besuche. Freue ich mich für ihn? Ja und Nein. Er will gehen. Aber was heißt das schon, gehen wollen. Die Entscheidung fällt er nicht, zumal er Suizid ablehnt. Ist auch keine Lösung, glaube ich. Unheimliche Zwischenwelten verlängern nur das irdische anhaften an das alte Leben. Wir werden geholt. Auch mein Vater.

Vollmondlied – ich bitte um Nachsicht.