Freitag, 260227

Dieser Tage stehe ich morgens wie immer um kurz vor 4 Uhr im Bad und restauriere meine Fassade. Das Radio läuft, die Live-Übertragung zur Lage der Nation des amerikanischen Präsidenten, simultan übersetzt von einem bemühten Sprecher. Eine geballte Ladung Rassismus, Bösartigkeit und Lügen, Goebbels wäre stolz auf den gewesen.

Und hier? Machen sie nen „Faktencheck„. Wenn man einen üblen Hetzer, notorischen Lügner und Demagogen aus Gründen der Staatsräson schon nicht so nennen darf, dann wenigstens sehr deutsch inhaltlich analysieren. Einmal mehr bin ich froh, kein Diplomat oder überhaupt Politiker zu sein, nicht umgehen zu müssen mit solchen Abschaum.

Radio an die Wand haben schon andere gemacht.

Abschalten hilft, für den Moment.

Und da ich schon mal dabei bin, abzurotzen. Das tue ich gerade wörtlich, der verstopfte Rüssel konkuriert mit der derangierten Schulter um den scheiß ersten Platz der persönlichen Plagen. Männerschnupfen, ganz schlimm, man kennt das. Mutter hat es gerade hinter sich, ist unternehmungslustig und nörgelt, dass keiner Zeit für sie hat. Einmal mehr möchte ich darauf verweisen, wer denn hier und warum unterlassen hat, noch ein paar Geschwisterchen zu zeugen, die sich jetzt kümmern könnten. Mache ich nicht, aus Gründen der Räson (tolles Wort).

Oft frage ich mich, woher dieses zähe Geschöpf die Kraft nimmt, so alt zu werden. Sie hat alle möglichen Erkrankungen durch, Geschwüre, Tumore, Bandscheibenvorfälle und und und. Sie ist ein Genussmensch, sagt die Liebste, das hebt, wie man sieht. Immerhin dreht sich bei ihr nicht alles ums fressen, sie interagiert viel mit ihren Mitbewohnern und liest auch viel.

Und ich? Denke manchmal, gar nicht schlimm, jetzt zu gehen. Das sind so Momente, die sich verdammt echt anfühlen. Warum auch immer. Vielleicht Veranlagung, vielleicht die nur lose zugeschütteten neuronalen Suchtgräben in meinem Kopf, vielleicht Müdigkeit, wahrscheinlich ein Mix aus allem.

So. Genug schlechte Luft verbreitet. Mir zur Erleichterung und euch zur Unterhaltung. Und irgendwo dahinten ist auch noch mein Schöpfer, der bestimmt, wann die Zeit gekommen ist. Könnte mich mal wieder mehr hinwenden, zu ihm. Oder wenigsten zu seinem Sohn.

Blume Nr. 1

Bonbonhimmel mit Gevögel.
Wenn das kein Zeichen ist.

Mittwoch, 250723

Alt werden und so

Jeden Tag nur ein Teil einkaufen, der arg geschundenen Tragkraft wegen. Aber eben täglich, am besten so gegen 17.00 Uhr, wenn alle anderen auch einkaufen. Das geht nicht früher, vorher ist Mittagsschlaf, gefolgt von Kaffee & Kuchen. Bezahlt wird natürlich nicht bargeldlos, so `n neumodischen Kram, nee nee. Hand voll Kleingeld, ups, die Hälfte schon wieder runtergefallen. Gaaanz langsam bücken (kein Vorsatz, das geht nunmal nicht schneller) und das Blech wieder aufsammeln, während weiter hinten Feuer gespuckt wird. Gaaanz langsam wieder auftauchen, die rückwärtige Schlange mit den mordlüsternen Augen dackelig angucken und erst mal nen entschuldigenden Plausch mit der Kassiererin beginnen.

Nee, ernsthaft – Zu sehen, wie sich meine mittlerweile 90jährige Mutter fortbewegt, macht mich an der Kasse geduldiger.

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Donnerstag, 220310

Heute ist Sperrmüll im Kiez. Und am gestrigen Abend das übliche Bild, ausmistende Bergbewohner, Fußwege zu mit Müll, plündernde und streitende Lieferwagenbesatzungen, Volksfeststimmung allerorten. Ich muss öfter mal auf die Straße wechseln und schaue nur selten genauer hin, was da alles aus Kellern, Ecken, Abstellräumen den Weg ans Licht findet. Hier allerdings lege ich einen Stopp ein und gehe sogar ein paar Schritte zurück. Mitnehmen will ich sie nicht, so weit geht die Liebe nicht, mal davon abgesehen, dass nicht alle im Haushalt damit einverstanden wären. Aber ein Bild – das muss sein.

Sperrmüll-Prinzessin, du hast wahrlich bessere Zeiten gesehen. Aber selbst in deinem morbiden Charme jetzt strahlst du noch Anmut und Würde aus, passt auf deine Weise in dieses ebenso ramponierte Quartier mit seinem bröckelnden Fassaden. Gerne hätte ich dich an deinem angestammten Platz gesehen, in irgendeinem Hinterhof-Beet hier in der Straße. Was du alles gesehen und gehört haben muss, in den vielen Jahren, in denen deine schönen Füße Moos ansetzten. Zum Zeichen deiner Würde hat man dich obenauf gestellt, auf dem Haufen, auf dass ich dich sehe und wenigstens für eine kleine Weile dein Andenken hier bewahren kann. Machs gut, Prinzessin, auf der anderen Seite, vielleicht sieht man sich mal.

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