Heimatlos – hörte ich neulich. Das ist eines, wenn Menschen oft umgezogen sind, zwischen Städten, Landstrichen, oder gar Staaten. Selbst betrifft mich das so nicht. Meine Eltern sind in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, so wie auch ich. Nie habe ich das so genannte bergische Land verlassen und kenne mich hier recht gut aus, zumindest, was Wuppertal und Remscheid angeht. Habe hier mein Berufsleben in einem klassischen Industrieberuf verbracht, der früher mal großes Ansehen genoss. Klingt bodenständig, oder ?
Innen drinn sieht das anders aus. Die große Suche nach dem Frieden mit der Vergangenheit, persönlich und staatsangehörig, hat immer wieder verhindert, mich hier wirklich heimisch zu fühlen. Es hat sich nie ergeben, aber vermutlich würde sich das an jedem Ort auf Erden so anfühlen. Lichtblick: Es wird mit den Jahren besser. Diese unbehauste Lebensgefühl weicht nicht, aber wir freunden uns an, dieses Gefühl und ich Erdenbürger, den das bergische Land nicht losgelassen hat. Oder dem der Mut fehlte, andernorts glückszurittern. In der jüngren Geschichte stand Berlin mal kurz auf der Agenda, aber die Eltern zu alt, das Kind zu jung. Heute zu teuer. Also nicht.
Angezogen hat mich immer das flache Land, der Niederhein, und die Niederlande, historisch begründet mit meinem Hang zu gewissen Substanzen. Was blieb, ist die Liebe zum flachen Land und zum großen Wasser.
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Wort des Tages dieser Tage bei der Wildgans: Niederlande.
Das gelobte Land meiner wilden Jahre. Gleich lange, aber unterschiedlich breite Tage auf dem flachen Land. Wasser, viel Wasser, Weiden, Windmühlen, Menschen mit einer unserem Heimatdialekt verwandten Sprache. Coffeshop mit Machetenmann am Tresen, der den Shit schnitt wie hier der Metzger die Wurst. Selbstvergessen am Tischkicker, die Welt weit fort. Vlaflip, Frikandeln, Pommes total und andere Schweinereien. Einst wollte ich flüchten, vor dem deutschen Unterhaltsrecht, was Ehegattenunterhalt betraf. Besuchte sogar einen Niederländisch-Sprachkurs bei der Volkshochschule. Bin dann doch geblieben, dem großen Kind zuliebe.
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Seit dreißig Jahren wohnen wir 10 km von meiner Heimatstadt entfernt und gelten als Zugezogene. Warum auch nicht, denn heimisch fühle ich mich immer noch in Frankfurt an der Oder, wenn auch meine Mutter in den letzten Jahren zu sagen pflegte, dass es nicht mehr ihr Frankfurt sei und ich ihr größtenteils zustimmen konnte. Meine Urgroßeltern kamen 1904 aus Baudach jenseits der Oder nach Frankfurt. Mich zieht es öfter in die Berge. Das mache ich an meinem Großvater fest. Seine Heimat war der Harz.
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Zugezogener – „Hergeloopener“ – so nannte man mich in der Nachbarstadt Remscheid 🙂 Bergisches KleinKlein ….
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Es gibt ja dann enorm viele Gegenden, wo du nicht versucht hast „glückzurittern“!
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Oh ja 🙂 Wahrscheinlich wird sich daran auch nicht viel ändern. Könnte mal ein Weilchen so bleiben, wie es ist, zumindest, was das Zuhause angeht.
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Es macht wohl auch nicht glücklicher, wenn man umzieht. Vielleicht dann, wenn man merkt, dass eine andere Gegend das Herz mehr berührt. So bin ich zum Geburtsort zurück nach 38 Jahren in OWL runter in den Schwarzwald. Hier noch 5x umgezogen, 3x kompletten Neustart gewagt. Heimat ist es für mich vielleicht und ich werden einst unter eine Buche bleiben.
Man nimmt sich schließlich immer mit, egal wohin man geht.
Liebe Grüße,
SyntaxiaSophie
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Das ist so, mit dem sich-selbst-mitnehmen. Darum zieht es mich auch nicht mehr fort. So eine Art Altersseßhaftigkeit, keine Ahnung 🙂 Der Niederrhein wäre schön, aber da kriege ich die Liebste nicht hin.
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Heimatlos, ja das trage ich tief im Inneren.
Auch wenn es nicht an Örtlichkeiten gebunden ist.
Liebe Grüße dir.
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Ja … Liebe Grüße auch dir.
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Ja, Nati, ich weiß.
Das kennen wir beide.
Guten Morgen dir!
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Ich will für Berlin nicht eine winzige Lanze brechen, aber wir sind unter den Großstädten nach meiner Meinung immer noch recht preiswert – Frankfurt, München, Hamburg und und und sind viel teurer.
Bei den Mieten ist Berlin an dritter Stelle nach München und Frankfurt. – Bei den Lebenshaltungskosten tauchen wir unter den 10 teuersten Städten gar nicht auf. – Im Weltvergleich ist München gegen 5 Städte aus der Schweiz noch „billig“
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Das mag alles stimmen, ist aber kein Vergleich zu unseren jetzigen Lebenshaltungskosten hier im Tal der Wupper. Und als Rentner werden 40% Netto fehlen, locker.
Die Schweiz ist irre teuer, oh ja. Wir haben letztes Jahr dort Urlaub gemacht, dem großen Kind hinterhertouren. Es gab Gelegenheit, mit ein paar Schweizern zu plaudern, das ist extrem dort, mit viel Unruhe im Land.
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Ich glaube ja, dass man das Gefühl von Heimatlosigkeit (als fehlende Zugehörigkeit, fehlende Verbundenheit?) in sich trägt, dass es also ziemlich unabhängig von (geografischen) Orten existiert. – Wobei es schon „reale“ Gegebenheiten gibt (wie zB eine Fluchtbiografie), die ursächlich sind. Aber auch da finden sich manchen Menschen leichter in ein (neues) Daheim ein, andere gar nicht. … Kann man es ihnen leichter oder schwerer machen. – Ein spannendes und wichtiges Thema, das ja auch eine politische Dimension hat.
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Stimmt, Vertreibung und Migration sind äußere Zwänge, die so fühlen lassen können. In meinem Fall liegt das in der Vergangenheit. Familiengeschichte, Kindheit, und so weiter. Es nützt nichts, sich zu grämen.
Kosmopolit passt am ehesten 🙂
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Die sogar äußere Heimatlosigkeit kenne ich. Als Kind und später zog die Familie oft um, bedingt durch Vaters Beruf. Allerdings war es immer hügeliges Land, meist mit Blick auf richtige Berge. Das ist denn auch das, was ich als Heimat begreife. Nur kurz war ich im Flachen, nahe dem Meer, das mich durchaus fasziniert, mir aber fremd und unheimlich bleibt. Zur äußeren Ungebundenheit kam noch die innere Frage, wo gehöre ich eigentlich hin. Die ist bis heute nicht umfassend beantwortet. Ich gehöre zu mir, klar. das habe ich inzwischen mit etwas Mühe akzeptiert. Aber sonst? Erst mit der Zeit entdeckte ich Eigenschaften an mir, die man als typisch deutsch ansehen kann, etwa Pünktlichkeit, die sich eher an der alten, staatlichen Bahn als an der modernen Zumutung orientiert haben mag. Nicht, dass ich sehr stolz auf diese Eigenarten bin, nicht, dass ich sie oder wegen dieser mich liebe, eher im Gegenteil, denn auch aus der Familiengeschichte weiß ich, wohin allzu deutsche Eigenart führen kann, und damit will ich nichts zu tun bekommen, wehre mich dagegen. Bleibe also weiter im vagen Raum einer ungewissen Zugehörigkeit, verwandt etwa Korf in Morgensterns Gedicht „die Behörde.“
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Das „typisch Deutsche“ kenne auch ich, bekomme ich das doch des öfteren zuhause gespiegelt. Die Liebste mit ihrem orientalischen Familienhintergrund schätzt das im Grunde als Zeichen gewisser Solidität, Beständigkeit und Verbindlichkeit, aber zugleich sind manche Neigungen auch Quell steter Heiterkeit. Wohl dem, der da über sich selbst lachen kann.
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Kann ich. Ich werde, wenn ich im Streß bin, nicht etwa unpünktlich, sondern überpünktlich. Als ein Gericht meine fachkundige Meinung zu einer Angelegenheit hören wollte saß ich deshalb 2 Stunden zu früh dort und kam erst drauf, als eine Kollegin fragte, was ich denn hier wollte, sie sei jetzt dran… es war etwas peinlich, aber nun gut, so ist er halt gestrickt, der manchmal lächerliche Hampel deutscher Bauart. Immerhin hatte ich so Zeit, meine eigenen Aufschriebe nochmal gründlich durchzulesen!
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🙂
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Ich bin auch nur 80km vom Geburtsort seßhaft geworden .. für mehr fehlte wohl die Abenteuerlust 😉 aber das ist jetzt doch meine Heimat …
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Hauptsache, angekommen, gleich wo. 🙂
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Tja, vielleicht hat jeder ein Stück Heimatlosigkeit in sich. Ich bin viel umgezogen, zunächst bedingt durch die Wahl meiner Eltern, später durch den eigenen beruflichen Werdegang. Das Thema kommt auf meinem Blog auch immer mal auf. Wo werde ich den Ruhestand verbringen? Was danach kommt – auf das freue ich mich…
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Ja, es bleibt spannend. Auch ich bin bald in Rente, wir werden wohl bleiben, wo wir sind. Aber wer weiß das schon so genau.
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