Donnerstag, 260129

Einer unruhigen Nacht folgt ein schwarzgrauer Morgen. Heute ist der Termin beim Knochendoktor, ich gehe nüchtern aus dem Haus. Mütter mit Kindern im Bus heben ein wenig meine Stimmung. Den Befund des MRT habe ich in der Tasche. Sehr viele fremde Worte, ich verstehe so gut wie nichts außer „erheblich“ und „fortgeschritten“. Ein paar Begriffe habe ich in die Suchmaschine geworfen und schnell wieder damit aufgehört. Ich bin kein Arzt.

Wie meist bin ich viel zu früh, der gute Deutsche und so weiter. Das kriege ich auch nicht mehr raus. Anmeldung, Wartezimmer, ich öffne ein Fenster, draußen kämpft sich ein blaugraues Morgenlicht durch die Schwärze, der Tag versucht sich. Ich versinke in den beiden Bildern genau mir gegenüber, suche und finde Parallelen, staune über die raffinierte Verbindung von Ein- und Zweidimensionalem hin zur räumlichen Darstellung im Relief. Die nette Dame von der Rezeption kommt und schließt erst mal wieder das Fenster. Es riecht nach Mensch, obwohl ich ein Teil der wenigen Wartenden bin, stört es mich.

Ich darf vor den Behandlungsräumen Platz nehmen und warten, darf dann in dem Behandlungszimmer Platz nehmen und warten, bis der Arzt kommt, wortwörtlich. Der stellt sich als ein Stellvertreter heraus, egal, Hauptsache vom Fach. Liest den Befund, will keine Bilder sehen, meint, die MRT-Leute erstellen den Befund anhand der Bilder, das reicht. Keine Kleinigkeit, sagt er, ein Triumvirat verschiedener Störungen. Schlägt mir allerhand vor, angefangen bei Spritze über Physiotherapie hin zur seiner Meinung nach sowieso unvermeidlichen OP. Damit ist er schnell bei der Sache, ein Termin steht gleich im Raum, Ort 50 Km weiter, warum auch immer, Narkose, Begleitperson. Muss ich wieder Bitte sagen und jemanden die Zeit stehlen. Warum kein Krankenhaus, ein Nacht und Tschüss. Es gibt Klärungsbedarf, falls.

Langsam, denke ich, und sage, dass eine OP die letzte Wahl sei sollte. Erst mal ne Infiltration, klingt gut, oder? Besser als Spritze. Kommt aufs Gleiche heraus und ist weniger unangenehm als befürchtet. Ausgestattet mit einer Physio-Verordnung, deren Wirksamkeit der Doktor angesichts des Befundes in Zweifel zieht, einem Info-Blatt zur OP, einem neuen Termin in ein paar Tagen und noch ein paar Tage Ruhe vor Metallen aller Art verlasse ich die Praxis.

Sie schneiden gerne Löcher in Menschen, das mag sich rechnen und wahrscheinlich komme ich nicht umhin, wenn nix anderes hilft. Das letzte Berufsjahr ist noch lang, wäre gut, wenn das vor Renteneintritt ausgestanden ist. Desillusion macht sich breit, jünger ausschauen ist eines, ein alternder Körper etwas anderes.

Samstag, 260124

Freude

Gestern vor 30 Jahren isses geschlüpft, das große Kind. Und nun muss es zum feiern überredet werden, scheint es. Irgendwie fragwürdig, mit Blick auf meine eigene Geschichte, und irgendwie gut, mit demselben Blick. 23 jedenfalls, nichts ist, wie es scheint, manchmal zumindest. Schon so eine Art Schicksalszahl, wenn man was mit Numerologie am Hut hat. Seine Mama hat auch an einem 23sten Geburtstag. Und natürlich bin ich nüchtern und naturwissenschaftlich geerdet genug, all dies als puren Zufall abzutun 😉

Flügellahm

Das geht schon länger so. Schultern, Sehnen, alles in einem fragwürdigen Zustand. Die Last der Jahre und so. Wenn ich das Drama da herausnehme, bleibt Verschleiß übrig und Schmerzen, an allen Tagen, bei gewissen Belastungen, an gewissen Stellen. Und so darf ich gerade fernab von Stahl und Maschinen daheim verweilen, ausgestattet mit Überweisungen für Radiologie und Orthopädie.

Mit der Zeit möchte ich gehen und nach Möglichkeit davon profitieren. Also via App zeitnahe Termine gesucht und gefunden. Erst zum MRT, dann zum Knochendoktor, ohne Bilder kann der nix machen.

Und so stehe ich gestern früh um kurz vor 6 (die Maschinen laufen tatsächlich zweischichtig) in freudiger Erwartung vor dem Empfang der Radiologie. Vor mir noch 2 Kaputte, hinter dem Tresen ein abwechselnd fluchender und telefonierender Mann in verzweifelter Auflösung begriffen. Systemabsturz, keine Karte zu lesen. Hat sich was mit freudiger Erwartung. Für so einen Scheiß stehe ich nächtens auf.

Die zwei vor mir kriegen Laufzettel zum ausfüllen, wie in der Steinzeit, mir sichert man ebensolche Untersuchung zu, alle nach mir bekommen neue Termine. Nachdem mir Zugang zu den zu erstellenden Bilddateien gewährleistet wird, bin ich einverstanden und warte. Die beiden sind schon ein Weilchen wieder raus und ich warte immer noch. Nüchtern, müde und mittlerweile arg übellaunig.

Der Kerl vom Tresen ist verschwunden, den gehe ich suchen, mit Rupflust im Blut. Irgendwo finde ich ihn, in vorfeiermorgendlicher Beschäftigung. Wat issn getz, gehe ich den an, um kurz darauf wieder verständnisvoller zu werden. Arme Socke. Wenn meine Workstation nicht hochfährt, warte ich in Ruhe und mache sonstwas, bis ein Admin ausgeschlafen hat. Der hier kann sich mit einer Fußballmannschaft übellaunigen Pack rumkriegen und ich beschließe nach Beratung mit meiner höheren Macht, auf die Ersatzbank zu gehen.

Wir einigen uns auf einen neuen, noch rechtzeitigen Termin andernorts, oldschool, mit Zettel, möge der heilige Murphy gerade anderes zu tun haben.

Montag, 260119

Nachlaufendes Bild

Manchmal schaue ich herein, bei Instagram. Die hiesigen Algorithmen kennen, so scheint es, die dunklen Ecken meiner Seele, was nicht wundert, wenn ich so einer Gothic-Seite folge. Ab und zu werden mir so Bilder präsentiert, die ich meist überfliege, weil, so brennnend interessiert mich das nun auch nicht. Anders dagegen ein Bild neulich, natürlich war es nur kurz da und schnell wieder fort, ohne von mir gesichert zu werden. Aber im Gedächnis geblieben ist es dennoch, das mutmasslich gemalte (oder generierte) Bild ging subkutan. Ich versuche es mal zu beschreiben.

Ein vermülltes, dreckiges Zimmer. An einem überdimensionalen Heizkörper sind verwahrloste, spärlich bekleidete und schmutzstarrende junge Frauen mit Ketten gefesselt. Überall Essenreste und Abfall. Erst zeitversetzt nehme ich etwas nicht sofort Augenscheinliches wahr, ein Detail, das mir im gezeigten Elend erst einmal durchgegangen ist. Erst dachte ich an Zöpfe, aber nein, die gequälten Frauen haben Flügel, die zusammengerollt und gefesselt sind. Alle. An der Stelle erstarre ich kurz und scrolle dann schnell weiter.

Muss wohl etwas mit mir zu tun haben, sonst hätte es mir nicht so eine Gänsehaut gemacht. Ein Engel bin ich nicht, dafür muss ich wohl noch einige Male wieder herkommen, auf diese Erde. Wenn überhaupt. Aber das mit den gefesselten Flügeln verfolgt mich, vermutlich lassen eigene Blockaden grüßen.

Irgendwo dahinten ist Licht. Hinter diesen dicken Rolladen, die vor unseren alten Fenstern und vor meiner Seele hängen. Solange ich eine Ahnung davon habe, gehe ich weiter. In 1, 2, oder 3 Jahren ist nichts mehr, wie es ist. Soviel ist sicher. Mein ungeliebter Beruf (war nicht immer so), ein fast 18jähriger Kater, der nächtens mit seinen Ahnen spricht und meine gut 90jährige Mutter und gewisse eigene Derangiertheiten. Alle zusammen sorgen gerade für reichlich Kurzweil, freundlich formuliert. Und doch läuft sie, die Uhr. Und danach? Irgendwas mit Flügeln, ungefesselt, und mit Licht. Wird sich finden.

Mittwoch, 260114

Dieser Eintrag ist Teil von Christianes Schreibeinladung für den Januar nun. Die Regeln sind erfreulich überschaubar, maximal 300 Wörter, 3 müssen drin sein, diesmal: Gewohnheitstier – absichtlich – einsetzen

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Leben mit einem Nerd

Eigen sei er, merkt sie an, mit einem süffisanten Lächeln. Man kennt das schon, alles muss auf seinem Platz stehen. Die Sachen auf der Waschmaschine neben dem Waschbecken zum Beispiel. Die müssen runter, wenn die Maschine läuft, derweil sie sonst das laufen lernen. Was schon Drama genug ist, wenn der Herr im Hause ist. Hasst er doch Maschinenlärm, aus Gründen, Wäscheberge allerdings sind auch unerfreulich. Mal möchte sie nett sein, oh ja, das kann sie. Dann räumt sie die Dinge wieder zurück, leider in einer anderen Folge als sie standen (je nach Stimmung geschieht dies auch mal absichtlich). Kaum ist das Gewohnheitstier im Bad, erfolgt immerhin schweigend die Korrektur.

Gut gemeint, denkt er und sortiert das halbe Dutzend Täschchen mit diversem Zeug auf dem Wohnzimmertisch. Er weiß genau, was wo drin ist, das muss genaus so und nicht anders sein, seine Welt fällt sonst auseinander, so fühlt sich das an, wenn die Dinge gesucht werden wollen. Selbst für die zahlreichen Schlüssel hat er verschiedenfarbige Lederetuis eingesetzt, die wiederum in ganz bestimmer Folge auf dem Bord stehen, geordnet nach Lebens- und Funktionsbereichen. Fein, ohne zu denken wo hin zu greifen und das rechte in der Hand zu halten, das setzt Ressourcen frei, die für so einen profanen Alltagskram viel zu schade sind und besser genutzt werden können.

Zum Kurzgeschichten schreiben beispielsweise.

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Sonntag, 260111

Den Narren erkennst du an sechs Zeichen (arabisch):

Furcht ohne Grund,
Rede ohne Nutzen,
Wechsel ohne Fortschritt,
Frage ohne Ziel,
Vertrauen zu Fremden
und Freundschaft zu seinem Feind



Gerne wird der Narr hierzulande als ein fröhlicher Spaßmacher gesehen, der die Menschen unterhält und historisch quasi nebenbei auch noch einen gewissen subtilen  Einfluss auf die Herrschenden ausübt. Nennen es die Einen gerissene Klugheit,  vielleicht auch Verschlagenheit, liegt die Wahrheit wohl eher im Überlebensinstinkt angesichts von Willkürherrschaft. Sehr frei nach dem Motto: Wenn schon nicht der Beste, dann wenigstens der Lustigste. Hat funktioniert und funktioniert immer noch.

Im Sinne des obrigen Zitats gilt der Narr eher als eine einfältige Person. Sei kein Narr, heißt es auch hier. Da ist etwas dran, wenn man ernst genommen werden und einigermaßen aufrecht durchs Leben gehen möchte. Sind die Einen tatsächlich einfältig, geben sich andere nur so, mitunter gekonnt, zwecks erreichen gewisser Ziele oder einfach, weil sie Freude an dieser Art von Maske haben.

Manchmal bin ich immer noch ein Narr. So oder so. Aber es wird weniger, allmählich.



🤪

Mittwoch, 260107

Was bewegt

Wir leben im Zeitalter der Hurensöhne Stärke. Wer die Stärke besitzt, bestimmt, wo es lang geht. Und da unterscheiden sich die Großmächte nicht mehr im geringsten voneinander. War es bis vor kurzem noch üblich, wenigsten den Anschein des moralischen Rechts zu bewahren, gibt man sich heute mit so Feinheiten nicht mehr ab. Was man als Ehrlichkeit interpretieren kann, wenn man möchte. Don ist sicherlich eine ehrliche Haut, wenn auch mit losem Colt.

Und wir so? Moralisieren immer noch in der Gegend herum. Völkerrecht, ja Völkerrecht. Das war einmal, jeder ist sich selbst heute der Nächste. Los, Amerika, halte dich an das Völkerrecht (das Kichern hinterm Teich ist so laut, man kann es hier hören). Mit den Staaten als großen Handelspartner kann und will es sich niemand in Europa verscherzen, will doch niemand massive wirtschaftliche Verwerfungen in Kauf nehmen (die am Ende den Rechten noch ein Prozentchen schenken). Und von dem atomaren Schutzschirm will ich eigentlich ga nicht reden. Vor wem soll der eigentlich noch schützen, bei solchen Freunden?

Nein, Moral ist Privatsache, erst kommt das Fressen, alt bekannt. Deutschland laviert sich da durch und ich wünsche der derzeitigen Regierung von Herzen Geschick und gutes Gelingen, weil – die nächste Regierung lehrt uns das fürchten, so viel ist sicher.

Und dann die Linken, wie sie sagen. Wieder mal ein Anschlag auf kritische Infrastruktur. Haben die Linken etwas von diesem Anschlag, außer Verunglimpfung und Wähler-Abkehr? Eher doch nicht, oder? Bekennerschreiben, jaja. Kann ich auch, wenn ich will, theoretisch. Kann jeder, der ein wenig rhetorisch begabt ist. Mich erinnert das alles an das letzte Jahrhundert, als ebenso gezielt mit Gewalt ein Klima der Angst und Verunsicherung geschaffen wurde, um dem Ruf nach einer starken, zentralen Macht Gehör zu verschaffen. Wiederherstellung der Ordnung und so weiter. Wäre gut, wenn ich mich irre, ist aber leider unwahrscheinlich.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass auch diese Zustände nicht zwingend zum Untergang unseres Abendlandes führen werden. Alles in unserer Welt strebt nach Gleichgewicht, nach Ausgleich, und nach jeder Turbulenz kehrt wieder Ruhe ein, meinetwegen neu geordnet. Bis dahin – Mensch bleiben, wach bleiben, glauben, hoffen und keine größeren Arschlöcher wählen.

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Sonntag, 260104

Draußen ist sonntägliche Ruhe, dekoriert vom hellgrauen Tageslicht. Ich spüre der Nacht und dem gestrigen Tag nach. Zeit mit Freunden verbracht, Austausch und anschließend talwärts was essen gewesen, mit dem mutigen Rest, der dem Wetter trotzte. Beeindruckend: Ein Mensch, der dort aushilft, neben der Rente. Er weiß, dass wir jeden ersten Samstag im Monat kommen und richtet unseren Tisch liebevoll her, bereitet zuhause kleine Vorspeisen selbst zu. Man merkt ihm die Freude an seinem Tun an, das beeindruckt mich immer wieder.

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Passe deine Pläne nicht den Umständen an, sondern sehe zu, wie du sie verwirklichst.
(Ein temporärer, amerikanischer Freiberufler-Kollege)

Hat mich nachhaltig beeindruckt, dieser Mensch. Seine Worte, die mehr nebenbei fielen, hallen in mir nach, so ist das manchmal. Menschen tauchen aus dem Nichts auf, bleiben mehr oder weniger lang oder kurz, hinterlassen eine Botschaft und verschwinden wieder. Sie sind kein „Zufall“, sondern kommen gerade recht, glaube ich.

Von daher – 14

Monate noch. Zeit mit Menschen, denen mein körperliches/psychisches/nervliches Wohlergehen größtenteils gleichgültig ist. Was sie wirklich interessiert, sind die eigenen Pläne im wirren Machtkonstrukt eines Großkonzerns. Das schöne Bild, das erwartet wird. Fein ausgefüllte Formulare und Dokumentationen. Arschabsicherung de luxe. Ich richte mich darauf ein.

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Großes Geschliddere allseits.

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Neujahr, 260101

Es ist vollbracht, die lärmenden Idioten haben sich ausgetobt und auch die Jungkatze hat sich dank intensiver Kuscheleinheit wieder beruhigt. Der alte Mann scheint ballhörig geworden zu sein, ihm macht die Knallerei nicht mehr so viel.

Mitgehört – WDR, Aktuelle Stunde, Umfrage zum Thema gute Vorsätze. In einer lokalen Fußgängerzone meint ein Kerl im Vorbeilaufen ins Mikrofon:

Will 10 Kg abnehmen, fehlen noch 12 …

Mein Humor und geilstes Matheverständnis ever.

Irgendwo im Blogland geht es um Vergangenheit und schräge Familienangehörige. Einmal mehr dachte ich an meine Uromma. Die war ein gläubiger Mensch und hatte ihre eigene Dreifaltigkeit:

Die deutsche Bank, den Endsieg, und ihren Wacholder.

Von letzteren bekam ich bei jedem Pflichtbesuch immer genau Einen, auf dass aus mir, blond und blauäugig, sonstwas werden sollte. Was dann auch geschah.

Geblieben sind die Erinnerungen an das Geräusch, das sie beim schlurfen durch ihre Bude machte, an einen Tausendmarkschein, der stets rituell zur Besichtigung freigegeben wurde (mehr nicht, hier, riecht mal …), an eine geheimnisvolle, große, dunkle Porzellaneule, die von innen trübe leuchtete, an weiße Schokolade sowie nicht zuletzt an ihre geballte Boshaftigkeit.

So. Dank KI darf ich an dieser Stelle von Friedrich Merz für Arme Grüße sowie die besten Wünsche für das neue Jahr ausrichten.

Im Fanshop auch als Stofftier erhältlich.

Ein gutes neues Jahr uns allen 🙏