112 Stufen – #89

Holsteiner Treppe, Wuppertal

89 – #Rache

Spürst du diese bitterschale, abgestandene Genugtuung nach vollbrachter Tat? Dann war ich am Werk, Auge um Auge ist mein Motto. Besser noch zwei Augen für ein Auge. Das kann Generationen so weitergehen.

Niemand will schwach dastehen, wahre Stärke wird verkannt, Unrecht mit Unrecht vergolten. Wie also kann man mich loswerden? Schwierig, aber möglich – irgendwer benutzt Worte der verständigen Berührung zur rechten Zeit, nutzt ein Zeitfenster, und sei es noch so klein.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

©wupperpostille_aka_grinsekatzoelberg

Donnerstag, 251030

Keine Ahnung, warum sie mir ausgerechnet jetzt wieder einfällt. Wahrscheinlich liegt es an der Jahreszeit. Vielleicht aber auch daran, dass heutzutage so viele bestrebt sind, geradezu zwanghaft eine wie auch immer geartete Ordnung, die sie verlustig glauben, wieder herzustellen.

90er Jahre, Frühschicht, die erste Schwebebahn, ich verlasse mit einem Pulk Kollegen den Bahnhof und wir tigern schweigend unserem unvermeidlichen Alltag entgegen. Die Treppe ist geschafft, quer über den Spielplatz, durch das stille und etwas feinere Wohngebiet geht es dem Betrieb entgegen.

Da ist sie wieder, die Besenfrau. Sch-sch-sch macht ihr Werkzeug, das einzige Geräusch an diesem frühen, noch dunklen Morgen. Um die Jahreszeit läuft sie zur Höchstform auf, sie scheint jedes heruntergefallenes Blatt persönlich zu nehmen. Mit verkniffenem Mund und ebenso energischen wie rhythmischen Bewegungen fegt sie selbst gerade erst noch trudelnd in Landung befindlichen Blättern hinterher. 

Wir schauen uns grinsend an. Wird sie oder wird sie nicht? Doch, sie wird, verweilt unter einem Jungbaum, schwingt zornig ihren Besen in luftige Höhe und erreicht so die unteren Äste des frechen Gesellen, der es wagt, noch einige angegilbte Blätter zu tragen, von denen er solcherart behandelt ein paar hergeben muss.

Der Tag scheint gerettet, wir grüßen freundlich und ziehen weiter. Laubbläser waren damals Gott sei Dank noch nicht so modern…

🍂

112 Stufen – #88

Holsteiner Treppe, Wuppertal

88 – #Leiden

Innere und äußere Leiden, die Ursachen sind hinlänglich bekannt.

Wenn ich das Drama aus meinen eigenen (leidbehafteten) Zuständen herausnehme, wenn ich mich dem Unabänderlichen hingeben kann, habe ich eine echte Chance, etwas zu lernen. Damit ist nicht das kultivierte, gemütliche Elend gemeint, sondern die Annahme und das aufspüren von Möglichkeiten.

Bis zum Ende – ich kann an meiner Endlichkeit leiden oder mich auf die Erlösung von Leid freuen. Die allerletzte Wahl.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #87

Holsteiner Treppe, Wuppertal

87 – #Wahn

Keine Regeln gelten, alle moralischen Sicherungen durchgebrannt. Rot ist die Farbe der Stunde, rot wie deine Augen als Spiegel deines kranken Geistes. Dir sind die Folgen gleich, du hast abgeschlossen, in deinem Kopf ist die Gleichung aufgegangen, nur dort.

Leider hat dich die Kugel verfehlt, leider gelten unsere Gesetze auch für dich. Nicht schuldfähig, wird es heißen. Dauerhafte Unterbringung auf Staatskosten.

Du sollst nicht töten. Gilt auch für uns, die richten müssen.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #86

Holsteiner Treppe, Wuppertal

86 – #Schweigen

Mich gibt es höflich zurückhaltend, tatsächlich kann ich auch laut auftreten, dort, wo etwas gesagt werden müsste, bekomme ich Gewicht. Eine andere Variante ist bleiern, getrieben von Angst, Scham, oder schlechtem Gewissen. Sogar zur Norm kann ich erhoben werden, in gewissen Kreisen. Spitze bin ich in der strafenden Ausführung, für den, der es nicht (mehr) wert ist, angesprochen zu werden.

Die Statik mag ich, werde ich gebrochen, kommt Dynamik ins Leben – so oder so.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #85

Holsteiner Treppe, Wuppertal

85 – #Missbrauch

Gute Worte lassen sich zur Manipulation missbrauchen, ein anderer Mensch zur Durchsetzung eigener Interessen, ein Schraubendreher oder ein Auto als Waffe, ein Mensch, ein Kind als Sexualobjekt, Religion zur Machtausübung und die Meinungsfreiheit, um Unsägliches sagbar zu machen, um schwarz für weiß zu verkaufen.

Missbrauch ist vererbbar – bis einer die Kette durchbricht, nachspürt, was angerichtet wurde, Respekt, Achtung, Licht und Liebe in sein Leben lässt.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #84

Holsteiner Treppe, Wuppertal

84 – #Verfolgung

Lauf – das ist kein Spiel, und wenn ich dich habe, vernichte ich dich oder breche dich auf alle Zeit. Du bist anders als ich und wirst nie so sein wie ich, behaupte ich. Ob das stimmt oder nicht, ist unerheblich. Ich will das, was dir gehört. Früher nannte man das plündern, ein hässliches Wort. Erleichterung klingt besser, oder? Du kannst eh nichts mitnehmen, dort, wo du hingehst.

Oder bist du nur schuld, damit mein eigenes Versagen nicht so auffällt?
Gleich wie, lauf!

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #83

Holsteiner Treppe, Wuppertal

83 – #Schrecken

Namenlos bin ich, wenn die Worte fehlen. Ich kann dich erstarren lassen, nach mir wurde sogar eine Sekunde benannt. Im gesellschaftlichen Kontext werde ich mit Kriegen aller Art in Verbindung gebracht, hier wachse ich zu einer Größe, die niemals mehr vergessen wird, sollte man meinen.

Leider stimmt das so nicht, zwar behalten mich die unmittelbar Betroffenen bis zu ihrem Tod in Erinnerung, für darauf folgende Generationen aber werde ich zu Geschichte. Bis zum nächsten Mal.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #82

Holsteiner Treppe, Wuppertal

82 – #Terror

Mein Name steht für allerhand Ungutes. Im kleinen Kreis beginne ich zu wirken, in demjenigen, der den Rest der Familie terrorisiert – Gewalt ausübt, physisch oder psychisch.

Verblendete, radikalisierte Gruppen bedienen sich meiner ebenso. Nennen sie dabei hehre Motive ihr eigen, spricht man von Freiheitskämpfern. Hier bin ich moralisch legitimiert. Auch Staaten bedienen sich meiner, um die Ordnung oder das, was dafür gehalten wird, aufrecht zu halten, wie sie sagen.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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Donnerstag, 251023

Heute auf dem Tag genau vor 3 Jahren starb mein Vater. Wie Heute stand der Neumond im Skorpion. Tiefere Bedeutung  – wahrscheinlich keine. Fällt mir dennoch auf. Die Zeitqualität hat etwas elektrisierendes, spannungsgeladenes, ich darf für eine Zeit spüren, wie sich Menschen durchgängig fühlen, die unter dieser Konstellation geboren sind. Ist es Autosuggestion oder fühlt sich das wirklich so an. Der Naturwissenschaftler in mir hebt mahnend den Finger. Kann ich auch, nur nehme ich einen anderen dazu, woraufhin sich der Herr Professor beleidigt rar macht.

Ich bin erstaunt über die Auswirkung des letzten Updates auf mein Phon, oder genauer, auf die Musik-App. Zwischen den Ohren vibriert es, ich wähle etwas dunkles, mächtiges und gebe mich dem hin, richte meine morgendlichen Übungen danach aus. Kurze Vorbereitung für das, was kommt, namens Alltag.

*

Die Holsteiner Treppe. Mittlerweile habe ich es geschafft, die ersten Stufen des 7ten Absatzes vorzuschreiben. Der Treppenabsatz steht unter der Thema Gesellschaft-Staat und hat echt fordernde Begriffe. Dazu meine selbst auferlegten 500 Zeichen, der Essenz wegen, nebenbei passt auch nicht mehr durch die gängigen Kurznachrichtendienste, aber das steht nicht im Vordergrund. Ich will mich nicht verlieren, in den Wörtern. Ausschweifen kann ich, hier übe ich mich im zentrieren. Schreibe drauf los und dampfe wieder ein, kürze hier, entferne dort, baue anderswo um. Was übrig bleibt ähnelt gefühlt einer dickflüssigen, zähen Masse, ein kurzer Wörterstrom, dicht wie Lava.

Es bewegt und fordert. Und – ich lerne mich selbst etwas besser kennen. Nebeneffekt der Schreiberei. Manches hat autobiographischen Hintergrund, anders ist Fiktion, gefühlt, gespürt, in der Phantasie erlebt und teils auch vererbt bekommen.

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