112 Stufen – #39

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#39 – Betrübt

Meist Anlass-gebundener, temporär dunkler Zustand der Seele, der vorübergeht wie alles andere auch. Nicht zu verwechseln mit den großen Schwestern, die depressive Verstimmung oder die handfeste Depression. Oder mit dem medizinischen Eintrüben.

Trübes Wasser lässt mich auf Sicht leben. Keine Entscheidungen, nur hier und jetzt. Lädt zum nachspüren ein, was sich verbirgt im Trüben. Hilfreich der sichere Hafen, Boden unter den Füßen, wohlgesonnene Geister.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

©wupperpostille_aka_grinsekatzoelberg

112 Stufen – #38

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#38 – Beherrschung

Nur Selbst-Beherrschung – Ich bin beherrscht, habe meine Emotionen unter Kontrolle. Argumentiere sachlich und halte mich an die bekannten Kommunikationsregeln. Bei näherer Betrachtung heißt das nicht viel. Bloß weil ich dir keine reinhaue oder dir nicht kräftig an den Ohren ziehe, mag der Wunsch danach vielleicht doch noch irgendwo schlummern. Kontrolle ist illusorisch und echter Friede anders, aber immerhin. Besser so als bei jeder Kleinigkeit gleich durchzuzünden.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #37

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#37 – Beleidigt-sein

Treffer, versenkt, erst einmal. Abtauchen in Richtung gezogener Fresse, angepissten Schweigen, würdevollen Schmollen oder krallenscharfen Herumgekatze. Kein guter Ort, der Leid-belegte.

Aber wie denn jetzt, so als Mimose? Zeitnah auftauchen und mal innendrin nachfragen. Nach dem potentiellen Wahrheitsgehalt der Ansage. War das zu erwarten, ist es das wert? Eigene Erfahrung: Manche Frechheit wirkt mit etwas Zeit näher betrachtet sogar erheiternd (schweig jetzt, Ego).

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #36

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#36 – Vorwürfe

Du wirfst mir vor, ich werfe dir vor, am Ende türmen sich zwei stattliche Berge von Vorgeworfenem und engen die Sicht ein. Jeder weiß, Lösungen gehen anders, Ich-Botschaften, gewaltfreie Kommunikation und so weiter, Zugewandtheit statt passive Aggressivität. Aber leb das mal, wenn du dich frisch oder schon länger geärgert hast.

Am Ende bleibt „love it or leave it“, bei dem, was in klarer Aussprache nicht zu regeln ist. Annehmen oder nicht – und das ist keine Einbahnstraße.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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112 Stufen – #35

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#35 – Neid

Nein, du bist kein Guter, dir folgen die Bosheit, die Intrigen und vieles mehr. Standhaft kannst du sein, dich im eigenen Dunkel über Jahre halten.

Wer sich jedoch mit dir auseinandersetzt, dir Licht schenkt, lernt nicht nur seine Haben-Seite schätzen. Im Hellen betrachtet öffnest du einen klaren Blick auf die eigenen Potentiale und Möglichkeiten. Mit dir am Anfang weiß ich heute um meine Einzigartigkeit, aber auch um die Akzeptanz grundverschiedener Startbedingungen im Leben.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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Drabble-Dienstag, 250715

100 Worte, drei Vorgegebene müssen mit rein, man kennt das.
Heute: Verse – fallen – Honig
Danke fürs ausrichten, Torsten.

*

So gern wärst du ein Dichter, so ein richtiger, kein Rüttelreimer, Wortetürmer oder gar ein Prosaist. Ja, das wäre es, Verse wie Honig fließen lassen können. Die Damenwelt wäre schwer beeindruckt, die Herren neiderfüllt, deine 172cm Körpergröße sei dir verziehen, dein Talent überstrahlt alles andere. Applaus fällt wie warmer Regen hernieder und du nimmst den Notausgang, um unbehelligt zu entkommen.

Stattdessen würgst du dir hier einen beim drabbeln ab. Träume fein weiter, taub, wie du bist, hörst du nicht, wie die Arbeit ruft. Los, du Knecht, tu was – Back to Reality. Vielleicht reicht es ja beizeiten noch für eine launige Milieu-Studie.

*

112 Stufen – #34

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#34 – Wut

Rot ist deine Farbe, rot wie Blut, das fließen kann, wenn du zur Höchstform aufläufst. Dich gibt es blind – die tobende Variante, aber auch kalt, die grausamere, kalkulierende Schwester. Wirst du nicht befriedet, sinkst du hinab und wirst in der Tiefe zu Groll, der auf Dauer seinen eigenen Träger zerstört.

Gegen dich hilft nur Innehalten – bist du einmal da, kann man dich nur verrauchen lassen. Verjagen lässt du dich nicht – aber füttern sollte man dich auch nicht.

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112 Stufen – #33

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#33 – beschimpfen

Wenn ich die ersten beiden Buchstaben fort lasse, finde ich mich wieder. Schimpfen und lästerlich fluchen – Plattenbausozialisation lässt grüßen – reinigt das Herz, verpestet kurzzeitig die Raumluft, aber dagegen hilft lüften.

Anders dagegen das be-schimpfen, also Personen-bezogenes schimpfen. Geht und kann durchaus kurzfristig erleichternd sein, war aber noch nie wirklich zielführend. Wer ändert oder bessert sich gar schon, angesichts solcher Tiraden? Eben, niemand.

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112 Stufen – #32

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#32 – Drohung

Die Jahre haben mich gelehrt, mich deiner nicht zu bedienen. Wenn mich etwas tief bewegt und ich zum Handeln gefordert bin, mache ich, wenn, dann an deiner Stelle Angebote, aus denen gewählt werden kann. Gerne lasse ich mir hierzu etwas Zeit, lasse stets den ersten Zorn verrauchen.

Wenn ich anbiete, bin ich mir bewusst, in letzter Konsequenz zu meinem Wort auch stehen zu können – Ergebnis-offen. So Gott will, wird das Resultat aussehen.

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112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

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Samstag, 250712

Vormittagssauseschritt – klassischer Weblog-Eintrag

Um 6 wache ich auf, ausschlafen geht bis 6, am Samstag. Sonntags bis halb acht, immerhin, aber das ist erst morgen. Morgenroutine mit Fassadenrestauration, viel Tee sowie geistig-körperlicher Ertüchtigung. Frühstück nicht, das mit dem verdauen kostet Zeit, zu viel Zeit, lieber später.

In meinem Ganznahdranumfeld gibt es drei Frauen und einen alten Mann. Einer Dame wachsen Fellpuschel aus den spitzen Ohren, die anderen beiden tragen ihr Haar altersgerecht. Dem alten Mann ist das alles Hupe, der verschläft mindestens 18 von 24 Stunden und der Rest der Welt kann ihn mal.

Mutters Einkaufszettel – klein, aber eng beschrieben. Die Liebste hat dieses besorgt, ich jenes und beides liegt in der Wohnung an 4 verschiedenen Orten, wobei die Hälfte immer noch fehlt. Alles Fresskram, außer ein dickes Buch, das auch oben herein geht, aber andere Wege nimmt als der Rest. Mutters Stoffwechsel ist legendär, beinahe gottbegnadet. Was auch auf geistige Nahrung zutrifft.

Zudem ist heute eben Samstag, da gibt es im Heim pipidünnes gesichtverziehenlassendes Wassersüppchen. Bring mir was leckeres mit, sagt sie. Mach ich. Zuerst bringe ich Ordnung auf einem großen Zettel, was ist hier und was noch nicht. Mit dem Autochen zum Wocheneinkauf, das ist mir sonst zu viel. Mittagessen, ja was denn jetzt? Was warmes aus der Stadt holen ist Umstand, also nehme ich ein Stück Pute und reichlich Brokkoli mit, das geht schneller zuzubereiten als was zu holen.

Und so wanke ich ungefrühstückt mit 10Kg-Rucksack einschließlich Kühltasche auf dem Buckel herüber zu Muttern, an der einen Hand den Beutel mit dem Warmzeug. Gnädige Frau verweilt im Garten, äugelt freudig erregt auf die voluminösen Mitbringsel. Die erlebte Glückseligkeit bei der Verkostung entschädigt für den Vormittag. Gut will ich sein, schlechte Laune inbegriffen.

Um 12 nehme ich den Bus, erleichtert im wahrsten Wortsinn. Es fehlt noch allerlei, was ich nur im Städtchen bekomme. Zur Belohnung leiste ich mir rattenscharfe Spaghetti Arrabiata mit fett Käse sowie einen großen Pott Kaffee. Ich weiß, wie ich meinen Magen zärtlich erwecke.

Wieder zuhause dringt Knochenbrecherei an mein Ohr. Die Liebste frühstückt und schaut dabei die üblichen Fressepolierserien. Psychohygiene derer in helfenden Berufen, denke ich. Hat man denn davon, die ganze Woche zugewandt und freundlich sein zu müssen. Da fliegen am Wochenende die Fetzen, meist Gott sei Dank nur beim streamen, so bleibe ich weitestgehend unversehrt.

Ich habe dir Eier gekocht und Obst geschnitten, sagt sie. Du bist lieb, antworte ich, während nebenan die Gary-Knochensplitter-Band spielt. Ich weiß, sagt sie. Wochenende kann beginnen.

*