Geschichtenschreiber ohne Schreibzeug

Wir schauen fern, das kommt auch heute noch vor. In der Glotze läuft eine Doku, irgendwas mit Camping. Die Kamera begleitet eine Familie auf ihrer ersten Tour im Caravan und man berichtet über die kleinen und größeren Herausforderungen dieser Art Urlaub. Vater, Mutter, pubertäres Kind, und alle arg stark gebaut.

„Warum sind die bloß so dick…,“, fragt die Liebste. Ich zucke mit den Schultern und muss an meine Kindheit denken. Liebenswerte Nachbarn, die sahen auch so aus. Vater, Mutter, zwei Mädchen. Arg stark gebaut. „Die sind drüsenkrank“, meinte meine Mutter mal. Der Alte lachte scheppernd. „Drüsenkrank, harr, letztens auffe Straße kamen se vom einkaufen und alle fraßen nen Buko* auffe Hand…“.

Weiter geht der Film. „Die haben bestimmt verstärkte Betten“, mutmaße ich, während die Liebste schon ansatzweise die Augen verdreht. Sie kennt mich. „Der Wagen hat Blattfedern wie ein 30-Tonner und zuhause tanzen zwei Stockwerk tiefer die Tassen im Schrank, wenn die vögeln, während im Kühlschrank die Eier platzen, der Glascouchtisch Risse kriegt und die dritte Haftpflichtversicherung kündigen wird.

„Kann echt nicht wahr sein“, kriege ich zu hören, „ich sage ein paar Worte und du bläst das auf bis kurz vorm platzen, machst ne Geschichte daraus.“ – „Aber du liebst mich..“ wende ich ein, „unter anderen auch dafür“. Erlösendes Gelächter.

Fazit: Mein Hang zum übertreiben ist irgendwie genetisch, glaube ich manchmal. Und nein, ich habe nichts gegen stark gebaute Menschen, kenne selbst ein paar sehr liebenswerte Exemplare. Jeder, wie er will, und ich, wie ich muss, wenn die Bilder mit mir durchgehen. Bitte seht es mir nach.

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*Buko = griffiger Stückfettfrischkäse mit Historie

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Donnerstag, 250731

Durcheinander, Widersprüchliches

Der Vermieter ist verstorben. Keine 83, herzkrank. Gestern war die Beisetzung, ganz kleine Runde. Seine zwei Söhne, die Freundin, langjährige Mieter, Verwandte, Anverwandte. Keine 12 Menschen. Echtes Elberfelder Urgestein. Einer von denen, die vor Ort bleiben, wenn ihnen Mietshäuser gehören. Einer von denen, die das Prinzip vom Geben und Nehmen noch leben können. Konnten. Mit speziellem Humor. Tatkräftig, verbindlich und sparsam, wir hatten einige gemeinsame Aktionen in dem alten Haus. Jetzt lösen seine Kinder sein Leben auf und ich erinnere mich an meinen Vater, an die Wohnungsauflösung über den Jahreswechsel.

Für uns ändert sich erst mal nichts.

Wir mochten ihn sehr.
RIP, Herr S.

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Abrotzpöbelzeilen ohne Triggerwarnung

Mutters Mini-Kochplatte muss weg, der Wassserkocher auch. Versicherungsrecht und so weiter. Hoffentlich darf der Mini-Kühlschrank bleiben. Mir geht dieses hoffnungslos überregulierte Land dermaßen auf die Nerven, ich könnte strahlkotzen. Nicht grundlos attestierte mir „das System“ einst eine Anpassungsstörung.

Arschabsicherung auch auf der Arbeit. Man mahnt mich an, einen gottbeschissenen Online-Lehrgang, der dank bislang erfolgreicher Ignoranz meinerseits mittlerweile ordentlich fristversaut ist, endlich zu absolvieren. Amerikanisches Kaufmanngehabe, ich verstehe nichts, will auch nichts verstehen und muss dennoch nachdenken, wegen Drecksfangfragen. Einfach durchklicken ist nicht. Das Ergebnis zählt, wir haben geschlossen absolviert, Hauptsache, der Schein ist gewahrt. Innendrinn stinkt es und die Dummheit feiert fröhlich Urstände.

Die Uhr läuft, Dinge die ich (für mich) ändern kann. Der Irrsinn hier zählt mittlerweile ganz klar dazu. Ich kann rechnen und komme klar. Der Juli brachte eine Entscheidung, die mache ich jetzt noch nicht öffentlich.

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Schnittstelle zwischen dem ersten und dem zweiten Eintrag: Meine eigene Endlichkeit, oder besser, was fange ich mit der täglichen Fristverlängerung an?

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Holsteiner Treppe  – Pause

Der dritte Treppenabsatz mit der Wortgruppe „Welt kennenlernen“ ist Stufe für Stufe beschrieben. Ein eher düsteres Kapitel, mir fiel es zum Teil nicht leicht. Du sollst mich kennenlernen  … Nicht umsonst klingt das wie eine Drohung, und ist dennoch Teil der Wirklichkeit.

Der nächste Absatz wird wieder heller, die Wortgruppe steht unter der Überschrift „Liebe entdecken“. Ich werde vorschreiben, wie so oft auf dem messerscharfen Grat zwischen dem, was öffentlich sein könnte, und dem, was besser nicht. Aber das ist beim bloggen eh immer Thema 🙂

Liebe entdecken

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html



©wupperpostille_aka_grinsekatzoelberg

112 Stufen – #45

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#45 – Achtung

Gerne werde ich ausgesprochen, meistens laut, von der gebrüllten Bindestrich-Kasernenhof-Variante hin zum warnenden Ausruf bei Gefahr.

Meine wahre Natur aber ist eher still. Ich helfe dir, nicht schneller zu reden als zu denken, schütze dich vor Vorurteilen und überreichlich Wertungen. In meiner Nähe schrumpfen Ego, Arroganz, Missgunst, Rassismus und andere destruktive Energien.

Mit mir fühlst du dich als Mensch unter Menschen und erlaubst anderen, es dir gleich zu tun.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

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112 Stufen – #44

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#44 – Besonnenheit

In der großen Familie der Befindlichkeiten bin ich in jungen Jahren die kreuzlangweile Faltenrockschwester. Nicht viel los mit mir, es gibt Aufregenderes, die Kids schätzen zwar meine ruhige Art, leider muss ich hormonell bedingt oft in der Ecke stehen.

Später wandelt sich mein Ansehen,  wenn meine lebhaften Geschwister genug Unheil angerichtet haben. Ich helfe dir beim nachspüren, nachdenken, ausloten und nehme  gerne einen festen Platz ein.

Wenn du mich lässt.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

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112 Stufen – #43

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#43 – Lügen

Gesellschaftlich genannt „Alternative Wahrheit“. Eine zurecht gebogene scheinbar schlüssige Komposition von Teilwahrheit und zielgerichteter Phantasie. Anerkannt, weil viele nach einfachen Erklärungen gieren.

Die Gebrüder Lug & Betrug, politisch, geschäftlich wie privat gut unterwegs. Letzteres kostet extra, Verlust von Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Selbstachtung sind die Nebenkosten.

Und der Belogene? Verdient keine Verachtung, sondern Mitgefühl und Aufklärung.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

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Mittwoch, 250723

Alt werden und so

Jeden Tag nur ein Teil einkaufen, der arg geschundenen Tragkraft wegen. Aber eben täglich, am besten so gegen 17.00 Uhr, wenn alle anderen auch einkaufen. Das geht nicht früher, vorher ist Mittagsschlaf, gefolgt von Kaffee & Kuchen. Bezahlt wird natürlich nicht bargeldlos, so `n neumodischen Kram, nee nee. Hand voll Kleingeld, ups, die Hälfte schon wieder runtergefallen. Gaaanz langsam bücken (kein Vorsatz, das geht nunmal nicht schneller) und das Blech wieder aufsammeln, während weiter hinten Feuer gespuckt wird. Gaaanz langsam wieder auftauchen, die rückwärtige Schlange mit den mordlüsternen Augen dackelig angucken und erst mal nen entschuldigenden Plausch mit der Kassiererin beginnen.

Nee, ernsthaft – Zu sehen, wie sich meine mittlerweile 90jährige Mutter fortbewegt, macht mich an der Kasse geduldiger.

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112 Stufen – #42

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#42 – Warnen

Schwarze Schatten erzählen von Irrwegen, schicken wüste Träume und drohende Verluste kündigen sich an. Lasse ich mich warnen oder gehe ich weiter, wider besseren Wissens, klarer Signale aus dem Bauch, wider wohlmeinender Worte?

Denke ich meine Gedanken zu Ende? Wachstum durch Krise kennt natürliche Grenzen, die Chancen, mit heilem Pelz da herauszukommen, die sinken mit den Jahren. Parallel dazu steigt idealerweise die Klarheit darüber, was nicht mehr in Frage kommt.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

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112 Stufen – #41

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#41 – Wirr

Guten Tag, ich bin das Entree, sozusagen der Empfangsraum im Haus des Chaos. Mein sind die Gedanken, Worte und Gefühle nähre ich, oder gleich den ganzen Menschen. Meine besten Freunde sind Krankheiten des Geistes und der Seele, sehr gerne in Kombination mit Alkohol, Medikamente oder Drogen. Aber nicht nur, ich kann auch ohne – zuviel Nachrichten, zuviel Stress gehen auch, und Ambivalenzen liebe ich sehr.

Wer mich nicht aushält – in der Stille und in Bewegung werde ich kleiner.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

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112 Stufen – #40

Holsteiner Treppe, Wuppertal

#40 – Trauma

Du kommst von der rohen Gewalt, vom Missbrauch aller Art, von Krankheit und von Grenzerfahrungen, aber auch von der Lieblosigkeit, dem Alleingelassenwerden.

Beinahe schwarz warst du, den sie mit den Füßen zuerst ans Licht holten. Zur Begrüßung gab es Prügel, atme jetzt! Du wolltest nicht hier her, ahntest die Lektionen, warst dir Zeitlebens selbst dein ärgster Feind. Bis du spüren durftest  – auch du bist hier willkommen. Ab nun wurde es wärmer um dich.

Zum mitschreiben  – Jeden Tag eine Stufe?

112 Stufen hat die Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze. Seit Jahren sind sie im Rahmen eines Kunstprojektes in bunt gehalten und eine jede ist mit einem Begriff, einem Wort beschriftet.

https://www.horst-glaesker.de/Galerie/Fullscreen_Kunst_Raum/Scala.html

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