Dienstag, 250527

Digital-Punk

Ein Deutschland-Ticket nutze ich, was eine feine Sache ist. Da gibt es einen Online-Anbieter, der hat eine eigene App dazu und verschickt zu jedem Monatsende so eine Mail mit Ticket-Code und anderen persönlichen Daten. Der Code will dann umständlich händisch in der App verfüttert werden, um den Folgemonat „scharfzuschalten“. Ein kleiner Routinevorgang, der, wenn man weiß, wie es geht, schnell erledigt ist – mal von der Frage abgesehen, warum er überhaupt nötig ist, der Vorgang.

Gestern Abend nun kam die Mail für den Juni. Hart an der Schlafenszeit, aber was weg ist, ist weg, also mal eben erledigen. Ticket-Code rauskopiert, selbigen samt Nachname eingegeben – und Fehlermeldung, ungültige Eingabe. Kontrolle, noch ein halbes Dutzend weiterer Versuche. Herumgefluche über den Arschlochanbieter, will so ne dämliche Plastik-Karte, wie früher, kündige den Scheiß und so weiter. Jedenfalls nahm die App trotz Rücksetzung und sogar trotz Neustart des Phons die Daten nicht an, das Rumpelstilzchen vor dem Schirm komplett ignorierend.

Haste kein Ticket im Juni, tolltolltoll. Den Wisch allein akzeptieren die nicht, die wollen den QR-Code scannen, der leider nicht Bestandteil der Benachrichtigungs-Mail ist und erst beim „scharfschalten“ auftaucht. Und jetzt? Mal die monatliche Mail heruntergescrollt, auf der Suche nach einer Lösung. „Zu Goggle-Wallet hinzufügen“ steht da unter anderen, mit einem Link. Das tue ich und es scheint funktioniert zu haben, ich kann die eingetragene „Karte“ samt dem begehrten Code abrufen. Screenshot, man weiß ja nie.

Dann suche ich im Phon nach der/dem(?) Wallet, finde etwas und will mich einloggen, um auf diesem Wege meine Daten einzusehen. Funktioniert nicht, wieder Gefluche, um dann festzustellen, das Ding heißt Samsung-Wallet und nicht Google-Wallet. Leckt mich doch. Die Google-App ist nicht an Bord, lässt sich aber problemlos aus dem Store laden. Ich öffne das Ding und suche nach dem Ticket, erfolglos. Weiteres Gefluche, ich bin müde, unkonzentriert und sehe meine Nachtruhe entschwinden. Stur, wie ich allerdings sein kann, gebe ich nicht auf und finde eine Einstellungsmöglichkeit für möglicherweise verschiedene Google-Accounts. Davon hat es in meinem Fall mehrere, ich gehe nochmal zurück zu dem Screenshot, suche den richtigen Account aus und siehe, da ist mein Ticket. Fein zur potentiellen Kontrolle abrufbar, wie an der dämlichen Anbieter-App.

Es bleiben noch gut 5 Stunden Nachtruhe. Erleichtert bitte ich den großen Zampano um mehr Gelassenheit in solchen Dingen (ich höre den kichern angesichts meiner Schimpf-Tiraden) und vergesse auch nicht, mal Danke zu sagen.

Der Wecker geht, der erste Griff gilt der Katze, der zweite dem Phon. Positiv sollten Sie ihren Tag beginnen, hieß es mal vor langer Zeit, also ein frischer neuer Ladeversuch- und siehe da, das Ding frisst es. So lernt Mensch also dazu, denke ich, und freue mich über nunmehr 2 Zugänge zu dem Ticket. Das mit der Gelassenheit übe ich noch ein wenig.

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Sonntag, 250525

So ein feines Datum darf nicht gänzlich unbeschrieben bleiben, auch, wenn es nicht viel zu sagen gibt.

Felix von Stein (so liegt der des Nachts zwischen uns), von mir mitunter Männlein genannt, weil er vergleichsweise zart gebaut ist. Wir haben einiges gemein, zwei alte Männer zunächst. Ne Schacke haben wir dito beide, genau genommen mehrere.

17 wird er im Sommer, so G*tt will. So, wie überhaupt die Zeit vergeht, dieses seltsame, an unsere Lebensdauer und an die Jahreszeiten angepasste Konstrukt. Mögen wir noch eine Weile gemeinsam haben.

Montag, 250519

Das ist so schlimm, das sollte nicht vorgesehen sein. Man muss mal mit Gott reden …

Mutter

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28

Sonntag – Erst wollte ich nicht da hin, aber eine leise Stimme sagte mir, schau dir das mal an. 28 Tage sind die maximale Aufenthaltsdauer, meist verteilt auf mehrere Einrichtungen. Am Ende steht der so genannte finale Aufenthalt (der nicht Bestandteil der 28 Tage ist). Die deutsche Sprache kann so dezent sein.

Kinder- und Jugendhospiz Burgholz zu Wuppertal. 5 Häuser sind es, die Farbe grün dominiert. Eine angehende Ergotherapeutin arbeitet dort im Rahmen ihrer Ausbildung und macht für uns eine kleine Führung. Eine Stunde dürfen wir uns umschauen und bekommen erklärt. Aufenthaltsbereiche, die Wohnzimmern ähneln, Spiel- und Baderäume für die Kinder, Entspannungsräume, Wasserbett, Whirlpool, ein Musikbett, das Schwingungen der seitlich angebrachten Saiten fühlbar überträgt. Wohnräume für die Eltern, bewußt getrennt von ihren Kindern, obgleich die Eltern jederzeit bei ihren Kindern sein dürfen, haben sie so auch die Möglichkeit von Abstand. An den Wänden finden sich dezente Sinnsprüche.

Kindgerechte Auseinandersetzung mit dem Tod, eine bildhalte „Insel der Trauer“ für die, die bleiben müssen. Ein „Raum des Abschieds“ mit Totenbett. Hier findet sich das einzige Christliche Symbol in der Einrichtung, die sich ansonsten konfessions-übergreifend versteht. Ein großes Außengelände mit einem Garten der Erinnerung. Für jedes verstorbene Kind liegt dort ein Holzstern, der bewußt der Verwitterung ausgesetzt ist. Nach eine Zeit kommt der fort und an seiner Stelle wird eine kleine Metall-Tafel hinterlegt.

Eine liebevolle, achtsame und würdevolle Atmosphäre ist greif- und fühlbar, Eine Stunde dauert der Rundgang, und ich bin froh, danach eine ganze Weile durch den direkt angrenzenden Wald laufen zu dürfen.

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Schreiben ist hier hilfreich. Zum einen sitze ich allein am Schirm, Tränen stören nicht und die wegrutschende Stimme auch nicht.

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Sonntag, 250518

Mal was Bildhaftes

Sehr grün und ganz in der Nähe  – der Toelleturm und der angrenzende Vorwerkpark, dem Bachlauf folgend dann das Murmelbachtal.

Feine Aussicht über Stadt und Land sowie weiter unten eine Märchenwelt, die Phantasie beflügelnd.

Der Vorwerkpark, einst Privatbesitz, heute der Allgemeinheit zugänglich. Als Kinder fuhren wir mit den Rädern hin, krochen verbotenerweise durch Zaunlöcher und fingen kleine Frösche, um sie gleich darauf wieder freizulassen.

Auch heute ist es für mich immer noch ein magischer Ort, der mich die Welt für eine Zeit vergessen lässt. Gerade jetzt um diese Blütezeit.

Wohnen im Park eher die Elfen, so hausen weiter unten eher die Kobolde und Zwerge. Waldgeister eben 💚

Hat mehr als gut getan 🙏

Donnerstag, 250515

Macht & Kompromisse
Aus einem länger geratenem Kommentar

Das Thema Macht ist bei jedem Kompromiss relevant. Dazu ist es hilfreich, zu wissen, wo ich stehe. juristisch, fachlich, menschlich. Konsens ist die Königsklasse aller Kompromisse, Übereinstimmung eben. Das ist, glaube ich, eher selten der Fall, wenn, dann kann man bei einem Kompromiss von einem Minimalkonsens sprechen.

Man kann die Harmonie lieben. Muss man aber nicht, es geht auch ohne. Die wichtigste Frage ist, was könnte geschehen, wenn ich keine Kompromisse mehr eingehen möchte, bei einem gewissen Thema. Wenn mir etwas persönlich so wichtig geworden ist, dass ich eher Kampf akzeptiere als einen aus meiner Sicht faulen Kompromiss. Oder auch Kapitulation, die ist mitunter legitim, immer dort, wo man zum Kräfte-verschleißenden und letztendlich erfolglosen Don Quijote geraten könnte. Beides kann die Erkenntnis aus dem In-sich-gehen bei einem aktuellem Thema sein.

Klugheit und realistische Selbsteinschätzung einerseits sind Voraussetzung. Aber auch, in meinem Fall, zu tun, was ich kann, wenn mir etwas wirklich wichtig ist. Das meine zu tun und meiner höheren Macht das ihre überlassen, was das Ergebnis angeht. Für mich ist heute fatal, mir vorwerfen zu müssen, nicht alles getan zu haben, was ich hätte tun können, wenn ein Thema, ein Lebensbereich für mich aktuell wirklich Relevanz hat.

Interessant ist auch die Frage, wie nachhaltig wichtig ist der Konfliktstoff, mit dem ich gehalten bin, umzugehen? Manche Dinge haben lebenslanges Potential, andere zur für kurze Dauer. Ist es in einem Jahr noch relevant? Treiben mich innere, ernst zu nehmende Impulse an oder ist es am Ende doch nur das Ego.

Fragen über Fragen, mit der Zeit kommen die Antworten schneller.

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Sonntag, 250511

Der Bus hält bei Rot am Döppersberg, mein Blick schweift über den Asphalt. Eine große schwarze Plastiktüte treibt im Wind. Wie wir, sage ich und die Liebste nickt. Kommt hin, wir sind wieder mal ohne Plan unterwegs.

Hauptbahnhof Wuppertal – wir steigen in den Bergundtalbus nach Remscheid. Das ist die Nebenanstadt, die so gerne falsch ausgesprochen wird. Mit nem langen statt einem kurzen „E“. Die Einen kommen sonstwoher und wissen es nicht besser, die anderen sagen extra so, weils so schön  scheiße klingt. Jedenfalls war ich dort mal zuhause, vor Urzeiten, in RS,  als Hergelaufener, wie man Zugezogene dort nennt. Später lief ich fort, heute, wenn dann schnell durch.

Wir sitzen am Markt in einem türkischen Restaurant. Stilechter, zur Stadt passender Charme. Eine Stadt, die sich heute noch schwer beleidigt gibt, angesichts ihrer fast vollständigen Auslöschung im letzten Krieg. Irgendwann sind wir satt, das Essen war besser als das Ambiente.

Draußen halten Busse und ich sage „vielleicht Lüttringhausen“. Von da kommt man wieder ins Tal, mit Geduld. Der Überlandzockelbus ist eher da. „Köln sehen?“, fragte ich. Stumm sind wir einig, alles besser als hier. Ein Fastzweistundenwerk, aber was heißt das schon, an einem losen Samstag. Anarchische Entscheidungen im einem ansonsten streng durchgetakteten Leben.

Mit eingeschlafenen Beinen lässt sich Köln sehen, vorerst sogar noch im hellen Mailicht. Das übliche Bild, die üblichen Gerüche, die üblichen Gäste.

Selbst der Mond guckt schief. Netter Versuch, denkt er, nachgemacht bleibt nachgemacht.

Am Heumarkt nehmen wir Eiskaffee und ander Fettzuckerkoffeinzeug, während wir dem Treiben der berüchtigten Lokalität zuschauen. Zurück am Hauptbahnhof, eine Regiobahn fährt uns vor der Nase weg, wir dürfen also eine weitere knappe Stunde verweilen. Die zwei da am Ausgang saßen schon dort, als wir kamen, vor Stunden. Angekommen, denke ich traurig, und bin doch froh, noch unterwegs sein zu dürfen. Wenn auch ohne Ziel, aber doch irgendwie geführt. Das Bild von der schwarzen Plastiktüte schließt den Gedankenkreis.

Sonntag, 250504

Morgenstimmung

Draußen beginnt gerade ein fein abgestimmtes Konzert. Zur frühen Stunde üben sich ein Rabe und ein anderer Vogel im Duett, während die Katze sich kurz in meinen Arm die Ehre gibt. Ein friedlicher, fast heiliger Augenblick, bevor mein Räuspern sie vertreibt. Oder war es doch Mordlust, angesichts der Gesänge da draußen?

Letzer Tag im alten Jahr

Wir stehen zusammen und plaudern. Das geschieht eher selten, ich meide persönliche Begegnungen im beruflichen Kontext, hier gebietet es der Kalender. Jemand spricht meine Umgänglichkeit an, im Sinne von unumgänglich. Och, sage ich, ich kann auch nett seinNa, dann zeig uns das doch mal, tönt es zurück. Ich grinse, und er ahnt nicht, wie nett ich gerade bin.

Tja, Roman, manchmal ist das so.
Gott sei Dank nur manchmal.

Beinahe ziellos, einmal mehr. Tausendfach gesehen, den Ort, und doch immer wieder neu.

Hbf. Wuppertal

In der Nacht sind sie ja bekanntlich alle grau, am Tage sieht das anders aus: Madame, gestern Morgen, frisch frisiert.

Freitag, 250502

Blaugrau

Solche Farbe haben ihre weit aufgerissenen Augen, auch ihre Bluse ist blau. Die Haare eher grau, ausgedehnte Schwitzflecken unter den Armen und ein starres Gesicht, das Alter schwer zu schätzen, vielleicht gleich alt mit uns, also so Anfang-Mitte 60. Ausfallerscheinungen zeigt sie keine, aber irgendetwas wirkt leicht alkoholisiert an ihr. Sie kommt geradewegs auf uns zu, auf der Straße hinein in die bessere Hälfte des Katernbergs. Irgendetwas habe ich an mir, so genau weiß ich das auch nicht, irgendetwas, das sie zur Offenheit animiert. Vielleicht ist es das freundliche Kopfnicken, vielleicht mein ebenmäßiges Proletengesicht, wie auch immer, sie fängt sofort an zu reden.

Ich bin durch ihre Erscheinung gewarnt, lasse es aber dennoch drauf ankommen und wünsche eine guten Abend, stelle unbedarft Zwischenfragen. Es geht sofort los. Was für Zeiten, was für ein Land. Ihre Kreditkarte gibt kein Geld mehr und die EC-Karte sei gerade eben einbehalten worden, und die könnten sich morgen ne Ansage abholen. Der Staat, vier Kinder großgezogen, Rente auf Grundsicherungsniveau, Mann weg mitsamt 60000 Euro, von denen sie immerhin mittlerweile die Hälfte wiederbekommen hätte. Na ja, meine ich, wohl wissend, was ich damit anrichte – das wäre ja immer so eine Sache, das persönliche Schicksal mit dem der Gesellschaft zu verknüpfen. Was ich sonst noch so denke, ist wenig charmant und darum behalte ich das für mich.

Worauf es richtig losgeht. Politiker leben in Saus und Braus, aber die Aufrechten und die Ehrlichen, die sperrt man ein. Wen sie denn damit meint, frage ich unbedarft. Sie nennt mir einen Namen, den habe ich schon mal gehört. Nomen est omen. Füll mich, rief einer und bediente sich erst einmal selbst, als niemand dem nachkam. Um das alles nicht noch auszuführen, wechsele ich das Thema und frage, was man denn tun könne, und wie vom wem ihrer Meinung nach regiert werden sollte. Nun scheint sie ihrerseits ein wenig gebremst, sie denkt nach oder zumindest nimmt sie sich eine Kunstpause, die eben solchen Vorgang wohl andeuten soll. Na, ICH, sagt sie endlich und schafft das erste Mal einen Anflug von Heiterkeit in ihr Gesicht zu zaubern. Das Lächeln einer Hyäne.

Gute Sache, entgegne ich und grinse. Erster, alles ICH, sie ist eine von vielen, die an den alten Ostfriesenwitz erinnern. Warum die Busse dort so endlos breit seien und dafür eher kurz. Isso, wenn alle vorne sitzen wollen.

Wir verabschieden uns und die Liebste lässt ein paar Unmutsbezeugungen über meine Gesprächsbereitschaft fallen. Ist doch unterhaltsam, sage ich. Nebenbei füllt es noch ein paar Zeilen, das ist auch nicht zu verachten.

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Donnerstag, 250501

Der Eingang

Schau, hier ging es einst lang. Sie hatten keinen Namen dafür, es war gelebte Wirklichkeit. Heute nennen wir es das Paradies, weil es so fern entrückt scheint. Es war wohl Gottes Humor, den Eingang noch erhalten zu haben, zur Erinnerung vielleicht, oder zur Mahnung. Vielleicht war es aber auch nur die Faulheit der Gärtner.

Was dort alles wuchs. Romantische Liebe,  Gerechtigkeit, Mitgefühl, Fairness miteinander, Anstand untereinander und Fürsorge füreinander. Es scheint, als habe es einst eine große Explosion gegeben, bevor es zuwucherte, das Paradies. Der Inhalt flog den Menschen um die Ohren und verteilte sich soweit Sprengkraft und Wind ihn trug.

Viel zu oft gehe ich mit gesenktem Haupt. Das hat Vorteile, tritt man solcherart nicht in besonders viele Haufen und findet manchmal Sachen wie Kleingeld, verlorene Schätze. Juwelen sind auch darunter, hier ein Stück Mitgefühl, da etwas Anstand, selbst die romantische Liebe hat es, gleichwohl in Stücke zerlegt, irgendwie überlebt.

Wo ist eigentlich mein Buschmesser?