Samstag, 250412

Bild für unter 2 Minuten. Kaum mehr ist vergänglicher als ein Morgenschattenspiel an der Wand. Zigarettenrauch vielleicht.

80 Jahre ist es her, um 1945 herum wohnte Mutter hier, ein Barackenlager mit Spielplatz am Bahndamm und an der Wupper. Ausgebombt, geflüchtet und wieder zurück ins Nichts mit 5 Menschen auf 1 Zimmer. Die Wupper fließt immer noch…

Wir sitzen und warten auf unser Essen. Nicht viel los, nebenan in der nächsten Futterhöhle sitzt auch wer. Familie mutmaßlich, ich schaue nicht hin, weil mir die Stimmen sagen, lass es. Bis eine ältere leicht verrauchte weibliche Stimme tönt: Ne extra Portion Majo aber…

Der Wind, der Wind, sage ich, während mir die Liebste schon einen warnenden Blick zukommen lässt. Bläst Berge von Sand zusammen, fahre ich laut fort und ignoriere das Augengefunkel, um dann im letzten Moment die Bremse zu ziehen und der Mutter ins Hörgerät zu flüstern: Aber keine dicken Ärsche … Sie kichert, mancher fragwürdige und leicht aus der Zeit gefallene Humor ist vererbbar.

8 Gedanken zu “Samstag, 250412

    1. Oh ja, Äußerlichkeiten sind ihr bis heute ausnehmend wichtig, sie macht sich gerne schick. In meinem Fall hat sie realisiert, dass es noch Welten unterhalb der Kleidung gibt.

      Mothers Finest war ich nie.

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  1. Was mich am Anfang der Geschichte ansprach war die Baracke, eine wenig komfortable Unterkunft – aber ein Spielplatz war dabei. Man hatte nicht all zu viel übrig für diese Geflüchteten, diese Neuankömmlinge, schließlich hat man doch selsbt Sorgen und außerdem reden die so komisch (ein Schelm, wer an heute denkt)…. und man ließ niemandem, gerade auch den Kindern nicht, viele Freiheiten. Aber verstand einige Grundbedürfnisse.
    Der Spielplatz war vorhanden.

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    1. Meine Mutter und meine Oma sind gebürtige Wuppertaler und damals aus dem zerbombten Tal nach Pommern verfrachtet worden, wo meine Oma sich als Magd verdingen musste. Bis dann die Russen kamen. Die beiden sind 45 mit dem letzten Soldatenzug von Berlin aus zurück nach Wuppertal.

      Der Spielplatz wurde aus der Not geboren 😉

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  2. Ums Vergangene, wohl auch um die Vergänglichkeit gehts (ich erinnere mich an ein Gryphiusgedicht .. du siehst, wohon du siehst … Was jetzt noch prächtig blüht, soll bald zertreten werden. / Was jetzt so pocht und trotzt, / ist morgen Asch’ und Bein,/ Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. … ), du holst in die Gegenwart aus und endest damit, dass es doch etwas gibt, das der Vergänglichkeit trotzt: Verbundenheit und Erinnerung. Mir gefällt dieser kleine Exkurs (?) sehr!
    Liebe Grüße, Andrea

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    1. Wir leben in der Gegenwart und tragen alles Vergangene in Form von Erinnerungen, aber auch Trauma und deren körperlich-seelischen Manifestationen mit uns herum. Was liegt näher, als zu streben, damit Freundschaft zu schließen?

      Ich danke dir und grüße auch dich herzlich, Reiner

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Senf dazu?