Samstag, 241207

Die gewohnte Nachtunruhe hat mich wieder. Und so versuche ich mich müde zu lesen, werde aber wohl doch gleich aufstehen. Katze kämmen, alle nötige Grausamkeit soll früh am Tag begangen werden, sagt der arabische Kollege gern. Kann man drüber streiten, ob das frisieren eines Mittellanghaarzotteltieres dazu gehört. Sie findet manchmal, ja. Aber wir lieben uns.

Triviales lese ich. Nebenan wird ernsthaft diskutiert, ob ein Schokonikolaus besser vom Kopf oder vom Arsch anzufressen sei. Ich muss grinsen, weil auch ich gerne solcherart Zeilen füllen kann. Beruhigend, damit nicht allein dazustehen. Ist irgendwie auch nicht so sinnbefreit, wie man glauben könnte, in dieser Zeit. Antipol zur Schwere der Lage der Nation. Oder so.

Soweit möglich.

Und:

Manchmal habe ich, wenn sie mich so anschaut, dieses Gefühl, sie bemitleidet mich irgendwie. Oder hält mich für ein wenig dumm 😉 Aber das tun Katzen generell gerne. Nicht umsonst bringen sie uns halbtote Mäuse mit. „Hier, kannste üben, die läuft nicht so schnell.“

„Mit 20 hat jeder das Gesicht, das Gott ihm gegeben hat, mit 40 das Gesicht, das ihm das Leben gegeben hat, und mit 60 das Gesicht, das er verdient.“

Albert Schweitzer

Freitag, 241206

Noch jemand zuhause

Ab 60 bekommt man vieles bislang Unbekannte ungefragt. So z.B. seit zwei Jahren regelmäßig Corona-Infekte und dazu noch ne Grippe Anfang diesen Jahres, was mich bewog, mir wieder mal ne Schutzimpfung abzuholen. Und weil ich gerade dabei bin, auch die Grippeschutzimpfung – hinein, Onkel Otto, wenn schon, denn schon. Bisken so wie früher. Verträgt sich miteinander, meinte die Tresendame. Na gut. Was folgte, war ein klapperiger, verfrorener gestriger Tag und eine sehr schwitzige Nacht, nun isses wieder gut. Noch Leben drin, im Immunsystem, das beruhigt. In dem Zusammenhang muss ich an meinen Vater denken. Der kassierte ne Corona-Impfung, ohne sich zu schütteln. Keine Reaktion. So kann das ausschauen, wenn dann.

Überhaupt, Vater. Ich durfte Männer (und auch Frauen, aber deutlich weniger) kennenlernen, die sich in Ultraschallgeschwindigkeit radikalst von ihrem Elternhaus befreiten. Überflieger, die mit Anfang 20 so ziemlich alles durch hatten. Gewalt, Süchte aller Art, Knast, Straße. Die dann irgendwann in immer noch jungen Jahren ihre Spur fanden und fortan frei von alledem leben durften. Diese Menschen haben mich immer staunen lassen und auch ein wenig neidisch gucken. Hätte ich auch gerne so handhaben wollen, der dann möglicherweise gewonnenen Jahre wegen. Aber besser spät als nie.

Passt schon.

Mutter, der Vollständigkeit halber. Sie nimmt teil am neuen Leben im Heim. Besucht Veranstaltungen und erkundet ihre neue Umgebung, obwohl sie die nach wie vor furchtbar findet. Alle Wände beschmiert, die ollen Häuser, gabet in Ronsdorf nicht. Aber immerhin. In der Kantine bekommt sie jetzt aufmerksamst einen im Vergleich gut gefüllten Teller, man hat ihren gesegeten Appetit erkannt. Ungefragt wird auch regelmäßig der Suppenlöffel bereit gelegt (kriegt nicht jeder, meine Suppe ess ich nicht, man kennt das). Heute gab es so eine pürierte Erbsensuppe, wie Quäker-Speise, sagt sie. Quäker – ich muss an AA sowie Pfarrer Kappes denken, an so vieles, was ich über die Quäker gelesen haben. Sie waren die ersten, die den verhassten Deutschen `46 geholfen haben, auch meiner Mutter, die als 11-Jährige in der Schule von ihnen Essen bekam.

@Quäker – in Deutschland eine winzige religiöse Minderheit von ca. 250 Menschen. Vier davon in Wuppertal (wo auch sonst). Es gibt weltweit drei große Strömungen von Quäkern. Ultra-religiöse evangelikale, manchmal auch kreationistische Freikirchler auf der einen Seite (vorzugsweise in Amerika). In der Mitte Bibel-orientierte Quäker, ohne dieses Buch wortwörtlich zu nehmen. Und den mir so symphatischen liberalen Flügel, der sich als interreligiös betrachtet und aus allen Weltreligionen das Beste schöpfen möchte. Was sich auch mit dem Christentum vereinbaren lässt, wie der Pfarrer Kappes damals bewiesen hat. Die Handvoll Wuppertaler Freunde treffen sich regelmäßig zur Messe, leider Sonntags genau um die Zeit, wenn die Liebste und ich rituell frühstücken. Irgendwann komme ich mal dahin, neugierig bin ich schon.

Mittwoch, 241204

Kriegsangst

Habe ich auch, dieses dumpfe Gefühl im Magen beim Konsum der Nachrichten. Gleich darauf obsiegt die Gewissheit, dass sowieso alles so kommt, wie es kommen soll, und dass es nicht an mir ist, daran irgend etwas zu ändern. Aber Fragen hätte ich. Die Sache mit den so genannten offenen Bündnissen namens EU bzw. NATO. Wie offen ist eigentlich offen, und wer fragt UNS eigentlich mal, ob wir all jene dabei haben wollen, die zu uns kommen möchten. Allen voran die Ukraine, die keinen Versuch auslässt, ihren Krieg mit den Russen zu internationalisieren. Ich durfte lernen, „Nein“ zu sagen, das sollte doch auch im großen Stil gelten, oder?

Zeitfenster & Macht

Nach dem Zerfall der Sowjet-Union war Russland knapp 20 Jahre mit sich selbst beschäftigt. Dieses Zeitfenster konnten einige ehemalige so genannte Satellitenstaaten nutzen, um die Seiten zu wechseln. Selbst die deutsche Wiedervereinigung war nur wegen der damaligen Schwäche der Russen möglich. Irgendwann vor 15, 20 Jahren schloss sich dieses Fenster und niemand will es hier bemerkt haben, es wurde weiter eingeladen und nun nicht mehr haltbare Versprechungen gemacht. Versprechungen, denen geglaubt wurde, bis hin zu den Verhältnissen heute.

Darunter leiden wie immer die, die am wenigsten dafür können. Das geht mir nahe, aber nicht nahe genug, das Blut meines Kindes dafür fließen zu sehen. Klare Verhältnisse wären gut, als Ergebnis von Verhandlungen. Und verantwortungsbewusste deutsche Politiker, was Waffenlieferungen angeht. Den leider kommenden neuen deutschen Kanzler zähle ich nicht dazu, aber man wird sehen. Wie gesagt, ich hoffe auf Einsicht, wenn schon nicht auf Moral.

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